In welcher Kirche möchte ich leben?

Dekanin Gerlinde Hühn

Dekanin Gerlinde Hühn


Glaube und Religion werden in weiten Teilen der Gesellschaft zur Privatsache erklärt. Aber die Kirche lässt sich nicht privatisieren.
Die Kirche ist ein Teil der Gesellschaft und kein mit sich selbst beschäftigter Religionsverein.
„Gehet hin in alle Welt, und lehret alle Völker...“ hat Jesus von Nazareth seinen Jüngern als Auftrag hinterlassen.
Es heißt nicht: Gehet hin zu den anderen Christen oder zu den anderen Kirchen und Gemeinden, die brauchen uns auch, aber vor allem braucht die Welt Gottes gute Botschaft.
Christen sollen, wollen und werden Einfluss nehmen auf die Gesellschaft, in der sie leben. Manchmal kann sie das Kopf und Kragen kosten – Gott sei Dank nicht bei uns.
Christen übernehmen Mitverantwortung für das Ganze der Gesellschaft.
Wie nehmen Christen Einfluss?
Am besten dadurch, dass sie tun, was ihr Auftrag ist.
Dabei kommt eine ungeheure und phantasievolle Vielfalt an Angeboten, Tätigkeitsbereichen und Ideen heraus, durch welche Kirche Gesellschaft mitgestaltet.

Ein „Plakat“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) fasst – wie ich finde – auf gelungene Weise zusammen, was man in der Kirche finden kann.
 
Was Sie bei uns finden können
Sich selber – und mehr als das
Menschen, die Zeit haben – auch für Sie
Institutionen, die tatkräftig helfen wollen und können
einen Ort, an dem Sie zur Ruhe kommen und neue Kräfte gewinnen
eine Gemeinschaft, in der Sie singen können, selbst wenn Sie unmusikalisch sind
Gedanken, die Sie herausfordern – auch Sie
Worte, die Mut machen:
Mut zu leben, zu glauben, zu lieben, zu hoffen – auch über den Tod hinaus.
eine Wahrheit, die frei macht und aufrichtet
den Gott, der für Gottlose da ist
die Welt in einem neuen Licht

Finden Sie davon nichts bei uns, dann sagen Sie uns Bescheid...
Ihre Evangelische Kirche

 
 
Ich interpretiere im Folgenden die Kernsätze:
Was Sie bei uns finden können
 
Sich selber …
Sich selber finden durch Stille, Gebet, Meditation.
Die Fragen der Existenz wieder entdecken, die man in der Hektik des Alltags verdrängt. Antworten finden auf Fragen wie: Was trägt mein Leben wirklich? Was bin ich als Person (wert)?
 
– und mehr als das
Mehr als sich selber: die Gemeinschaft mit anderen.
Das große Gegenüber, das wir Gott nennen.
 
Menschen, die Zeit haben – auch für Sie …
Zeit für seelsorgerliche Gespräche – Pfarrerinnen und Pfarrer sind offen, wenn jemand das Gespräch sucht.
Beratung in der Diakonischen Bezirksstelle bei sozialen Fragen,
in der Diakonie-Sozialstation bei Fragen, die das Alter betreffen,
ebenso gibt es das Angebot der Suchtberatung.
Auch engagieren sich Menschen, ehrenamtlich in Besuchsdiensten.
 
… auch für mich?
Das heißt, meine Fragen sind nicht unwichtig!
Oder gehöre ich zu denen, die zu selbstsicher sind, um Fragen zu haben?
Institutionen, die tatkräftig helfen wollen und können
Die Katastrophenhilfe des Diakonischen Werks hilft bei einem Tsunami kompetent und zügig.
Brot für die Welt legt Wert auf Hilfe zur Selbsthilfe.
Evangelische Schulen, Gottesdienste, Kindergärten, Bahnhofsmission, Schwangerschaftsberatung, Telefonseelsorge, Gefängnisarbeit, Familienbildung, Altenbetreuung, Seemannsmission, Behindertenarbeit, Müttergenesung, Dritte-Welt-Projekte, Arbeitsloseninitiativen, Krankenpflege, Notfallseelsorge, Sterbebegleitung, und vieles andere mehr.
 
… einen Ort, an dem Sie zur Ruhe kommen und neue Kräfte gewinnen
Die schönen altehrwürdigen Kirchengebäude, eine Tagungsstätte, ein Kloster, ein christliches Krankenhaus, der Gottesdienst in seinen vielfältigen Formen.
Das größte Geschenk an unsere Kultur ist der freie Tag, der Sonntag. Das spüren vor allem Menschen, die in einer Kultur leben, die keinen Sonntag kennt – Ingenieure zum Beispiel, die in China arbeiten. Ohne Sonntag ist jeder Tag Werktag.
 
