War Echnaton der erste Monotheist?
Der ägyptische Herrscher Echnaton (1353-1336 v.C.) huldigte nur noch einem einzigen Gott, dem Lichtwesen Aton. Obwohl Echnaton bald kläglich scheiterte und verfemt wurde, strahlten seine Taten bis nach Israel. Der biblische Mose sei der Wiedergänger des "Ketzer-Pharao" aus Amarna - lautet die neue These der Religionswissenschaft.
In einer Predigt aus dem Jahr 2005 ist Dekanin Gerlinde Hühn auf diese Thematik bereits eingegangen - aber mit andern Antworten als der Spiegel-Artikel sie gibt .
Gottes Lob durch die Jahrtausende –
von Pharao Echnaton bis heute
Liebe Gemeinde!
Im Lied
Auf, Seele, Gott zu loben! Gar herrlich steht sein Haus.“ (EG 602)
fordert der Mensch seine Seele, also sein Innerstes - das, was ihn ausmacht – auf, Gott zu loben. Sein innerer und äußerer Blick durchstreift die ganze Schöpfung:
von Gott zum Licht
zu den Sternen, des Himmels Heer,
zur Erde mit Berg und Meer,
das Wasser wird meditiert,
die Brunnen und Quellen,
die Bergflüsse und Wasserfälle, der Tau,
Die Tiere: Wild und Vögel
Der Wald: mit Bäumen und Früchten
Die Saaten: Brot und Nahrung für Mensch und Tier
Früchte, Öl und Wein.
Mond und Sonne als Zeitgeber
.
Schließlich wird der Mensch besungen:
mit seinem Tagwerk, seinen Sorgen,
aber auch in seiner Rolle als Hüter der Schöpfung, der selber schöpferisch tätig ist und die Erde füllt mit den Gütern und Gaben seines Könnens.
Alles wird gleichsam aufgelistet.
Am Ende kommt der die Schöpfung erwandernde Blick, der sich freut und staunt über die „Kette der tiefsten Wirkung ringsumher“ (Faustprolog), am Ende kommt der Blick zurück zum Schöpfer:
„Lob Gott, o meine Seele, sing’ ihm Halleluja“.
Anbetung und Lob Gottes
Gott anbeten, heißt, ihn allein anerkennen als Schöpfer und höchsten Herren des Himmels und der Erde.
Anbetung bewahrt uns davor, das eigene Ich als Mittelpunkt der Welt zu betrachten.
In der Anbetung Gottes erahnen wir, wer Gott ist und wer wir sind, wie groß und unergründlich Er ist und wie klein und (doch auch wieder großgemacht durch ihn)
wir sind.
Gott loben – das ist aber noch mehr als nur huldvoller Respekt vor dem Großen, Ganz Anderem, Gott loben: das ist wie eine Liebeserklärung an Gott.
Man sagt ja oft auch nicht einfach zu einem menschlichen Du: „Ich liebe Dich“ und sonst nichts. Sondern das liebende Ich beschreibt, was es sieht, verliert sich im Anblick des Anderen, streichelt gleichsam mit Worten sein Angesicht und seine Gestalt, beschreibt die schönen dunklen Augen, die schwarzen Locken oder die blonden Haare, den roten Mund, die weiche Haut usw. usf.
Liebend verweilen im Anblick des Anderen, das ist Zärtlichkeit mit Worten.
So ist auch Gottes Lob eine Liebeserklärung an Gott, ein staunendes, erfreutes,
inniges Verweilen bei der Schönheit Gottes oder doch wenigstens bei der
Schönheit der Welt.
Simone Veil schreibt:
„Man hat Recht, die Schönheit der Welt zu lieben, denn sie ist das Zeichen eines Liebesaustausches zwischen dem Schöpfer und der Schöpfung.
Die Schönheit ist für die Dinge, was die Heiligkeit für die Seele ist.“ (EG S. 926)
Gottesbild
Wer ist dieser Gott, der hier angebetet und gelobt wird?
Im Lied heißt es:
„Er spannt den Himmel droben
gleich einem Teppich aus.
Er fährt auf Wolkenwagen
und Flammen sind sein Kleid.
Windfittiche ihn tragen zu Diensten ihm bereit.“ (602, 1)
Seltsam! so würden wir Gott nicht beschreiben. Wolken, Wagen und Flammen. Das sind fremde Bilder! Wo kommen sie her?
