Indien-Aufenthalt

Ökumene zum Anfassen – Eindrücke eines Vierteljahres-Aufenthaltes in der südindischen Partnerkirche.
 
Direkt nach dem Examen verweilten die beiden Krankenschwestern aus Geislingen Nadine Kümmel und Dorothee Stegmeyer in Nord-Kerala. Wieder zurück in Geislingen erzählten sie über ihren Aufenthalt. Sie sprachen mit Dr. Elfriede Nusser-Rothermundt, Vorsitzende des Indien-Partnerschafts-Ausschusses
 
 
Was hat Sie bewegt nach Indien zu gehen?

Dorothee: Es war schon immer mein Traum nach Indien in Zusammenhang mit humanitärer Hilfe zu gehen. Mich interessiert das Land, die Kultur und die Menschen. Ich habe mich deswegen seit Jahren damit beschäftigt und mich darüber informiert. Außerdem wurde mein Interesse verstärkt durch die beiden Krankenschwestern Tanja Lude und Yvonne Weigelt, die vor einigen Jahren ebenfalls in Kerala waren. Somit habe ich mich erkundigt und bin dann bei Ihnen gelandet.

Nadine: In mir drin steckte schon lange der Wunsch ins Ausland zu gehen. Einen Aufenthalt dort noch zusätzlich mit einem Einsatz in einem Krankenhaus zu verbinden, war ein Traum. Das Interesse an fremden Kulturen, Ländern und Menschen schlummerte schon lange in mir. Zum Ausbruch kam es dann, als ich von Tanja Lude und Yvonne Weigelt einen Vortrag über Kerala hörte. Der Funke sprang sofort über. Sie als Vorsitzende des Partnerschaftsausschusses haben dann die erste Verbindung hergestellt. Als die Delegation aus Kerala in Geislingen zu Besuch war, konnten wir schon den ersten persönlichen Kontakt knüpfen. 
 
Was war Ihr erster Eindruck von Nord-Kerala?
 
Nadine: Gleich am Flughafen bei der Ankunft fiel uns auf: Die Leute in Indien tragen bunte Kleidung. Wenn man eine Menschenmasse sieht, dann ist das so farbenfroh, dass die Fröhlichkeit der Menschen sofort ins eigene Herz übersprudelt. Die Menschen dort sind immer überaus freundlich. Sie würden ihr "letztes Hemd hergeben". Wir blickten immer in lachende, zufriedene und offene Gesichter. Und natürlich nicht zu vergessen die Landschaft. Palmen über Palmen, sogar in der Großstadt.


Sie haben in einem Wohnheim für Krankenschwesternschülerinnen gelebt.Was haben Sie über das Leben der Schülerinnen erfahren?
Woher kommen die Schülerinnen, die sich an einer christlichen Krankenpflegeschule ausbilden lassen?

 
Dorothee: Die 12 Schülerinnen im Alter von 17 bis 29 Jahren kommen aus sehr armen Gegenden, zum Beispiel aus der Region Munnar, einer Bergstation mit Teeplantagen. Weil sie aus sehr armen Verhältnissen kommen, werden die Schülerinnen von der Kirche dort unterstützt, zum Teil auch von Ärzten im Hospital in Codacal, damit sie die 2-jährige Ausbildung zur Missionskrankenschwester absolvieren können. Diese kostet 400 Rupien pro Monat. Das sind 8 Euro, die für Unterkunft und Verpflegung zu zahlen sind.
Sie leben alle 12 in 3 Zimmern mit jeweils 2 Stockbetten. Sie haben 2 Badezimmer mit Dusche und WC zur Verfügung. Sie haben getrennt von uns gegessen, teilweise auch anderes Essen bekommen und durften anfangs keinen Kontakt zu uns aufbauen. Die Schülerinnen dürfen nur zweimal im Jahr für jeweils 10 Tage nach Hause zu ihrer Familie fahren. Die Schülerinnen besitzen nicht viel, aber mit dem, was sie haben sind sie zufrieden. Wenige haben den Wunsch auszubrechen, da dies eh sehr schwierig und in den meisten Fällen überhaupt nicht möglich wäre. Sie haben nur sich, daher besteht ein großer Zusammenhalt untereinander.
 
