50 Jahre Pauluskirche

Viele Veranstaltungen finden im Jubiläumsjahr statt.

 

Am 4. November 2006 wurde sie fünfzig Jahre alt: unsere Geislinger Pauluskirche!

 

Dieses Jubiläum  feiern wir in der Dankbarkeit gegenüber denen, die diese Kirche erbaut haben, die jetzt ein halbes Jahrhundert lang unserer Gemeinde Heimat gewesen ist.

 

Wir feiern in der Freude darüber, dass sie uns Raum ist für unser gemeinsames Beten und Singen und Nachdenken – über Gott und die Welt und vielleicht am meisten über uns selbst.

 

Wir feiern in der Hoffnung, dass die Pauluskirche auch in Zukunft ein Haus Gottes bleiben wird und wir in ihr ein warmes Willkommen haben für unsere Andachten und Gottesdienste.

Pauluskirche in Geislingen

Wie können wir dem Ausdruck geben in einer Form, die uns und unserer Gemeinde entspricht?

 

So wurde das Jubiläumsjahr am 4. November 2006 mit einem Konzert eröffnet Es folgten kleinere Highlights - jeweils am 1. Sonntag im Monat – dazwischen ein paar lockende Unregelmäßigkeiten, bis es Ende Oktober 2007 endete.

Prälatin Wulz predigte im Jubiläums-Gottesdienst

Zum Jubiläum feierte die Pauluskirchengemeinde am 5. November 2006 einen Festgottesdienst. Die Predigt hielt Prälatin Gabriele Wulz (Jeremia 29 1.4-14):

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes
sei mit euch allen.
Amen

 

50 Jahre Pauluskirche.

Liebe Festgemeinde,
Die Idee ist bestechend und legt sich nahe: Ein ganzes Jahr hindurch werden Sie nun Predigten über Paulustexte hören.
Nur heute nicht.
Und trotzdem gibt es eine geheime Verbindung zwischen dem Predigttext für diesen 21. Sonntag nach Trinitatis und dem Apostel Paulus.

Jeremia, der Prophet, der die Katastrophe der Zerstörung Jerusalems  ansagte, erlebte und überlebte, wird auch zum Prophet für die Völker bestimmt, wird dazu beauftragt, weit über die Grenzen Israels hinauszugehen und den Anspruch Gottes auf die ganze Welt und alle Menschen herauszusagen.
Und wenn wir im Galaterbrief lesen, daß es Gott wohlgefiel, Paulus von Mutter Leib an auszusondern und durch seine Gnade zu berufen, auch unter den Völkern zu predigen, dann ist mehr als deutlich, bis in die Wortwahl hinein, daß Paulus das Buch des Propheten Jeremia gut gekannt hat – und sich in der Nachfolge, in den Fußspuren des Propheten sieht: Als einen, der erwählt ist, das zu sagen und das zu tun, was Anstoß erregt, was in die Einsamkeit führt und was ihn zu einem Fremden in seinem Volk werden läßt.

 

Liebe Gemeinde,
es gibt also über die Jahrhunderte, über die geschichtlichen Abbrüche und Neuanfänge hinweg so etwas wie eine geheime Verbindung zwischen dem Propheten Jeremia und dem Apostel Paulus. Und so ist – auch wenn heute nicht ausdrücklich bepredigt --- doch der Namensgeber Ihrer Kirche, Ihrer Gemeinde präsent.
Das ist tiefer und ernster gemeint, als es sich vielleicht anhört:
Denn daß es Sie als Gemeinde gibt, daß es uns alle als Kirche, als Gemeinschaft der Heiligen, der Herausgerufenen gibt, das haben wir dem Apostel Paulus zu verdanken, der Grenzen überschritt und der rastlos reisend und Briefe schreibend das Evangelium zu allen Völker bis in die letzten Winkel der Erde tragen wollte. Bis hin nach Geislingen.
Daß es uns gibt – als Gemeinde, als Kirche mit all ihren Problemen, Besonderheiten und mit dem besonderen Auftrag, das Evangelium weiterzusagen, das ist dem Wirken des Paulus geschuldet und dem Evangelium, dem Wort Gottes, das tut, was ihm gefällt, und dem gelingt, wozu es gesandt ist.

