"Sakrileg"? Gute Unterhaltung!

Mit Bundesstart ist auch in Geislingen der Film Sakrileg bzw. Da Vinci Code angelaufen. Gerlinde Hühn, Dekanin im Kirchenbezirk Geislingen, ist von der Geislinger Zeitung zu einer kritischen Stellungnahme aufgefordert worden.

 

 

Sakrileg - Da Vinci Code
Kommentar von Dekanin Gerlinde Hühn

 

Immer wieder gibt es Versuch, die Kreuzigung Jesu als nicht geschehen zu betrachten. Im Roman und im Film ist nicht die Kreuzigung Jesus wichtig, sondern die Blutlinie, die über die gemeinsamen Kinder des Jesus von Nazareth und der Maria aus Magdala bis in die heutige Zeit führt.

Der Heilige Gral ist nicht der Kelch des Letzten Abendmahls Jesu und seiner Jünger, mit dem Josef von Arimathia das Blut Jesu bei der Kreuzigung aufgefangen habe – wie in der ursprünglichen Gralslegende -, sondern der Schoß einer Frau.

 

Der Koran streitet die Kreuzigung Jesus ab, der Film "Die letzte Versuchung Christi" nach dem Roman von Nikos Kazantzakis ebenso. Viele Menschen stoßen sich an der Gewalt, die das Kreuz in ihren Augen darstellt. Eine Folterszene sei den Menschen nicht zuzumuten, Kindern schon gar nicht.
Was wäre aber gewonnen, wenn wir das Kreuz Christi aus der Welt verbannten? Gäbe es dann weniger Gewalt, weniger Töten, weniger Leiden?Nein!


Der Tod unschuldiger Opfer und die Gewalt würden wir nicht aus der Welt schaffen, selbst wenn wir die Kreuze aus unseren Kirchen wegnähmen und unsere Augen vom dem Bild des Gekreuzigten verschonten.
Es gäbe dann nur keinen Ort mehr wo das Leiden aufgehoben und getröstet wäre.


Die Kranken im Antoniterkloster zu Colmar sahen auf den Gekreuzigten Christus auf der Altartafel eines Grünewald und konnten gewiss sein: Ihr eigenes Leiden wird in diesem Jesus am Kreuz widergespiegelt und so ins Herz Gottes getragen. Und gleichzeitig spiegelt das Angesicht Christi für sie Gottes Angesicht wieder.

 

Jesus von Nazareth –
Gott ganz für den Menschen
Und der Mensch ganz für Gott.

 

Jesu Wesen war ganz durchlässig für Gott und gleichzeitig repräsentierte er den Menschen vor Gott.
In diesen zwei Relationen muss man die Zwei-Naturen-Lehre fassen.
Das Geheimnis, wie einer ganz auf Seiten Gottes stehen kann und ganz auf Seiten des Menschen versucht das Konzil zu Nizäa und zu Chalcedon in paradoxen (scheinbar widersprüchlichen) Begriffen zu sagen.
Die Leidenden der Welt wissen, dass ihr Leiden von Gott verstanden, ja geteilt wird und dass es einen Ort der Zuflucht und des Trostes gibt, das Kreuz Christi. Sein Trost ereicht uns da, wo wir am tiefsten Punkt unserer Existenz sind.
Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren gehen; uns aber die wir selig werden ist es eine Gotteskraft. (1. Kor. 1,18)
Was wäre das Tröstliche daran, dass es Kinder der Maria Magdalena gibt?
Erlösung ist keine Frage der DNS.

Das Abendmahlsbild von Leonardo da Vinci

Gut in ihrer kritischen Zuspitzung war auch die Aussage von Pfarrer Frieder Dehlinger, Eislingen, zu dem Film, die wir hier abdrucken:

 

"Sakrileg"? Gute Unterhaltung!

"Hingerissen las ich vor einigen Wochen "Sakrileg" von Dan Brown. Ein spannender, phantasievoller Thriller, inzwischen fast 50 Millionen mal verkauft. Nächste Woche startet der Hollywood-Film.