Können Sie schildern, welche Art von Ausbildung die Schwestern dort erhalten?
 
Dorothee: Die Ausbildung zur Missionskrankenschwester dauert 2 Jahre, wobei jeweils einmal im Jahr für einen Monat lang ein Kurs für Anatomie und Krankheitslehre stattfindet. Sonst haben sie von morgens bis abends Bibelstudium, dazu noch Unterricht und Prüfungen über bestimmte Bibelabschnitte. Der Unterricht erstreckt sich teilweise sogar bis nachts um 22.30 Uhr. Gearbeitet wird von Montag bis Samstag, nur der Sonntag ist frei.
 
Die "normale" Krankenschwestern-Ausbildung geht über 3 Jahre. Dabei müssen Moslems, Hindus und Christen jeden Morgen in der Andacht in der Klinik-Kapelle anwesend sein. Die Christinnen unter den Schwesternschülerinnen müssen darüber hinaus Prüfungen zum Inhalt der Andachten ablegen.





Sie haben in einem christlichen Krankenhaus gearbeitet, das in einer überwiegend muslimischen Gegend von Nord-Kerala liegt. Wie haben Sie das Zusammenleben von Christen und Muslimen innerhalb und außerhalb des Krankenhauses kennen gelernt? 

Nadine: Innerhalb der Klinik herrscht unter den Religionen Frieden, zumal das Personal auch aus Angehörigen verschiedener Religionen besteht. Die Klinik selbst ist christlich, die Bewohner in Codacal sind zu 90% Moslems, zu 9% Hindus und nur zu einem Prozent Christen. Aus diesem Grund sind die meisten Patienten Moslems. Wir haben jedoch erfahren, dass manche Leute ungern in ein christliches Krankenhaus gehen. Uns wurde gesagt, dass es ein gelöstes Zusammenleben innerhalb der Religionen eher in den Städten gibt . Auf dem Land ist man eher kritisch. Diese Meinung hat sich für uns aber nicht bestätigt.


Wie unterscheidet sich der Krankenhausalltag in einem christlichen Krankenhaus Indiens von dem Alltag einer deutschen Klinik?
 
Dorothee: Um 8.30 Uhr beginnt in der Klinik die all-morgendliche Andacht, die für Schülerinnen, egal welcher Religion, Pflicht ist. Für das restliche Personal ist der Besuch der Andacht freiwillig. Es wird gesungen, aus der Bibel gelesen und eine kleine Bibelstelle in Form einer Predigt ausgelegt. Geleitet wird die Andacht vom Klinikdirektor und der Seelsorgerin. Im Hospital selbst, wenn kein Betrieb ist, sahen wir öfters das Personal in der Bibel oder christlichen Magazinen blättern oder christliche Lieder singen.
Im Krankenhaus herrscht ein Zweischichtenbetrieb. Es gibt eine Tagschicht von 9.30 bis 17.30 Uhr und eine Nachtschicht von 17.30 bis 9.30 Uhr. Die Schülerinnen sind überwiegend für die pflegerischen Arbeiten zuständig. Um das Waschen und die Nahrungsaufnahme der Patienten sorgen sich die jeweiligen Familienangehörigen.
 
Welche Erfahrungen haben Sie außerhalb des Krankenhauses bei Kontakten mit Christen unserer Partner-Diözese gemacht?
 
Nadine: Wir wurden immer offen und herzlich empfangen. Man ist uns immer mit Liebe begegnet. Wir fühlten uns immer sofort wohl und integriert. Oft öffneten sich Türen, nachdem wir die mitgebrachten Fotos aus Deutschland über unser Land und unsere Familien gezeigt hatten. Ob reiche oder arme Verhältnisse, überall wurde uns das Beste gegeben und viel Essen aufgetischt. Uns wurden Betten zur Verfügung gestellt, wobei die betreffende Familie selbst auf dem Sofa oder sogar auf dem Boden schlief.
Die Menschen sind sehr gläubig und leben ihren Glauben auch sehr intensiv, indem sie innerhalb der Familie abends noch zusammen singen, in der Bibel lesen und beten. Oder es wird ein Familienkreis-Treffen gemacht, bei dem alle Kirchenmitglieder bzw. Familien aus der Gemeinde sich treffen, um zu beten.
Die Familie steht an erster Stelle!