Wir werden auf Psalm 104 verwiesen, den das Lied 602 nachdichtet. Da heißt es:
„Herr, mein Gott, du bist herrlich,
du bist schön und prächtig geschmückt.
Licht ist dein Kleid, das du anhast.
Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich;
du baust deine Gemächer (deinen hohen Sitz) über den Wassern.
Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen
und kommst daher auf den Fittichen des Windes.
Du machst Winde zu deinen Boten und Feuerflammen zu deinen Dienern.“
(Ps 104, 1 – 4)
Diese Schilderung ist auffällig. Es sind fremde Vergleiche. Wolkenwagen und Flammen als Kleid, das erinnert eher an die Darstellung des Sonnengottes, wie sie aus Griechenland bekannt ist. In einem Wagen, der von Pferden gezogen wird, taucht die Sonne aus den Fluten des Meeres auf und fährt am Tag über das Himmelsgewölbe. Auch im germanischen Raum kannte man die Vorstellung, dass die Sonne auf einem Wagen von Pferden gezogen über den Himmel fährt. So zeigt es uns die bronzezeitliche Skulptur „Der Sonnenwagen“ von Trundholm, oder auch die Himmelsscheibe von Nebra, wo die Sonne in einem Schiff über das Himmelsgewölbe gefahren wird. Bilder aus einer fremden Kultur sind hier aufgenommen. Der Kontakt zu einer anderen Religion hat hier seine Spuren hinterlassen.

Eine Frau hat Psalm 104 umgedichtet zu dem Lied, das wir jetzt im Gesangbuch haben, im Jahr 1947. Martha Müller-Zitzke, eine der wenigen Liederdichterinnen in unserem Gesangbuch. Sie lebte von 1899 bis 1972. Sie werden bereits beim Singen des Liedes gemerkt haben, dass es eine Nachdichtung von Psalm 104 ist.
Zweieinhalb Jahrtausende berühren sich hier in diesem Lied, alte Bilder, die vom Psalm herkommen und neue Gotteserfahrungen klingen zusammen.
Das Buch der Psalmen
Das Buch der Psalmen ist eine Sammlung von hundertfünfzig einzelnen Dichtungen, die gesammelt und zusammengestellt wurden, (spätestens im zweiten Jahrhundert v. Chr. war die Sammlung komplett). Einzelne Psalmen in dieser Sammlung sind sehr alt. Das Buch der Psalmen, wie wir es heute vorliegen haben, ist sicher nur eine bescheidene Auslese aus der reichlicheren religiösen Dichtung Israels. Die Lieder des jüdischen Volkes, in denen es seine eigenen Gotteserfahrungen beschrieb, sprechen auch zu anderen Zeiten andere Menschen an. Das Neue Testament nimmt einige Psalmen auf, um die Geschichte des Jesus von Nazareth zu deuten (Psalm 22). Und bereits die frühe Kirche eignet sich besondere Psalmen, die Bußpsalmen, an (6, 51 u.a.). „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen gewissen Geist.“
Die alten Lieder wurden also weiter gesungen. Ihre Sprache hatte so viel überfließende Möglichkeiten, dass sie auch in anderen Zeiten gültig waren. Z.B. hat die reformierte Kirche, die auf Calvin zurückgeht, alle 150 Psalmen umgedichtet und verwendet die so entstandenen Choräle in jedem Gottesdienst. Einige davon sind von dort aus auch in unser Gesangbuch gekommen (die Nummern 270 bis 305) besonders wenn Matthias Jorissen daruntersteht oder wenn ein französischer Name bei der Melodie dabeisteht, schauen Sie doch einmal nach.
Auf diese Weise wurden die Psalmen des jüdischen Volkes von der christlichen Kirche angeeignet. In ihnen fand sie eine reichhaltige Sprache für ihre eigene Gottesverehrung und ihre eigenen Erfahrungen mit Gott: Sei es die Erfahrung in „tiefster Not“ oder die Zuversicht des Trostes unter der Leitung des guten Hirten, bei dem „mir nichts mangelt“. So auch hier, in unserem Fall, unser Lied 602 geht auf Psalm 104 zurück. Ein jahrtausendealtes Lied leiht uns heute noch seine Sprache und wir können einstimmen.
