Martin Luther heute - Evangelisch und katholisch in Italien und Europa

In der Geislinger Stadtkirche hielt zum Reformationsfest 2007 Professor Paolo Ricca von der Waldenserfakultät Rom folgenden Vortrag "Martin Luther heute - Evangelisch und katholisch in Italien und Europa":

 

Im Jahre 1983, als der 500. Geburtstag Luthers gefeiert wurde, widmete die bekannte amerikanische Zeitschrift „TIME“ ihr Titelblatt dem deutschen Reformator mit folgendem Satz: „Martin Luther – 500 Jahre jung“ - also nicht 500 Jahre alt. Diesem Satz stimmen wir heute noch zu.

 

„Martin Luther heute“ -  so lautet unser Thema.
Wir können aber dieses Thema nicht richtig entfalten, wenn wir uns nicht zunächst kurz mit dem anderen Thema „Martin Luther damals“ befassen.
Um zu wissen, wer und was Martin Luther heute sein kann, müssen wir eine ungefähre Vorstellung von Martin Luther damals haben – wer er war, und was er eigentlich geleistet hat.

 

I. Martin Luther damals.

Hier werde ich nur zwei Fragen kurz erörtern.

Die erste: Was war die Reformation?

Die zweite: Welche Haltung nimmt Luther gegenüber der Spaltung der Westkirche ein?

 

a) Die erste Frage: Was war die Reformation?

Luther gilt von jeher als Reformator, ja, als Hauptreformator.
Er hat aber diesen Titel abgewiesen, weil er meinte, dass der einzige Reformator der Kirche nur Jesus Christus sein kann. Er allein hat die Macht, die Kirche zu reformieren.
Luther meinte von sich selbst, dass er höchstens ein „Johannes der Täufer“ sein könnte, also nicht ein Reformator, sondern ein Vorläufer des eigentlichen Reformators Jesus Christus.

„Reformation“ war im Mittelalter genauso in aller Munde wie heute der Begriff „Demokratie“. Er zeichnete sich auch durch die gleiche Vieldeutigkeit aus (Anm.

 

1.)
Merkwürdigerweise kommt dieser Begriff bei Luther verhältnismäßig selten vor.
In seinem Aufruf an den christlichen Adel der deutschen Nation, wo er intensiv und konkret von den unverzichtbaren Reformen redet, die nicht mehr verschoben werden können, benutzt Luther „nicht das große Wort ‚Reformation’, sondern den nüchternen, weltlichen, praktischen, irdischen, … relativen Begriff ‚Besserung’“. (Anm. 2)

 

Also, Luther gilt zwar als der Reformator schlechthin; es scheint aber, dass ihm die Rolle des Reformators eigentlich nicht passte. Er hätte gerne auf diese Rolle verzichtet.

Was ihm am Herzen lag, war nicht die Kirche und ihre Reform, sondern das Evangelium in der Kirche und in der Gesellschaft. Sein Hauptanliegen war das Leben der Kirche mit dem Evangelium zu erfüllen.

Es ging ihm viel mehr um die Substanz der Kirche, als um ihre Gestalt. Und die Substanz der Kirche, ihr Wesen, ist das Wort Gottes.

Nur einen Titel hat Luther immer wieder bewusst in Anspruch genommen: den Titel des Doktors der Theologie, bzw. Doktors der Kirche. Das war Luthers Selbstverständnis: er sah sich selbst nicht als Reformator der Kirche, sondern als Doktor der Kirche.

Er wollte nicht die Kirche ändern, er wollte sie nur evangelisieren. Er wollte die Kirche nicht neu gestalten, er wollte sie nur neu begründen, und zwar nicht mehr auf sich selbst, auf ihre Tradition, auf ihr bewährtes und beschwichtigendes Selbstverständnis, sondern auf das Wort Gottes allein.
Damit haben wir auf das Wesen der Reformation hingewiesen: sie war etwas anderes als eine Reformation, sie war – wie es einmal Karl Barth gesagt hat, eine „Neubegründung der Kirche“ (Anm. 3.)

