Kirchengemeinden leiten

Prälatin Wulz

"Eine volkskirchliche Gemeinde gemeinsam leiten - Das Spannungsfeld der Aufgabenverteilung zwischen Kirchengemeinderat und Pfarrer"

 

So lautete das Thema der Fortbildung für Kirchengemeinderätinnen und -räte in den Gemeinden des Kirchenbezirks Geislingen.

 

Referentin war u. a. die Ulmer Prälatin Gabriele Wulz.

Ihren Beitrag können Sie hier nachlesen:

 

 

„Eine volkskirchliche Gemeinde gemeinsam leiten“ – Das Spannungsfeld zwischen Kirchengemeinderat und Pfarrer.

 

„Kirchengemeinderat und Pfarrerinnen und Pfarrer leiten gemeinsam die Gemeinde. Getreu ihrem Amtsversprechen sind sie dafür verantwortlich, dass das Wort Gottes verkündigt und der Dienst der Liebe an jedermann getan wird.“

 

Dafür, liebe Kirchengemeinderätinnen und Kirchengemeinderäte, braucht die Kirche Sie:

- für die Gemeinsame Leitung der Gemeinde. Nicht als Selbstzweck, sondern:
- damit die Verkündigung des Wortes Gottes geschieht.
- und der Dienst der Liebe an jedermann getan wird.

 

Was bedeutet das?
Ich versuche, den einzelnen Stichworten nachzugehen:

 

 

I. Gemeinsame Leitung

 

Wenn ich zu Wiederbesetzungssitzungen komme, dann erfahre ich relativ schnell, wie der neue Pfarrer oder die neue Pfarrerin sein soll.
Wünsche und Erwartungen werden geäußert: die Jugendarbeit liegt danieder – die müsste dringend belebt werden; der Pfarrer sollte uns kennen und mögen und um unsere Sorgen und Nöte wissen; er sollte die Alten und Kranken besuchen – und den Kontakt zu den Vereinen pflegen. Er sollte so sein, dass man als Kirchengemeinderat zufrieden auf ihn blicken kann – um dann sagen zu können: Ist es nicht gut, dass wir evangelisch sind.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich kann schon verstehen, dass man als Gemeinde und auch als Kirchengemeinderat davon träumt, dass mit der nächsten Stellenbesetzung alles anders wird – und dass ein neuer ungeahnter Aufschwung stattfindet und alles gut und alles recht wird

Aber bei allem Verständnis für dieses zutiefst in uns Menschen verankerte Bedürfnis nach Harmonie und Frieden:
Der Kirche entspricht so etwas nicht.
Und nicht deshalb, weil man bei der Kirche noch nicht ganz auf der Höhe der Zeit angekommen ist.
Sondern weil Kirche etwas anderes ist als ein gut funktionierender Verein – und weil sie deshalb Menschen braucht, die mit ihren Fragen und Antworten, mit ihrer Suche und mit ihrem Zweifeln nicht hinter dem Berg halten.

Kirche ist kein Ideal. Gemeinde ist nicht eine von uns zu verwirklichende Gemeinschaft, sondern von Gott in Christus gestiftete Gemeinschaft. Das macht einen gewaltigen Unterschied.

 

Wir suchen uns die Menschen nicht aus, mit denen wir zusammen auf dem Weg sind.
Sondern wir sind – wie es im Bekenntnis heißt: Gemeinschaft der Heiligen – d.h. Gemeinschaft der durch die Taufe Berufenen und miteinander Verbundenen. 

Henning Luther hat in einer Meditation der Emmaus-Geschichte deshalb folgende Sätze über die Kirche sagen können:
„Kirche ist die Weggemeinschaft der Fliehenden. Kirche ist die Erzählgemeinschaft der Enttäuschten. Kirche ist die Gesprächsgemeinschaft der Ungläubigen. Kirche ist eine Bewegung, der Weg, auf dem das übliche verfremdet wird, wo eine andere Sicht und Deutung des Lebens Raum greift – und wo aus dieser Veränderung und Verfremdung neue Gemeinschaft erwächst. Eine Gemeinschaft, die sich der Leidenden und der Opfer annimmt.

