Geh aus mein Herz ...
Stötten-Tag trotz Regen ein Erfolg

Rückblick auf den Stötten-Tag

Zwar regnete es an Himmelfahrt, 17. Mai 2007, aber der „Stöttentag“ des Kirchenbezirks Geislingen fiel nicht ins Wasser! Im Gegenteil: Der Gottesdienst um 14 Uhr wurde in der alten, im Chorraum mit Fresken geschmückten Dorfkirche in Stötten gehalten, begleitet von einem großen Posaunenchor. „Geh aus mein Herz“ war das Thema und auch das Hauptlied, das mit allen Strophen und mit drei verschiedenen Melodien gesungen wurde.

 

Pfarrerin Annette Leube erinnerte in der Predigt an den Dichter Paul Gerhardt und an die Zeit des 30-jährigen Krieges, in der ein Drittel der Bevölkerung im Krieg oder an Folgen des Krieges starb. So kann man verstehen, dass der „Himmel“ Paul Gerhardts zentrales Anliegen ist und er „gegen das Elend ansang“. Der Lobpreis des Liedes führt auch zur Verantwortung für die Schöpfung. Eine moderne Strophe des Sommerliedes lautet: „Ich selber kann und mag nicht ruhn, denn jeder muss das Seine tun, so groß sind die Gefahren. Ich singe mit, wenn alles singt, voll Hoffnung, dass es uns gelingt, die Schöpfung zu bewahren.“

 

Im Gottesdienst wurden die Jugendmitarbeiter /innen des Bezirks durch Jugendpfarrer Reinhard Hoene für die Freizeitarbeit gesegnet und ausgesandt.

Anschließend konnten die Besucher/innen sich an einer reichhaltigen Theke mit vielen selbst gebackenen Kuchen bedienen, Kaffee trinken oder Gegrilltes verzehren. Auf den dicht besetzten Bänken im Waldheim kam man leicht ins Gespräch. Die Kinder spielten und beschäftigen sich in den oberen Etagen des Freizeitheimes, angeleitet von den Mitarbeitern/innen des EJW. Für die Erwachsenen gab es nicht nur ein lustiges Paul Gerhardt Quiz, sondern die Gelegenheit, mit dem Dichter selbst ins Gespräch zu kommen. Im frühbarocken schwarzen Wams und Hut mit breiter Krempe erzählte er (Bernhard Leube) im Berliner Dialekt aus seinem Leben und ging auf alle gestellten Fragen ein.

 

Bei einem Wettbewerb ging es um weitere dichterische Ergänzungen des Sommerliedes. Prämiert wurde die folgende Strophe:

„Der kringelige Regenwurm
kriecht durch das Gras bei Wind und Sturm
und pflügt dabei die Erde.
Der farbenfrohe Schmetterling
fliegt hin und her, ist guter Ding
und hofft, dass Sommer werde.“

Ein offenes Liedersingen schloss sich an und ließ alle beschwingt das Freizeitheim verlassen. Keine Frage, das Herz ist nun gut vorbereitet, um die „Freud’ der Sommerzeit“ zu suchen und zu erfahren.

 

Gerd-Ulrich Wanzeck

 

Trotz Regen viele Gäste beim Stötten-Tag

Die Predigt beim Stötten-Tag hielt die Donzdorfer Pfarrerin Annette Leube

Pfarrerin Annette Leube

„Geh aus mein Herz und suche Freud“

 

Liebe Festgemeinde in Stötten!

„Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerszeit!“
Ein Stück dieser Freude des Sommers, wo es draußen grünt und blüht und bunt wird, ein Stück dieser Sommerfreude haben wir eben miteinander besungen.
„Geh aus mein Herz“ – dieses Lied von Paul Gerhardt hat  viele Strophen, früher haben die Schulkinder alle fünfzehn Strophen auswendig gelernt und vielleicht gibt es unter uns auch Leute, die zum Singen dieses Liedes kein Gesangbuch brauchen.

 

Paul Gerhardt hat seine Theologie und seinen Glauben in Liedern ausgedrückt und zu Papier gebracht; das ganze Jahr hindurch kann man mit  seinen Texten singen und beten:
„Wie soll ich dich empfangen“ im Advent,
„Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben“ an Weihnachten;
in der Passionszeit  „O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn“,
am Ostermorgen dann „Auf, auf, mein Herz mit Freuden“,
und „Zieh ein zu deinen Toren“ an Pfingsten.
Im Sommer unser Lied, morgens „Die güldne Sonne, voll Freud und Wonne“ und abends zum einschlafen „Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt und Felder, es schläft die ganze Welt“.
Und wenn jemand gestorben ist, singen wir miteinander „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt; der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuss gehen kann.“

 

Eine Fülle wunderbarer Texte und Melodien!

Und doch gibt es ein Thema, das in fast allen Liedern Pauls Gerhardt besungen wird und sich wie eine Fussspur durchzieht: es geht da um den Himmel, das Paradies; fast alle Lieder von ihm enden dort im Paradiesgarten, in einer anderen, schönen, friedlichen Welt.
Warum ist das so? Er konnte sich doch am Leben hier auf der Erde ganz ungeteilt freuen  und quer durch alle Natur dichten und singen?
Mit der Beschreibung des himmlischen Paradieses will uns Paul Gerhardt von der Hoffnung erzählen, dass das Leben mit dem Tod nicht einfach zu Ende ist, sondern dass beide, tote und lebende Menschen in Gottes guten Händen Platz haben und aufgehoben sind.
Das war diesem Liederdichter ganz wichtig.

