Für unsere Schuld gestorben?

Pfarrer Klaus Hoof

Ein theologischer Zwischenruf

von Pfarrer Klaus Hoof

 

 

„Ach, das hat unsre Schuld und Missetat verschuldet...“, dichtete Adam Thebesius1652 in seinem Passionslied „Du großer Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen“ (EG 87). Ist es so?

Erfahrungen

 

Weinend kommt die siebenjährige Laura aus der Schule nach Hause. Die Mutter nimmt sie in den Arm: „Was ist denn passiert? Hast Du ein schlechtes Diktat geschrieben?“ „Nein,“schluchztdie Kleine, „ich bin schuld, dass Jesus ans Kreuz geschlagen worden ist.“ - „Aber Kind, wer sagt denn so was?“ – „Unser Lehrer hat uns das vorhin in Reli gesagt.“ - „Aber das hat er bestimmt nicht so gemeint!“ - „Doch, das hat er gesagt. Wir sind daran schuld, weil wir so böse Gedanken haben, weil wir lügen, weil wir uns streiten und schlimme Wörter hinter anderen her rufen.“
Krankenbesuch in der Helfenstein Klinik. Mit Blick auf das Kruzifix, das auf dem Nachttisch seines Zimmergenossen steht, sagt mir der Patient: „Wissen Sie, Herr Pfarrer, so ein blutrünstiger Gott kann mir gestohlen bleiben. Was ist das denn für ein Gott, der seinen Sohn ans Messer liefert, damit er und sein gekränkter Gerechtigkeitssinn zufriedengestellt werden?! Solche Väter haben schon immer ihren Söhnen entweder das Genick gebrochen oder ihre Seelen mit Hass vergiftet.“Und er fügt hinzu: „Ich weiß, wovon ich rede.“

Sühnopfertheologie

 

„Du großer Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen...“? Hinter dieser Auffassung stehtdie „Sühnopfertheologie“ des im Jahr 1109 verstorbenen Theologen Anselm von Canterbury. Er war der Meinung, dass Gott Mensch werden musste, um die durch die Erbsünde gefallene Menschheit wieder mit sich zu versöhnen. Sünde muss gesühnt werden, meinte er, und auf diese Sühne kann Gott um der Gerechtigkeit willen nicht verzichten. Der Mensch allerdings kann seine Schuld nicht aus eigener Kraft sühnen. Aber Gott hat den Menschen aus Liebe geschaffen und liebtihn weiter. Deshalb musste Gott selbst in Gestalt seines Sohnes Jesus Mensch werden und die nötige Sühne durch sein vergossenes Opferblut erbringen.
Diese Denkweise ist tief in die Tradition der Kirche eingedrungen. Paul Gerhardt hat ihr in seinem ergreifenden Lied „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder“ (EG 83) ein dichterisches Denkmal gesetzt. Nichtsdestoweniger gilt es aber festzuhalten, dass diese Interpretation auf zeitbedingten mittelalterlichen Vorstellungen fußt, die Gott als Feudalherren versteht, der juristische Ansprüche an seine Untertanen hat, denen Genugtuung zu leisten ist.Ich halte sie nicht für biblisch.

Wie kann man den Kreuzestod Jesu verstehen?

 

Der Kreuzestod Jesu war für das kleine Häuflein der Jesusanhänger ein Schock. Wie konnten sie verstehen, was doch nicht zu verstehen war? Ist es verwunderlich, dass sie in ihrer Verstehensnot mit Bildern aus ihrer Zeit und Tradition versuchten, das Ungeheuerliche zu deuten? Drei Beispiele von vielen:

 

•    Da war im Buch des Propheten Jesaja von dem leidenden Gottesknecht die Rede, der 600 Jahre vor Jesus gelitten hatte: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes. 53). War es Jesus nicht geradeso ergangen? War dieser leidende Gottesknecht nicht das Urbild für Jesu Schicksal?

 

•    In der damaligen Sklavenhaltergesellschaft geschah es je und dann, dass jemand auf dem Sklavenmarkt einen Sklaven „loskaufte“ und ihn frei gab. War das nicht ein treffendes Bild dafür, dass Jesus Menschen aus der Gewalt böser Mächte loskauft und zum Leben befreit?

 

•    Die ersten Jesusnachfolger waren mit dem Jerusalemer Opferkult vertraut. Ein Lamm wurde z.B. geschlachtet und geopfert, damit der das Opfer darbringende Mensch von seiner Schuld entlastet und Gott besänftigt wird. Um seinen ehemals jüdischen Lesern zu erklären, was am Kreuz geschehen ist, deutet Matthäus den Tod Jesu mit dem damaligen jüdischen Opferverständnis. Er überliefert z.B. die Einsetzungsworte des Abendmahls so: „Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden“.

 

Es fällt auf, dass die Passage „... das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden“ sowohl beiPaulus (1. Kor.11, 23-26)als auch bei Markus und Lukas fehlt. Für sie ist das Abendmahl eher ein Gemeinschafts- und Erinnerungsmahl an Jesu Leben und Tod („das tut zu meinem Gedächtnis“). Das Johannesevangelium überliefert keine Erzählung von einem Mahl, das Jesu Tod deutet. Die Sühneopferdeutung des Todes Jesu fehlt in ihm.

Abschied von Deutungen, die Glauben hindern

 

Und was sagen wir nun der weinenden Laura und dem Patienten in seinem Krankenbett, der mit einem Brutalo-Gott längst abgeschlossen hat?
Es ist höchste Zeit, dass wir den Mut aufbringen, uns als Kirche von zeitgebundenen Deutungen zu verabschieden, die dem Glauben an einen liebenden Gott heute im Wege stehen. Wir sollten uns auf die Suche nach Bildern und Deutungen machen, die uns und unseren Zeitgenossen helfen, den Tod Jesu am Kreuz zu verstehen.