 

Gute Unterhaltung und eine tolle Story! Jesus nämlich – so schreibt Dan Brown - Jesus ist gar nicht gekreuzigt worden; im letzten Moment hilft ihm Pilatus zur Flucht nach Ägypten. Dort heiraten Maria Magdalena und Jesus und bekommen Kinder.


Endlich also gibt es für Jesus ein Hollywood-Happy End!
Aber es kommt noch doller: Magdalena und Jesus gründen eine heimliche heilige Dynastie! Ihre Nachfahren leben noch heute unter uns und hüten geheimes heiliges Wissen. In verborgenen Schriften ist das so bezeugt. Nur dass die böse Kirche diese wirklich heiligen Schriften tief in den Kellern des Vatikans versteckt, weil sonst ihr ganzes Dogmengebäude zusammenfallen würde.

So ist das also.


Und es wäre doch auch wirklich viel netter, wenn Jesus statt am Kreuz zu sterben, mit Maria Magdalena Hochzeit gefeiert hätte. Und wenn Maria Magdalena statt Apostolin der Auferstehung zu werden, brave Kinder in die Welt gesetzt hätte. Es wäre doch auch eine viel elegantere Geschichte, wenn in der Nachfolge Jesu anstelle einer Kirche, die den Mühseligen und Beladenen das Evangelium bringt, sich ein esoterischer Hochadel gegründet hätte, mit Geheimlehren für wenige Eingeweihte!


Das wäre doch nett und elegant, genau richtig für unsere selbstbezogene und ängstliche Gesellschaft! Dieser störend-verstörende Jesus wäre erledigt, Karfreitag und Ostern wären passe - und die Kirchen auch.

 

Leider gehört zur Vermarktungsstrategie von Dan Brown, dass er gleich auf Seite 1 den Eindruck weckt, seine Thesen beruhten auf ernst zu nehmenden Fakten. Dabei sind sie, wie z.B. die Süddeutsche Zeitung schreibt, eine "Mischung aus Wahn und Unsinn".  Manchmal kann man an der Verdrehung merken, was wirklich wichtig ist. Der Brownsche Hollywood-Jesus weist niemandem den Weg zu Gott. Das Familien Idyll, das Brown anbahnt, tröstet keinen Mühseligen und Beladenen. Da kommt kein Reich Gottes, da ist der Tod Sieger und hier auf der Erde bleibt alles, wie es war. Für wen ist das eigentlich ein Happy End?"

Statue von Maria Magdalena in der Kirche von Rennes-le-Château

Der "Da Vinci Code"– ein Sakrileg?
Podiumsdiskussion in der Evangelischen Akademie zu Berlin


Nach dem Filmstart von "Da Vinci Code" und den heftigen Diskussionen über den Thriller "Sakrileg" laden die Evangelische Akademie zu Berlin und die Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Petra Bahr, zur weitergehenden Auseinandersetzung mit dem Thema ein. Am Dienstag, 23. Mai, diskutieren der Präsident der Humboldt-Universität, Christoph Markschies, und der Philosophieprofessor Thomas Macho ab 19.30 Uhr in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin über Verschwörungstheorien, Religionsfälschungen und ihre Aufklärung.

 

Die verbreitete Erregung über die angeblichen Wahrheiten des Romans muss nachdenklich machen, zumal sie wissenschaftlich längst widerlegt sind. Um Dan Browns Romanheld zu zitieren: "Was gibt es Schöneres als Verschwörungstheorien?" Die imaginäre Konstruktion von Buch und Film kann ein interessantes Spiel der Gedanken auslösen, sie vermag zu faszinieren und vor allem zu unterhalten. Die Welt verrätselt sich wieder. Überall Zeichen für Verborgenes, Entspannung von der Aufklärung. Das Spiel zwischen Wissenschaft und Fiktion kann aber auch beunruhigen, wenn mit Verschwörungstheorien, esoterischen Hypothesen und geheimen Weisheitslehren Schlüsse darüber gezogen werden, wie es "wirklich gewesen ist".