Parallelen zur Psalmendichtung
Israels Psalmendichtung steht zu ihrer Zeit nicht vereinzelt da. Im gesamten alten Orient gibt es mannigfache Parallelen. In der religiösen Dichtung des Zweistromlandes (Mesopotamien) aber vor allem auch in Ägypten.
Sehr erstaunt waren die Erforscher des alten Ägypten, als sie im 19. Jahrhundert in einem Grab einen Hymnus auf die Sonne fanden, der auffällige Parallelen zu Psalm 104 aufwies. Wie kam das? Wie ist diese Verbindung zu erklären?
Im 19. Jahrhundert grub man in Ägypten den Amarna-Hügel aus:
Dort fand man diesen Sonnengesang.
Man fand dort auch die so genannten „Amarna-Briefe“, die diplomatische Korrespondenz der Pharaonen dieser Zeit in akkadischer Sprache, (das war damals die Sprache des internationalen Geschäftsverkehrs). Diese Briefe sind wichtig für die Rekonstruktion der Geschichte Israels und der anderen Nachbarländer Ägyptens.
Und man fand einiges Spannende über den Gründer der Stadt heraus, die unter dem Amarna-Hügel verborgen war.
Pharao Echnaton
Pharao Echnaton (1377 bis 1358 v.Chr.) regierte 17 Jahre lang.
Er hatte an dieser Stelle eine neue Stadt bauen lassen: Achet-Aton (= der Horizont des Sonnensgottes). Hier verehrte er die Sonne und nichts als die Sonne, zusammen mit seiner Frau, die wohl eine Rolle als Priesterin spielte.
Seine Frau kennen Sie alle, es ist die berühmteste Statue der deutschen Museumslandschaft: Nofretete.Der Pharao nahm einen neuen Namen an: aus Amenophis IV. wurde Echnaton = Diener des Aton.
Vermutlich schrieb er den großen Sonnenhymnus selbst.
Ich habe Ihnen im Gottesdienst das Sonnenlied des Echnaton austeilen lassen. Da gibt es auffällige Parallelen zu Psalm 104, vor allem auch in der Reihenfolge der Phänomene der Schöpfung, die geschildert werden.
Besonders ähnlich zu Psalm 104 klingen die Zeilen, die ich am Rand gekennzeichnet habe. Unten auf dem Blatt ist ein Bild abgedruckt, es zeigt die Sonnenscheibe, „Aton“ genannt. Pharao Echnaton hat allein diese Sonnenscheibe als Gott angebetet. Von der Sonnenscheibe gehen Strahlen aus, die am Ende in einer kleinen Hand auslaufen. Das symbolisiert, dass von der Sonne Segen ausgeht, Geschenke, Gaben für Mensch und Tier. Der Pharao bringt seinerseits mit seiner Frau Nofretete und seinen Kindern (er hatte sechs Töchter) Opfergaben für Gott Aton, den Sonnengott, dar.

„Schön erscheinst du im Lichtort (= Horizont) des Himmels,
du lebendige Sonne, die das Leben bestimmt.
Du bist im östlichen Horizont aufgegangen
und hast jedes Land erfüllt mit deiner Vollkommenheit.“
Mit diesen Worten beginnt der große Sonnenhymnus des ägyptischen Pharaos Echnaton. Der Lauf der Sonne wird als Heilsgeschehen gesehen.
In dieser Zeit ruft der Pharao den Sonnengott in seiner sichtbaren Gestalt als Sonnenscheibe (= Aton) zum alleinigen Gott aus. „Du einziger Gott, außer dem es keinen anderen gibt.“ Dieses Bekenntnis erinnert an das Bekenntnis der Christen oder auch der Muslime.
Ein beispielloser Vorgang! Echnaton ruft eine Kulturrevolution aus. Er erklärt die vielfältige ägyptische Götterwelt kurzerhand für nicht existent und ordnet einen neuen Glauben und eine neue Theologie an.
Pharao Echnaton wandte sich vom Glauben an die vielen Götter ab. Er verfolgte die Priester des Amun, die einen großen Tempel in Theben hatten, und setzte seinen Glauben mit großer Unnachsichtigkeit durch. Eine Art religiöser Terror entstand. Götternamen wurden ausgemeißelt, der Besitz alter, religiöser Gegenstände verboten.
