"Kein sicherer Ort - nirgendwo!"
Nicht in der Öffentlichkeit,
nicht im Büro,
nicht in der Schule
und nicht im Hause,
schon gar nicht in der Familie.
Nicht in den Armen der Mutter oder denen des Vaters.
Nicht beim Therapeuten oder beim Seelsorger.
Ja, nicht einmal beim Seelsorger! Schlimm genug! Das ist ein Tabuthema, das wir in unserer Kirche deutlicher aufgreifen wollen - es wird Zeit!
Ich lese Ihnen aus einem Kriminalroman vor (Elizabeth George): "Gott schütze dieses Haus" S. 353 ff.
"Ich verstand nicht", sagte Gillian mit brüchiger Stimme. "Ich war ja erst vier oder fünf Jahre alt". .... Er sagte, es wäre etwas ganz Besonderes. Eine besondere Freundschaft, die Väter immer mit ihren Töchtern hätten. Wie Lot." ....
"Hat er dir aus der Bibel vorgelesen, Bobby? Mir hat er sie vorgelesen. Er kam abends rein und setzte sich auf mein Bett und las mir die Bibel vor. Und während er las -" .... "- kam seine Hand zu mir unter die Decke. 'Magst du das, Gilly?' fragte er dann. 'Macht es dich glücklich? Es macht Papa sehr glücklich. Es ist so schön. So weich. Magst du es, Gilly?' " ....
"Ich verstand es nicht. Ich war erst fünf, und es war immer dunkel im Zimmer." ....
"Mama hat geschlafen. .... Das war etwas, was Väter nur mit ihren Töchtern teilen.
Mama durfte davon nichts wissen. Mama hätte es nicht verstanden. Sie las ja nicht mit uns aus der Bibel, darum hätte sie es auch nicht verstanden. Und dann ging sie fort. Ich war acht"
"Da war ich dann Mama." ....
"'Mama wußte, wie sehr dich Papa liebt, Gilly. Darum ist sie fortgegangen. Du mußt jetzt Mama für mich sein.' Ich wußte nicht, was er meinte. Da zeigte er es mir. Er las aus der Bibel vor. Er betete. Und er zeigte es mir. Aber ich war zu klein, um ihm eine richtige Mama zu sein. Da hat er - ich mußte andere Dinge tun. Er brachte sie mir bei. Und ich war - war eine sehr gute Schülerin." ....
"Ich wollte, daß er mich liebt. Er sagte mir, er liebte mich, wenn ich - wenn wir ...
'Papa hat es am liebsten in deinem Mund, Gilly.' Und hinterher haben wir gebetet. Immer haben wir gebetet. Ich dachte, Gott würde mir verzeihen, daß ich Mama vertrieben hatte, wenn ich mich nur bemühte, Papa eine gute Mama zu sein. Aber Gott hat mir nie vergeben. Er existierte gar nicht."
Später als sie sechzehn wurde:
"Er kam in mein Zimmer. Es war spät. Er sagte, es wäre an der Zeit für mich, Lots Tochter zu werden. Richtig. So, wie es in der Bibel steht. Und er zog sich aus." ....
"Ich war nur eine Hülle. Ich war niemand. Was machte es schon, was er mir antat? Ich war ja nicht da. Ich wurde das, was er haben wollte, was jeder gerade haben wollte. .... So habe ich gelebt."
"Indem Sie es jedem recht machten?", fragt der Gesprächspartner.
"Kein sicherer Ort? - nirgendwo?"
Auch nicht bei Gott?
Nein, auch nicht bei Gott!
Zunächst nicht. Man muß das ehrlich sehen und deutlich sagen. Wer solche Erfahrungen macht, dem wird Gott widerwärtig, der fühlt sich von Gott verlassen oder zumindest hoffnungslos schuldig. Wie oft wird Gott bemüht, um Mädchen gefügig zu machen?
"Wie Lots Töchter."
"Du sollst Vater und Mutter ehren."
"Gott will, daß ich Ihnen auf diese Weise nahe bin. Ich kann Sie heilen, wenn ich mit Ihnen schlafe," so ein evangelischer Pfarrer zu einer Frau in der Seelsorge.
So oder so ähnlich heißen die religiös verbrämten Lügen. Kein Wunder, wenn bei Betroffenen, Kindern und Frauen, mit der Angst vor dem Mann auch die Angst vor Gott einhergeht. Wem Gewalt angetan wurde, der fällt in eine fundamentale Ungeborgenheit, aus der im Extremfall nur lange therapeutische Prozesse befreien - wenn überhaupt.
Mit dem Vertrauen in die Menschen geht auch das Vertrauen in Gott verloren.
Kein Wunder, daß das Bild von Gott als Vater für nicht wenige Frauen durchaus nichts Tröstliches, sondern etwas Bedrohliches hat.
Aber: "Gott hört mein Klagen."
