Informationsveranstaltung zum beschlossenen Verkauf des Martin-Luther-Hauses

am 30. April 2004 im Martin-Luther-Haus
Rede der Dekanin
 
Liebe Gemeindeglieder aus Geislingen,
liebe Gäste von außerhalb!
 
Niemand möchte das Martin-Luther-Haus verkaufen!
Weder ich, noch die Kirchengemeinderäte, noch Sie!Der Unterschied ist: Die Finanzlage der Gesamtkirchengemeinde hat uns dazu gezwungen. Wir haben keine andere Wahl. So unsere Einschätzung nach menschlichem Ermessen. Niemand möchte das Martin-Luther-Haus verkaufen. Aber wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass wir es müssen.
 
Wir wollen Ihnen darlegen, wie wir zu dieser Einschätzung kommen, und welches die Zahlen und Sachverhalte sind, die uns dazu bewegt haben. Deshalb haben wir heute Abend zu dieser Informationsveranstaltung eingeladen.
Wir wollen Sie informieren!
(Wandzeitungen, Diskussionen, Zusammenfassung per Beamer)
 
Niemand möchte das Martin-Luther-Haus verkaufen. Einige von Ihnen wissen, dass wir (allen voran ich selbst) die Idee verfolgt haben, aus dem Martin-Luther-Haus ein Haus der Kirche zu machen. Das hätte bedeutet:
 
  • Konzentration von Diensten
  • Synergieeffekte bei der Zusammenarbeit
  • Einsparungen durch Verkauf anderer Immobilien

Die Idee hatte etwas Bestechendes.
Der Stadtkirchengemeinderat hatte sich einmal das Haus der Kirche in Nürnberg angesehen und war begeistert. Herr Werner Fischer, der langjährige ehemalige KGR der Martinskirche, hat in verdienstvoller, mühevoller Kleinarbeit zusammen mit dem Architekturbüro Mühlich, Fink und Partner einen Plan ausgearbeitet und wäre bereit gewesen, die Bauüberwachung zu übernehmen. Vielen Dank ihm an dieser Stelle.
 
Trauer ist angesagt:
Sie können mir glauben, dass auch ich traurig war am Abend des 24. Januar 2004. Traurig und erschöpft. Abschied nehmen von einer guten Idee, weil sie nicht finanzierbar ist. Das tut weh.
 
Ich kann auch die Trauer der Anderen verstehen. Vom Martin-Luther-Haus Abschied nehmen, dass heißt, von einer Ära der Geschichte der  Kirchengemeinde Geislingen Abschied nehmen.
Wieviel Spenden, Mitarbeit, Muskelkraft und Schweiß, Arbeitsstunden, gute Ideen, persönliche Lebensgeschichten stecken in diesem Haus. Das soll nun alles zu ende sein?
 

Manchmal muss man als Leitung schnelle Entschlüsse fassen, weil einem sonst eine Chance abhanden kommt. (Verhandlungen mit der Abteilung für Immobilienmanagement beim OKR was die Rentabilität von bestimmten Verkaufsmöglichkeiten betrifft.)
 
1000 Menschen haben unterschrieben gegen den Verkauf des Martin-Luther-Hauses. Das haben wir nicht erwartet. Diese Zahl hat uns überrascht. Das müssen wir zugeben.

Zuerst war ich erschrocken über den Gegenwind und die Aggressivität des emotionalen Protestes. Dann habe ich gedacht: Man kann es auch anders sehen: Wenn mir im Herbst 2003 jemand die Aufgabe gestellt hätte:
interessiere 200 Leute für die finanzielle Lage der Kirche in Geislingen, dann hätte ich gesagt: Unmöglich!

Jetzt interessieren sich 1000 Menschen dafür. Das ist doch eigentlich toll! Vielen Dank Ihnen, dass Sie mit Ihrer Unterschrift Interesse am Ergehen der Gesamtkirchengemeinde zeigen! 
Wenn ich darüber hinaus im Dezember 2003 Menschen für eine Arbeitsgruppe gesucht hätte, die über konkrete Schritte zur Rettung der Lage nachdenken sollten, dann hätte ich wohl auch da niemand gefunden. Nun hat sich eine Initiativgruppe zur Rettung des Martin-Luther-Hauses gebildet, die konstruktiv über Alternativen nachdenken will, und viel Zeit und know how investiert (vielleicht gelingt es ja auch, das Geld zu sammeln?) Wir werden von Ihren Ideen später noch hören. Vielen Dank an dieser Stelle dafür!
 
Ich begrüße übrigens - das sage ich deutlich - jede Initiative, die Ideen entwickelt für die Rettung des Martin-Luther-Hauses oder die Lösung des Finanzproblems.
 
An eines muss aber auch erinnert werden:
Als es darum ging, Kandidaten für das Amt des KGR zu finden, war es gerade beim letzten Mal mühsam. Warum? Es gibt doch wirklich wichtige Dinge zu entscheiden! (Wie man am Beispiel Martin-Luther-Haus sieht).
 Als ich vor 5 Jahren in der Bezirkssynode Mitglieder für einen Struktur-Ausschuss suchte, war es schwer Menschen zu finden. Wir haben dann doch welche gefunden und Ideen entwickelt, den Bezirkshaushalt zukunftsfähig zu machen, trotz reduzierter Finanzen. (Teilziel der Bezirksentwicklung). (Um das Ergebnis beneidet uns mancher Kirchenbezirk in der Nachbarschaft!) Aber diese Finanzierungsdinge sind schwer zu verstehen, eine komplexe Materie.

