Weltberühmt und von unschätzbarem Wert auch dieser marmorne Ausdruck vollendeter Stille: Der tote Jesus in den Armen seiner Mutter.
Zwei bettelarme Menschen zwischen Tod und Begräbnis. Abschied und Trauer.
Ein Mensch, der eben noch zu seinem Gott schrie, liegt nun friedvoll im Schoß der Mutter. Eine Frau, die vorher voll Entsetzen auf ihren Sohn am Kreuz sah, trägt nun entspanntere Züge.
Das Bangen ist zu Ende, die falschen Hoffnungen auch.Was kommt, beschäftigt in diesem Augenblick keinen von beiden. Sie sind in einer Wirklichkeit, die nichts mehr fragt. Erst in ein paar Tagen beginnt das Leben neu – aber ganz anders. Mit Hoffnungen, Fragen, Zweifeln. In diesem Augenblick der Leere und der Stille aber bleibt nur eins: Es ist vollbracht. Er ist angekommen am Ziel seiner Predigt.
Er hatte ja gesagt, was keiner so recht glauben wollte: Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, kann nicht mein Jünger sein. Nun werden die Menschen unter dem Kreuz gewahr, dass der Tote jedes einzelne seiner Worte ganz ernst gemeint hatte, dass er nach Gott schrie, wie jeder, der den Tod nahe fühlt und gequält wird, dass er ohne Antwort blieb, wie viele, und dass die Antwort seines Gottes, des Vaters im Himmel von einer Art ist, die nicht jedem sofort den Himmel aufschließt. Auch darin gleicht der Gottessohn uns Menschen: weder seine Trauer noch seine Zweifel waren gespielt und nun ist er wirklich tot.
Und aufgehoben bei Gott.
Zum Bildnis.
Michelangelo vollendete im Jahre 1500 dies Bildnis. Er erhielt den Auftrag von einem französischen Kardinal für dessen Grablege. Dieser war Gesandter in Rom. Im alten Petersdom in Rom wollte er begraben sein. Beim Neubau des Petersdoms musste Michelangelo diese Statue umsetzen lassen. Seit 1749 steht sie an ihrer heutigen Stelle. Vor einigen Jahren (am 21.05.1972) verübte ein Geistesgestörter einen Anschlag auf die Plastik und zerbrach sie. Seither kann man sie – perfekt restauriert – nur noch hinter Panzerglas bewundern – aus der Distanz.
Dabei wollte diese Art der Darstellung den Menschen doch besonders nahe kommen. Die Pietà ist ein so genanntes Vesperbild. Zur Vesper, d.h. zur Abendstunde gedachte man des Todes Jesu. Beweinung und Grablegung ordnete man liturgisch der Vesper zu. Das Thema ist in der italienischen Kunst fast unbekannt, es stammt aus Deutschland, aus der deutschen Mystik (= die Mystik strebt nach Erkenntnis des göttlichen Wesens durch innere Anschauung).
Für ein Nonnenkloster schuf ein unbekannter Meister im Jahr 1300 zuerst ein Bild von Maria mit ihrem toten Sohn auf dem Schoß. Es wurde das Vorbild für viele, viele Wiederholungen, besonders im Raum Thüringen.
In der Bibel wird diese Szene nicht berichtet. Aber das Bild will nicht nacherzählen, es dient der Betrachtung, der inneren Sammlung, dem andächtigen Nachsinnen. Die mittelalterliche Minnedichtung (Liebesdichtung) beeinflusste die Marienklage.
Wie viele Mütter werden schon vor einer solchen Pietà gekniet haben? Vielleicht war es eine herbere Ausprägung des Motivs: wo die Wundmale Jesu deutlicher dargestellt sind und der Schmerz der Maria spürbar ist. Wie viele Frauen werden sich der Maria verbunden gefühlt haben in ihrem Schmerz um ihren Sohn? Wie viele Kinder wurden hinweg gerafft vom Tod, von der Pest, von anderen Krankheiten? Wie viele Söhne starben im Krieg?
O ja, sie konnten mitfühlen mit Maria, die Mütter aller Zeiten und sie beteten, dass Maria nun ihrerseits Mitleid, Erbarmen mit ihnen hatte. Pietà heißt ja Mitgefühl, Mitleid, Erbarmen. Wohin mit der Trauer und dem Schmerz, der einem fast das Herz zerreißt? "Die Frucht deines Leibes" ist tot. Die Schmerzen einer Mutter sind vielleicht besonders groß, weil sie ihn aus ihrem Leib geboren hatte. Die, von der er Leben empfangen hat, kann ihn nur noch leblos empfangen aus den Krallen des Todes.
Rainer Maria Rilke dichtete in seinem Gedichtszyklus "Das Marien-Leben" (1912):
Pietà
Jetzt wird mein Elend voll, und namenlos
erfüllt es mich. Ich starre wie des Steins
Inneres starrt.
Hart wie ich bin, weiß ich nur Eins:
Du wurdest groß –
… und wurdest groß,
um als zu großer Schmerz
ganz über meines Herzens Fassung
hinauszustehn.
Jetzt liegst du quer durch meinen Schoß,
jetzt kann ich dich nicht mehr gebären.
Käthe Kollwitz (1867 – 1945), die berühmte Bildhauerin und Zeichnerin des letzten Jahrhunderts, hat wie Barlach und andere Künstler das Pietà-Motiv aufgegriffen, um der Trauer der Mütter um ihre Kinder und toten gefallenen Söhne Ausdruck zu geben. Ihr jüngerer Sohn Peter fiel im Oktober 1914 in Flandern. "Frau mit totem Kind" ist ein immer wiederkehrendes Motiv in ihrem Werk. Sie erklärt das so: Frauen gebären Männer, und dann bleiben sie allein zurück und tragen das Leid der Menschheit.