Wir haben Gott geklagt bisher im Gottesdienst, den Zustand der Welt, die vielen Formen sexualisierter Gewalt, das Leiden und die Schmerzen von Frauen und Mädchen, die Verletzungen der Körper und der Seelen. Wir haben sie ihm geklagt, sie ihm und uns in Erinnerung gerufen. Alles wieder vor seine Augen gestellt. Die Ohnmacht, die Wut, die Rachegefühle. Und er hört sie, die Klagen.
"Gott hört mein Weinen, Gott hört mein Flehen" (Ps. 6)
"Gott sammelt die Tränen in seinem Krug und zählt sie" (Ps. 56)
"Gott neigt seine Ohren zu mir" (Ps. 18)
"Gott hört mein Gebet und vernimmt mein Schreien und schweigt nicht über meine Tränen" (Psalm 39)
"Gott hört mein Schreien" (Psalm 145), das geht als Leitmotiv durch die ganze Bibel hindurch, durch das Alte Testament und das Neue Testament.
Gott hört mein Schreien und versteht es. Das Gebet zu Gott kann entlasten und trösten. Und Gott duldet es nicht, daß solches geschieht.
"Wer ein einziges dieser Kleinen ärgert, dem wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist" sagt Jesus von Nazareth. (Mt. 18,6)
Gott erhört die Schreie und die Klagen und die Gebete.
Gott tröstet den Schmerz.
Gott tritt dem Vergewaltiger entgegen.
Gott steht auf der Seite der Opfer.
Ja, mehr noch:
Gott kennt die Gewalt, er hat sie selbst an sich erlitten.
Jesus erzählt das Gleichnis von den Weingärtnern im Markusevangelium (Mk 12, 1-11). Der Besitzer des Weinbergs verpachtet seinen Weinberg und geht außer Landes. Die Weingärtner-Pächter schlagen alle Knechte des Besitzers tot, als sie kommen um seinen Ertragsanteil zu holen. Da hatte er noch einen, den geliebten Sohn, den sandte er zuletzt auch zu ihnen und sprach: "Sie werden sich doch vor meinem Sohn scheuen!" Sie tun es nicht!
Das Gleichnis erzählt von der Unordnung der Gewalt. Von der Abwesenheit Gottes. Von der zärtlichen Besorgnis Gottes um sein Kind. Gott irrt sich.
Sie tun es! Sie schlugen auch ihn tot. Die grauenvolle unausdenkbare Möglichkeit - sie üben sie aus.
Das Entsetzen darüber ist in der Bibel bewahrt. Gott kennt die Gewalt, er hat sie an sich selber erlitten. Er weiß, wie sich Ohnmacht, Beschämung, Gewalt, Qual, Folter, Schmerz anfühlen. "Mein Gott, mein Gott, hast du mich verlassen?"
Nein! Kein Abgrund ist so tief, daß Gott ihn nicht erlebt hätte und mit uns in ihn hinabsteigen könnte. Keine Gottverlassenheit, die er nicht heilend umfassen würde. Warum läßt Gott das zu? Das ist ein Rätsel! Er beantwortet es nicht, es läßt sich nicht beantworten. Aber Gott ist da! Mitten drin im Leiden und da geschieht es, daß er uns tröstet und stützt.
Es geschieht! Nicht immer, aber ab und zu. Und er senkt mir die Hoffnung ins Herz auf eine andere Welt, "in der Gott abwischen wird alle Tränen von unseren Augen und der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein". Eine Welt, in der gilt:
"Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!" (Offb. 21)
Gott malt mir die Hoffnung vor Augen und gibt mir Mut und Kraft zu kämpfen für eine veränderte Welt, nicht erst dermaleinst, sondern schon jetzt! Hier! Mitten unter uns. Unser Gottesdienst ist ein einziges Gebet darum, daß Gott sich gegenwärtig macht bei uns.
Jetzt hier.
"Ja, komm, Herr Jesus"
Im Klagen, Singen und Beten, in den heilenden Ritualen des Segnens, Zuhörens, Salbens, Waschens, Brotteilens. Da kann es geschehen:
Ein Stück Zukunft wird gegenwärtig, ein Stück verwandelte Welt wird vorweggenommen.
Und die Wut, und die Rachegefühle?
Auch sie haben ihren Platz. Bei Gott gibt es ein ewiges Gedächtnis für das, was geschehen ist. Der Böse wird ewig blamiert werden. Überlassen wir ihn Gott. Er wird tun, was ihm richtig erscheint. Kein sicherer Ort - nirgendwo? Doch, im Herzen Gottes, und - hoffentlich! - ab und zu bei uns.
Amen.
Weiterführende Links
http://www.eva-n-gelisch.de/cms/fraueninderlandeskirche/frauenbeauftragte/texteundveroeffentlichungen
http://www.wildwasser-stuttgart.de/