 

Was macht den Erfolg dieser scheinbaren Aufklärung über Religion aus? Und warum wird die Verschwörungstheorie eines Krimis als hintergründige Wahrheit angenommen? Ist "Da Vinci Code" vielleicht gerade deshalb so erfolgreich, weil der Held ein erfundener "Professor für religiöse Symbologie" ist, dem man auch die verdrehten Umdeutungen von Religions- und Kulturgeschichte allzu gerne glauben möchte? Mit Christoph Markschies und Thomas Macho diskutieren zwei wirkliche Experten den Stoff, aus dem die Fantasien sind und seine realen Grundlagen.

 

Der Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin, Christoph Markschies (*1962, Berlin-Zehlendorf), ist Professor für Ältere Kirchengeschichte. Markschies ist Spezialist für jene gnostischen Texte, die bei Dan Brown immer wieder als angebliche Belege dafür herangezogen werden, dass am Anfang des Christentums alles ganz anders gewesen sei, als uns die Kirche lehre.

Thomas Macho (*1952, Wien), Dekan an der Philosophischen Fakultät III der Humboldt-Universität zu Berlin, ist Professor für Kulturgeschichte. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Geschichte der Zeitrechnung, Tod und Totenkulte. Er befasst sich mit der Verschränkung von Bild, Schrift und Zahl und hat sowohl zur Gnosis wie zu Verschwörungstheorien publiziert.

Markschies und Macho veröffentlichen regelmäßig in deutschsprachigen Tages- und Wochenzeitungen Essays und Rezensionen. Die Veranstaltung wird moderiert von Rüdiger Sachau, Direktor der Evangelischen Akademie zu Berlin. Die Kulturbeauftragte des Rates der EKD, Petra Bahr, wird in das Thema einführen. 

 


Die Welt der Einbildungskraft ist nicht die Wirklichkeit.

Da-Vinci-Code – Ausdruck der Sehnsucht nach der Verrätselung der Welt

 

Haben etwa Milliarden von Christen das Falsche geglaubt? Irgendwann hätte es ihm gereicht, all die Fragen zu beantworten, sagt Pfarrer Roumanet. Seine Kirche, Saint-Sulpice in Paris, ist Schauplatz in dem Religionsthriller "Sakrileg" von Dan Brown. Busladungen voller Lesetouristen aus aller Herren Länder fielen in seine Kirche ein, um den Ort, der im Roman das Geheimnis über die Wahrheit des Christentums birgt, zu bestaunen und selbst noch ein paar verborgene Zeichen zu finden. Nun hängt ein maschinengeschriebenes Blatt an der Wand neben der Sakristei, in dem er alle "frei erfundenen Behauptungen des Erfolgsromans" auflistet. Eine ziemlich lange Liste.

 

Offenbar ist der Pfarrer längst Teil eines Romans geworden, dessen mäßige Qualität und simple Strickmuster seinen grandiosen Erfolg nicht verhindert haben. Und was Millionen von Menschen fesselt, muss – das ist Gesetz – von Hollywood verfilmt werden. Viele kluge Leute haben sich in den letzten Tagen und Wochen die Mühe gemacht, wie der Pfarrer von Saint Sulpice, all die Verschwörungstheorien, Falschaussagen, esoterischen Weisheitslehren und kruden Phantasiebehauptungen über das Leben Jesu, die Entstehung des Christentums und seine Bedeutung in der Gegenwart zu korrigieren. Das ist gut so, denn offenbar sind viele Leser in die Falle getappt, die der Autor im Vorwort des Romans aufgestellt hat. Alle Fakten beruhten auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, kann man dort lesen. Ein alter Trick der Dichter. Die Welt der Einbildungskraft wird als die eigentliche Wirklichkeit ausgegeben. Die Realität, mit der wir es zu tun haben, ist dagegen ein riesengroßer Bluff oder eine gemeine Lüge. Kunsthistoriker und Theologen raufen sich die Haare. Was kann denn da noch wahr sein? Aufklärung tut not.

