Wer singt, geht über sich hinaus

Professor Bernhard Leube

Professor Bernhard Leube

 

Die Geschichte der evangelischen Kirche ist zugleich eine Geschichte der Kirchenmusik

 

Als in den Tagen der Reformation, so erzählt man, die Ideen dieses Wittenberger Mönches zur Reform der Kirche auch in die Stadt Lemgo gedrungen waren, entstand auf dem Rathaus eine gewisse Unruhe, denn Gerüchte schwirrten durch die Stadt, in den Gottesdiensten würden sich merkwürdige Dinge zutragen, Leute gäb’s, die wollten in der Kirche alles anders machen. Der Luther würde noch gefährlich werden, wenn man nicht aufpasste. Sicher konnte man nicht alles lassen, wie es war, aber die Sache durfte auch nicht aus dem Ruder laufen. Der Bürgermeister wollte genauer Bescheid wissen und schickte seinen Stadtschreiber in das Gotteshaus, er solle da mal nach dem Rechten sehen und ihm von diesen Umtrieben berichten. Nach geraumer Zeit kam der Schreiber wieder zurück ins Rathaus. „Und?“ fragte der Bürgermeister. „O Herr, die singen schon alle!“ antwortete der Ratsschreiber nur, und der Bürgermeister stellte lakonisch fest: „Ei, dann ist alles verloren.“ Der Mann hat etwas von Musik und ihrer Kraft verstanden! Singen ist evangelisch.

 

 

Die Reformation ist eine Singbewegung und die Geschichte der evangelischen Kirchen von Anfang an zugleich eine reiche Geschichte der Kirchenmusik. Kirchenmusik ist in der evangelischen Kirche deshalb unverzichtbar, weil die Lebendigkeit des Evangeliums an seiner Mündlichkeit hängt, an seinem Erklingen. Das Evangelium ist ein Klangereignis. Was wir gedruckt in Büchern haben, ist eine Gedächtnisstütze für unser schwaches Gehirn, das die Bibel nicht auswendig kann. Lebendig aber wird das Wort erst im Klang.

 

 

Es gibt von Luther jene berühmte Definition des Gottesdienstes, die er in der Predigt zur Einweihung der Torgauer Schlosskirche formulierte, in diesem Haus solle nichts anderes geschehen, „als dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm durch Gebet und Lobgesang.“ Das könnte man oberflächlich so deuten, als habe eben der Pfarrer oder die Pfarrerin das göttliche Wort zu sagen, und die Gemeinde antworte darauf unter anderem mit ihrem Singen. Wenn wir die Lieder Luthers aber selbst anschauen, sehen wir sofort, dass das Singen auf beiden Seiten der liturgischen Kommunikation seinen Ort hat. Viele Lieder sind Lob- und Danklieder, Klage- und Bittlieder. Wenn wir sie singen, dann loben und danken wir, klagen und bitten. Aber das ist nur die eine Seite. Geistliche Lieder sind nicht nur das eigene Wort derer, die Gott gemeinsam antworten, sondern sie sind auch das fremde Wort, das paradoxerweise in unserem eigenen Mund von außen auf uns zukommt, ja in ihnen spricht unter Umständen Gott selbst: „Er sprach zu mir: ‚Halt dich an mich, es soll dir jetzt gelingen; ich geb mich selber ganz für dich …“ (EG 341,7) Das sage nicht ich, wenn ich singe, das sagt Christus. Die letzten Strophen von Luthers „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ redet Christus. Auch Jochen Kleppers „Ja, ich will euch tragen bis zum Alter hin“ (EG 380) könnte man nennen, das ganze Lied ist pure Gottesrede nach Jesaja 46, 3.4.

 

 

Die evangelische Kirchenmusik hat auf dieser anspruchsvollen Grundlage in mehreren Jahrhunderten einen riesigen Aufschwung genommen, nicht zuletzt dadurch, dass an den großen Kirchen und Höfen auch große Musiker angestellt waren, zu deren Aufgaben die Komposition gehörte. Für alle erdenklichen Anlässe entstanden Oratorien, Kantaten, Liedsätze, Motetten, Sologesänge, Singsprüche, groß besetzt und für die kleinen Verhältnisse, Orgelmusik en miniature und im großen Stil. Kirchenmusik ist Seelenmusik und Predigtmusik, Spruch- und Evangelienmotetten machten den Chor zum Prediger und Seelsorger.

