
Die Kanzel in der Geislinger Stadtkirche
Wie Pfarrerinnen und Pfarrern predigen lernen
Für viele ist die Predigt nach wie vor das Herzstück jedes Gottesdienstes; meiner Meinung nach qualifiziert sie geradezu unsere evangelischen Gottesdienste. So ist die Predigt noch immer das entscheidende Kennzeichen des evangelischen Gottesdienstes. Schon rein zeitlich beansprucht sie ja etwa ein Drittel des Gottesdienstgeschehens!
Aber auch von unserem evangelischen Kirchenverständnis her beansprucht die Predigt eine zentrale Rolle: „Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig und im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden.“ (Augsburger Bekenntnis, Artikel 7: Von der Kirche)
Gott traut unseren gottesdienstlichen Versammlungen und darin insbesondere der Predigt einiges zu.
Wie lernt man predigen?
Konfirmanden fragen manchmal: „Wie lernt man das eigentlich - predigen?“
Manchmal sind es solche Fragen von Kindern und Jugendlichen, die einen neu zum Nachdenken bringen. Ja, wie lernt man das eigentlich, das Predigen? Und dann fällt mir vieles ein, was ich im Studium und Vikariat gehört und gelernt habe, und ich bin versucht, über Exegese oder aus der Homiletik und der Rhetorik zu referieren. Der Pädagoge in mir weiß aber, dass diese Antworten bei den Jugendlichen wohl nicht ankommen würden.
Wie lernt man also zu predigen?
Ich denke, da verhält es sich wie in jedem Beruf: indem man es versucht und anschließend kritisch anschaut, was daraus geworden ist. Zu predigen lernen, das erlebe ich als einen Prozess, der mich ein Berufsleben lang begleitet. Außerdem denke ich: Man lernt zu predigen, indem man selbst gut zuhören lernt.
Auf Gottes Wort hören
Der Predigende ist ja der erste Adressat und Hörer seiner eigenen Predigt. Und damit reiht er sich ein in die hoffentlich große Schar, die den Gottesdienst gemeinsam feiert. In seinem Dienst, das Evangelium zu sagen, steht er der Gemeinde gegenüber. Als Getaufter ist er aber einer unter allen anderen, die auf Gottes Wort hören. Und diese Haltung des Predigenden dem Predigtwort gegenüber gilt es meiner Ansicht nach einzuüben. So ist mir im Laufe meines Berufslebens das Hören von Predigten immer wichtiger geworden. Am Beispiel anderer lernt man mitunter am meisten. Ich denke: Wer predigt, der sollte viele Predigten selbst hören und sich damit ins Predigthören einüben; denn nur wer die Haltung eines Hörenden einnimmt, kann anschließend auch etwas von den bei sich selbst ausgelösten Gefühlen und Gedanken in der Predigt ansprechen, was dann wiederum beim Hörer etwas hervorrufen kann.
Was ich hier über mich sage, gilt meines Erachtens genauso für alle Predigthörerinnen und Predigthörer, die selbst keine Ambition haben, sich auf die Kanzel zu wagen, so wie es Pfarrerinnen und Pfarrer von Berufs wegen und unsere Prädikantinnen und Pädikanten ehrenamtlich tun. Ins Hören muss ich mich, so behaupte ich, auch als Gottesdienstbesucher einüben. Hören will geschult sein. Genau hinzuhören, das ist ein ganz lebendiger Vorgang. Wer genau zuhört, der ist mitunter selbst ganz rege dabei. Meine etwas provozierende These dazu lautet: Eine Predigt ist immer nur so gut, wie sich ihre Zuhörer mit einbeziehen lassen. Die Predigt lebt von der Resonanz in den Predigthörerinnen und –hörern. Und solches Einüben ins Predigthören heißt für mich zuallererst: Ich nehme mir vor, auf jeden Fall etwas für mich ganz persönlich aus der Predigt mitzunehmen, denn ich erwarte etwas von dieser Predigt. Was das ist, ist so unterschiedlich, wie wir Menschen sind, auf die das Wort der Predigt trifft.
Zwei einfache Fragestellungen
Mir haben dabei zwei ganz einfache Fragestellungen geholfen, um eine Predigt aufmerksamer und aktiver zu hören:
Holger Platz ist geschäftsführender Pfarrer der Gesamtkirchengemeinde Stubersheimer Alb und macht einen sechswöchigen KSA-Aufbaukurs am Seminar für Seelsorgefortbildung in Stuttgart-Birkach.