Pfarrerin Susanne Jutz verstorben

Jesus Christus spricht: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. (Offenbarung 1, 17, ff)


Der Evangelische Kirchenbezirk trauert um

Pfarrerin Susanne Jutz
24. April 1963 – 25. August 2015

Susanne Jutz war Pfarrerin in Bad Überkingen von 1996 bis 2009. Nach ihrer Verheiratung mit Pfarrer Georg Braunmüller kehrte sie 2014 in den Kirchenbezirk zurück. Engagiert nahm sie ihren Dienstauftrag mit Gottesdiensten, Seelsorge und Beiträgen für die Kirchenbezirks-Zeitung und den Geislinger Gemeindebrief wahr. Besonders am Herzen lag ihr die Kinder- und Jugendarbeit. Als Pfarrerin für Kindergottesdienste wirkte sie in die Kirchengemeinden des Kirchenbezirks hinein. Gottesdienste zu gestalten und mitzufeiern war im Zentrum ihres Lebens. Auch in der Zeit ihrer schweren Krankheit lebte sie ihren Glauben.

Möge sie nun schauen, was sie geglaubt hat.

Wir trauern mit ihrem Ehemann und ihrer Familie.

Für den Evangelischen Kirchenbezirk Geislingen
Dekan Martin Elsässer


Predigt zur Trauerfeier für Susanne Jutz am 1. September 2015 in der Evang. Peter- und Paulskirche in Unterböhringen

Lieber Georg Braunmüller, liebe Familie Jutz, liebe Trauergemeinde,

es ist das Erste, was aus allen Reaktionen kam auf die Nachricht vom Tod Ihrer Frau, Ihrer Tochter, Ihrer Schwester, unserer Kollegin Susanne Jutz: Dies zweifelnde, betroffene „das kann doch nicht schon jetzt geschehen sein, sie war doch erst noch dabei…“

 

Ja, das war sie, wir alle hier haben es so erlebt in den Begegnungen, im Gespräch, im Gottesdienst mit ihr. Wir wussten um die schwere onkologische Erkrankung, die seit Monaten auf ihr, in ihr lastete, die Untersuchungen, Behandlungen, Krankenhaus- und Reha-Zeiten von ihr forderten, die Erfahrungen der Hoffnung und Daten der Gefahr bedeuteten.


Zeiten, in denen ihr Wunsch wieder ganz mitwirken zu können als Pfarrerin im Bezirk, immer zu spüren und zu hören war, sie jedoch zugleich mit allen Kräften von ihrer Krankheit beansprucht war. Zeiten des inneren Ringens um die nächsten Schritte, im Vertrauen auf die Einfühlung und liebevolle Begleitung des Ehemanns, die Stärkung durch die Familie, den Zuspruch von freundschaftlich verbundenen Menschen.


Und da war in all dem ihre persönliche, ehrliche, überlegte Weise, eindrücklich und auch in beschwerten Situationen von einer Lebenszugewandtheit, die von weit innen kommt.
In den hellen und warmen Wochen dieses Sommers haben Sie beide und auch Sie als Familie dafür gute Stunden, Unternehmungen und Erlebnisse gefunden und geteilt. Und Sie haben sich die Zeit genommen um miteinander zu sprechen, auch wo es schwer gefallen ist.

Denn es sollte für sie nicht viel im Unklaren, im Vermuten bleiben von dem, was sie im Herzen bewegte. So konnte sie sich und Ihnen Raum öffnen für Freude am Leben in allem Leid.


Im biblischen Wort aus der Mitte des Johannesevangeliums, das Sie über Ihre Traueranzeige gestellt haben, kommt uns die Quelle dafür entgegen:

„Christus spricht: Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen.“

 

Die Intensität des Lebens ist entscheidend – ach, das sagen wir als Trost, wenn die Lebensjahre zu kurz sind – doch es ist nicht falsch, wir haben miteinander davon gesprochen.

Davon, dass darin etwas volles, genügendes liegt und aufscheint und nicht das „hätte noch“ und „wäre noch“ die Gedanken aufreibt.