„ … (die Männer des Pharaos) steckten nicht nur Städte und Dörfer in Brand, plünderten die Tempel und zerstörten hemmungslos die Götterstatuen, sondern machten es sich auch zur Gewohnheit, die Allerheiligsten als Küche zu benutzen, um die heiligen, vom Volk verehrten Tiere dort zu braten. Sie pflegten auch die Priester und Propheten zu zwingen, die Tiere zu opfern und zu schlachten, und hinterher jagten sie die Männer nackt davon.“
Nicholas Reeves: Echnaton 2002, S. 177
Doch der neue Glaube hatte keinen Bestand. Die brutale Verneinung der religiösen Werte konnte Ägypten nicht ertragen. Es nannte ihn später einen Ketzer und löschte die Erinnerung an ihn aus. Seine Namenskartuschen wurden aus allen steinernen Monumenten herausgemeißelt. Tutenchamun, der Schwiegersohn Echnatons, uns wohl bekannt durch sein goldgefülltes Grab, ordnete die Rückkehr zum alten Glauben an den Gott Amun an.
Pharao Echnatons religiöser Umsturz ist die erste Religionsstiftung in der Geschichte und wie alle Religionsstiftungen ist sie monotheistisch. Dieser frühe Ein-Gott-Glaube entstand also noch vor dem Alten Testament.
Das wirkte als Sensation und beschäftigte seither die Forscher und auch die Phantasie der Menschen.
Wie entstand der Monotheismus in einer polytheistischen (viel-Götter-glaubenden) Umwelt?
Sigmund Freud schrieb z.B. in seinem Buch „Der Mann Mose“, dass Moses ein Ägypter war, der von Pharao Echnaton die Idee des Monotheismus übernahm und seinem jüdischen Volk weitergab.
Bei Thomas Manns Josef-Roman „Josef und seine Brüder“ kommt es zu einer Begegnung zwischen Josef und Echnaton, bei der Josef über seinen Glauben an einen einzigen Gott (den Gott des jüdischen Volkes) mit dem Pharao diskutiert und dessen Lehre von Aton vertieft. Josef erzählt ihm von Abraham, der den wahren und einzigen Gott entdeckt.
„Sollte es möglich sein, sagte der Pharao, dass so fern von mir und so lange vor mir ein Mann es ausmachte, dass der wahre und einzige Gott das Sonnenrund ist, der Schöpfer von Blick und Erblicktem, mein ewiger Vater am Himmel? Nein, Pharao, antwortete Josef lächelnd, beim Sonnenrund blieb er nicht stehen. Des Mannes Hochmut war, dass der Mensch solle allein dem Höchsten dienen. Darum ging sein Trachten über die Sonne hinaus. Amenhotep (Echnaton) hatte sich verfärbt.“
Ja, beim Sonnenrund blieb er nicht stehen. Hier wird also eine sanfte Korrektur des Monotheismus des Echnaton durch Josef geschildert, voller Ironie, wie Thomas Mann immer schreibt. Das ist natürlich romanhafte Dichtung.
Aber aus allem wird deutlich, der Monotheismus des Pharao Echnaton regte die Phantasie der Forscher, der Psychologen und der Dichter an.
Folgen für unseren Glauben
Das Lied, das wir heute singen, hat also seine Wurzeln bis zurück in den Sonnengesang des Echnaton: dreieinhalbtausend Jahre Lob Gottes. Die Einflüsse der ägyptischen Kultur in unserem Glauben mag für den einen oder anderen Christen eine Irritation bedeuten. Deshalb frage ich:
1.Wie muss man sich diese Einflüsse vorstellen
und
2.Werden dadurch die biblischen Texte entwertet?
Zu 1.
Einflüsse sind sicher nicht so vorzustellen, dass die biblischen Schriftsteller nun einfach den Sonnengesang des Echnaton abgeschrieben haben. Sondern, vermutlich ging es über den Weg der kanaanäischen Kultur. Die bronzezeitlichen Städte Palästinas waren mit dem religiösen Gedankengut der Echnatonzeit gut vertraut. Es ist denkbar, dass Elemente des Echnaton-Hymnus zunächst in kanaanäische Lieder eingingen, die den „höchsten Gott“ und „Schöpfer“ preisen (vgl. Gen 14, 19). Israel hätte dann die Stoffe und Motive von Kanaan übernommen.