Sie waren an Weihnachten in Nord-Kerala. Wie feiern die Christen dort Weihnachten?
 
Dorothee: Ja, das war für uns Weihnachten einmal ganz anders als zu Hause im kalten Deutschland. Wir durften Weihnachten bei über 30° Celsius im Schatten genießen.
Angefangen hat alles am 21. Dezember mit der Weihnachtsfeier in der Klinik. Alle Schülerinnen haben ein 3-stündiges Programm auf die Beine gestellt; mit Tanz, Gesang, Sketchen und einem Theaterstück über das jüngste Gericht.
In Indien wird Weihnachten nur an einem Tag gefeiert, am 25. Dezember. Morgens geht man in den Gottesdienst, der sich von den anderen Gottesdiensten nur darin unterschiedet, dass ein paar wenige Weihnachtslieder gesungen werden. Anschließend werden Nachbarn und Verwandte besucht. Man wünscht sich "Merry Christmas" und tauscht Gebäck aus.
Wir beiden durften Weihnachten bei einer Familie verbringen, die uns eingeladen hatte. Es gab nach dem Gottesdienst und den Besuchen ein Mittagessen. Danach erhielten wir Geschenke. Innerhalb der Familie gab es allerdings keine Geschenke. Weihnachtslieder gab es nur auf Nachfrage zu hören, dafür aber einen blinkenden Weihnachtsbaum aus Plastik, der kunterbunt mit Krimskrams behangen war.
 
Was war für Sie das Ereignis, das Sie am meisten befremdet hat?
 
Nadine: Oh, da hat es nicht nur eines gegeben.
Eines war eine Frau im Kreißsaal, die seit 6 Jahren Witwe, somit illegal schwanger war. Die Angehörigen haben ihr gedroht sie zu töten, wenn sie das Kind nicht tötet. So hat diese Frau ihr Baby nach einem Tag erstickt. Die Schwangerschaft war nicht legal, dafür aber der Mord, jedenfalls in den Augen der Angehörigen.
Außerdem war es erschreckend und traurig zu hören, dass die Schülerinnen keinen Kontakt mit ihrer Familie haben dürfen. Nicht einmal an ihrem Geburtstag dürfen sie angerufen werden.
Befremdet haben uns noch die Ehen, die in Indien gibt - unabhängig von sozialem Niveau und Religionszugehörigkeit – üblicherweise von den Eltern der Heiratenden arrangiert werden. Es wird nach passendem Stand, Beruf und Familie, nicht nach Persönlichkeit ausgesucht. "Die Liebe kommt erst nach der Hochzeit", sagen sie Inder. Na ja, hoffentlich!

Hätten Sie Lust auf einen weiteren Aufenthalt?
 
Dorothee: Ja, auf jeden Fall. Es war trotz erschütternden Erlebnissen ein fast viermonatiger Aufenthalt voller unvergesslicher Ereignisse und Lebenserfahrung, die uns keiner mehr nehmen kann. Wir haben nicht nur Freunde gewonnen, sondern auch für uns selbst gelernt. Es ist nicht selbstverständlich, fließend Wasser und Strom aus der Steckdose zu haben. Auch dass man mit Wenigem zufrieden sein und Mitmenschen offen und herzlich begegnen kann; und dass man nicht zu sehr auf sich selbst bedacht ist.
 
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Partnerschaft?
 
Nadine: Wir wünschen uns, dass durch die Partnerschaft der Kontakt bestehen bleibt und sich intensiviert. Vielleicht besteht auch die Möglichkeit eines umgekehrten Austausches, um den Menschen dort einen Einblick hier zu gewähren. Man könnte Projekte erarbeiten, zum Beispiel Patenschaften für die Schülerinnen.

Es sollte viel Gebetsarbeit geleistet werden, denn die Menschen dort brauchen unsere Gebete.
An dieser Stellte möchte wir uns nochmals ganz herzlich für die Möglichkeit und die Unterstützung, die Sie uns geboten haben, bedanken.
Es war für uns eine unvergessliche Zeit.
Möge Gott Sie dafür reichlich segnen. 
 
 
 
 e.nusser-rothermundt@dont-want-spam.indienpartnerschaft.de