Unsere Fragen, unsere Trauer werden nicht kleiner deshalb, wir stellen sie aber mit Ihnen, den Angehörigen, in einen gemeinsamen Horizont. Diesen Horizont spannt das Buch der Offenbarung aus, aus dessen Anfang der Denkspruch stammt, der Susanne Jutz in der Taufe, zur Konfirmation, in ihrem Lebensweg begleitete und uns heute zugesprochen ist:


Offenbarung 1, Verse 17 und 18: „Christus spricht: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige.“  Und weiter heißt es: „Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“



Aus der sogenannten Berufungsvision des Johannes hören wir diesen umfassenden Zuspruch, in dem der ewige Gott und Christus ganz in Eins gesetzt sind. Dieser Zuspruch beginnt mit dem biblischen Hauptsatz „Fürchte dich nicht!“
Das ist die Botschaft der Engel, der Boten, die Himmel und Erde verbinden. Sie ist zu hören,  wenn Gott aus seiner geheimnisvollen Liebe neu Leben schafft wie bei den Hirten auf ihrem dunklen Alltagsfeld vor Bethlehem „Fürchtet euch nicht!“ Sie ist zu hören, wenn Gott in seiner geheimnisvollen Kraft durch den Tod hindurch führt und Leben wandelt, wie es die Frauen am Ostermorgen am Grab vernehmen „Fürchtet euch nicht!“ Immer ist es aber auch eine Situation des menschlichen Erschreckens, in die hinein es gesagt ist, des Erschreckens
über die Macht des Todes, des Erschreckens über die Macht der Mächtigen in dieser Welt und über die menschliche Ohnmacht.


Das „Fürchte dich nicht!“ braucht einen Grund, es hat einen Grund: Jesus Christus selbst, der dem Tod ausgeliefert war, aber nicht in ihm gefangen blieb:
„Ich habe die Schlüssel des Todes.“


Wir habe die Schlüssel zu den Gedanken, zu manchen Fähigkeiten, auch zu den Herzen von Menschen. Susanne Jutz hatte mit ihren Gaben in Sprache und Kreativität wahrlich Türen öffnende Schlüssel zu Menschen, in ihren Gemeinden, unter Kolleginnen und Kollegen, kostbare Schlüssel um Räume des Glaubens und des Kirche seins aufzutun und mit Leben zu füllen.


Die Tür des eigenen Lebens aber haben wir nicht in unserem Schlüsselbund. Im alten Bild der Offenbarung kommt zum Ausdruck, dass Tod und Totenherrscher ihre Schlüssel abgeben mussten, ihre letzte Schlüsselgewalt verloren haben, das Totenreich nicht mehr abschließen können. „Ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit“, hört Johannes von Christus.


Religiöse Sprache ist keine neutrale Feststellung, mit der erklärt wird, wie alles ist und zusammenhängt. Es ist keine widerspruchsfreie Beschreibung. Sie ist ein Sehnen und ein Schrei nach Leben, eine Klage über die schmerzenden Rätsel. Sie macht den Menschen kenntlich in seinem Schrecken und an seine Grenzen, in seinem Glück und seiner Freude.
Sie ist eine Sprache des Trostes, nicht der Vertröstung – der Hoffnung, nicht des Schicksals.
Eine bergende Sprache ist sie, eine für das Gefühl offene und Bilder suchende wie die Paul Gerhardts, die Susanne Jutz so sehr schätzte und in der sie sich so oft wiederfand.


Eine Sprache, die es wagt zusammenzusagen, was so oft in unserer Welt, in unserem Leben auseinanderfällt.


In ihrer letzten Predigt am 12. Juli hat sie unter anderem dies gesagt zur Auslegung von Matthäus 28:
„Ist das nicht eine wunderbare Entdeckung?
  Dass der Anfang und das Ende
  miteinander verbunden sind
  und verschlungen sind
  vom Bund einer ganz großen Liebe?
  Einer Liebe, die Gott schenkt.
  Und ist das nicht unser Leben, auch unser Glaube,
  dass es sich vollzieht
  zwischen Vertrauen und Verunsicherung,
  zwischen Hoffnung und Verzweiflung auch,
  zwischen Neubeginn und Zuendegehen…
  aber dass wir gerade dadurch wachsen
  und erfahrener werden?“


Susanne Margrit Jutz wurde am 24. April 1963 in Stuttgart geboren. Ihre Kindheit und Jugend erlebte sie in Neckargartach bei Heilbronn, in einer Pfarrfamilie als Älteste mit drei Brüdern und einer Schwester. Von einem fröhlichen, aus den Augen strahlenden Kind haben Sie als Mutter und Familie erzählt, aber auch von den gesundheitlichen Problemen schon als Kind, mit der ersten von später mehreren Operationen, von der nicht so großen
Belastbarkeit.


Die Arbeit mit Kindern gehörte bald zu ihren besonderen Neigungen, auch ein einjähriges Kindergarten-Vorpraktikum steht – noch vor dem Theologiestudium – in ihrem Ausbildungsbogen.