Der Glaube Israels war ja zunächst ein Erlösungsglaube: Gott hatte das Volk aus Ägypten geführt und in die Freiheit geführt. Im Lande Kanaan, im Kulturland, kam es zur Sesshaftigkeit. Aus herumziehenden Nomaden wurden Bauern, die den Acker bestellten. Nun lernten sie die Elemente des Schöpfungsglaubens der kanaanäischen Umwelt kennen, ohne allerdings „Erde“, „Sonne“, „Mond“ und „Fruchtbarkeit“ zu vergöttlichen. Sondern Israel entdeckte, dass der Gott, „der dich aus Ägyptenland geführt hat“, auch der Herr der Erde und der Natur ist mit ihren wunderbaren Wechselwirkungen.
Psalm 104 ist durchdrungen von Motiven dieses Schöpfungsglaubens. Er listet in einer langen Reihe die Wunder der Schöpfung auf.
Hinter diesem Psalm steht die so genannte „Listenweisheit“. Was ist die „Weisheit“?
(ägyptisch Ma’at). Weisheit ist die der Welt innewohnende Ordnung und Vernünftigkeit. Sie muss als eine Vorform unserer heutigen Wissenschaft verstanden werden. In Schulen, für Schreiber und Königsberater, wurde die Welt erklärt und die wissenswerten Phänomene der Welt gesammelt und aufgelistet. Wie in einem Katechismusunterricht konnte der Lehrer den Schüler abfragen nach den einzelnen Teilen der Welt: Welche Tiere gibt es? Antwort: Tiere, Haustiere, wilde Tiere, Fische, usw. Eine späte Form der Listenweisheit ist das heute bei uns gebräuchliche Lexikon. Spuren der Listenweisheit finden sich in vielen Stellen der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte, im Buch Hiob, in den Sprüchen Salomos, im Prediger usw.
Zu 2.
Werden durch diese außerisraelitischen, kanaanäischen, ägyptischen und mesopotamischen Einflüsse die biblischen Texte entwertet?
Nein, die Bibel hat die alten Texte ja nicht einfach abgeschrieben oder übernommen, sondern sie hat sie verändert. Die Texte der Bibel nehmen aber teil am Wissen ihrer Zeit, eben in Form dieser Listenweisheit, und sind insofern für ihre Zeit modern. Natürlich wandeln sie die Gottesvorstellung ab. In der Sprache der allgemeinen Kultur formuliert die Bibel ihren besonderen Glauben an Gott, den Herrn.
Nicht die Sonne ist der Herr der Welt. Sie ist bloß ein „Licht“ oder eine „Lampe“ am Himmel. Und sie dient, ganz profan gesprochen, der Zeitmessung. Eine solche Bezeichnung der Sonne als Lampe ist in den religiösen Ohren der Umwelt eine ungeheure Gotteslästerung.
Gott selber, der Unsichtbare, ist für die Israeliten der Schöpfer der Sonne. Er ist der einzige und wahre Gott. Wie sagte Josef? „Beim Sonnenrund blieb er nicht stehen.“ Nicht die Sonne wird angebetet mit erhobenen Händen, wie im Sonnenhymnus geschildert, sondern „aller Augen warten auf Gott, den Herrn“. Er ist das unsichtbare Gegenüber des Glaubens.
Auch die Nacht und Finsternis werden verschieden gesehen. Bei Echnaton ist die Nacht die Folge des Fortgangs der Sonne. Eine Sphäre des Todes entsteht und breitet sich aus, ein Reich ohne Gott.
In Psalm 104 ist der Herr auch der Schöpfer der Finsternis, und führt die Finsternis selber über die Erde. Sie ist kein gottloses Reich.. Er selber aber bleibt unveränderlich derselbe.
In Psalm 104 und also auch für unseren christlichen Glauben ist Gott der himmlische König, der unsichtbar hinter aller Wirklichkeit thront. Die gesamte Schöpfung ist zu Gott hin offen, absolut von ihm abhängig. Er trägt sie und sorgt für sie wie ein Baumeister, der sie errichtet, wie ein weiser Verwalter, der den Tieren ihren Wohnraum zuweist und den Menschen einen andern. Wie ein Hausvater, der alle mit Nahrung versorgt, jedem nach seiner Art. Und dies alles geschieht aus weltüberlegener Macht, aus tiefer Weisheit und huldvoller Güte.
