
KMD Klumpp, Pfarrer Crüsemann, Rundfunkpfarrerin Panzer, Dekanin Hühn, KGR Beck (v.l.).
Als das öffentlich war, wurde wunderbarerweise der Erfolg des Evangeliums befördert: Denn nun gewinnen auch andere Gemeindeglieder den Mut, ohne Scheu von Christus und von seiner Liebe zu predigen. Der Bote ist verhaftet, aber die Botschaft blieb frei. Wunderbar! Paulus freut sich.
Aber gleich nutzen die Gegner die Gelegenheit, um Boden zu gewinnen. Nun können sie in der Gemeinde handeln, wie sie wollen. Sie predigen Christus so wie ihn sie verstehen - aus Rivalität zu Paulus. Nicht wie die andern aus Liebe zu ihm. Sie wollen ihn kränken und seinen Kummer vergrößern. Es könnte wirklich so aussehen als sei Paulus gescheitert.
Aber er verzweifelt nicht, sondern gibt auch noch den Philippern Anteil an seiner Gelassenheit: "Was tut`s ?" schreibt er, "Was ist schon dabei? Es kommt allein darauf an, dass Christus verkündigt wird, wie auch immer – ob mit Hintergedanken oder aus Treue." Paulus lässt es zu, und er freut sich sogar über seine Gegner. Eine erstaunliche Freiheit von sich selber! Wie ist es bei uns?
Da wird zu "Pro Christ" eingeladen, weil die Pfarrer nicht "gläubig" genug sind. Und Andere behaupten, dass nur bei ihnen das Evangelium recht gepredigt wird. Diese Rivalität darum, wer den wahren Glauben hat, macht mich traurig. Dann wünsche ich mir, so gelassen wie Paulus sagen könnten: "Egal, wenn nur Christus verkündigt wird."
Ach, wenn doch auch in unserer Gemeinde Christus das Zentrum wäre und alles andere zweitrangig! Die Freiheit von kleinlichem Rivalisieren macht Freude möglich.
(Kammerchor: Jesu meine Freude, EG 396, 1 und 2)
Dass seine Gefangenschaft dem Erfolg der Botschaft keinen Abbruch tut, das, macht Paulus von Herzen froh. Wieder einmal wird deutlich: Für ihn ist Christus ist das Zentrum – der Gemeinde und seines Lebens. Wenn Paulus auch nicht weiß, wie seine Gefangenschaft ausgehen wird, seine Freude kann ihm niemand rauben. Er tröstet sich mit dem Schicksal des Hiob:"es wird mir zum Heil ausgehen", letztlich wird es gut werden mit mir – was auch immer kommt. Er hofft und vertraut darauf, nicht "zuschanden" zu werden. Gutes und Böses – beides nimmt er aus Gottes Hand. Geht das? Freud und Leid aus Gottes Händen nehmen? Die Kündigung, die Trennung, die Verzweiflung? Ein verwegener Gedanke. Alles sträubt sich zunächst in mir dagegen. Aber – er ist auch tröstlich
Schon oft in seinem abenteuerlichen Leben als "Botschafter an Christi Statt" wurde Paulus verprügelt, misshandelt, gesteinigt, ins Gefängnis geworfen. Mehr als einmal ertrug er als vermeintlicher Ketzer die synagogale Strafe von 39 Geißelhieben. Er hat Schiffbruch erlitten, Hunger, Durst, Kälte, Mangel ertragen. In all dem fühlte er sich dem leidenden und gekreuzigten Christus besonders nah , ja geradezu christusähnlich. "Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir" sagt er oft.
Ganz körperlich, physisch fühlte er sich Christus verbunden, sodass er der Auffassung ist, dass Christus geradezu "an seinem Leibe verherrlicht" werde.
Ob er am Leben bleibt oder ob er die Todesstrafe wird erleiden müssen, er kann "Ja" sagen, zu dem, was kommt. Beides dient der Verherrlichung Christi. "Christus ist sein Leben, Sterben ist sein Gewinn." (Phil. 1, 21)
Stoischer Gleichmut dem Leben wie dem Sterben gegenüber? Nein - das ist freudige Gelassenheit, die er nur hat, weil er sich ganz auf seinen Herrn Jesus Christus verlässt.
"Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben … uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn." Und der hält ihn. In allem was da kommen mag. Das macht ihn so unbefangen dem Sterben gegenüber. Der Tod schreckt ihn nicht, deshalb kann er unerschrocken sein. Aus einem sibirischen Zwangsarbeiterlager schrieb 1849 der Dichter Dostojewski an seinen Bruder:
"Wir werden in Ketten sein, und wir werden keinen freien Willen haben. Aber dann, in unserem Leid, werden wir von neuem zur Freude auferstehen, zur Freude, ohne die es dem Menschen unmöglich ist zu leben."
Auferstehen zur Freude, das ist das Geheimnis. Auferstehen, durch den Tod hindurch, nicht über ihn hinweg, durch die Täler der Angst und der Verzweiflung hindurch.
Dann kann sich Leid in Freude verwandeln. Nicht einfach so. Es braucht Zeit, bis die Trauergeister weichen und der Freudenmeister eintritt.
(Kammerchor: Jesu meine Freude, EG 396, 3 und 6)
1945: Ein 39-jähriger Mann sagt auf dem Weg zum Galgen:
"Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens."