 

 

II. Gemeinschaft, Dienst und Zeugnis – so haben Frühere vor uns den Auftrag von Kirche beschrieben. In diesen drei Vollzügen realisiert sich Kirche. Mehr braucht es nicht. Daran hat sich alles zu messen. Gemeinschaft, Dienst und Zeugnis.

Damit sind Lebenszusammenhänge gemeint, die wir nur miteinander gestalten können – niemals alleine – und niemals so, dass einer alleine alles ziehen und schleppen und tragen und bewältigen könnte. Dafür brauchen wir einander – dafür braucht Kirche Sie.

Zur gemeinsamen Leitung von Kirchengemeinden gehört auch, dass wahrgenommen wird:

auch die Verantwortung für die einzelnen Arbeitsfelder wird geteilt. Dazu gehört ein möglichst genaues Wahrnehmen dessen, was ist – um von da aus gemeinsam Ziele in den Blick zu nehmen. Und die können durchaus ganz anders aussehen als die, die schon immer klar sind.

 

Worauf käme es dabei aber im Einzelnen also an?

- Zuallererst auf die Einsicht, dass man nicht alles machen kann. Man kann sich anstrengen. Klar. Aber der Erfolg, das Gelingen ist nicht ohne weiteres herzustellen. Deshalb ist es in einem Leitungsgremium wichtig, sich klar zu machen: Wo leben wir eigentlich? Wer ist eigentlich unsere Gemeinde? Diese Fragen – so einfach sie sind, sind notwendig, damit sich der Blick weitet und gegen die „gefühlten“ Zustände die reale Situation ins Blickfeld kommt. Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen: Ich höre oft die Klage, dass die mittlere Generation nicht in den Gottesdienst kommt oder sich für eine Gruppe gewinnen lässt. Wenn man sich nun einmal klar, wer eigentlich zu dieser sog. mittleren Generation gehört – und worunter diese Menschen derzeit leiden und was sie zu tun haben (Belastung am Arbeitsplatz, Fahrtzeiten, familiäre Sorgen, Pflege von Eltern oder anderen Familienangehörigen, schwierige Kinder, Vereinsverpflichtungen etc.), dann relativiert sich mancher Anspruch auf regelmäßige Mitarbeit in der Gemeinde.

 

- Dazu gehört aber auch, dass man nicht alles machen kann. Kirchengemeinderäte haben manchmal die Vorstellung, in ihrer Gemeinde müsste alles sein – nur weil es das in der Nachbargemeinde auch gibt. Und Pfarrer/innen stöhnen ob der Überansprüchlichkeit, die sich dahinter verbirgt. Man will als Gemeinde gut dastehen. Diesen Wunsch verstehe ich. So wie das Haus ordentlich gerichtet sein soll, der Garten schön aussehen soll, der Gehweg gefegt sein soll --- der Herr hat ja keine Freude an faulen Knechten. Keine Frage. Aber es gibt einen Umschlagpunkt: Dann wenn es freudlos wird, dann wenn es zur Waffe gegen andere wird, dann wenn wir nicht mehr aus der Freiheit heraus wirken, sondern als Getriebene und Gehetzte. Wir sind endliche Menschen mit begrenzten Möglichkeiten. Das sollten wir ernst nehmen – und gründlich als Leitungsgremium analysieren (ohne in einen Vorwurfston zu geraten): Wer sind wir und was haben wir? --- das sind übrigens die Ausgangsfragen für die Visitation.

 