In Berlin in der Neuen Wache steht seit 1993 ihre Pietàfigur im Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. 1937 hatte sie diese Figur in kleinerer Form geschaffen, in dem Jahr, in dem sie im Dritten Reich Ausstellungsverbot bekam.
Seit dem 19. Jahrhundert wird das Pietà-Motiv in nichtreligiöser Bedeutung verwendet. Aber auch bei der nichtreligiösen Bedeutung bleibt eine Andeutung davon erhalten, dass wir einen Gott haben, der das Leiden kennt.
Michelangelo stellt das Motiv ganz schön dar, - und das rief auch viele Kritiker auf den Plan - ohne die expressive Dramatik gotischer Pietà-Darstellungen, aber auch die, der Käthe Kollwitz. Maria ist nicht alt, sie ist von immerwährender Schönheit, ein künstlerisches Symbol für ihre Keuschheit. Seuse konnte beten: "Tochter deines Sohnes", heißt eine Formulierung in einem Gebet von H. Seuse. Später hat er nicht mehr in solch technischer Perfektion gearbeitet. Mit voller Absicht! Seine späteren Pietà-Darstellungen und auch andere Plastiken sind unvollendet. Das Unvollendete ist eine Methode der Andeutung, eine Art, nie das letzte Wort auszusprechen, um eine ewig unaussprechliche Schönheit durchblicken zu lassen. Bei seiner allerletzten Pietà, der Pietà (Rondanini) tritt die äußere Form völlig zurück zugunsten eines immer zarter werdenden innerlichen Ausdrucks. Die Behandlung des Marmors wirkt nachlässig, als ob - und die kunstvolle Virtuosität des jungen Künstlers für den alternden Meister bedeutungslos geworden wäre.
Michelangelo war ein tief einsamer Mensch. Seine Mutter starb, als er sechs Jahre alt war. Vielleicht rührte seine Melancholie da her. Er lebte äußerst und unglaublich einfach, arbeitete Tag und Nacht in wütender Schaffenskraft, war äußerlich wortkarg und oft von beißendem Ton, aber innerlich bescheiden und liebevoll. Er gehörte in Rom einem Kreis an, wo reformatorische Ideen eines Petrus Waldus zirkulierten. Am Ende seines Lebens konnte er in einem seiner zahllosen Gedichte sagen:
"Und Frieden find’ ich nicht bei Farb’ und Steine,
denn nur für ihn blüht jede Liebesflamme,
der uns die Arme beut’ vom Kreuzesstamme."
Von der Liebe zur Schönheit gelangte er zur Christusliebe. Maria ist auch ein Bild unserer Seele. Genau wie Maria versuchen wir den toten Jesus in Liebe zu umfassen und sinnen dem nach, was sein Tod für uns bedeutet.
"Den aller Welt Kreis nie beschloss, der liegt in Marien Schoß". Tot! Wie kann das sein? Wieso zeigt sich darin Gottes Liebe?
Wer fragt, was am Kreuz "für uns" vollbracht wurde, möchte nicht mit einer einfachen Formel abgespeist werden. Denn was bedeutet das Wort "Erlösung" angesichts der Schreie aller Menschen auf dieser Welt?
Ich meine, es kommt darauf an, glauben zu lernen, dass uns nichts scheiden kann von der Liebe Gottes. Denn das wurde am Kreuz vollbracht, dass Gott, der die Liebe ist, den Tod ins Leben gewendet hat.
Die Liebe erträgt viel. Das weiß jeder Liebende. Aber auch die Liebe erträgt nichts, ohne darunter zu leiden. Auch Gottes Liebe leidet Schmerzen: in diesem Jesus am Kreuz all die Schmerzen, die die Menschen sich gegenseitig und oft genug sich selber zufügen.
Karfreitag heißt: Gott leidet mit. Er blieb nicht unberührt, nicht abgeschirmt, für sich, sondern er teilte den Dreck, das Blut, die Verachtung und die Schmerzen, selbst den Tod.
Wer einen Menschen lieben will, ernsthaft lieben will, muss ihn dort aufsuchen, wo er ist, das ist schwer genug. Jeder, der einen geliebten Menschen leiden, krank sein oder sterben sieht, weiß, wie ohnmächtig wir vor dieser letzten Grenze sind. Dass wir niemandem, auch nicht denen, die wir lieben, ins eigenste Leid hinein folgen können. Gottes Liebe jedoch lässt sich auf die Härte des Todes ein, nimmt den Tod auf sich und wendet ihn so in das Leben. Diese Liebe wurde am Kreuz offenbar.
Es ist vollbracht, ist kein Wort der Hochstimmung und des Glücks, sondern wir lernen, diesem Wort zu glauben in Situationen, in denen wir unsere Grenzen und unsere Schuld einsehen und Vertrauen lernen: das Vertrauen auf Gott, der auch in der Tiefe nicht loslässt. Da, wo wir den Zugriff und die Kontrolle über unser Leben verlieren, da ist nicht alles sinnlos und verloren. Gott ist auch in der Tiefe, im bittersten Nichts. Daher ist die Welt nicht von Gott verlassen.
Uns bleibt zu antworten auf die Liebe Gottes, indem wir ihn unsererseits lieben und unser Herz aufschließen gegenüber dem, was am Kreuz für uns geschah. Genau wie Maria, versuchen wir, den toten Jesu in Liebe zu umfassen.
"Mein Lebetage will ich dich
aus meinem Sinn nicht lassen.
Dich will ich stets, gleich wie du mich,
mit Liebesarmen fassen!"
EG 83, 4
Amen.