
Die Bibel berichtet in diesen Kapiteln von Streit und Neid der verschiedenen Hirtengruppen untereinander, der Philister, der einheimischen Bevölkerung und der Abrahamsleute, die herumziehende Hirten sind. Sie gönnen sich gegenseitig das Wasser nicht. Die Philister verstopfen die Brunnen und die Abrahamsleute müssen sie wieder freigraben. Siegen oder besiegt werden, so scheint die Devise zwischen beiden zu sein, als gäbe es nichts Drittes dazwischen.
Das Dritte könnte sein, sich die Gaben, die jeder vom Schöpfer bekommen hat, zu gönnen und sich miteinander daran zu freuen.
Neid, Rivalität scheint unter den Menschen das Normale zu sein. Der Rivale: d.h. der mit mir am gleichen riva (Ufer) sitzt und Angst hat, dass ich ihm was wegnehme und dass er zu kurz kommt. Angst um sich selber, und sei es auch nur eingebildete Angst, ist die Wurzel des Neids und der Missgunst. Sie kann Gewalt hervorrufen bis hin zu tödlichen Folgen. Auch in der Passionsgeschichte (Matthäus 27) heißt es: "Pilatus wusste, das sie (die Juden) ihn aus Neid überantwortet hatten." Der Neid, die Missgunst der Juden auf Jesus führt hier zur Gewalt und zum Tod am Kreuz.
Als Isaak sich zum Sterben anschickt, ruft er seinen älteren Sohn Esau und wünscht sich von ihm, dass er ihm noch einmal - zum letzten Mal - etwas erjagt und zubereitet. Dann will er ihm den Segen geben, der dem Erstgeborenen zugedacht ist. Esau verschwindet in der Weite der Landschaft. Es wird eine Weile dauern, bis er zurückkommt.
Rebekka, die Mutter, schützt ihren Liebling, protegiert ihn, den wenig jüngeren Jakob. Sie möchte das Schicksal zu seinen Gunsten manipulieren und heckt einen grandiosen Betrug an Isaak und Esau aus. Sie, Mutter und Sohn, schlachten ein Böckchen aus der väterlichen Herde. Das brauchte man nicht mühsam zu erjagen. Es wird zubereitet, Jakob wird mit Fell verkleidet, dass er sich wie Esau anfühlt. Der blinde Vater lässt sich täuschen, traut seinen segnenden Händen mehr, die Jakobs Fell fühlen und ihn wie Esau wirken lassen, traut seinen Händen mehr als den Ohren, die die Stimme Jakobs zu erkennen glauben und gibt dem zweiten, dem Muttersohn, den Erstgeburtssegen:
"Gott gebe dir vom Tau des Himmels
und von der Fettigkeit der Erde,
Korn und Wein die Fülle.
Völker sollen dir dienen
und Stämme dir zu Füßen fallen.
Sei ein Herr über deine Brüder
und deiner Mutter Söhne sollen dir zu Füßen fallen.
Verflucht sei, wer dir flucht,
gesegnet sei, wer dich segnet."
Kap. 27, 28 + 29
Der Erstgeburtssegen ist gegeben, ein für allemal. Da kehrt Esau heim und der Betrug wird offenbar. "Esau schrie laut und wurde über die Maßen sehr betrübt und sprach zu seinem Vater: Segne mich auch, mein Vater!" (Kap. 27, 34).
Die ganze Verzweiflung des zu-kurz-Gekommenen bricht aus ihm heraus. Er schreit und weint: "Hast du denn nur einen Segen, mein Vater?" (Kap. 27, 38). Aber der Segen ist unwiderrruflich verteilt.
Ungerecht sind die Gaben des Lebens verteilt. Wer kennte das nicht? Wer hätte da nicht selbst schon einmal aufbegehrt oder Neid empfunden? Schöner, reicher, jünger, gesünder als ich. Begabter und fähiger. Warum nur! Wenn uns der Neid packt, werden wir kleinlich und negativ. Sören Kierkegaard, der dänische Philosoph, hat einmal gesagt: "Neid ist unglückliche Selbstbehauptung, während Bewunderung glückliche Selbstverlorenheit ist." Im Neid werten wir uns selbst ab.