- Und damit komme ich zur Frage des Innenverhältnisses des Leitungsgremiums: Zur Leitung einer Kirchengemeinde gehören zwei: Kirchengemeinderat und Pfarrerin bzw. Pfarrer. Ein Spannungsverhältnis. Ja. Denn die einen arbeiten, wie es heute heißt „ehrenamtlich“ –und die anderen „hauptamtlich“. Wenn es gut geht, dann gibt es keine Probleme. Wenn es schwierig wird, und das ist meistens dann der Fall, wenn es im menschlichen Bereich schwierig wird, dann wird dieses Spannungsverhältnis außerordentlich spannend. Es gibt ja keinen, der bestimmt, was Sache ist. Keinen der das letzte Wort hat. Es gibt nur Mehrheitsentscheidungen – und das kann bitter werden.  Wenn es in Ihrem Kirchengemeinderat bitter wird oder ausgesprochen holperig läuft, wenn sich die Vorwürfe häufen, wenn Sie als Ehrenamtliche das Gefühl haben nicht wirklich ernst genommen zu werden, wenn Sie als Pfarrer bzw. Pfarrerinnen das Gefühl haben von Ihrem KGR in die Mangel genommen zu werden und wie vor einem Aufsichtsgremium einmal im Monat Rechenschaft abzulegen haben, dann ist tatsächlich Gefahr im Verzug. Dann gilt es zu handeln und andere einzuschalten, und das heißt zunächst einmal die Dekanin als die zuständige Visitatorin. Damit Sie mich nun nicht missverstehen, Konflikte sind das Normalste von der Welt. Sie sind überall da, wo Menschen etwas wollen und wo es Energie gibt. Anders herum gesagt: Wenn sich nichts mehr regt, wenn alles tot ist, dann gibt es auch keine Konflikte. Also Konflikte sind nicht das Ende, sondern sind normal. Sie gehören in jede Berufsbiographie eines Pfarrers/einer Pfarrerin hinein. Sie gehören auch in jede KGR-Periode mit hinein. Schwierig wird es erst, wenn man Konflikte nicht angeht, sondern sie verdeckt ausagiert und hinten herum bearbeitet. Dann gibt man niemandem die Chance an dem Problem zu wachsen und zu reifen. Aber eines ist klar: eine nicht-hierarchische Leitung, eine Leitung auf Augenhöhe, wie sie die KGO vorsieht, gehört mit zum schwierigsten, was man sich vorstellen kann – und verlangt von allen Beteiligten ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Rollenklarheit. Und noch eines gilt es zu beachten: Als Gremium sind die Mehrheits- und Machtverhältnisse ziemlich ungleich verteilt. Wer sind die Starken, wer sind die Schwachen? Das ist eine ganz knifflige Frage und die sollten sich alle, die in einem Konflikt beteiligt sind, immer stellen, sonst artet es schnell aus – und wird zu einer Hetzjagd der Stärkeren gegen den oder die Schwächere. Aber Vorsicht: Nirgendwo gibt es so viele Opfer wie in der Kirche!

 

- Nun zur Arbeit: Wichtig erscheint mir, dass das Leitungsgremium einer Kirchengemeinde nicht nur die Hochverbundenen in den Blick nimmt, sondern auch die nur sporadisch das gemeindliche bzw. kirchliche Angebot nutzen. Nun haben alle Mitgliedsstudien der EKD gezeigt, dass man diese Gruppe nicht dazu zwingen kann, ihr Mitgliedsverhalten von Grund auf zu ändern. Es wird einfach immer Menschen geben, denen reicht es einmal im Jahr in den Gottesdienst zu gehen und ansonsten die kirchlichen Dienstleistungen abzurufen. Umso wichtiger ist es, dass wir als Hochverbundene nicht abschätzig auf diese zahlenmäßig große Gruppe herunterschauen. Hochmut und Dünkel sind an dieser Stelle keine schönen Ehrenzeichen des Glaubens und wirken nicht einladend und werbend, sondern eher abschreckend.

 

- Wir müssen darüber hinaus ernst nehmen, dass die weit aus größte Zahl unserer Angebote mit einer hohen Schwelle versehen ist. Das muss sich auch eine Gemeindeleitung immer wieder bewusst machen. In einem kleinen Dorf plötzlich auf die Idee zu kommen, den Gottesdienst zu besuchen, wenn man normalerweise nicht in die Kirche geht, wird alle zu Fragen veranlassen, warum es denn plötzlich nötig habe. Ebenso verhält es sich mit Gruppen und Kreisen. Wenn Ihnen also an einer Öffnung gelegen ist, dann müssen Sie sich auch überlegen, wie Angebote aussehen müssen, zu denen man hingehen kann, ohne das Gesicht im Dorf zu verlieren…

 

- Ein Wort zum Dienst:  Die Diakonie ist nicht nur was für Profis, sondern für die ganze Gemeinde. Dass wir als Gemeinde Jesu Christi den Dienst der Liebe an jedermann tun sollen, gerät leicht aus dem Blickfeld. Aber bevor sich eine Gemeinde nur in ihren Gruppen und Kreisen bewegt und manchmal daran auch erstickt, ist es unbedingt nötig, diese Dimension kirchlichen Handelns als Leitung in den Blick zu nehmen und so die soziale Herausforderung unserer Zeit bewusst anzunehmen.