Das Gottesbild Jesu – Schlüssel für das Verstehen des Kreuzes

 

Es gilt neu auf das Leben und Reden Jesu zu sehen. Wenn wir darauf achten, wie er von und mit Gott geredet hat, stellen wir unschwer fest, dass zwischen einem Genugtuung fordernden Vater-Gott und dem Gott, den Jesus in der liebevoll-vertrauten, aramäisch-umgangssprachlichen Form als „Abba“ (im Deutschen am ehesten mit „Papa“ wiederzugeben) anspricht, unüberbrückbare Abgründeklaffen. Jesus selbst spricht Gott an – und er lädt seine Jünger ebenso dazu ein – mit einem „Urwort des Vertrauens, mit einem der beiden ersten Worte, die der Mensch sagen lernt, wenn er sich der bergenden, liebenden Gegenwart von Mutter und Vater bewusst wird“ (Körner, S. 70).

Von einem solchen Gott zu hören, zu erleben, wie dieser Gott der Liebe in den Begegnungen Jesu mit den Menschen erfahrbar wurde, das war für viele eine Befreiung. Sie spürten, wie da ein neuer Geist in ihr Leben und in die Welt gekommen war. Sie erfuhren Heilung von ihren Ängsten, Erlösung aus knechtenden, religiösen Strukturen, Befreiung von einem strafenden Richtergott.

 

Für andere wurde Jesus durch seine Art von Gott zu reden und dementsprechend zu handeln zum Ketzer.Die einflussreichen Berufsstände, die von und für den Tempelkult lebten, spürten die Gefahr für die althergebrachte Gottesverehrung im Opferkult und für ihre Macht. Für sie war klar: „Es ist besser, dass ein Mensch stirbt, als dass das ganze Volk verderbe“ (Joh. 11,49). Das hat Jesus ans Kreuz gebracht und nicht ein Sühne verlangender Gott-Vater oder gar ein Schulkind, das einem anderen ein Schimpfwort hinterherruft!

Kruzifix Stadtkirche Geislingen

Das Kreuz - Gott bei den Leidenden

 

Der drohende Tod und sein Sterben haben Jesus nicht von seinem Vertrauen in die Liebe seines „Abba“ abgebracht. Am Kreuz hängend betet er mit Blick auf seine Henker: „Abba, vergib ihnen, sie wissen nicht was sie tun“. Und er stirbt mit den Worten: „Abba, in deine Hände befehle ich meinen Geist“. Und so ist er den Leidenden und Sterbenden aller Zeiten nahe gekommen. Sein Tod am Kreuz zeigt: Gott ist auch im Leiden und Sterben bei uns. „Er wird zum Vorausgänger für die, die ‚ihm durch viele Drangsale nachfolgen‘(Apg. 14,22)“ (Zink, S.321).Darin vor allem liegt die Bedeutung seines Todes. Er „leistet nicht irgendeine Sühne, er geht vielmehr vor uns her und macht uns den Weg frei“ (Zink, ebd.).

Unsere Schuld – durchschaut und „durchliebt“

 

Jesus hat schon in seinem Erdenleben Menschen vollmächtig Vergebung zugesprochen!Was könnte sein Tod darüber hinaus noch mehr bewirken?! „Wer Gott um Vergebung bittet, wird sie bekommen und kann sie weitergeben an andere. Für diese Botschaft hat Jesus gelebt und sich umbringen lassen“ (Jörns, S. 23). Er hat „jeden einzelnen Menschen so angeschaut, dass er sich nicht nur ganz und gar durchschaut, sondern – wenn dieser Ausdruck erlaubt ist – auch ganz und gar ‚durchliebt‘ wusste“ (Menke, S. 102).
Lukas erzählt, was Petrus durch dieses Anschauen erlebt. Im Palast des Hohenpriesters hat er den gefangenen Jesus dreimal verleugnet. „Und der Herr wandte sich um und sah Petrus an. Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich“ (Luk. 22, 61.62) – durchschaut und durchliebt.

 

Ganz ähnlich erging es einer Frau unserer Tage. Sie erzählt: „Wenn ich mit Gott redete, hatte ich immer das unangenehme Gefühl, er wolle, dass ich ihm in die Augen sah. Doch ich sah immer weg, denn ich hatte Angst, dort einen Vorwurf zu finden wegen irgendeiner noch nicht bereuten Sünde. Ich dachte, irgendetwas wollte er wohl von mir. Eines Tages fasste ich Mut und blickte ihn an! Da war kein Vorwurf. Da war keine Forderung. Die Augen sagten nur: Ich liebe Dich. Ich blickte lange in diese Augen, forschend blickte ich in sie hinein. Doch die einzige Botschaft lautete: Ich liebe dich. Und ich ging hinaus und wie Petrus weinte ich“(Körner, S. 193).

Solche Erfahrungen mit einem liebenden Gott zu erzählen, das brauchen wir heute!

Pfarrer Klaus Hoof 

Bis zu seiner Pensionierung war er Klinikpfarrer an der Helfenstein-Klinik Geislingen

 

Zitierte Literatur:
Reinhard Körner, Das Vaterunser, Leipzig 2009
Karl-Heinz Menke, Handelt Gott, wenn ich ihn bitte? Regensburg 2000
Klaus-Peter Jörns; Abschied vom Sühneopfer, in: Für uns gestorben, Themenheft des Evang. Gemeindeblattes für Württemberg
Jörg Zink, Jesus, Stuttgart 2008