Das neue Gottesdienstbuch - und was sich darin verbirgt

Im vergangenen Sommer ist ein dickes rotes Buch erschienen. Obwohl es keinen Spitzenplatz in den Bestsellerlisten inne hat, betrifft sein Inhalt Sie alle – vorausgesetzt Sie besuchen regelmäßig oder ab und zu einen Gottesdienst innerhalb der evangelischen Landeskirche in Württemberg. Es handelt sich nämlich um das neue Gottesdienstbuch.


Das neue Gottesdienstbuch (Agende) enthält – als von der Landessynode verabschiedete Ordnung unserer Landeskirche – den Ablauf des Gottesdienstes in den drei Grundformen: Predigtgottesdienst, Predigtgottesdienst mit Abendmahl, Evangelische Messe. Dazu einen großen Materialteil mit vielen Gebeten zur Auswahl.

 

Vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten des Gottesdienstes

 

Im Vergleich zum letzten Gottesdienstbuch von 1988 hat sich manches geändert. Bisher wurde die Feier des Abendmahls in einem extra Band verhandelt, der nun in das Gottesdienstbuch integriert worden ist. Damit soll schon rein äußerlich deutlich gemacht werden: Die Feier des Abendmahls ist kein Anhängsel zum Predigtgottesdienst, sondern eine Grundform unseres Gottesdienstes.


Im Distrikt "Obere Fils" wurde das neue Gottesdienstbuch im Rahmen des "Tälesgottesdienstes" vorgestellt und gleich so manche Anregungen daraus umgesetzt.
Inzwischen beschäftigen sich schon viele Kirchengemeinden mit dem neuen Gottesdienstbuch. Denn bis zum 1. Advent dieses Jahres sollen die Gemeinden für sich geregelt haben, auf welche Weise sie die Neuerungen und die vielfältigen Möglichkeiten der Gottesdienstgestaltung, die die Agende nun bietet, vor Ort umsetzen wollen.


Gottesdienst – ein leibhaftes und sinnliches Geschehen

Die Gottesdienste, die in unserer Landeskirche gefeiert werden, sollen einen verbindlichen Rahmen haben, damit man sich auch in einer anderen Gemeinde im Gottesdienst zu Hause fühlen kann und ungefähr weiß, was auf einen zukommt. Dieser Rahmen soll auf lebendige und vielfältige Weise gefüllt werden. Dazu geben das Gottesdienstbuch und ein Ergänzungsband Anregungen.


In Ergänzung zur klassischen Predigt ist die Verkündigung offen für musikalische Gestaltung aller Art, für Theaterszenen, Filmausschnitte, Symbolhandlungen, Phasen des Schweigens. Der Gottesdienst ist leibhaftes und sinnliches Geschehen, bewegt sich zwischen Weisheit der Tradition und aktuellen Ausdrucksformen des Glaubens. Die Sprache im Gottesdienst nimmt die Weite der biblischen Rede von Gott auf, ebenso die unterschiedlichen Glaubens- und Lebenserfahrungen der Menschen von heute. Die Gemeinde feiert Gottesdienst in Verbundenheit mit Israel als dem erstberufenen Gottesvolk und in Verbundenheit mit der weltweiten Ökumene.

 

Musik – dem Wort ebenbürtig

 

Nach dem Gottesdienstbuch ist die Musik im Gottesdienst nicht schmückendes Beiwerk, sondern dem Wort ebenbürtiges Medium der Verkündigung. Für die musikalische Ausgestaltung der liturgischen Stücke – wie Kehrverse zu den Psalmen, das "Ehr sei dem Vater", Glaubenbekenntnis, Kyrie, Gloria usw – ist das Beiheft "Wortklänge" erschienen. Und auch das Gesangbuch bietet da ja einiges. Um all diese liturgischen Schätze für den Gottesdienst zu heben, sind OrganistInnen und ChorleiterInnen unerlässliche Partner und Partnerinnen bei der Vorbereitung und Feier der Gottesdienste.

 

Liturgische Kompetenz der Gemeinde wird gefördert

 

Was eigentlich auch schon lange klar ist, aber im Gottesdienstbuch noch einmal ausdrücklich betont wird, ist: Gottesdienst feiern ist nicht nur Sache der Pfarrerin oder des Pfarrers. Neben dem Auftreten einzelner Gemeindeglieder zum Beispiel bei der Schriftlesung oder dem Fürbittgebet oder der Vorbereitung des Gottesdienstes durch ein Team, kommt dem liturgischen Handeln der versammelten Gottesdienstgemeinde besondere Bedeutung zu. Die Gemeinde muss aufeinander hören, wenn sie singt und betet, im Wechsel spricht, aufsteht und sich hinsetzt, hört und still wird, das Abendmahl miteinander feiert.
Die Haltung "Jetzt wollen wir mal sehen was der Pfarrer oder die Pfarrerin uns bietet", genügt nicht. Das Gottesdienstbuch fordert und fördert die liturgische Kompetenz der Gemeinde.