Das ist aber nun nicht einfach eine Erfolgsstory.
So wie auch bei einem Jubiläum nicht nur von den Erfolgen die Rede sein kann. Der Blick zurück ruft ja auch die schwierigen Zeiten wieder ins Gedächtnis. Die Zeiten, von denen man mit gutem Recht sagt: Sie gefallen uns nicht.
Und wenn wir etwas von Paulus und erst recht etwas von Jeremia lernen können, dann ist es dieses: Der vordergründige Erfolg, das Gefallen, die Akzeptanz bei den Zeitgenossinnen und Zeitgenossen ist noch keine Gewähr dafür, daß man auf der richtigen Spur ist.
Im Gegenteil.

Deshalb steht – selbst an einem so schönen und fröhlichen und festlichen Sonntag – zu Recht ein Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jeremia als Predigttext für den 21. Sonntag nach Trinitatis im Mittelpunkt. Ein Text, der wie kaum ein anderer zum Klassiker geworden ist, und das obwohl diejenigen, die das prophetische Wort damals hörten, den Propheten für irr erklärten und für wahnsinnig und ihn in den Block und in Eisen legen wollten.

Aus dem 29. Kapitel des Buches Jeremia lese ich die Verse 1 und 4 bis 14
...

 

Vielleicht haben Sie beim Hören gedacht: Was – um Himmels willen - kann diesen Worten problematisch sein?
Häuser bauen, Gärten pflanzen, heiraten und Kinder zur Welt bringen, dazu noch der Stadt Bestes suchen --- das ist doch mehr als vernünftig! Das liest sich geradezu wie eine Anleitung zur Integration. Wie ein Lehrstück in Sachen Staatsbürgerkunde.

Warum dann solche Aufregung?
Warum dann – davon wird im Anschluß erzählt - dieser aufgeregte Briefverkehr zwischen Babylon und Jerusalem?
Warum die Anweisung aus Babylon an alle Oberen in Jerusalem, Jeremia endlich zur Räson zu bringen, damit er nicht mehr solchen Unsinn schreibt?

Liebe Gemeinde,
verständlich ist das nur, wenn man sich klar macht, welcher nationale Konsens mit dem Brief Jeremias aufgekündigt wurde. Nicht schnelle Rückkehr aus dem Exil. Sondern eine lange Zeit in der Fremde. Nicht übers Jahr sind wir wieder daheim.
Sondern Abschied von den Träumen und Illusionen und ein nüchternes Ankommen in der Realität mit allen Arrangements, die es braucht, um in der Wirklichkeit anzukommen.

 

Für das Wohl der fremden Stadt beten,
sich aktiv für die Siegermacht einsetzen und deren Bestes suchen,
nicht revisionistische Thesen vertreten, sondern sich in die jetzigen Machtverhältnisse fügen, das ist eine gewaltige Zumutung. Und wir ahnen es in den Tagen, in diesen Wochen von ferne, was für eine Zumutung das für geschundene, gedemütigte, erniedrigte Menschen ist. Für Menschen, die erlebt haben, mit welchem Gleichmut die Sieger über sie hinweggehen - ohne Rücksicht auf religiöse Gefühle, ohne Rücksicht auf menschliche Tragödien oder nationale Befindlichkeiten.

Mächtige können gut großmütig sein. Das adelt sie sogar. Der Verzicht fällt dem Starken leicht, weil er es auch anders haben könnte. Die Mehrheitsgesellschaft versteht nie, warum sich die Minderheiten so schwer tun. Die Mehrheitsgesellschaft versteht kaum, was denn so schwierig daran sein soll, sich anzupassen. Sie versteht es einfach deshalb nicht, weil sie nicht weiß, wie es ist, wenn man sich mit dem Rücken zur Wand fühlt. Sie weiß nicht, wie das ist, wenn man außer den großen Träumen, den sehnsuchtsvoll-kämpferischen Liedern und der Propaganda der Wortführer nichts hat. Sie ahnen nichts von den offenen und sublimen Gesten der Demütigung und der Kränkung.

Und umgekehrt: Was bedeutet es – auf diesem Hintergrund – für eine Minderheit, wenn aus dem Zentrum, aus dem innersten Herzen der eigenen Glaubensgeschichte öffentlich und durch einen Brief aufgefordert wird, sich anzupassen, die Sehnsucht nach dem Zion hintanzustellen und im fremden Land nach Gott zu suchen.