 

- Zur gemeinsamen Leitungsverantwortung gehört auch die Verantwortung für die Themen. Natürlich ist es viel einfacher über die Anschaffung einer Kaffeemaschine oder eines Rasenmähers zu diskutieren. Dazu kann jeder und jede etwas sagen, und sich dann nachher dann beschweren, dass man zum Eigentlichen nicht gekommen sei … Jede/r im Kirchengemeinderat hat eine Verantwortung für die Themensetzung, besonders aber die Vorsitzenden. Ein gründliches Durchforsten der Tagesordnung ist sinnvoll – und auch eine Bewertung der eigenen Arbeit – nach einem halben Jahr, nach einem Jahr. So steuert man der Unzufriedenheit entgegen. Es ist sinnvoll zu überlegen, welche Themen in den KGR müssen und welche nicht. Manchmal habe ich den Eindruck, TO werden regelrecht zugemüllt, damit man der Verlegenheit entnommen wird, die wichtigen Dinge zu besprechen.

 

- Zur gemeinsamen Leitung gehört auch ein verantwortlicher Umgang mit der eigenen Zeit. Es freut niemanden, wenn die Sitzungen regelmäßig bis Mitternacht dauern. Und es freut erst recht niemanden auf Dauer, wenn darüber nicht offen geredet wird, um nach einer Lösung zu suchen. Natürlich stellt das Anforderungen an Sitzungsleitung, aber auch an die Bereitschaft, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen – und entsprechend Prioritäten zu setzen.

 

- A propos Prioritäten: Dass über das Geld Politik gemacht wird, wissen alle. Dass Haushaltsplanberatungen für viele nicht unbedingt zu den Lieblingsbeschäftigungen gehören, ist auch bekannt. Trotzdem möchte ich Sie wirklich ermutigen, an dieser Stelle nicht locker zu lassen, sondern Ihre Fragen so lange zu stellen, bis Sie wissen, was da warum und wie geschieht. Auch das ist gemeinsame Leitung: zu wissen, warum und an welcher Stelle welches Geld eingesetzt wird, um Arbeit zu ermöglichen.

 

- Zusammenfassend:
Gottesdienst und Tun des Gerechten sollen in der Gemeinde Jesu Christi zusammenkommen, damit Menschen merken können: hier wird nicht nur gewurstelt und geschafft – oder: hier werden nicht nur hehre Worte gemacht, sondern hier kommen das Singen und das Beten zusammen, das Hören und das Fragen, das Tun und das Denken, das Stellung beziehen und das Schweigen, das miteinander Lachen und das miteinander Weinen, das Glauben und das Zweifeln, die Hoffnung und die Liebe.

 

Die Verschiedenen versammeln sich hier – und eben nicht die, die schon immer dasselbe Interesse haben oder durch dieselbe Herkunft verbunden sind. Die versammeln sich, die herausgerufen sind durch den Herrn der Kirche, d.h. durch Jesus Christus selbst.

Dass die Verschiedenen miteinander Gemeinde bilden – das macht der Apostel Paulus im Bild vom Leib mit den verschiedenen Gliedern deutlich. Und deshalb muss auch sonst so allerhand zusammenkommen, was auf den ersten Blick miteinander unvereinbar erscheint.

 

Aber nur so kann sich unser Blick weiten – über den eigenen Kirchturm hinaus – und nur so können wir wahrnehmen, dass es Christenmenschen neben uns und in der ganzen weiten Welt gibt, mit denen wir
verbunden sind – durch den Glauben, die Hoffnung und die Liebe.