Pfarrerin Martina Rupp

Abendmahlsgottesdienst in Form der Messe

 

Die Messe ist nicht nur katholisch. Im Gesangbuch (EG 689) ist der Ablauf einer evangelischen Messe abgedruckt. Dass in Württemberg diese Form nicht sehr vertraut ist, geht auf die Reformationszeit zurück. Während in anderen Gegenden (zum Beispiel Bayern) die Form der Messe als Vorlage für den neuen evangelischen Gottesdienst diente, haben die Reformatoren in Württemberg den Prädikantengottesdienst als Modell für den evangelischen Gottesdienst gewählt. Heute würde man sagen, das war ein schlichter, meist in der Volkssprache gehaltener Zweitgottesdienst in den Städten für Leute, die besonders auf eine Predigt Wert gelegt haben. Und noch heute gehen ja viele vor allem wegen der Predigt am Sonntagmorgen in die Kirche. Das freut Predigerinnen und Prediger. Doch die Predigt ist nicht alles. Darum nun einige Worte zur Messe, bei der es natürlich auch eine Predigt gibt.


Als Gottesdienstform hat sie einen eigenen Charakter:
Die Messe hat eine dialogische Struktur, die Gemeinde ist durch diverse Antwortrufe stärker in die Liturgie eingebunden. Sie gibt der musikalischen Gestaltung viel Raum und ist dabei keineswegs auf die gregorianische Musikrichtung beschränkt. Viele Taizé-Lieder eignen sich als Messgesänge, und das Beiheft "Wortklänge" enthält schöne Stücke, dazu auch ein Kindermesse.
Die Form der Messe ist offen für mehrere Akteure: Liturg, Kantorin, Diakon, Predigerin, Konfirmanden, die das Opfer einsammeln und die Abendmahlsgaben herein bringen.


Die vielen Gebete und Gesänge sind feierlich und geben der Feier des Abendmahls ein größeres Gewicht. Kurz gesagt: Die Messe bietet nicht nur etwas für den Kopf, sondern spricht den ganzen Menschen an. Um das schätzen zu können, braucht es einen Sinn für Inszenierung, was kargen Schwaben manchmal schwer fällt. Doch keine Sorge, mit dem neuen Gottesdienstbuch soll nun nicht die Messe flächendeckend eingeführt werden. Die Messe aber als eine Grundform des evangelischen Gottesdienstes wahr zu nehmen und ihre Schönheit zu würdigen, das wäre schon wichtig.
Die Einführung des neuen Gottesdienstbuches ist also eine hervorragende Gelegenheit, sich mit der Gottesdienstkultur vor Ort auseinander zu setzen.

 
Die Änderungen

Dazu lässt sich grundsätzlich sagen: Wer nichts Neues will, muss fast nichts ändern. Wer gestaltungsfreudig ist, findet dazu sehr gute Möglichkeiten. Und das Gottesdienstbuch fordert dazu auf, mit den Pfunden liturgischer Gestaltung zu wuchern.

 

Was ändert sich beim Predigtgottesdienst:

  • Es ist auch schon vor dem ersten Lied eine freie Begrüßung möglich, die mit einem trinitarischen Votum verbunden sein kann. Das darauf antwortende "Amen" kann nun auch von der Gemeinde gesprochen werden.
  • Das Psalmgebet wird nun in der Regel in ganzen Versen im Wechsel gesprochen oder gesungen. Es kann durch gesungene oder gesprochene Kehrverse eingerahmt werden.
  • Das Glaubensbekenntnis kann in jedem Gottesdienst gesprochen werden und hat zudem einen neuen Ort bekommen: Als Antwort auf Verkündigung folgt es nach der Schriftlesung oder der Predigt.
  • Nach der Predigt kann durch Stille oder Musik der Besinnung Raum gegeben werden.
  • Fürbitten für Verstorbene, für Hochzeitspaare oder Täuflinge können statt am Ende der Abkündigung schon ins allgemeine Fürbittgebet aufgenommen werden.

Was ändert sich bei der Feier des Abendmahls:

  • Das Sündenbekenntnis mit dem Zuspruch der Vergebung steht nun vor der Einladung zum Abendmahl.
  • Beim Abendmahlsgottesdienst in der Form der Messe kann ein zusätzliches Opfer eingesammelt werden während des Liedes zwischen Fürbittgebet und Abendmahlsteil.
  • Die Abendmahlsgaben können herein getragen werden und mit einem Gabengebet, das auf Brot und Wein als Schöpfungsgaben Gottes hinweist, entgegengenommen werden.
  • Vor der Austeilung kann der Friedensgruß untereinander weiter gegeben werden.
  • Das bisher als Abendmahlsbitte vor der Austeilung gesungene "Christe, du Lamm Gottes" kommt an dieser Stelle nicht mehr vor. Da dieses Stück eigentlich aus der Messliturgie stammt, ist es dahin zurückgewandert. Wenn man gar nicht darauf verzichten will, kann es als Gesang während der Austeilung vorkommen oder (liturgisch nicht so ganz korrekt) als Vergebungsbitte beim Sündenbekenntnis.
  • Neben einem Abendmahlsgebet vor oder nach den Einsetzungsworten können diese auch mit einem Eucharistiegebet verbunden werden. Während die Einsetzungsworte gesprochen werden, kann der Liturg/ die Liturgin die Elemente in die Hand nehmen.

Und was ändert sich bei Ihnen im Gottesdienst?


Martina Rupp
ist Pfarrerin in Deggingen-Bad Ditzenbach. Sie ist Mitglied im Liturgieausschuss der Landeskirche und war an der Erarbeitung des neuen Gottesdienstbuches beteiligt.

 


Weiterführende Links

Neufassung der Abendmahlsagende im Rahmen eines neuen Gottesdienstbuch