 

Liebe Gemeinde,
der Prophet Jeremia tut etwas, was bisher beispiellos ist.
Er gibt alles auf.  Er gibt alles dahin, was es bisher an äußeren Vergewisserungen des Glaubens und der Identität als Volk gegeben hat. Er sagt denen, die ihre Harfen in die Weiden gehängt haben und die an den Wassern von Babylon saßen und weinten, als sie an Jerusalem dachten:
Kehrt ins Leben zurück. Baut Häuser. Laßt euch nieder. Pflanzt Gärten. Freut euch an dem, was wächst. Heiratet. Bringt Kinder zur Welt – ganz egal, wie diese Welt aussieht.

Und betet für die Stadt, betet für die Menschen, die darin wohnen, setzt euch aktiv für das Gemeinwesen ein und findet so Frieden.

Es ist eine radikale Diesseitigkeit, die aus den Worten des Propheten spricht. Eine Nüchternheit, die Frieden mit dem Unvollkommenen schließt – und die sich dennoch ein „mehr“ bewahrt. Sonst wäre es ja nur die Parole vom Zähne zusammen beißen, vom Augen zu und durch... Es wäre die Haltung, mit der die Menschen hierzulande nach dem Krieg, nach Verwüstung und Grauen wieder alles aufgebaut haben. Bis zur Besinnungslosigkeit schuftend – wie es Hannah Arendt bei einem Deutschlandbesuch Anfang der 50-er Jahre in ihrem Tagebuch schrieb.

Bei Jeremia gibt es ein „mehr“. Und diesem „mehr“ verdankt sich seine Nüchternheit und sein Wille zur Integration. Denn dieses „mehr“ liegt bei Gott selbst.
Bei dem Gott, der wohl weiß, welche Gedanken er für sein Volk Israel hat. Gedanken des Friedens – und nicht des Leides.

Liebe Gemeinde,
weil es diesen großen Horizont gibt, deshalb lohnt es sich zu leben. Deshalb lohnt es sich, sich abzumühen. Deshalb lohnt es sich, sich einzusetzen und nicht vorzuenthalten.

Wir laufen ja oft Gefahr, das Leben zu verschieben.
Erst wenn alles geklärt ist, dann kann ich auch etwas machen ...
Erst wenn alles gut ist, erst wenn alles gerichtet ist, erst wenn alles pikobello dasteht, dann kann mein Leben beginnen ...
Erst wenn das und das eintrifft, dann kann ich Glück empfinden – und Lebensfreude ...
Das alles aber ist Leben im Wartestand. Transit-Existenz, die das jetzt verschmäht und die das Geschenk des eigenen Lebens gering achtet.

Damit das nicht geschieht, damit wir nicht meinen, das Leben werde erst später beginnen, deshalb der Verweis auf Gott und auf seine Gedanken, die auf Frieden zielen und auf das Leben.

Gott will nicht das Leid
Er will uns mit Hoffnung beschenken und will uns durch Abbrüche, Katastrophen, Leiden hindurch sammeln.
Als Gemeinde. Als Menschen, die in der Welt leben und dennoch einen Horizont haben, der über diese Welt hinausreicht.

 

Liebe Gemeinde,
Ganz im Diesseits sein.
Den Ort, an dem man lebt, akzeptieren – mit seinen strukturellen Schwächen und in seiner besonderen Schönheit lieben lernen.
Die Menschen, mit denen man zusammenlebt, akzeptieren – auch wenn sie ganz anders denken, ganz anders gestrickt sind als man selbst.
Ganz in der Welt sein.
Das Leben akzeptieren – ohne Vorwürfe gegen sich, gegen Gott, gegen die Welt.
Und sich nicht in das Private zurückziehen. Sondern Verantwortung übernehmen in der Gemeinde und für die Gemeinschaft – sei es im Gebet, in der Fürbitte, sei es in der aktiven Mitarbeit oder einfach nur so, daß man zum Frieden beiträgt, zum Verstehen, zum gegenseitigen aushalten.
Kurz: Daß man das Seine dazu beiträgt, daß das Böse durch Gutes überwunden wird....

Liebe Gemeinde,
... das kann man auf Jahre und Jahrzehnte nur aushalten, wenn man aus dem „mehr“ Gottes immer wieder neue Kraft schöpft.
Das kann man 50 Jahre und länger nur durchhalten, wenn man von der Verheißung her lebt und von dem Trost, mit dem Gott sein Volk Israel und uns alle tröstet.
Denn so spricht der Herr:
Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe. Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.

Amen