Die Reformation kam später, am Anfang war die Neubegründung – Die Reformation war die Folge, die Neubegründung war die Ursache.
War das Ereignis, das wir im Allgemeinen „Reformation“ nennen, eigentlich eine Neubegründung der Kirche, dann müssen wir hinzufügen, dass eine Neubegründung der Kirche nur Gottes Werk sein kann. Die Menschen können die Kirche ändern, nur Gott kann die Kirche begründen.

 

Das hat Calvin sehr schön in seiner Schrift an Karl V. von 1543 zum Ausdruck gebracht. „Die Reformation der Kirche“, schreibt Calvin, „ist von menschlichem Hoffen und Meinen so unabhängig, wie die Auferweckung der Toten oder ein anderes Wunder dieser Art. Also muss man hinsichtlich der Möglichkeit etwas dafür tun, nicht warten auf den guten Willen der Leute oder auf Veränderungen der Zeitumstände, sondern muss mitten durch die Verzweiflung hindurch brechen. Gott will sein Evangelium gepredigt haben. Lasst uns diesem Gebot gehorchen und gehen, wohin er uns ruft! Was der Erfolg sein wird, danach haben wir nicht zu fragen!“ (Anm. 4.)

 

Was soll aber bedeuten, dass die Reformation eine Neubegründung der Kirche voraussetzt? Es bedeutet, dass der Protestantismus, der aus der Reformation hervorgegangen ist, nicht bloß als die angebliche Reformation der damaligen Römisch-Katholischen Kirche betrachtet werden kann. Der Protestantismus ist auch nicht bloß ein reformierter Katholizismus. Der Protestantismus ist eine neue christliche Gattung, eine Neuschöpfung des Heiligen Geistes, ein neues Aufblühen der christlichen Kirche. Keine neue Kirche, gar nicht, sondern eine neue Art und Weise, Kirche Christi zu sein.

 

Man pflegt zu sagen, dass die Reformation die Spaltung der westlichen Kirche mit sich gebracht habe. Das ist sozusagen eine äußere Wahrheit, eine Wahrheit nämlich, die das Äußere der Kirche betrifft. Die innere Wahrheit ist eine andere, und zwar diese: die Reformation hat die Kirche neu begründet und damit gerettet. Man soll viel mehr von der Rettung der Kirche sprechen, als von ihrer Spaltung.

Also, das ist das erste, was ich über „Martin Luther damals“ sagen wollte.
Er hat etwas Größeres unternommen, als er dachte; er wollte bloß eine „Besserung des christlichen Standes“ anstoßen. Daraus ist eine Neuschöpfung des Heiligen Geistes entstanden.


b) Ich gehe zur zweiten Frage über:
„Wie hat sich Luther zur Spaltung der Kirche – der sichtbar werdenden Spaltung - der Kirche des Westens /der westlichen Christenheit gestellt?“

 

Hier ist die Antwort auf diese Frage ist nicht leicht.
Warum? Weil im Laufe von Luthers Leben – er starb 1546 - die Spaltung sozusagen unterirdisch war, sie war vorbereitet in gewisser Weise, und es war sozusagen unmöglich, die Spaltung zu vermeiden, selbst wenn noch 1541/42/43 Gespräche – interreligiöse Gespräche - zwischen Katholiken und Protestanten stattfanden, um sie Spaltung zu vermeiden, trotzdem war die Spaltung zu erwarten, aber Luther ist gestorben, und die Spaltung war noch nicht wirklich eingetreten und durchgeführt worden.

Erst in dem knappen Jahrzehnt nach Luthers Tod, zwischen 1546 und 1555 hat sich die westliche Kirche in zwei große Konfessionen geteilt. Luther war in der Spaltung zutiefst verwickelt, er hat aber die Spaltung selbst nicht erlebt. In diesem Sinne hat Luther noch vor der Konfessionalisierung des westlichen Christentums gelebt.

 

Er, Luther, gehört eigentlich nicht zu einer Konfession. Er steht vor der Konfessionalisierung. Und ein Historiker hat gesagt – und ich würde ihm zustimmen – Luther stand zwischen den Konfessionen,(Anm. 5.), vor und zwischen den Konfessionen. Und keine Konfession, weder die katholische, noch die evangelische, kann sich mit Recht Luther zueignen.