"Und Esau war Jakob gram um des Segens willen. Wenn der Vater tot sein wird, will ich meinen Bruder umbringen." (Vers 41). Neid wertet uns selbst ab. Neid ist unglückliche Selbstbehauptung. Doch Rebekka hielt weiter ihre schützende Hand über ihren gesegneten Jüngeren, den Lieblingssohn, das Hätschelkind. Sie schickt in fort, um ihn vor Esaus Wut und Mordgelüsten zu bewahren. Vielleicht vergisst Esau, so hofft die Mutter. Als wenn je jemand eine Kränkung vergessen hätte. Er soll nach Norden ziehen, nach Mesopotamien, zu Laban, ihrem Bruder und sich dort eine Frau suchen.
Und Jakob bricht auf. Es wird ein langes Exil werden, doch das weiß er jetzt noch nicht. Und Gott ist bei ihm und der Segen wird immer wieder spürbar werden. Jakob kommt zu Laban. Er verliebt sich in Rahel, muss erst Lea heiraten und weitere Jahre dienen, bis er Rahel gewinnen kann, bekommt dort elf Söhne und einige Töchter (Benjamin wird ja erst wieder in Kanaan geboren werden). Er kommt mit seiner sprichtwörtlichen List und seiner viehzüchterischen Raffinesse zu Reichtum: viele, viele Tiere, Schafe, Kühe, Kamele, Esel, Frauen und Kinder und andere Besitztümer. Auch weil der Herr, Gott, mit ihm war und sich der Segen - wiewohl gestohlen - immer wieder auswirkte.
Nach zwanzig Jahren Frondienst bei Laban zieht er wieder heim. Mit allen Frauen und allem Vieh und allen Knechten. Und je näher er der Heimat kommt, desto mehr fürchtete er sich. In der Angst, die wir empfinden, meldet sich in der Regel das schlechte Gewissen.
Jakob weiß, was er seinem Bruder angetan hatte und er weiß um dessen Wut und dass er ihn umbringen wollte. Wird er jetzt immer noch Rache an ihm nehmen wollen, oder hat er vergessen, wie Rebekka hoffte? Jakob schickt seine Knechte vor und lässt Esau seine Ankunft melden und ihm berichten von seiner Habe und seinem Ergehen.
Doch die Boten kehren zurück zu Jakob und berichten, dass Esau mit 400 Mann ihm entgegenzieht. Das lässt ihn nicht sicher werden, sondern heizt seine Angst noch mehr an.
Doch sein Verstand, der listige, arbeitet unentwegt an einem Ausweg. Er teilt seinen Troß in zwei Lager.
"Wenn Esau über das eine Lager kommt und macht es nieder, so wird das andere entrinnen" (Kap. 32, 9). Die Todesangst ist real und gewaltig. Die Idee ist gut, klug und überlegt. Die Habe wird geteilt, das Risiko halbiert. Doch die Angst bleibt. Und die Phantasie, was Esau vorhaben könnte, wächst ins Unermessliche.
Er betet zu Gott in seiner Not. Erinnert ihn an seine Versprechen, fleht ihn an, er möge ihn erretten aus der Hand Esaus, er solle ihn nicht erschlagen und auch nicht die Mütter mit ihren Kindern.
Er wählt Geschenke aus: kleine Herden von Ziegen und Schafen, Kühen und Kamelen, Eseln. Knechte sollen mit diesen Herden voranziehen. Als Geschenke an Esau sollen sie ihn beschwichtigen und versöhnlich stimmen.
"Ich will ihn versöhnen mit dem Geschenk, das vor mir hergeht. Danach will ich ihn sehen. Vielleicht wird er mich annehmen?" (Kap. 32, 21).
