Andacht zur Jahreslosung 2005

Um den Jahreswechsel herum singen wir gerne das Lied von Dietrich Bonhoeffer "Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns, am Abend und am Morgen, und ganz gewiss, an jedem neuen Tag."
Von guten Mächten wunderbar geborgen? Wo war Gott, als die Tsunami über die Strände in Südostasien tobte und über 200.000 Menschen in den Tod riss? Wo war Gott, als mein Freund beim Verkehrsunfall umkam? Wo ist Gott, wenn ich oder andere leiden? Darauf gibt es keine einfache Antwort und keinen schnellen Trost. Solche Fragen führen uns an den Abgrund des Unglaubens.
 
Doch wir haben keine andere Wahl, als uns Gott mit unseren Klagen und Anklagen zuzumuten, sie ihm ins Ohr zu rufen, ihn anzubrüllen, ihn auch anzuklagen. Gott wird nicht entehrt sondern im Gegenteil verherrlicht, wenn wir Menschen so mit Gott reden, wenn wir also weiterhin eine Beziehung zu ihm behalten und ihn zum Adressaten unserer Klagen und Anklagen machen. Wir dürfen ihm die Wahrheit nicht schuldig bleiben. Indem wir mit ihm reden (Beten) bleiben wir in Beziehung. Gott ist uns nicht egal, wir wenden uns nicht ab von ihm oder schweigen ihn nicht an.
 
Der Mann, der dies Lied gedichtet hat, Dietrich Bonhoeffer, wir wissen es, war zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland ins Gefängnis geworfen und ist im Jahr 1945 hingerichtet worden. Zum Jahreswechsel schrieb er dieses Lied. Der Gegensatz könnte nicht größer sein, zwischen dem Glauben, der sich in diesem Lied ausspricht und den gnadenlosen Verhören, die er tagtäglich und zur Nacht über sich ergehen lassen musste. Trotzdem bleibt er bei allem Zweifel, den es bei ihm auch gibt, von Vertrauen getragen. Sein Vertrauen in Jesus Christus gegründet. Er ist sich sicher, dass die Schöpfung niemals gottlos werden kann.
 
Auch wenn sich die Welt scheinbar von Gott abwendet oder von Gott verlassen scheint, so wird Gott niemals von der Welt lassen. Das ist das Geschenk und auch der Trost, der uns von der Weihnachtszeit herüber scheint ins neue Jahr. Der große Gott, der allmächtige Gott, macht sich klein, ganz klein, und grenzenlos solidarisch mit uns. Er wird einer von uns. In Bethlehem zeigte sich: Gott steht ganz auf der Seite des Menschen mag da kommen was da wolle. Christus ist bei uns. Oder wie Paulus es ausdrückt:
"Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges weder Hohes noch Tiefes noch überhaupt irgend eine Kreatur kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist unserem Herrn."
(Römer 8, 38, 39).

Gott ist gerade dort, wo ihn niemand vermutet. Leidend am Kreuz, bei denen, die in dieser Welt leiden, im Krieg oder im Elend auf den Straßen, dem Alkohol verfallen oder verzweifelt sitzend auf dem Gang des Arbeitsamtes. Gott ist auch bei denen, die sich streiten, oder die unter dem Streit anderer leiden. Wo Menschen leiden und nicht weiter wissen, da ist Gott bei uns. So einer wollte er werden. Gerade im Elend ist er zu finden, nicht in den Palästen. Gottes Ort ist dort, wo die Menschen am Ende ist. Wir dürfen unser ganzes Vertrauen auf Gott setzen, selbst wenn wir nicht mehr weiter wissen. Weihnachten ist die endgültige Liebeserklärung Gottes an seine Menschen. Was auch immer passieren mag, wir sind nicht allein. Gottes Versprechen von Bethlehem gilt für alle Zeiten, wenn auch die Welt gott-los erscheint.
 
"Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein! Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes?" (Römer 8) Antwort: Niemand. Nicht mal der Tod seines Sohnes kann Gott von seinem Entschluss abbringen, die Welt und ihre Menschen zu lieben. Gott hat das Böse besiegt, indem er es erleidet und dadurch überwindet. Das ist der Zusammenhang zwischen Gott und dem Bösen. Wir können Gott und das Böse in kein denkerisches System bringen. Das Denken kommt da an sein Ende. Wir können uns nur im Glauben an das halten, was wir von Gott kennen und woran wir glauben. Wer an Gottes offenbare Liebe glaubt, der wird davon ausgehen, dass das Böse sich auf irgend eine verborgene Weise mit Gottes Liebe verträgt. Und da wird man dann manchmal gleichsam von Gott zu Gott geschlagen. Bonhoeffer schreibt das so:

"Und reichst du uns den Kelch, den bittern,
des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern,
aus deiner guten und geliebten Hand."

 
Gott verhindert das Böse nicht, aber er lässt uns nicht allein. Gott mit uns, das heißt auf hebräisch Immanuel. Mitsein, darum geht es, dass wir nicht allein sind in unserer Ohnmacht und in unserem Leiden. Dass Gott das Leiden der Menschen brüderlich teilt.
 
Alle großen Werke sind klein angesichts dessen, was wir am nötigsten brauchen. Nicht allein zu sein und nicht allein zu lassen. Wer bei einem Sterbenden aushält und einem Leidenden beisteht und einem Trauernden die Hand hält, hat mehr von Gott verstanden als manch anderer. Auf diese Weise geben wir Gottes Solidarität und sein Mitsein weiter in unserer Welt unter unseren Freunden und auch den andern.
 
Wollen wir Gott so lieben wie er ist, mit dieser ohnmächtigen Liebe und diesem Verzicht auf Macht? Wenn wir das tun, dann werden wir auf der andern Seite auch etwas von der Macht der Liebe verspüren, die sich an andere weiterschenken will. Mit diesem Gott an der Seite gehen wir getrost in ein neues Jahr unter dem Wort Jesu, das die Jahreslosung ist:
"Ich habe darum gebeten, dass ein Glaube nicht aufhöre".
 
Amen.