Worauf hofft die Kirche?

Prälatin Gabriele Wulz

Interview mit Prälatin Gabriele Wulz, Ulm

 

„Worauf hofft die Kirche?“ fragen wir Prälatin Gabriele Wulz. Sie antwortet: „Auf ihren Herrn.“ Die Antwort auf diese Frage falle ihr jedoch nicht leicht, sagt sie. Denn innerhalb der Württembergischen Evangelischen Landeskirche gebe es sowohl Hoffnung als auch Hoffnungslosigkeit. Insofern könne es auch nur differenzierte Antworten geben.

 

Sehen, was es alles gibt

 

Prälatin Wulz kennt die Situationen der Kirchengemeinden vor allem aus den Vorgängen bei Wiederbesetzungen der Pfarrstellen. Sie erlebt, dass sich die Hoffnungen der Kirchengemeinderäte darauf bezögen, die bisherige gute Arbeit vor Ort weiter zu führen bzw. weniger gute Arbeit zu beenden und neue Impulse zu gegeben. Hoffnungen und Enttäuschungen hätten sehr stark damit zu tun, so die Prälatin, wie die Wirklichkeit wahrgenommen werde. Es ergebe eine Spirale nach unten, wenn nur Fehler und Defizite gesehen würden. Hier hieße es, die Augen aufzumachen und hinzuschauen, was es alles gebe. Immer wieder spricht die Prälatin von der Gelassenheit gegenüber den Geschehnissen und den Menschen. Es herrsche in der Kirche leider die Kultur, begierig auf Fehler und Versäumnisse zu schauen. Zu wenig werde das gesehen, was gut läuft. Es entspräche mehr dem eigenen theologischen Anspruch, den aktuellen Zustand nicht als unveränderbar zu betrachten. Zustände und Menschen dürften und könnten sich ändern.

 

Mehr Gelassenheit und Gottvertrauen

 

Gabriele Wulz begründet ihren Aufruf zur Gelassenheit mit den menschlichen und geistlichen Erfahrungen, die in den biblischen Psalmen festgehalten sind. „Dort wird immer wieder beschrieben, wie sich die Situation der Menschen tragisch zuspitzt und wie oft plötzlich und unvermittelt eine Wende zum Guten eintritt. Das ist für mich eine menschliche Grunderfahrung, an die ich stärker anknüpfen möchte. Deshalb rate ich, verbal abzurüsten, wenn schwierige Situationen beschrieben werden. Dort soll eine gewisse Verhältnismäßigkeit gewahrt werden. Verhältnislosigkeit ist Ausdruck einer unchristlichen Arroganz. Deshalb rate ich auch zum Gottvertrauen. Wir Menschen können nicht den Ausverkauf und das Ende der Kirche beschließen“, so die Prälatin.

 

Hoffnung statt Gleichgültigkeit

 

Hoffen bedeute nicht nur, dass es schon irgendwie wieder werde. Hoffen sei sehr aktiv, dynamisch und erwartungsstark. Hoffnung werde vom Osterglauben geprägt. Deshalb lege sich die Hoffnung mit den Todesmächten im Leben des Einzelnen und in der Gesellschaft an, wo Leben vorenthalten und abgeschnitten werde.

 

Der Glaube spielt nicht mehr die Rolle im Leben, die er früher einmal hatte. Trotzdem gelte es, das Hoffen wach zu halten. Wenn das Hoffen einroste, könne es keine Widerstandskraft geben. Anfechtung und Zweifel gehörten zum Leben dazu. Wichtig sei, sich dauernd mit dem auseinander zu setzen, was uns selbst und dem Glauben widerstrebe. Das brauche Übung, eine Sprache, Texte, Bilder, Symbole. Diese eröffnen die Möglichkeit, das Leben symbolisch zu verstehen und zu deuten. Sie lassen teilhaben an etwas, das vor uns da war und das nach uns auch noch existieren wird. Die Menschen würden verarmen, wenn sie zu solchen Bildern und Symbolen keinen Zugang mehr bekämen und nur noch auf das Leben im Hier und Jetzt verwiesen wären. Viele Menschen seien über Bilder und Symbole mit der Kirche verbunden und darauf nicht nur in Notlagen ansprechbar.

 

Hoffnung im Alltag

 

Die Bedeutung der Kirche im öffentlichen Leben sei zwar zurückgegangen, dennoch nehme die Kirche bei Umfragen nach den Institutionen, denen man vertrauen könne, einen guten Platz ein. Sehr viele Menschen würden nach wie vor der Kirche vertrauen. Das treffe vor allem in Notlagen zu, wenn Hilfe gesucht werde. Da sei es durchaus auch das Pfarrhaus, das aufgesucht werde.

Für die Prälatin ist das Pfarrhaus immer noch ein öffentliches Haus, auch wenn es manchmal wie ein Relikt aus früheren Zeiten betrachtet werde. Da ist jemand, der Zeit hat, zuhört und hilft. Der Pfarrer, die Pfarrerin ist nicht Teil des sozialen Systems und ist doch öffentlich ansprechbar. Da könne man in Notlagen auch samstags abends anrufen. Natürlich sei die Gefahr groß, einen Ratsuchenden zu enttäuschen. Und leider hielten erfahrene Enttäuschungen viel länger vor als hilfreiche Begegnungen. Trotzdem überwiegen für die Prälatin eindeutig die positiven Erlebnisse und die gelingende seelsorgerliche Begleitung.

 

Seelsorgerliche Präsenz und alltagsorientierte Begleitung sieht sie nicht nur im Pfarramt, sondern auch in den vielen übergemeindlichen Diensten, wie in der Krankenhausseelsorge oder Notfallseelsorge. Auch in der Akademie Bad Boll sieht sie eine gute Plattform, um vor allem in Zeiten knapper werdender Gelder gesellschaftlich notwendige Diskussionen zu führen. Wichtig ist ihr, dass die Strukturen, Schwerpunkte und Verhältnisse stimmen. Einerseits ist es nötig, Neues auszuprobieren, etwa in der Jugendarbeit. Andererseits stellt sich dabei die Frage nach der Rückbindung in die Kirchengemeinde und dem Verhältnis zu den anderen Bereichen kirchlicher Arbeit.

Kleine und große Hoffnungsgeschichten

 

Ihre persönlichen Hoffnungen als unbeirrte Repräsentantin der Kirche reichen von einmal ausschlafen können bis zur Freude auf das Reich Gottes. Darin möchte sie ihre kleinen und großen Hoffnungen wie Verzweiflungen unterbringen. Sie knüpft an die Hoffnungen der Bibel an, an Jona und Ruth, die gegen alle Wahrscheinlichkeit eine völlige Veränderung ihrer Lebenswirklichkeit erfuhren. Die stärkste biblische Hoffnung, betont sie, geht von den Ostergeschichten aus. Sie sind alle nicht triumphal, eher verstört und schüchtern. Sie knüpfen an die bisherige Geschichte an und sprechen eine neue Beauftragung aus. Die Schöpfungsgeschichte und vor allem die Sintflutgeschichte bringen für Prälatin Wulz die Hoffung zum Ausdruck, dass die Welt bewahrt bleibt und nicht dem Tod und der Zerstörung ausgeliefert wird. Das holt begrabene Hoffnungen hervor und lässt Menschen handlungsfähig sein.