Er hat den Tod nicht herbei gesehnt, er hatte mit ihm gekämpft, er hätte ihn gern weit hinaus geschoben, er wäre gerne noch weiter tätig gewesen, voll im Leben stehend. Wie kann ein kluger, politisch aktiver, über Gott nachdenkender Mensch wie Dietrich Bonhoeffer im Anblick des Todes sagen:
"Das ist der Beginn?!"
Ist damit das Leben vorher entwertet? Die Arbeit, die ihm am Herzen lag, die Liebe, die er empfand?
Nein! Denn es ist keine Todessehnsucht. Es ist keine Flucht aus irgendeiner Seelennot, keine Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber. Es ist das Ja zu dem - in diesem Falle – unausweichlichen Tod. Ein wahrscheinlich in langen Kämpfen errungenes Ja, aber ein freies Ja. Er hat den Tod nicht angestrebt, aber in Kauf genommen – als Konsequenz der Nachfolge. Einverstanden-Sein mit dem eigenen Sterben – das hat man nicht einfach zur Hand, das ist erkämpft.
Und erst danach, nach dem Kampf, kann einer dichten:
"Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand." (EG 65,4)
Da kommen Einwände:
Wer kann das heutzutage noch so leicht wie Paulus sagen: Sterben ist mein Gewinn? Oder: Tod? – der Beginn des Lebens! Für mich ist Leben und Sterben nicht gleich viel wert. Wichtig ist vor allem, dass es ein Leben vor dem Tod gibt. Wir sind diesseitiger geworden, lebensorientierter.
Der Tod ist für die meisten von uns nicht der Beginn des "wirklichen Lebens", sondern das Ende des Vertrauten. Der Tod ist unbekannt, befremdlich, fern.
Aber auch Paulus hat es ja nicht leicht gesagt.
Früher zur Zeit der Urkirche, gab es möglicherweise Menschen, die als Martyrium den Tod herbeisehnten. Heute wird der Tod in der Regel nicht herbeigesehnt. Vielleicht von Schwerkranken oder hochdepressiven Menschen. Der Tod ist uns fremd, unser Feind. Und doch gibt es das: Einverstanden Sein mit dem eigenen Sterben.
Nicht nur bei Dietrich Bonhoeffer auf dem Weg zum Galgen, sondern auch in anderen Lebenslagen:
Ein Kollege – erkrankt auf der Höhe seines Lebens- stimmt dem Tod zu. Heiter, mit ruhigem Lächeln, sagt er "Ich bin sehr neugierig".
Solche Sätze taugen nicht als Beweis für die Existenz eines Jenseits, eines Lebens nach dem Tode. Es sind individuelle Sätze. Ganz individuelle! Man kann sie sich nicht zurechtlegen und dann parat haben für den Fall der Fälle. Sie gehören allein denen, die sie sagen können. Aber sie legen einen Hauch von Hoffnung über unsere Lebenstage, sehr leicht, fast durchsichtig, aber auch wieder fest und zuversichtlich.
"Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land? Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen?" Vom Zweifel taste ich mich zur Gewissheit, vom Leid zur Freude.
Die Hoffnung heißt: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes. Und die Gewissheit sagt: Ich kann nicht tiefer fallen als einer großen Liebe in die Hände.
Mit diesen oder ähnlichen Sätzen kann ich es ausdrücken. Das ist Auferstehung zur Freude.
Glaube an die Auferstehung Christi meint im Grunde genau dies: Der Tod ist nicht das Ende der Beziehung, die Gott zu uns haben kann. Auch im Tode, im Dunkel, in der Verzweiflung bin ich in Gott geborgen. "In Christus sein", heißt das bei Paulus. Und das endet nicht. Nie!
Solche Zuversicht im Glauben kann mein Leben so bestimmen, dass ich sie aller Angst, allem Zweifel, aller Unruhe entgegenhalten kann. Als Christ glaube ich, dass ich eine Zukunft habe, auch wenn der Tod nahe ist. Und das macht mich geheimnisvoll unerschrocken dem Tode gegenüber. Ich muss dann den Tod nicht mehr vermeiden: ich kann auf Beerdigungen gehen, kann Sterbende besuchen, in der Hospizgruppe mitarbeiten.
Leiden ist schwer, und bei einem Leidenden aushalten ist schwer. Es braucht jene Freiheit von sich selbst wie sie bei Paulus spürbar ist. "Bei Christus sein" das kann zur Beschreibung unseres Lebens werden. Er trägt uns und gibt uns Kraft - täglich - und hilft uns zu leben, und wir "verherrlichen" ihn damit. Wir werden dann tun können, was getan werden muss:
die mutige Tat der Nächstenliebe,
die gewissenhafte Pflicht des Alltags,
das Erleiden des Schicksals.
Wir werden Jesus Christus unsere Kompromisse, unsere Feigheit und unsere Müdigkeit klagen, und wir werden seine Nähe spüren. Wir werden nicht aufhören, ihn anzurufen, und er wird mit uns gehen. So ist er! Das ist "herrlich"! So wird er verherrlicht in unserem Leben.
So geschieht Auferstehung zur Freude.
Wir müssen nicht im Gefängnis sitzen, um das erleben zu können.
Amen
ev.dekanat.geislingen@t-online.de