Ernst-Wilhelm Weid wird verabschiedet

Nach 37-jähriger Tätigkeit als Leiter der Diakonischen Bezirksstelle ist Ernst-Wilhelm Weid am 30. Juli 2017 in den Ruhestand verabschiedet worden. 

Dekan Martin Elsässer verabschiedet am 30. Juli 2017 Ernst-Wilhelm Weid in den Ruhestand

Ernst-Wilhelm Weid geht in den Ruhestand
Abschied vom Geschäftsführer der Diakonischen Bezirksstelle Geislingen


In Geislingen ist er eine Institution. Ernst-Wilhelm Weid, der Leiter der Diakonischen Bezirksstelle des Evangelischen Kirchenbezirks Geislingen. Nach 37 Jahren verlässt er die Diakonie und geht in den Ruhestand.

 

Geboren ist Ernst-Wilhelm Weid 1952 in Mainberg bei Schweinfurt. Nach dem Abitur machte er Zivildienst in einer Resozialisierungseinrichtung in Würzburg. „Ich war der erste Zivi aus meinem Geburtsort Mainberg“, lacht Ernst Wilhelm Weid. Sein ursprünglicher Berufswunsch war Pfarrer zu werden. Da er katholisch getauft war, ging er in ein Missionsseminar im Kloster Münsterschwarzach und setzte sich dort mit dem katholischen Dogmatismus und den Fragen nach Zölibat, Armut und Gehorsam auseinander. „Das war nichts für mich“, stellt Ernst-Wilhelm Weid fest. So studierte er an der Fachhochschule Würzburg Sozialpädagogik. Sein Berufsstart war in Göppingen. Aufgrund einer Stellenanzeige in der ZEIT hatte er sich auf die Stelle des Kreisaltenberaters im Landkreis beworben und wurde aus vielen Bewerbungen ausgewählt. „Das waren noch andere Zeiten“, erzählt Weid. Der damalige Sozialdezernent Gerhard Nürk verlangte seine Heirat, damit eine kreiseigene Wohnung zur Verfügung gestellt werden konnte. Nach eineinhalb Jahren als Kreisaltenberater wurde er auf die frei werdende Stelle des Geschäftsführers der Diakonischen Bezirksstelle Geislingen aufmerksam. Im Januar 1980 wechselte er nach Geislingen. Eine Verwaltungsmitarbeiterin mit acht Stunden in der Woche stand ihm an der neuen Stelle zur Seite. Erst 1990 wurde die zweite Sozialpädagogik-Stelle eingerichtet. Mehrere Umzüge der Diakonischen Bezirksstelle organisierte Ernst-Wilhelm Weid, bevor dann der Einzug in die Steingrubestraße 8 erfolgte.



Zu seiner 37-jährigen Tätigkeit in der Diakonischen Bezirksstelle Geislingen sagte Ernst-Wilhelm Weid:

© Evangelischer Kirchenbezirk Geislingen



Welche Menschen kommen in die Diakonie?

Wir sind die einzige Beratungsstelle in Geislingen, in die Menschen mit all ihren Problemen – ob psychisch oder materiell, kommen können“, stellt der Leiter der Diakonischen Bezirksstelle fest. Ganz wichtig sei, dass auch Rechtsberatung angeboten wird. Auch hat die Diakonie die Möglichkeit, Geld zur Existenzsicherung zu geben. Menschen, vor denen die Zukunft wie ein Berg stehe, können kommen. Beraten werde, wohin sich Menschen wenden können, welchen sozialrechtlichen Anspruch sie haben. Für eine kleine Beratungsstelle mit zweieinhalb Kräften ist dieses Angebot sehr umfangreich. Durch Veränderung der Gesellschaft kommen mehr Menschen mit Migrationshintergrund und auch immer mehr jüngere.

Was hat sich in den über dreißig Jahren in der Diakonischen Bezirksstelle geändert? Mehr Armut? Mehr Verwaltung? Rechtsansprüche?