 

Die alte Frage ist: War Luther evangelisch? Oder war Luther katholisch? Weder noch oder beides. Beides! Er war katholisch, aber nicht römisch. Er war evangelisch, aber nicht lutherisch. Ja, so muß man wohl sagen: Luther war nicht lutherisch!
„Ich bin und will keines Meister sein“. Deshalb „wolle man meines Namens schweigen und sich nicht lutherisch, sondern Christen nennen“ (WA 8, 685, 4 ff; 1529). Aber sein Wunsch ist leider unerfüllt geblieben.
Die Lutheraner waren Luther nicht treu, in dieser Hinsicht.

 

Aber: Was soll das heißen?
Es heißt, dass jede Konfessionalisierung Luthers unangebracht ist. Luther ist eben ein „Doktor der Kirche“, der ganzen Kirche. Luther soll nicht von einer bestimmten Kirche oder Konfession sozusagen „privatisiert“ werden. Er gehört zur ganzen, zur ökumenischen Kirche.

 

Und wenn wir fragen, ist Luther der Lehrer der evangelischen Kirche? Oder ist der Lehrer der Evangelischen Kirche eine lutherische Tradition? Oder eine lutherische Scholastik? Offene Fragen!

 

Dann sagen viele Katholiken, auch gute Katholiken, (i.S.v. Intellektuelle, die

Luther schätzen), er war katholisch, niemand sei mehr katholisch gewesen als Luther, usw., usw. Aber wenn man die Frage stellt, ist Luther durch das Zweite Vatikanische Konzil wirklich zu einem Lehrer der Kirche geworden?

So hat einmal sehr zutreffend Kardinal Jan Willebrands, damals Leiter des Sekretariats für die Einheit der Christen, in einer berühmten Rede (1970) gesagt: Luther ist unser gemeinsamer Lehrer: Lehrer der Katholiken und der Protestanten. Lehrer der Christen, „Doktor der Kirche“, nämlich genau das, was Luther sein wollte.

 

Aber wenn man also die Frage stellt, ist Luther durch das Zweite Vatikanische Konzil wirklich zu einem Lehrer der Katholischen Kirche geworden? Dann möchte ich antworten: Kaum! Ein gezähmter Luther, ja! Aber Luther nicht!
Noch nicht. Wir warten auf das Dritte Vatikanische Konzil.
Mit diesen beiden Fragen können wir zum zweiten Teil des Vortrags übergehen.
II. Teil:
“Martin Luther heute – evangelisch und katholisch in Italien und Europa“
Ich deute diesen Satz im Sinne eines „ökumenischen“ Luther d.h.: Was ist aus der Botschaft des Evangeliums, so wie Luther sie verstanden hat, für die heutige Ökumene besonders wichtig und aktuell?

Ich möchte Luther für die heutige Ökumene aufwerten, eben weil er ein Lehrer der Kirche ist, ein doctor.
Ich muss mich beschränken, und werde nur vier Themen beleuchten, wo Luther Lehrer der heutigen Christenheit sein könnte und sollte:

- zuerst die Katholizität der Kirche,
- dann die Freiheit des Christen,
- dann die Mündigkeit der Gemeinde am Ort,
- endlich: der verborgene Gott.

 

2.1
Die Katholizität der Kirche (Anm. 6.).

 

Luther war der Meinung, dass die Katholizität durch die Romanität verdunkelt,
ja vielleicht sogar aufgehoben worden war.

Er schreibt: „Der Kinderglaube, das ist der ganzen Christenheit Glaube, spricht: ‚ich glaube eine heilige Christliche Kirche’ und spricht nicht: ‚Ich glaube eine heilige Römische Kirche.’ Denn die Römische Kirche ist und soll sein ein Stück oder ein Glied der heiligen Christlichen Kirche, nicht das Haupt, welches allein Christo gebührt, dem Eckstein“ (WA 54, 245, 34: 1545).

 

Die Heilige Kirche ist also „nicht an Rom gebunden, sondern, so weit die Welt ist, in einem Glauben versammelt“ (WA 6, 300, 35: 1520); denn es gibt keine „Römische, noch Nürmbergische oder Wittenbergische Kirche, sondern eine Christliche Kirche, darein denn gehören alle, so an Christum glauben“ (WA 47, 236, 5: 1537).