In der Nacht bringt er seine Frauen und Kinder über die Furt des Jabbok und bleibt allein zurück mit seinem schlechten Gewissen und mit seiner Todesangst. All sein Aktivismus hat sie ihm nicht nehmen können - die Angst. All seine aufgeregten Aktionen und Vorkehrungen, all seine Opfer, die er zu bringen bereit ist, helfen ihm nicht und schenken ihm keinen Frieden.
In der Nacht ringt "ein Mann" mit ihm, eine geheimnisvolle Gestalt. Ist es Gott oder ist es die Verkörperung seiner Angstphantasien? Angeschlagen, aber nicht besiegt, entkommt er dieser Nacht der Anfechtung am Jabbok. Hinkend kommt er davon. "Da geht ihm die Sonne auf" (Kap. 32, 32). Hinkend kommen wir oft davon im Leben, vom Leben gezeichnet, aber gereift an den Widerständen.
Und dann kommt Esau, der Bruder, mit 400 Mann (Kap. 33). Und Jakob stellt seine Familie auf: Die Kinder zu den Frauen, die sie geboren haben.
Die liebsten ans Ende (Rahel und Josef), die weniger lieben an die Front (es wird ihnen nicht entgangen sein!). Und er verneigt sich sieben Mal vor Esau.
Was dann passiert, ist ein Wunder. Nicht, weil es unmöglich ist, aber weil es vollkommen unerwartet ist: ist es ein Wunder.
"Esau aber lief ihm entgegen und herzte ihn und fiel ihm um den Hals und küsste ihn und sie weinten" (33, 4)
Ein Wunder!
Esaus Verhalten erinnert an den Vater aus dem Gleichnis von den 2 verlorenen Söhnen. Und Jakob stellt ihm seine Frauen und Mägde samt den Kindern vor.
Und als Esau verwundert fragt: "Was willst du mit all den Herden, denen ich begegnet bin?"
Antwortet er: "Gnade finden vor den Augen meines Bruders und Herrn."
Und da antwortet Esau mit einem Satz, der allem Neid ein Ende bereitet: Allem Neid und der daraus erwachsenen Gewalt:
"Ich habe genug, mein Bruder, behalte, was du hast."
(Kap. 33, 9)
Wenn wir das sagen könnten, dann hätten wir Frieden, mit uns selbst und mit den anderen. Kein Vergleichen mehr, kein neidisches Schielen, kein Missgönnen. Ich habe genug. Es reicht mir zum Leben und dir auch. - Ein Satz, der Frieden stiftet und Feindschaft in Liebe auflöst. Esau hat nicht vergessen, er hat überwunden und die Kränkung verarbeitet, zu einer neuen friedfertigen, reifen Haltung gefunden.
Jakob antwortet: "Ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht. Und du hast mich freundlich angesehen."
Da wird ein Stück von Gottes Angesicht erschaut, wenn sich Frieden und Liebe durchsetzt und aller Gewalt ein Ende bereitet.
Im Gesangbuch heißt es:
Wie ein Regen in der Wüste,
frischer Tau auf dürrem Land,
Heimatklänge für Vermisste,
alte Feinde Hand in Hand,
wie ein Schlüssel im Gefängnis,
wie in Seenot "Land in Sicht",
wie ein Weg aus der Bedrängnis,
wie ein strahlendes Gesicht.
So ist Versöhnung, so muss der wahre Friede sein.
So ist Versöhnung, so ist Vergeben und Verzeih'n.
"Wer verzeiht, hat ein schöneres Gesicht", hat einmal jemand gesagt.
Gebe uns Gott hin und wieder die Kraft zu verzeihen und die Stärke zu sagen: Ich habe genug, Bruder, Schwester, behalte, was du hast. Das ist Versöhnung, das wird der wahre Friede sein,
as ist Versöhnung, das ist Vergeben und Verzeih'n. Wer verzeiht, der hat ein schöneres Gesicht. Da leuchtet im Angesicht des Verzeihenden Gottes Menschenfreundlichkeit auf
Amen.