… eine Gemeinschaft, in der Sie singen können, selbst wenn Sie unmusikalisch sind
Singen tut der Seele gut, befreit das Herz und ist gesund – das ist medizinisch nachgewiesen!
Sie können in den Singkreis gehen, in die Kantorei oder in den Kirchenchor. Im Gottesdienst können Sie singen aus voller Kehle, wenn Ihnen danach ist. Zusammen mit anderen klingt es besser. Von der Orgel begleitet findet selbst der den richtigen Ton, der sonst nicht so gut singen kann.
 
Gedanken, die Sie herausfordern – auch Sie
„Kopf ab zum Gebet!“ Tucholskys Spott über die Kirche ist nicht angemessen. Von Anfang an hat die Kirche den Glauben durch das Denken begleitet. Sie ging in die Schule der Philosophie des Abendlandes, es hat ihr gut getan. Sie hat immer wieder philosophisch anspruchsvolle Antworten gefunden.
Denken Sie nicht, wer glaubt, benutze seinen Verstand nicht. Die Theologie ist darin geübt, auch schwierigen Fragen und Zweifeln stand zu halten: Kosmologie, Physik, Psychologie, Evolutionslehre. (Auch große Physiker wie Carl-Friedrich von Weizsäcker gehörten zu den Glaubenden). Wenn die Theologie immer wieder einfache Antworten sucht, dann deshalb, weil die Wahrheit einfach ist. Einfach, aber nicht simpel.
 
Worte, die Mut machen
So ein Wort, wie es sich bei Jesaja findet: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ (Jesaja 43,1)
Der Sohn einer Familie sitzt im Gefängnis, man will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Die Pfarrerin gibt der Familie das Gleichnis vom verlorenen Sohn zu lesen. Sie gehen wieder hin und besuchen ihn.
Viele Geschichten der Bibel gehören zu den Mut-mach-Geschichten.
 
Mut zu leben, zu glauben, zu lieben, zu hoffen – auch über den Tod hinaus
Ein Mann wie Dietrich Bonhoeffer, der Widerstand leistete im Dritten Reich, den Tod nicht ersehnte, ihn aber auch nicht ängstlich vermied, sondern als letzte Konsequenz seines aus dem Glauben kommenden Handelns für die Gesellschaft auf sich nahm. Beim Gang zum Galgen sagte er: „Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens“.
Ein Mensch, der stirbt, gelassen und gefasst, zu früh, weil er krank ist; und doch sich fallen lässt in Gottes bergende Hände. „Ich kann nicht tiefer fallen, als einer großen Liebe in die Hände“
 
… eine Wahrheit, die frei macht und aufrichtet
Der Mensch ist für Gott um seiner selbst willen interessant, vor aller Leistung, vor allem Können.
„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.
Eine Frau, traumatisiert durch einen Unfall, bei der ihr Kind starb, trägt an der „Schuld des Überlebens“. Einfühlsame Seelsorge kann lösen und neues Leben ermöglichen.
 
… den Gott, der für Gottlose da ist
„Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“ so betete Jesus am Kreuz für seine Peiniger. Gott hat sich in Freiheit dazu entschlossen, der Liebende zu sein, davon lässt er sich nicht abbringen – durch keine Macht der Welt. Das ist der Bund, den Gott mit seinen Menschen
schloss. „Wir Menschen können wohl gottlos werden, aber wir werden Gott nicht los“ (Karl Barth).
 
… die Welt in einem neuen Licht
„Haucht uns nicht der leere Raum an? Fallen wir nicht in ein unendliches Nichts?“ – könnten wir fragen. Dem ist nicht so, denn der Grund, warum es die Schöpfung gibt, ist Liebe. Aus Liebe schuf Gott die Welt. Er liebt seine Menschen und bestimmt sie dazu, freie Partner Gottes zu sein. „Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Schmuck hast du ihn gekrönt“ (Psalm 8). Aus Liebe kommt Gott herab zu uns in Gestalt eines kleinen Kindes. Das gibt der Welt wahrhaftig „ein’ neuen Schein“ (EG 23,4).
 
Finden Sie davon nichts bei uns, dann sagen Sie uns Bescheid...
Ihre Evangelische Kirche
 
Dies alles und noch mehr lässt sich in der Kirche finden, und es wird unmittelbar deutlich, dass das auch der Gesellschaft, in der die Kirche lebt, gut tut.
Jemand hat kürzlich geschrieben, man könne in Europa keine 1000 Schritte in irgendeine Richtung gehen, ohne einer wie auch immer gearteten Spur des Christentums zu begegnen.
Und das ist gut so!
Dekanin Gerlinde Hühn