Und wie Gott sich an seinen Werken „freut“ (Psalm 104, 31), so antwortet auch der Mensch in staunender Freude.
Jesus Christus als wahre Sonne
Im christlichen Glauben wird nun das Motiv der Sonne weiterentwickelt. Die Sonne wird zu einem Bild für Jesus Christus und damit völlig ins Geistliche emporgehoben.
Jesus Christus ist die „Sonne der Gerechtigkeit“ (Mal 3, 20). Auf seinem Antlitz sehen die Jünger ein Strahlen wie bei der Sonne (Mat 17, 2).
Auch die Auferstehungsgemälde vieler großer Künstler arbeiten mit dem Sonnengleichnis z.B. das Auferstehungsbild von Grünewald, bei dem Jesus sich erhebt in eine riesige Auferstehungssonne hinein.
Das „Fest der unbesiegbaren Sonne“, das die Römer kannten, der 24. Dezember, wird mit dem Fest der Geburt Christi identifiziert. Jesus wird zur „Weihnachtssonne“ und zur „Gnadensonne“.
Licht, Freude, „Heil und Leben“ bringt er mit sich. Er geht „aus seiner Kammer“, wie die Sonne es in Psalm 19 tut.
In die Todesnacht des Einzelschicksals scheint die Sonne der Gnade Gottes.
„O Sonne, die das wahre Licht
des Glaubens in mir zugericht,
wie schön sind deine Strahlen.“ (EG 37, 3)
Im Lied 441, das wir am Ende singen, heißt es:
„O Sonn’ der Gnad ohn’ Niedergang,
nimm von uns an den Lobgesang,
auf dass erklinge diese Weis’
zum Guten uns und dir zum Preis.“ (441, 8)
Das Lob Gottes ist eine Liebeserklärung der Menschen an Gott. Wie die Schönheit der Schöpfung ein Zeichen des Liebesaustausches zwischen Gott und seinen Geschöpfen ist.
Durch die Jahrtausende hindurch haben Menschen ihren Gott verehrt und geliebt. Aber es kommt sehr darauf an, wer dieser Gott ist, dem da verehrende Liebe entgegengebracht wird.
Unser Gott, wie wir ihn durch Jesus Christus kennen, ist selber der Liebende. Er ist deshalb liebenswert.
„Gott ist das Größte
das Schönste und Beste
Gott ist das Süßte und Allergewisste,
aus allen Schätzen der edelste Hort.“ (EG 449, 10)
Drum „lob Gott, o meine Seele, sing’ ihm Halleluja!“
Du hast allen Grund dazu!
Amen.
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Du erscheinst schön im Lichtort des Himmels, du lebendige Sonne, die das Leben bestimmt. Du bist im östlichen Horizont aufgegangen und hast jedes Land erfüllt mit deiner Vollkommenheit.
Du bist schön und groß, glänzend und hoch über jedem Land. Deine Strahlen umarmen die Länder bis zu den äußersten Grenzen alles dessen, was du geschaffen hast. Du bist Re (Sonnengott Altägyptens), du erreichst ihr Land und bezwingst sie für deinen geliebten Sohn (Echnaton). Wenn du auch fern bist, sind doch deine Strahlen auf Erden. Du bist im Angesicht der Menschen, und doch kann man deinen Weg nicht ergründen.
Wenn du zur Ruhe gehst im westlichen Horizont, ist die Erde in Dunkelheit, gleichsam tot. Die Schläfer sind in ihrer Kammer, die Häupter verhüllt, und kein Auge sieht das andere. Würden alle ihre Sachen gestohlen, die unter ihrem Kopfe liegen, sie merkten es nicht. Jeder Löwe kommt aus seiner Höhle, alles Gewürm beißt. Das Dunkel herrscht, die Erde liegt im Schweigen, da der, der sie geschaffen hat, in seinem Horizont ruht.
Im Morgengrauen, wenn du dich im Horizont erhebst, vertreibst du die Finsternis und verschenkst deine Strahlen. Die beiden Länder (Ober- und Unterägypten) sind in Feststimmung. Die Menschen erwachen, stellen sich auf ihre Füße; denn du hast sie aufgerichtet. Sie waschen ihren Leib, nehmen ihre Kleidung. Sie erheben ihre Arme in Anbetung ob deines Aufganges. Das ganze Land, es tut nun seine Arbeit.