 

 

Die Grundlagen der Kirchenmusik und damit des Singens in der Kirche verstehen sich heute nicht mehr von selbst. Was das Singen in der Kirche anbelangt, sind wir heute alle vom Pietismus geprägt, denn im Singen drücken wir uns selbst aus, außerdem sind wir alle Romantiker, denn wir empfinden Singen und Musik als Sprache des Gefühls. „Was ich nicht fühlen kann, kann ich auch nicht singen“, sagt Herbert Grönemeyer. Heute tritt die Popularmusik an mit dem Anspruch, gerade in der Kirche am Musikgeschmack der jüngeren Generation anzuknüpfen, Selbstausdruck und Gefühl eine ansprechende Gestalt zu geben und die jungen Leute musikalisch zu beheimaten. „Wir müssen die Menschen doch da abholen, wo sie sind“ wird oft als Motivation genannt. Vorausgesetzt wir wissen, wo die Menschen sind, worüber man streiten könnte, habe ich manchmal den Eindruck, wir holen dann zwar die Menschen da ab, wo sie vermeintlich sind, wir gehen aber nirgendwo hin mit ihnen, drehen uns ein paar Mal, und bleiben am Ende da, wo wir angefangen haben. Dass wir im geistlichen Singen und Musizieren nicht nur wir selbst sind, sondern mehr, ist aus dem Blick geraten: geistliches Singen ist auch Rollenhandeln. Wer singt, geht immer über sich hinaus.

 

 

Das Singen der Gemeinde ist der Mutterboden aller Kirchenmusik. Wo er nicht gebildet und gepflegt wird, hängen Passionen und Motetten von Heinrich Schütz oder ein Deutsches Requiem von Brahms, hängt die Kirchenmusik, die auf weite Strecken Liedbearbeitung ist, auf die Dauer in der Luft. Die Kirchenmusik macht einen großen Teil unseres kulturellen Erbes als evangelische Kirche aus. Zwei Drittel der Orgelwerke Bachs sind Choralbearbeitungen, die zur schönen Klangsoße werden, wenn wir die zugehörigen Lieder nicht mehr assoziieren und innerlich mithören können. Es gibt heute neue geistliche Lieder in unübersehbarer Zahl, deren größter Teil dazu dient, bestimmten Milieus stets neue Klangmittel zur Darstellung ihrer selbst an die Hand zu geben. Das ist schön. Musik allerdings, die ursprünglich dazu diente, Menschen miteinander zu verbinden, dient heute weithin dazu, sie voneinander zu unterscheiden. Das kann man bedauern, es führt aber nichts an dieser Feststellung vorbei.

 

 

Bei Fulbert Steffensky lese ich den schönen Satz: „Die Kirche hat Traditionen und heilige Texte, die die Menschen davor bewahren, in der puren Gegenwart zu versinken.“ Nicht zuletzt die kirchenmusikalischen Traditionen gehören zum Reservoir unserer Identität. Wenn wir sie selbst nicht ernst nehmen, wie wollen wir erwarten, dass wir damit ernst genommen werden?

 


Der weiträumige Verlust einer gemeinsamen, generationenübergreifenden Liederkenntnis hat kürzlich zu der Initiative der „Kernliederliste“ geführt. In Württemberg und Baden wurde eine Liste von 30 Liedern und 3 Kanons erarbeitet und von beiden Kirchenleitungen allen Gemeinden empfohlen.  Inzwischen empfehlen sogar alle evangelischen Kirchen in Deutschland ihren Gemeinden die Kernliederliste zur Übernahme, um langfristig wieder auf ein gemeinsames, generationenübergreifendes Liederrepertoire zuzugehen. Die Resonanz vor allem unter Religionslehrerinnen und –lehrern ist groß. Das Singen mit Kindern im Kindergarten und in der Grundschule, in Kinderchören und im Kindergottesdienst, die langfristig überlegte und wiederholte Verwendung dieser Lieder auch im Gottesdienst wird das künftige Bild der Kirchenmusik entscheidend prägen. Nicht nur zuhören, wie andere uns Lieder vorsingen, sondern selber singen, nicht sich im Stillen ärgern, wenn Lieder unbekannt sind, sondern fragen: wo können wir sie lernen, wenn sie interessant sind, das würde ich evangelisch nennen, die Mündigkeit der Christen an ihrer Mündlichkeit festmachen und sich inhaltlich nach wie vor daran orientieren, was Luther in seiner ersten Gesangbuchvorrede schrieb, „dass Christus unser Lob und Gesang sei“, auch wenn seit der Reformation im 16. Jahrhundert einiges Wasser die Elbe hinuntergeflossen ist.

 

Prof. Bernhard Leube, Süßen
Pfarrer im Amt für Kirchenmusik, Stuttgart