
Die Toren sprechen in ihrem Herzen:
»Es ist kein Gott. « (Ps14)
In der Zeitschrift Stern stand Jahr 2007 ein Titel-Artikel: „Warum es keinen Gott gibt“.
Dass es keinen Gott gibt, wird dabei vorausgesetzt. Dies ist gar keine Frage mehr wert. Der Stern weiß es. Für 2,80 € bekommt der Zeitgenosse sein atheistisches Rüstzeug frei Haus.
So einfach war es noch nie, musste man sich doch früher durch die schwierigen Werke von Feuerbach, Nietzsche, Marx und Lenin durchbeißen.
Der Stern inszeniert unter diesem Titel genüsslich die Präsentation des Buches „Der Gotteswahn“ von Richard Dawkins, einem Evolutionsbiologen aus Oxford.
Für ihn ist jede Religion die Wurzel allen Übels. Sie macht krank, dumm und unfrei.
Der Gott des Alten Testaments ist für ihn „die unangenehmste Gestalt der gesamten Dichtung: eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Kontroll-Freak; ein rachsüchtiger, blutrünstiger, ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, kinds- und völkermörderischer, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.“
Und der Gott des Neuen Testaments ist in Dawkins’ Augen allerdings nicht besser.
Leiden viele Menschen an einer Wahnvorstellung, dann nennt man es Religion.“
Also, liebe Wahnsinnige, was machen wir damit?Nicht, dass wir Gott verteidigen müssten oder es auch nur könnten. Führt eine Welt ohne Gott zu mehr Menschlichkeit?Die Geschichte der vergangenen 100 Jahre liefert haufenweise Argumente dafür, dass dies nicht stimmt. Die dunklen Flecken des christlichen Glaubens, die Kriege, Kreuzzüge und Pogrome, sollen nicht wegdiskutiert werden.
Doch nicht Religion ist die Wurzel alles Bösen. Es ist das entfesselte menschliche Ego.
Die gottlosen, materialistischen Diktaturen der Neuzeit haben das Böse potenziert: Bolschewismus, Stalinismus und Faschismus bis hin zum Kommunismus in Kambodscha, Nordkorea und den Völkermorden in Afrika.
Die Beweisführung von Dawkins geht nicht auf.
Weder die Existenz noch die Nichtexistenz Gottes kann errechnet oder bewiesen werden. Hier geht es im Kern nicht um eine intellektuelle Auseinandersetzung.
Es geht um zwei verschiedene Ebenen der Wahrheit.
1. Die eine Ebene ist die naturwissenschaftlich-mathematische Wahrheit. Diese so genannte Wissenschaftlichkeit folgt festen Regeln, dass 1+1=2 ist, auch wenn die 3 mir viel sympathischer wäre. Diese Wissenschaftlichkeit ist wertneutral.
Sie stößt aber auf Grenzen, wo es um ethische Fragestellungen geht.
2. Neben der naturwissenschaftlichen Wahrheit gibt es noch eine ganz andere Ebene der Wahrheit: die persönliche Erfahrung.
Am Beispiel der Liebe sieht man: Liebe ist etwas sehr Wirkliches und Wahres. Sie ist die stärkste Kraft, die zwischen Menschen wirkt. Nach den Regeln reiner Wissenschaftlichkeit ist sie etwas sehr Unvernünftiges, ein geistig-seelischer Ausnahmezustand mit einer spezifischen Form von Blindheit.
Wir kennen diese zwei Ebenen der Wahrheit und müssen sie unterscheiden. Bei der Liebe haben wir damit kein Problem.
Die Ebene der religiösen Erfahrung ist der Liebe ganz nahe: Auch hier geht es auch um Liebe, um Vertrauen, um Hoffnung.
Die naturwissenschaftliche Wahrheit kann die Wahrheit des Glaubens gar nicht infrage stellen. Umgekehrt sollte auch der Glaube die Wahrheit der Naturwissenschaft nicht prinzipiell in frage stellen.
Die historisch-kritische Bibelauslegung hat uns bei all ihren Grenzen gelehrt, den Verkündigungsgehalt der Heiligen Schrift zu trennen von ihren zeitbedingten, weltbildbezogenen Aussagen. Für uns ist die Erde keine Scheibe mehr, und sie steht auch nicht im Mittelpunkte der Welt.
Wir halten nicht fest am Buchstaben des ersten Schöpfungsberichtes (Gen.1).
Wir haben gelernt: dieser Text ist kein Protokoll, sondern ein Lob des Schöpfergottes, der sich bei seiner Schöpfung sehr wohl auch der Evolution bedienen kann.
Leider hat das Beharren bestimmter christlich-fundamentalistischer Gruppen in den USA auf einem buchstäblichen Verstehen der biblischen Schöpfungstexte den Streit zwischen Naturwissenschaft und Glauben neu entfacht. Die Kreationisten meinen Gott als Schöpfer verteidigen zu müssen, indem sie ihn in den Lücken der naturwissenschaftlichen Erkenntnis zu entdecken glauben.
Damit machen sie Gott klein; verengen ihn auf Bereiche des nicht Erkennbaren oder noch nicht Erkannten. Sie leisten dem Glauben damit keinen guten Dienst. Es ist die gefährliche Ebene vermeintlicher Gottesbeweise, wo die Größe Gottes durch das Schlüsselloch unseres Verstandes erblickt werden soll.

Dekanin Gerlinde Hühn
Paulus setzt gegen die Vermischung der Wahrheitsebenen die unmittelbare Christus-Erfahrung:
“Seht zu, dass euch niemand einfängt durch Philosophie und leeren Trug, die sich auf menschliche Überlieferung gründen, … und nicht auf Christus. Denn in ihm wohnt die Fülle der Gottheit leibhaftig, und an dieser Fülle habt ihr teil in ihm…“(Kol.2, 8f)
Der zänkische Gott mit dem unangenehmen Charakter, den Dawkins im Alten Testament entdeckt zu haben glaubt, bekommt in Christus ein zutiefst menschliches Antlitz.
„Wir können wohl gottlos werden“ in unserem Leben, „aber wir werden Gott nicht los“ (Karl Barth), denn er hat sich in Christus für uns entschieden.
In der Christusbeziehung geht es um Liebe und nicht um Rechthaberei.
Dieser Christus ruft uns auf den Weg seiner Nachfolge. Das kann nicht schlecht sein für uns und auch nicht für die Welt.
Doch diese Erfahrung ist ein Geschenk.
Warum Feuerbach, Nietzsche, Marx, Lenin, Darwin und Dawkins diese Erfahrung nicht machen konnten, bleibt wohl Gottes Geheimnis.
Gerlinde Hühn