Die Welt ist komplizierter und bunter geworden. Viele kommen nicht klar und sehnen sich nach starker Führung und Einfachheit. Die Globalisierung zeigt sich auch an der bunten Bevölkerung in Geislingen. Sprachprobleme kommen vor, das Anspruchsniveau wird höher, wobei es keinen Rechtsanspruch auf finanzielle Unterstützung bei unserer Beratungsstelle gibt. Mit Freundlichkeit und Souveränität begegne ich aggressivem Verhalten von Menschen.

Was ist schwierig in dieser Arbeit?


Ich will die Menschen mit ihren Problemen ernst nehmen, aber es ist ein Ballanceakt. Man muss die Menschen annehmen, aber auch Distanz halten. Mir ist wichtig, die Eigenverantwortung aufzuzeigen. Die Diakonie hat nicht die Funktion, alles zu tun und sich um alles zu kümmern. Sie kann nicht die Rolle einer „Eier-legenden-Wollmilchsau“ übernehmen. Jeder Mensch ist Täter und Opfer zugleich. Von manchen Hilfesuchenden werden Geschichten erzählt als Teil einer Handlungsstrategie, um zu Geld zu kommen. Ich bemühe mich, nicht im Schubladendenken zu verharren oder in Sarkasmus zu verfallen. Wichtig ist, die eigene Lebensfreude zu bewahren und sich auf neue Situationen einzustellen. Dabei werde ich oft an ein Zitat von Henry Miller erinnert: „Leben ist, was uns zustößt, während wir uns etwas ganz anderes vorgenommen haben“. Leben ist eine Baustelle, und alles ist im Fluss. Dass die Kirche es ermöglicht, diesen Dienst machen zu können und unbürokratisch Hilfe für Bedürftige zu gewähren, ist ein großes Geschenk.


Wie ist die Diakonie in der Stadt Geislingen eingebunden?


Die gute Vernetzung mit MitarbeiterInnen der Stadtverwaltung, Landkreisverwaltung und anderen Beratungsstellen hat sich in der Vergangenheit für Ratsuchende als sehr hilfreich erwiesen.


Was ist ein großer Erfolg in der Berufslaufbahn?

Dass mir die vielen Frauen im Diakonieladen und Kaffeehaus die Treue gehalten haben und über 20 Jahre mitwirken. Diese menschlich verbindliche Atmosphäre trägt. Das ist einfach ein tolles Geschenk.


Was würde Ernst-Wilhelm Weid ändern, wenn er es könnte?


Dass manche meiner freundschaftlich verbundenen Mitarbeiterinnen an ihren Krankheiten nicht so leiden müssen.


Was wird Ernst-Wilhelm Weid im Ruhestand machen?

Das ehrenamtliche Engagement bei der Betreuung von zwei hilfsbedürftigen Einzelpersonen möchte ich weiter führen.
Mit meiner Frau und Freunden, die jetzt auch in den Ruhestand gehen, plane ich gemeinsame Unternehmungen – Reisen in unbekannte Länder, etwa nach Rumänien, Albanien, Marokko mit unseren Wohnmobilen. Kultur und Architektur in Deutschland wollen wir besuchen. Ich habe früher gerne gemalt und möchte ausprobieren, ob mir das noch Freude macht. In digitaler Fotografie möchte ich mich fortbilden. Ich möchte auch Zeit haben für Radfahren und sonstigen Sport. Meinen Garten genießen, lesen, etwa Klassiker der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Freundschaften pflegen, mehr Zeit haben für meine zwei Brüder und Neffen. Mit dem Wohnmobil unterwegs sein.


Die Augen von Ernst-Wilhelm Weid leuchten. Trotz vieler Reisen – ob nach Neuseeland, USA, Israel, Pakistan, Island – ist ihm sein Heim wichtig. „Wenn ich zuhause in meinen Carport fahre, beginnt fast mein Paradies“, sagt er. Und eines ist ganz sicher. Sein Lebensmotto wird weiterhin lauten „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“