 


III. Gemeinde leiten in Zeiten der Veränderung

Liebe Kirchengemeinderätinnen und liebe Kirchengemeinderäte,
wir befinden uns derzeit gerade in einem großen Veränderungsprozess. PfarrPlan I und II haben in den letzten Jahren ihre Spuren hinterlassen. Es gab hitzige Debatten. Auch hier in Geislingen. Kleinere Gemeinden haben sich im Stich gelassen gefühlt.
Auf der anderen Seite ist inzwischen auch die Einsicht gewachsen, dass es nicht immer einfach so weiter geht …
Gerade im ländlichen Raum spüren wir die Veränderungen zurzeit besonders dramatisch. Die Kinderzahlen gehen zurück. Der Bestand von Kindergärten und Schulen steht auf der Kippe. Die Frage von der Präsenz von Kirche gewinnt auf diesem Hintergrund noch mal eine ziemliche Aktualität.
Wenn wir nicht nur jammern wollen, wenn wir nicht nur die Schlechtigkeit der Welt im Allgemeinen und im besonderen einander vorwerfen wollen, dann sind wir gefragt, wie wir diese Veränderungsprozesse gestalten und wie wir mit Augenmaß und Einsicht uns aufeinander zu bewegen.

Eine Gemeinde ist eine Gemeinde ist eine Gemeinde …
Das könnte ein Fehlschluss werden. Denn wir brauchen für bestimmte Projekte und Entwicklungen größere Einheiten. KU für zwei Jugendliche macht keinen Spaß.

Ein Kirchenchor, der aus 7 Personen besteht, ist bald am Ende. Deshalb ist die Frage, wie Sie als Gemeinden zusammenarbeiten von überaus großer Bedeutung.

Selbst wenn Sie meinen, dass man mit den anderen über dem Berg oder jenseits des Tales auf keinen Fall etwas zu tun haben wolle…

Wenn wir wirklich Abschied nehmen von einer Kirche, die autoritär von oben nach unten geleitet wird – und die oben Bescheid wissen und die unten maximal Amen dazu sagen dürfen, dann müssen wir aber auch die Herausforderungen annehmen und aktiv mitgestalten.
Dann müssen wir bereit sein, von Liebgewonnenem Abschied zu nehmen – und für solche Lösungen in unseren Gemeinden zu werben.
Das geht nicht von heute auf morgen. Das braucht Zeit --- und viele kleine Schritte, aber das braucht zumindest die Bereitschaft zum Gehen. Dazu braucht es Menschen, die auf der einen Seite die Geschichte einer Gemeinde gut kennen, aber andererseits dennoch den Mut zur Veränderung aufbringen.
Eine hohe Anforderung. Keine Frage.

 

 

IV. Gemeinsame Leitung – geteilte Verantwortung

Lassen Sie mich am Ende meiner kurzen Anmerkungen zum gemeinsamen Leiten noch auf einen biblischen Zusammenhang verweisen, der mir für unser Zusammensein heute nicht ganz unerheblich erscheint.

Ich knüpfe hier noch einmal an die Geschichte an, die Dekanin Hühn heute Morgen schon erwähnt hat. Sie hat den ironisch-humorvollen Zug der Erzählung aus der Zeit der Wüstenwanderung stark gemacht.
Verschwiegen werden sollte aber nicht, dass es auch einen grausam-abgründigen Zug gibt. So harmlos ist die Nostalgie und die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens nämlich nicht. Und die Erfüllung der Wünsche kann grässlich werden.

Die Wachteln, die der Wind herantreibt, und die die Kinder Israels in ihrer Lust und Begeisterung verzehren, werden zu tödlicher Speise. Sie fressen sich dort in der Wüste buchstäblich zu Tode – „das Fleisch noch zwischen den Zähnen“ – und man begrub sie dort in den „Lustgräbern“.
Das, was man sich wünscht oder besser gesagt: was man sich zurückwünscht, kann zur tödlichen Falle werden, wenn man nicht realisiert, wo man ist und was jetzt angesagt ist. Auf dem Weg ins Gelobte Land muss es notwendigerweise immer auch zu einer Transformation, zu einer Veränderung der Wünsche und der Begierden kommen, sonst erstickt man buchstäblich an dem, was einen schon immer versklavt hat.

Und deshalb ist es notwendig, sich als Leitungsgremium immer klar zu machen: Wo Kirche ist, da hat sie ein Ziel: Das Reich Gottes.

Auf diesem Weg wird es notwendigerweise immer zu Veränderungen kommen --- und vor allem auch zu einem „Abirren vom Weg der Väter“, so wie das Abraham erfahren hat, der von Gott gerufen wurde, sich auf den Weg zu machen.

Für sich, seinen Weg zu gehen. Von Gott geleitet. In das Land, das er ihm zeigen würde.