 

Paul Gerhardt verlor als Zwölfjähriger seine Mutter, zwei Jahre später starb sein Vater. Sein Bruder starb an der Pest und sein eigenes Töchterchen Anna starb, als sie gerade ein halbes Jahr alt war, später musste er noch um drei weitere tote Kinder weinen, und seine Frau Anna Maria starb früh mit 45 Jahren.
Paul Gerhardt will uns also mit dem Paradies, mit dem schönen Himmelssaal sagen: weil wir Christen an die Auferstehung glauben, weil wir glauben, dass es nach dem Tod ein neues Leben ganz bei Gott gibt, wissen wir, wie unser Gott mitten in allem Leid und aller Trauer trösten kann. Wir erfahren, wie Gott uns Kraft schenkt, die dunklen Seiten des Lebens nicht auszublenden, sondern zu ertragen und zu durchleben.

 

Und dann ist dieser Himmelsgarten nicht nur weit weg über uns drüber, sondern dann ist es so, wie wenn der Himmel auf die Erde kommt.

Singen wir miteinander diese Strophen vom Himmelszelt: Str. 9 bis 11
Die Posaunen begleiten uns mit der  Melodie aus dem alten Gesangbuch.

Zwei ganz unterschiedliche Melodien zum gleichen Text, nachher singen wir miteinander noch eine dritte Melodie und die Hymnologen zählen über 14 verschiedene Melodien zu Paul Gerhardts Sommerlied.

 

Wie kommt denn das, warum werden Menschen aus ganz verschiedenen Zeiten von diesem „Geh aus mein Herz und suche Freud“ so angesprochen, dass sie sogar neue Melodien erfinden? Viele von uns kennen die zweite Strophe von Salomonis Seide besser als die biblische Geschichte von König Salomo.
Der Tübinger Theologe Eberhard Jüngel hat kürzlich gesagt: „Gerhardts Lieder singen schon, bevor sie vertont werden!“ In der Tat hatte dieser Liederdichter ein feines Gespür für rhythmische und melodische Bewegungen und seine musikalische Sprache genügt höchsten künstlerischen Ansprüchen. Aber es gibt noch einen weiteren Grund, warum viele Menschen mit Paul Gerhardt singen und beten – auch wir heute: weil wir merken und spüren, dass seine Lieder nicht nur Freude und Fröhlichkeit und einen schönen Himmel besingen, sondern weil in seinen Liedern – so wie im Leben – auch Leid und Trauer und schlimme Erfahrungen einen Platz haben. Wir spüren, dass es ehrliche Lieder sind. Der Glaube an die Liebe Gottes hat Paul Gerhardt durch viel Leid und Kummer hindurch getragen.

 

Und das ist heute nicht anders: erst, wenn es anstrengend und schwer im Alltag wird, merken wir, ob unser Glaube, den wir sonntags besingen und bekennen, wirklich hilft und trägt.

Und doch frage ich: können wir heute, in einer Zeit, wo so Vieles aus dem Lot geraten ist und verschiedene Katastrophen uns bedrohen, wo politische Grenzen sich laufend verschieben, dass Atlanten schnell veralten, können wir da noch ungetrübt von Bienen und Bächlein, von Blumen und vom Paradies singen?
Bleiben uns angesichts der Zerstörung der Schöpfung nicht all die schönen Strophen im Halse stecken?

 

Paul Gerhardt erlebte den dreißigjährigen Krieg, der viel Leid und Elend über Europa brachte. Ganze Dörfer wurden damals ausgelöscht und verschwanden von der Landkarte, auch Gräfenheinichen, der Geburtsort Paul Gerhardts. In Deutschland lebte nach dem Krieg nur noch ein Drittel der Bevölkerung  und das Durchschnittsalter lag bei 28 Jahren.

Und in dieser Zeit hat Paul Gerhardt gedichtet und gesagt: gerade jetzt, wo so viel Schrecken und Elend unter uns ist, dürfen wir Christen nicht verzweifeln, sondern getragen von Gottes Liebe setzen wir uns mit aller Kraft dafür ein, dass mitten im Krieg etwas spürbar wird von der Hoffnung der Christen. Von der Hoffnung, dass dieser schöne Himmel hier bei uns auf der Erde beginnt: überall, wo wir einander trösten, überall, wo wir einander vergeben, überall, wo wir uns dafür einsetzen, dass die Erde eine Zukunft hat und bewohnbar bleibt, überall dort bricht der Himmel ganz nah bei uns ein Stückchen hervor.
Die Schönheit der Natur wird zum Gleichnisbild für die Herrlichkeit der ewigen Schöpfung, für das Reich Gottes.

 

Und wenn Paul Gerhardt heute leben würde, dann würden drei Strophen von „Geh aus mein Herz und suche Freud“ vielleicht so klingen:
 
Geh aus mein Herz und suche Freud,
denn du hast nicht mehr lange Zeit, dich an Natur zu laben.
Schau an der schönen Gärten Zier,
solange Blume, Baum und Tier noch Raum zum Leben haben.

Die Bäume stehen voller Laub,
doch die Chemie senkt ihren Staub herab auf Wald und Weide.
Narzissen und die Tulipan,
die weichen heut der Autobahn, im Abgas wächst Getreide.


Ich selber kann und mag nicht ruhn,
denn jeder muss das seine tun, so groß sind die Gefahren.
Ich singe mit, wenn alles singt,
voll Hoffnung, dass es uns gelingt, die Schöpfung zu bewahren.

 

Stimmen wir also mit ein,
trotzig und protestierend oder sehnsüchtig und hoffnungsvoll oder  dankbar und erfüllt,
jedenfalls zum Lobe Gottes!                                                                          
AMEN

 

Anm: gereimter Kontratext zit. aus:  M.G.Schneider und G.Vicktor, Alte Choräle – neu belebt, Lahr 1993, S. 90

Kaffeetrinken beim Stötten-Tag