 

Luther hat eben schon damals im 16. Jhd. die ganze Christenheit auf Erden entdeckt. Er hat erstaunlicherweise schon eine ökumenische Sicht der Kirchen gehabt. Er wusste, dass außerhalb der Römischen Kirche eine große Anzahl von Christen vorhanden war – in Griechenland, Russland, Indien, Persien und im ganzen Orient, und selbstverständlich in Böhmen.

Er schreibt, die Kirche ist eine weltweite Größe. Sie ist auch in Rom, aber eben nicht nur dort.

 

Sie ist auch bei den Täufern (Schwärmern), aber nicht nur bei denen. Die Kirche ist überall da, wo der Glaube an Christus vorkommt. Deshalb „lasst uns tilgen die parteiischen Namen und Christen heißen, dessen Lehre wir haben“ (WA 8, 683, 1522).

 

Dieses von Luther aufgezeigte Ziel, also die „parteiischen“ Namen aufzugeben und einfach uns Christen nennen, haben wir noch nicht erreicht.
Das Bewusstsein der Katholizität war bei Luther lebendiger als bei uns.

Die Katholische Kirche ist noch viel zu römisch, um wirklich katholisch
(Anm. 7) zu sein.

 

Die evangelische Kirche hat es unheimlich schwer, ihre innere, geistliche Katholizität zu gestalten und sichtbar zu machen. – Darum ist die Katholizität Luthers besonders aktuell für beide Konfessionen. Es gibt ein Defizit an Katholizität, sowohl in der römischen Kirche wie auch – in einer anderen Wiese natürlich - in der evangelischen Kirche.

 

2.2.
Die Freiheit des Christen

Bekanntlich hat Luther in der Freiheit das Wesen des Christentums erkannt. Ich werde nur zwei Verkörperungen der Freiheit in Luthers Leben hervorheben, - man könnte hier natürlich viel nennen.

Zwei große Taten der Freiheit.
Wenn man ein freier Mensch ist, dann sieht man: es kommt vor, dass Du frei bist.

 

1. Die erste Tat der christlichen Freiheit war die Verbrennung der Bulle seines Kirchenbanns, seiner Exkommunikation, und eines Exemplars des Kanonischen Rechtes.
Was wollte Luther mit dieser symbolischen Handlung sagen? – Es war natürlich eine symbolische Handlung. –

Er wollte folgendes sagen: die Kirche dachte und handelte zu gesetzlich. Dadurch ist die Kirche ist zum Raum des Gesetzes geworden, sie sollte aber ein Raum der Freiheit sein. Darum hat er die Bulle und das Kanonische Recht verbrannt, um zu sagen, dass Christus Freiheit schafft und nicht Gesetz. Denn Christus hat uns befreit und wir leben nicht mehr unter dem Gesetz.

Heute in Italien – wenn man die große Kirche von außen anschaut und zuhört: was hört der einfache Mensch? Gesetz! Nein! Nein ! Nein! Das nicht und das auch nicht. Das nicht und jenes nicht. Gesetz, und Gesetz und noch mal Gesetz! Es gibt zuviel Gesetz. Es wird die Freiheit in der Katholischen Kirche oft unter einer nur allzu großen Gesetzlichkeit begraben; in jener Kirche wird allzu oft das Evangelium ins Gesetz verwandelt. In der evangelischen Kirche kommt das entgegengesetzte Phänomen vor: Wir stellen dort eine allzu verbreitete Verflüchtigung der Freiheit fest, die durch eine gewisse Gesetzlosigkeit verursacht wird.

 

2. Eine zweite Tat der Freiheit bei Luther war natürlich seine Haltung und kurze Rede auf dem Reichstag in Worms 1521. Als Luther dort stand und sagte: „Mein Gewissen ist vom Wort Gottes gebunden, ich kann nicht anders“.
Das war ein gewaltiger Schritt in der Geschichte der Menschheit. Das Gewissen eines Menschen hat mehr Gewicht, als die Stimme der höchsten politischen, der höchsten religiösen Obrigkeit der Zeit
Das ist Freiheit!
Ist diese Freiheit da?  Heute?
Ist die katholische Kirche eine Kirche der Freiheit?
Ich weiß nicht, der Eindruck ist aber, dass in jener Kirche der Gehorsam viel öfter empfohlen wird, als die Freiheit.
Kirche der Freiheit? Kirche des Gehorsams?

