Bürgerliche City-Religion in wunderschöner Verkleidung

Pfarrerin Annette Kick, Beauftragte der Landeskirche für Weltanschauungsfragen

Esoterik als Herausforderung an kirchliches Handeln

 

Die Sehnsucht, etwas Besonderes zu sein, mehr Einfluss zu haben und das eigene Leben im privaten wie im beruflichen Bereich verändern zu können, öffnet den Weg, sich auf esoterische Angebote einzulassen. Annette Kick, Beauftragte der Evangelischen Landeskirche für Weltanschauungsfragen, sprach bei der Fortbildung für die Pfarrerschaft im Kirchenbezirk Geislingen über die Esoterik als Herausforderung an kirchliches Handeln.

 

Die zwei Grundaussagen der Esoterik „Du bist etwas ganz besonderes“ und „Jetzt bist du dran“ sprächen besonders Frauen an. Diese erlebten vielfach im Alltag ihre Einflusslosigkeit, so die Referentin. Esoterik biete ihnen aber die Ermächtigung an, bei richtigem Verhalten, bei Meditation und Teilnahme an Ritualen, ihr Umfeld zu ändern. Speziell die Lebensbereiche Gesundheit oder Pädagogik hat die Esoterik als „Markt“ entdeckt. Alternative Heilmethoden werden angeboten als Antwort auf die Kritik an der Schulmedizin. Kinder mit ADHS-Problemen werden in der Esoterik als ganz besondere Kinder, so genannte Indigo-Kinder, benannt. Diese Kinder seien wiedergeborene Seelen, die sehr weise wären und sich nichts sagen ließen, denn sie hätten eine große Mission und wären ihren Mitmenschen weit voraus. Die Esoterik gebe den Eltern keine Begleitung an die Hand, um in dieser Situation zu Recht zu kommen. Speziell auf Hausfrauen ausgerichtet ist der Mondkalender. Die Esoterik werte hier die Haus- und Familienarbeit auf, binde sie in den Kosmos ein, und die Hausfrau werde dadurch „Priesterin“.

 

Esoterik gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie hat sich über die Hippie-Generation der sechziger- und der New Age-Zeit in den siebziger- und achtziger- Jahren nun zur bürgerlichen Esoterik weiterentwickelt. Das Bildungsbürgertum sei Nutzer der Esoterik. Etwa ein Viertel des Buchmarktes ist esoterisch.

 

Die Esoterik greift Lebensfragen auf und beantworte sie so, dass es den Fragenden gefalle. Es sei auch eine Szene ohne kontinuierliche Gruppenzugehörigkeit. Grundsätzlich werde gefragt: „Was bringt mich weiter?“ Dies fördere starken Egoismus, bringe Anonymität, Unverbindlichkeit und Einsamkeit. Gesellschaftliches Engagement gehe verloren. Die Bindung an die esoterischen Religionsführer werde fester, selten komme ein Ausstieg vor.

Die Dogmen und Rituale der großen Kirchen würden den Betroffenen wenig geben. Der „alte“ Glaube, so die Referentin, der mit den sperrigen Texten der Bibel umgehe, könne nicht die einfachen Antworten auf alles geben. Die Esoterik nehme jedoch religiöse Formulierungen auf und gebe durch ein pseudoreligiöses Angebot Botschaften aus der kosmischen Welt weiter. Begrifflichkeiten wie „Weg ins Licht“ sowie ein starker Engelsbezug wären signifikant.

 

Pfarrerin Annette Kick machte deutlich, dass hier ein sehr egoistischer Weg beschritten werde verbunden mit dem Auftrag: „Du bist für deine Entwicklung zuständig“. So werde auch Krankheit als persönliches Versagen gesehen.

Die Kirchen seien herausgefordert, auf die vorhandene eigene Kompetenz und Gewissheit hinzuweisen. Menschen bräuchten andere, die mit ihnen ein Stück Weg gehen. Das sei die Aufgabe der Kirche. Und zudem mache sie dies auch ohne Bezahlung.