Der Vorbereitungsdienst im Vikariat führte sie nach Schramberg im Schwarzwald, die unständige Stelle danach nach Weiler-Eichelberg ins Dekanat Weinsberg.
Motiviert aus diesen Erfahrungen kam sie 1996 auf ihre erste ständige Pfarrstelle nach Bad Überkingen. Es wurden 13 gefüllte Jahre. Viele unter Ihnen haben darin Wichtiges und Schönes mit ihr geteilt und erlebt. Ihre Freude an der Gestaltung von Gottesdiensten, die Sorgfalt und große Begabung im Verkündigen und im Schreiben, wie für die Kirchenbezirks-Zeitung, zu deren Redaktionsteam sie gehörte, ihren Einsatz für die Seelsorge, für die Kinder-
und Jugendarbeit, Kinderkirchpfarrerin für den Kirchenbezirk war sie, gab Anstöße in die Gemeinden hinein. Der Religionsunterricht und die Mitwirkung bei Prüfungs-Lehrproben hatte einen hohen Stellenwert in ihrer Arbeit, auch für die übergemeindliche Zusammenarbeit setzte sie sich im Distrikt, im Kirchenbezirksausschuss ein, nicht zuletzt für die Entstehung der Gesamtkirchengemeinde. Aber auch die Fähigkeit für kreatives Gestalten im Beruf und die Freude am Garten, den Blumen, am Kochen hat sie gelebt.


Freundschaften sind entstanden in jener Zeit und die Partnerschaft, die in Ihrer Liebe zueinander sie vor knapp 3 Jahren zur Heirat in Ihrem Heimatort Berghülen geführt hat.


Der Aufbruch in die Gemeinde in der Großstadt, Bad Cannstatt Stephanus, folgte für Ihre Frau vom Frühjahr 2009 an. Als die gesundheitlichen Belastungen ihr wieder vermehrt zusetzten, ist sie zurückgekehrt in den Kirchenbezirk Geislingen, mit einem reduzierten Dienstauftrag, doch ganz in das gemeinsame Leben hier in Unterböhringen, und wo es ihr möglich war in die Dienstgemeinschaft der Ordinierten, die ihr viel bedeutete.


Wir im Kirchenbezirk Geislingen, als Kollegenschaft und als Mitarbeitende, und auch die Evangelische Landeskirche mit ihrer Kirchenleitung sind Susanne Jutz von Herzen dankbar für ihren Einsatz, ihren Dienst und ihr persönliches Wirken.
Wir hätten sie sehr gerne als Kollegin weiter unter uns gehabt. Ihre Krankheit hat das schon seit letztem Jahr nur noch sporadisch zugelassen, umso wichtiger war für sie Ihrer beider Einverständnis und aufeinander Eingehen, Ihr Gespür für schwierige Situationen, aber auch für das , was Ihnen beiden gut tat, wie das Hinausfahren mit dem Fahrrad, wie das im Glauben gemeinsam Worte finden. Sie konnte sich selber, ihren Beziehungen zu den ihr nahen Menschen, ihren theologischen Gedanken, ihrem Vertrauen, ihren Entscheidungen bis zuletzt Sprache geben.


So sei es erlaubt mit ihren Worten zu schließen, aus dem „Impuls“, den sie für die aktuelle Kirchenbezirkszeitung verfasst hat:


„Du siehst und erkennst mich.
  So heißt es in der Bibel von Gott.
  Und von Menschen, die sich nahe sind.
  Kein beobachtendes, abschätzendes,
  fixierendes Sehen,
  mit dem das Auge die Dinge zu Objekten macht.
  Kein kühler Blick, der auf Distanz hält.
  Vielmehr Liebe scheint auf in solchem Blick.
  Sich in solcher Liebe bergen,
  wunderbar ist das:
  Ich brauche keine Angst haben,
  verlassen zu sein,
  verloren zu gehen.
  Und der andere neben mir
  auch nicht.“

Möge es ihr nun ganz gelten und sie umfangen:
„Christus spricht: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige!“ Amen.


Dekan Martin Elsässer




Biblische Texte:
Psalm 139
Johannes 20, 11 – 18

Lieder:
Meinem Gott gehört die Welt
Da wohnt ein Sehnen tief in uns
Auf, auf, mein Herz
In dir ist Freude
Meine Zeit steht in deinen Händen
Christ ist erstanden (am Grab)