Und in der Evangelischen Kirche? Sind wir eine Kirche der Freiheit? Theoretisch auf jeden Fall, aber praktisch? In der Sache?

Ich habe den Eindruck, dass viele Freiheiten, die wir hätten, eigentlich ungebraucht bleiben. Wir könnten Kirche der Freiheit sein, wir haben aber nicht den Mut. Wir wollen nicht die Last und die Verantwortung der Freiheit auf uns nehmen.

Es scheint mir, dass viel Unfreiheit in den Kirchen nistet. Das Gewicht der Traditionen gewinnt die Oberhand über den Ruf zur Freiheit!
Und so ist das Evangelium der christlichen Freiheit ist in der heutigen Christenheit vielleicht weithin unbekannt. Es soll uns wieder gepredigt werden.

 

2.3.
Die Mündigkeit der Gemeinde am Ort.

 

Wo ist die Kirche?
Die Medien werden heute die Kirche fast ausschließlich durch ihre Vertreter darstellen, dadurch wird aber das Bild der Kirche entstellt. Denn Bischöfe, Kirchenpräsidenten, Kardinäle usw. sind bestenfalls Diener der Kirche, sie sind aber nicht die Kirche. Die Kirche ist dort, wo zwei oder drei im Namen Jesu versammelt sind – mit oder ohne Bischof, mit oder ohne Pfarrer.

Eines der größten Verdienste der Reformation besteht darin, dass sie die christliche Gemeinde am Ort in den Vordergrund gestellt hat. Das war völlig neu! Denn in der gesamten christlichen Tradition vertrat man die Lehre, die Kirche sei da, wo der Bischof ist.

 

Wo ist die Kirche? Dort, wo das Evangelium rein gepredigt und die Sakrament richtig gespendet werden, nämlich in der Gemeinde am Ort. Die Kirche Jesu ist zuerst und grundsätzlich die Gemeinde am Ort.
Die Reformation hat aber nicht nur die Gemeinde am Ort in den Vordergrund gestellt. Sie hat auch ihre Mündigkeit behauptet.

1523 schrieb Luther eine kleine, revolutionäre Schrift, die in der ganzen christlichen Tradition noch nie geschrieben worden war, nie! Der Titel lautet: „Dass eine christliche Versammlung oder Gemeine Recht und Macht habe, alle Lehre zu urteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen, Grund und Ursach aus der Schrift.“

 

Es lässt sich fragen: Ist diese von Luther behauptete Befugnis der christlichen Gemeinde am Ort tatsächlich durchgeführt worden? Ist sich jede katholische, jede evangelische Gemeinde ihres Rechtes und ihrer Macht wirklich bewusst? Hat tatsächlich jede Gemeinde – jede katholische und jede evangelische Gemeinde – ihr Recht (es ist ein göttliches Recht, stellt Luther klar) und ihre Macht, (es ist eine geistliche Macht) in Anspruch genommen? Hat jede Gemeinde diesen Mut gehabt? Nur, wenn sie diesen Mut hat, ist sie mündig.
Sind wir eine mündige Gemeinde?

 

Dietrich Bonhoeffer sprach von einer mündig gewordenen Welt. Können wir heute von einer mündig gewordenen Gemeinde am Ort sprechen?
Können wir von einer mündig gewordenen Ökumene reden?

 

2.4.
Der verborgene Gott

 

Es gibt heute in Europa zahlreiche Intellektuelle, die ziemlich aggressiv gegen Religion und Gott geschrieben haben, z.B. das Buch eines italienischen Universitätsprofessors, Pierre Georgio Odifreddi, mit dem Titel: „Warum wir uns nicht Christen und umso weniger Katholiken nennen können“ ist ein Bestseller geworden: 160.000 Exemplare wurden verkauft.