Alles Vieh ist zufrieden mit seinem Futter, Bäume und Kräuter grünen. Die Vögel fliegen aus ihren Nestern, ihre Flügel preisen dich. Alles Wild springt auf die Füße, alles, was umher fliegt, lebt; denn du bist für sie aufgegangen.
Die Schiffe fahren stromab und stromauf; jeder Weg ist frei nach deinem Aufgang. Die Fische im Strom springen vor deinem Antlitz; deine Strahlen dringen bis ins Innere des Meeres.
Der du die Frucht sich bilden lässt in den Frauen und den Samen der Männer bereitest, der du den Sohn im Leib seiner Mutter erhältst, ihn beruhigst, dass er nicht weint, du Amme im Mutterleib. Der Luft spendet, um am Leben zu erhalten, was er geschaffen hat. Kommt er aus dem Leib seiner Mutter, um zu atmen am Tag seiner Geburt, so öffnest du seinen Mund zum Sprechen und sorgst für seine Bedürfnisse.
Wenn das Küken im Ei unter der Schale spricht, gibst du ihm im Inneren Luft, um es am Leben zu erhalten. Du hast ihm im Ei seine Frist gesetzt, es zu zerbrechen. Es kommt aus dem Ei, um zu sprechen, es geht auf seinen Füßen, wenn es aus ihm heraus kommt.
Wie zahlreich sind doch deine Werke, dem Blick der Menschen verborgen, du einziger Gott, außer dem es keinen anderen gibt!
Du hast die Erde nach deinem Willen geschaffen, du allein mit Menschen, Vieh und allem Getier, alles, was mit Füßen auf Erden geht, alles, was oben mit Flügeln fliegt, auch die Fremdländer Syrien und Nubien und das Land Ägypten.
Du setzest jeden an seinen Platz und sorgst für seinen Unterhalt, jeder hat seine Nahrung und seine Lebenszeit ist berechnet. Ihre Zungen sind beim Reden unterschieden, ihre Art desgleichen, ihre Haut ist verschieden; denn du unterschiedest die Völker.
Du schaffst den Nil in der Unterwelt, du führst ihn herbei, wie du willst, um die Menschen zu ernähren, wie du sie geschaffen hast, du, ihrer aller Herr, der sich um sie müht, du Herr jedes Landes, der für sie aufgeht, du Sonne des Tages, groß an Ansehen. ...
Deine Strahlen tränken jedes Feld. Leuchtest du auf, so leben sie und gedeihen für dich.
Du schufst die Jahreszeiten, um alles zu erhalten, was du geschaffen hast, den Winter, um sie zu kühlen, die Glut, dass sie dich kosten. Du hast den Himmel fern gemacht, um an ihm aufzuleuchten, um alles zu sehen, was du gemacht hast, du allein in deiner Gestalt, als lebendige Sonne, glänzend, fern und doch nah.
Du machst Millionen von Gestaltungen aus dir allein: Städte, Dörfer, Äcker, Weg und Strom. Jedes Auge erblickt dich sich gegenüber als die Tagessonne über der Erde. ...
Du bist in meinem Herzen, es gibt keinen, der dich kennte außer deinem Sohn (Echnaton), du lässt ihn kundig sein deiner Pläne und deiner Macht.
Die Welt befindet sich auf deiner Hand, wie du sie geschaffen hast. Wenn du aufleuchtest, so leben sie, wenn du untergehst, so sterben sie. Du bist die Lebenszeit selbst, man lebt euch dich.
Die Augen schauen deine Schönheit, bis du untergehst. Alle Arbeiten werden nieder gelegt, wenn du zur Rechten (im Westen) untergehst. Wenn du wieder aufleuchtest, lässt du gedeihen für den König. ...
Du erhebst die Menschen wieder für deinen Sohn, der aus dir hervor gekommen ist, den König von Ober- und Unterägypten, der von der Wahrheit lebt, den Herrn der beiden Länder, Echnaton, und die große königliche Gemahlin, die Herrin der beiden Länder, Nofretete, die lebt und jung ist, immer und ewig.
(Aus: Mircea Eliade, Geschichte der religiösen Ideen)