"Zukunftsfähig",
d. h. Spielräume zu haben, nicht jede Innovation stoppen zu müssen wegen Finanznot nicht dauernd am Defizit vorbei zu rutschen. Was mit dem Bezirkshaushalt gelungen ist, sollte mit dem HH der Gesamtkirchengemeinde auch gelingen. Zukunftsfähig zu werden trotz reduzierter Finanzen.
 
"Ich will meinen Dienst im Gehorsam gegen Jesus Christus nach der Ordnung unserer Landeskirche tun".
 
Dies ist das Versprechen, das die Kirchengemeinderäte bei ihrer Amtsverpflichtung gegeben haben. Dasselbe wie die Pfarrer und die Dekanin.
Ich bitte Sie einfach darum, dass wir einander abnehmen:
Dass jeder auf seine Weise dem Herren der Kirche, Jesus Christus, gehorsam sein möchte und nach der Ordnung der Landeskirche handeln will.
Wir haben hier vielleicht unterschiedliche Positionen: Pro und Contra Verkauf Martin-Luther-Haus. Aber wir haben doch ein gemeinsames Interesse, das Wohl der Kirche in Geislingen.
Unterstellen wir uns doch bitte nicht gegenseitig, dass das anders sei!
Als Dekanin habe ich im Kirchenbezirk dafür zu sorgen, dass die Einnahmen und Ausgaben des Bezirks zur Deckung kommen (Königsaufgabe des KBA). Als geschäftsführende Pfarrerin der Gesamtkirchengemeinde ist das ebenso meine Aufgabe. Dafür zu sorgen, dass wir nicht über unsere finanziellen Verhältnisse leben, sichert nicht nur den Bestand unserer Gebäude, sondern auch die Gehälter unserer über 120 MitarbeiterInnen innerhalb der Gesamtkirchengemeinde, hat also unmittelbar mit dem Wohl von Menschen zu tun.
Die Ordnung unserer Landeskirche (genauer die HH-Ordnung) schreibt vor, dass Vermögen zu erhalten sei. Diesem Zweck dienen die substanzerhaltenden Rücklagen, die seit dem Wirtschaftlichen Handeln für Gebäude zu bilden sind.
Dem Kirchenpfleger wurde von Rechnungsprüfern immer wieder bescheinigt, dass es ihm gelungen sei, das Vermögen der Gesamtkirchengemeinde zu mehren.
 
Trotzdem:
Es tut sich eine immense Deckungslücke auf, auf allen Ebenen der Landeskirche, und in vielen Gemeinden, von Bayern bis Berlin, von Hamburg bis Reutlingen.
Trotz der vielen Rücklagen, die wir ja haben, sind wir nicht in der Lage und werden immer weniger in der Lage sein, Personalstellen und Gebäude in gleichem Umfang zu erhalten.
Auf die Situation muss reagiert werden. Das ist unsere Aufgabe aufgrund unseres Amtes. Es kann nicht unser Ziel sein, einen riesigen Gebäudebestand auf Kosten von Personalabbau und völliger Strangulierung der Gemeindearbeit zu erhalten.
 
Gebäude oder Gemeindearbeit!
Wenn die Einwohnerzahl von 15.500 auf 7.700 zurück gegangen ist, dann müssen wir dem Rechnung tragen. Und die, die sich alternative Ideen überlegen, kann ich auch nur bitten: Nehmen sie die Zahlen zur Kenntnis.
Es kann doch nicht sein, dass wir die Pyramiden unserer Vorfahren pflegen und keine Leute mehr haben, die mit uns Gemeindearbeit machen und kein Geld mehr haben, Notenblätter zu kaufen, geschweige denn Musiker zu bezahlen, die mit uns singen. 

Aussicht:
Aller Abschied fällt schwer. Aber sind nicht wir als Christen Spezialisten dafür, "abschiedlich zu leben". Wir setzen uns mit Tod und Sterben auseinander. Wir wissen: "Wir haben hier keine bleibende Statt" (Hebr.Brief). Wir wissen, dass der Schatz der Kirche das Evangelium ist und nicht die Gebäude.
 
Wir singen zum Beispiel aus unserem Gesangbuch (EG 428,4):
Komm in unser festes Haus,
der du nackt und ungeborgen
Mach ein leichtes Zelt daraus,
das uns deckt kaum bis zum Morgen,
denn wer sicher wohnt vergisst,
dass er auf dem Weg noch ist.


Seit dem Club of Rome sind die Grenzen des Wachstums angesagt. Was für die Ökologie längst gilt und eingesehen ist von immer mehr Menschen. Wir müssen es für unser Gemeindeleben durchbuchstabieren. Aber unsere Tradition gibt uns Mittel an die Hand, die uns helfen können, solche Probleme zu bewältigen: Fasten, Askese usw. Wir Christen sind besser dran als frustrierte Bundesbürger, die per Lobby Arbeit jede vernünftige Reform blockieren.
 
Von der Immobilie zur Mobilität
Das sollte unser Motto sein. Vielleicht gewinnen wir eine ganz neue, nie geahnte Beweglichkeit in unserer Gemeindearbeit, wenn wir uns von manchem Bleiklotz am Fuß befreien, der Zeit und Geld kostet, von Diskussionen, die unsere kreativen Kräfte binden.
Könnte das nicht z. B. eine schöne Aussicht sein: ein leeres Ladenlokal in der FuZo anzumieten, um dort den Gemeindegliedern näher zu sein. Kirchenladen oder Kirchen-Café für Senioren, Familien. Leicht wieder zu kündigen, wenn anderes dran ist.
 
"Nimm Abschied liebe Seele und gesunde!" (Hermann Hesse)
 
Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschaffen für das Reich Gottes. (JvN)
 

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