Ein großer englischer Biologe, ein Wissenschaftler, der an der Universität Oxford liest, hat ein Buch mit dem Titel:
„Die Täuschung Gottes. - Die Gründe, um nicht zu glauben“ geschrieben;
ein amerikanischer berühmter Journalist und Schriftsteller namens Christopher Hitchens hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Gott ist nicht groß. Wie die Religion alles vergiftet.“

 

Es gibt mehrere Bücher ähnlicher Art. Es würde sich lohnen, die Frage zu stellen, warum gerade in unserer Zeit alle diese Angriffe zustande kommen, warum diese Aggressivität gegen Religion und Gott?
Wir haben heute keine Zeit dafür. Ich werde auch nicht die Inhalte der Angriffe besprechen.

 

Nur eine Frage möchte ich hervorheben:
Was für einen Gott haben wir gepredigt und bezeugt?
Ich war besonders beeindruckt von einer Kritik, als ich Folgendes las:
Wir brauchen eigentlich Gott nicht mehr zu bekämpfen, weil die Kirche selbst nur selten von ihm redet.

 

Ja, redet die Kirche wirklich noch von Gott? Oder redet sie hauptsächlich von sich selbst, nur vom Menschen, von der Gesellschaft, vom Diesseits?
Es scheint als sei nicht mehr Gott ihr Hauptanliegen.
Ist Gott noch die große Leidenschaft der Kirche? Wir wollen es hoffen.
Ist dieser Vorwurf begründet? Ist es wahr, dass die Leidenschaft unseres Lebens, die Leidenschaft unserer Kirche nicht mehr wirklich Gott ist?

Die Reformation war auch – hauptsächlich - eine neue Begegnung mit Gott, nicht mit einer neuen Lehre von Gott, sondern mit Gott. Aus dieser Begegnung ist die Reformation hervorgegangen.

 

Wer etwas von Gott erfahren will, kann in der Schule Luthers viel lernen. Er wird dort erfahren, dass Gott keine Täuschung ist. Nur wird er entdecken, dass Gott verborgen ist.

Viele in unserer Zeit meinen, dass Gott abwesend ist, weil sie nicht wissen, dass Gott verborgen ist.

Sie verwechseln Verborgenheit mit Abwesenheit.
Sie suchen einen augenfälligen Gott, der nicht existiert.
Nur der verborgene Gott ist da. Verborgen in Jesus von Nazareth, verborgen in seinem Kreuz, verborgen in seinem Wort, verborgen in seiner Verheißung, verborgen in den Kleinen der Welt.

 

Ich meine, die große Aktualität Luthers heute für die ganze Christenheit, für den Glauben der Christen, sei eben die Erfahrung der Verborgenheit des anwesenden Gottes.

 

Damit bin ich am Ende. Wir haben etwas von Martin Luther damals vernommen und festgestellt, dass er in der Tat eher 500 Jahre jung, als 500 Jahre alt ist.

Wir haben dann etwas von Martin Luther heute erfahren und entdeckt, dass wir von ihm als „Martin Luther morgen“  in vielen Hinsichten reden sollten, weil er in vielen Hinsichten noch vor und nicht hinter uns steht.

Er wartet auf uns, von der Zukunft her, er wartet auf die ganze Ökumene.
Ist es so, dann lohnt es sich tatsächlich nach wie vor, sich mit Martin Luther zu beschäftigen.

 

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.


Anmerkungen

1. Heiko A. Oberman, Luther – Mensch zwischen Gott und Teufel,
Severin und Siedler, Berlin 1982, S. 58

2. Ebenda, S. 81

3. Karl Barth, Reformation als Entscheidung, in: „Dialektische Theologie in Scheidung und Bewährung“ 1933 – 1936, Aufsätze, Gutachten und Erklärungen, herausgegeben von Walther Fürst, Kaiser, München 1966, S. 119. Siehe auch S. 103 und 104.

4. Karl Barth, Ebenda, S. 120f.

5. Gottfried Maron, Luther zwischen den Konfessionen „Die ökumenische Bedeutung Martin Luthers, in: Luthers bleibende Bedeutung, herausgegeben von Jürgen Becker, Husum, Druck und Verlagsgesellschaft, Husum, 1983, S. 121.

6. Gottfried Maron, Ebenda, S. 122f.

7. (zur Verdeutlichung muß man hinzufügen: „katholisch“ im Sinne von Welt umfassend – Anmerkung Hühn).

 

Geislingen, im November 2007
Geschrieben nach Manuskript
und Tonbandmitschnitt