 

Ja, die Kirche hat eine frauenfeindliche Tradition, die sie in Teilen immer noch nicht überwunden hat. Eine größere Rolle der biblischen Frauengestalten würde dem christlichen Glauben gut tun. Aber muss deshalb Maria Magdalena für eine Männerphantasie herhalten, wie sie durchsichtiger nicht sein könnte? Ja, es gibt dann und wann einen zweifelhaften Umgang mit der Wissenschaftsgeschichte des Christentums und der Bibelforschung in kirchlichen Institutionen, aber in wessen Interesse sollte es liegen, "tausende von Evangelien" zu verbrennen und nur die vier übrig zu lassen, die heute im Neuen Testament zu finden sind? Ja, es gibt problematische Gruppen innerhalb der katholischen Kirche wie die Opus Dei, der auch innerhalb des Katholizismus Kontroversen auslöst. Verschwörungstheorien, die Dan Brown aufnimmt, sind ein alter Hut. Viele stammen schon aus dem 18. Jahrhundert.

Sakrileg - Szenenfoto

Sie haben unterschiedliche Wurzeln. Manche kommen aus der radikalen Religionskritik der Aufklärung, die selbst wie eine Weltanschauung funktionierte, manche Ideen verdanken sich esoterischen Gruppen, manche Traditionen gehen schon auf die Gründungsphase des Christentums zurück, manche sind die Ausgeburt der unheimlichen Einbildungskraft von rechtradikalen oder linksradikalen Antisemiten und Kirchenverächtern. Andere wiederum werden mit dem unscharfen Begriff der Gnosis verbunden und zeigen, dass der Beginn des Christentums ein vielfältiger Prozess war, in dem um die wahre Interpretation des Evangeliums von Jesus Christus noch gestritten wurde.

 

Wenn die Verschwörungstheorien, pseudowissenschaftlichen Erkenntnisse und Thesen so alt und so oft zitiert sind, warum begeistern Roman und Film gerade jetzt? Vielleicht äußert sich in der Begeisterung, die zwischen Wirklichkeit und Fiktion nicht unterscheiden will, eine Sehnsucht nach der Verrätselung der Welt. Der entzauberte Alltag, in dem auch die Kirche für viele Menschen mehr Verwaltung von Macht denn Ort für eigene religiöse Erfahrung ist, verwandelt sich ein einen Kosmos von Mythen, Geheimschriften und verborgenen Nachrichten. Das ursprünglich Religiöse soll hinter den Mauern der Kirchengeschichte entdeckt und befreit werden, das eigene Leben wird so zum Abenteuer der Befreiung der Religion aus den Fängen der Kirche. Auch das ist ein alter Reflex: die Kirche als Institution verfälscht den Glauben. Ja, das kann immer wieder passieren, aber ohne die Kirche in ihrer sichtbaren Gestalt verstummt der Glaube, er wird zu einer Privatsprache ohne Gemeinschaftsbezug – ein Glaube, der nur in der Einbildungskraft des Einzelnen lebt. Wie ein Roman. An dieser Stelle liegt vielleicht das größte Missverständnis des Dan Brown und den anderen Verschwörungstheoretikern. Kirche ist nicht die Gralshüterin dogmatischer Traditionen und geschützten Wissens, Kirche ist vielmehr die Gemeinschaft der Gläubigen, die Tradition und Wissen immer wieder kritisch überprüfen muss, weil Menschenwissen eine vorläufige Angelegenheit ist. So sieht es jedenfalls Martin Luther. Und: Kirche ist der Ort, wo das Geheimnis des Glaubens gefeiert wird. Dafür bedarf es keiner Geheimhaltung. Das kann man hier und heute erfahren.

 

Aufklärung tut Not und kann mindestens so spannend sein wie ein Thriller. Auch Bildung in Sachen Religion ist kein alter Hut, sie kann Menschen begeistern, wie die zahllosen Sachbücher zu "Sakrileg" und zum Film "Da-Vinci-Code" zeigen. Dan Brown zeigt dabei letztlich eines und kann hier an dieser einen Stelle ganz ernst genommen werden: mit den Mitteln der Wissenschaft, so faszinierend sie ist, kommt man dem Geheimnis des Glaubens nicht näher.

 

Der stellv. EKD-Ratsvorsitzende, Landesbischof Christoph Kähler (Eisenach), zum Film.

 
  

Weiterführende Links

Da Vinci Code - Kirche ruft zur Gelassenheit auf
Portal der katholischen Kirche Schweiz