Was erhofft man sich in Afrika vom Leben?

Matthias Banzhaf

Matthias Banzhaf


Der Geislinger Matthias Banzhaf ist im Entwicklungsdienst tätig. Er arbeitet in der Republik Niger, dem ärmsten Land der Welt.
 
Er schreibt:
 
Trotz der vielen Jahre, die ich nun schon in Afrika arbeite, ist es mir immer noch nicht gelungen, die Tiefen der afrikanischen Seele zu verstehen. Wahrscheinlich wird mir das auch nie so richtig gelingen. Aber vielleicht kann ja das Beispiel von drei Freunden  etwas auf die Frage, was man sich in Afrika vom leben erhofft, beitragen.
 




Hamidou, der Straßenjunge, der immer zur Mittagszeit am Ausgang der französischen Schule steht, um sich dort seine tägliche Mahlzeit zu ergattern. An wen klammert er sich heute in der Hoffnung, etwas abzubekommen, seien es nur ein paar Centimes, ein Kugelschreiber, oder vielleicht auch mal ein paar neue Schuhe? Ein paar hundert Eltern holen ihre Kinder ab. Manche bleiben bei laufendem Motor im klimatisierten Auto sitzen, andere winden sich abwehrend durch die vielen ambulanten Gemüse- und Bonbonverkäufer, Bettler und die anderen Straßenkinder, die alle gekommen sind, um von dem einen, kurzen Augenblick zu profitieren, wo die, die satt sind und eigentlich viel zu viel haben, an einem Ort versammelt sind. Aber es sind nur fünf Minuten, in denen es zu handeln gilt, danach sind alle wieder weg, verschanzt hinter ihren Mauern und beschützt von ihren Wächtern. Wer ist heute Hamidous Gönner? Wen begleitet er heute vom Auto bis zur Schulpforte und zurück, in der Hoffnung dass der dann nicht mehr anders kann als ihm etwas zu geben? Heute hat Hamidou den Falschen ausgesucht. Alles für die Katz! Der ausgesuchte Gönner hatte kein Kleingeld. Und schon sind alle anderen weg. Wieder eine Nacht schlafen, ohne etwas gegessen zu haben. Aber der eine, tagtäglich wiederkehrende Traum hält ihn wach: Irgendwann einmal auf der anderen Seite des automatischen Autofensters zu sitzen und derjenige zu sein, der die Centimes verteilt.


Djidda, der Viehnomade, der jahraus, jahrein mit seinen Rindern dem Regen folgt. Die Regenzeit im Sahel ist kurz, meistens dauert sie nur zwei Monate. Aber es regnet nicht überall. Manchmal muss Djidda mit seiner Frau und seinen drei Kindern 400 km laufen, um seine Herde dorthin zu führen, wo das Grün aus dem Boden sprießt. Er muss sich beeilen, bevor die anderen Viehnomaden dort eintreffen, um seinem Vieh das unberührte, zarte Grün bieten zu können. Es gibt eben nur diese eine kurze Periode, wo es sich satt essen kann. Und das gilt auch für Djidda und seine Familie: Nur eine satte Kuh gibt auch Milch! Also schnell die paar Habseligkeiten zusammenschnüren und auf die Esel packen: Kochtopf, Plastikplane, Schlafmatte, ein paar Löffel, das war’s dann auch fast schon. Dieses Jahr ist Djidda in die falsche Richtung gelaufen. Der Regen, den man ihm gemeldet hatte, war zu wenig, um einen richtigen Grasteppich wachsen zu lassen. Was bleibt nun: Alles wieder zusammenpacken, ganz weit in den Süden zu laufen, über Grenzen ziehen und in der Fremde versuchen zu überleben, bis zur nächsten Regenzeit. Tausche eine Kalebasse Milch gegen eine Hand voll Hirse, das muss reichen. Auf was hofft Djidda im Leben? Eigentlich nur auf eines: auf eine Welt, in der es wieder mehr regnet, wo man den Bedürfnissen der Nomaden mehr Rechnung trägt, wo man mit offenen Armen empfangen wird statt mit Macheten. Etwas anderes kann sich Djidda eigentlich auch gar nicht vorstellen.


Salifou, Beamter im Erziehungsministerium, der immer wieder woanders hin versetzt wird und selten pünktlich sein Gehalt bekommt (wenn er es überhaupt bekommt). Es ist wieder soweit. Im Radio werden die Versetzungen bekannt gegeben. Nach einer langen Aufzählung von Namen hört Salifou den seinigen. Er wird nach N’Gurti versetzt, 1700 km von der Hauptstadt entfernt, eine kleine Militärstation am Rande der Wüste: kein Strom, Wasser aus dem Brunnen, nur ein paar Händler und die Familien der Militärs, die hier leben. Soll er dorthin seine Familie mitnehmen, nachdem er erst vor drei Monaten mit ihnen von einem ähnlichen Ort nach Niamey in die Hauptstadt gezogen ist? Was für eine Ungerechtigkeit, denkt Salifou. Weil wieder mal der Minister ausgetauscht worden ist, werden alle Stellen umbesetzt, weil der Neue seine Getreuen um sich haben will, und die, die ihm nicht nützlich sind, soweit wie möglich wegschickt. Wäre er doch Mitglied in der regierenden Partei, dann wäre alles einfacher für ihn. Aber das ist gegen seine Überzeugungen. Er will nicht seine Seele verkaufen, nur für ein paar Vorteile. Und doch hofft er, dass sich irgendwann alles zum Guten kehren wird: Eine Regierung, die stolz auf ihre Beamte ist, die jene fördert, die aufrecht arbeiten, und diejenigen bestraft, die auf Kosten anderer in ihre eigene Tasche arbeiten. Eine Welt, in der die eigene Leistung zählt und nicht die zufällige Verwandtschaft mit dem Minister.
 
 
Hamidou, Djidda und Salifou sind alle drei praktizierende Moslems. Fünf mal am Tag neigen sie sich in Richtung Mekka. Dort bringen sie ihre Hoffnungen auf eine gerechtere Welt vor den Herrn, den sie Allah nennen. Sie tun dies mit dem gleichen Glauben und Vertrauen, in dem auch wir für eine bessere Welt beten.