Bericht in der Geislinger Zeitung am 28. September 2011:
Sulawesi / Geislingen. Wie Menschen verschiedener Volksstämme zusammenleben, wie Christen in einem muslimisch geprägten Land zurechtkommen, das erlebte Anita Gröh mit einer kirchlichen Delegation in Indonesien.
Die Geislinger Landessynodale Anita Gröh gehörte einer zehnköpfigen Delegation der Evangelischen Landeskirche in Württembergischen an, die zwei Wochen lang Indonesien bereist hat. Hier ihr Bericht:

Im Kreis von Kirchengemeinderäten und Gemeindegliedern der Toraja-Kirche
Früh sind wir aufgestanden, in Rantepao, der Stadt, in der die Kirchenleitung der protestantischen Toraja-Kirche auf der indonesischen Insel Sulawesi (Celebes) ist. An diesem Sonntag sind wir eingeladen, am Gottesdienst zur Einführung des neuen Bischofs und dreier Prälaten teilzunehmen. Um 9 Uhr soll der Gottesdienst in einer Kirche auf dem Land beginnen. Die Kirchenleitung geht also zum Volk.
In unserem Kleinbus rumpelt es ordentlich, der Weg ist mit Schlaglöchern aller Größen versehen. Rechtzeitig um 8.30 Uhr kommen wir an und werden von den Gemeindegliedern herzlich empfangen - die Delegation aus "Württemberg", die extra in ihr Dorf kommt. Wir sehen, dass schon für das gemeinsame Mittagessen das traditionelle Essen vorbereitet wird: In ausgehöhlten Bambusstangen wird Gemüse und Fleisch gestopft und über dem Lagerfeuer stundenlang gekocht.
Um 9 Uhr regt sich noch gar nichts. Keine Glocken, die Organistin übt noch auf ihrem Keyboard, alle stehen und reden miteinander. Wir fragen nach: Beginn um 9 Uhr? Freundlich wird genickt, jaja 9 Uhr. "Rubber time", Gummi-Zeit, es zieht sich. Kurz vor 10 geht es los.

Ein Kirchengemeinderat versteigert ein Ferkel
Die Lieder sind uns teilweise bekannt, ein Lied aus Taizé, dann "Eine feste Burg ist unser Gott" - alles auf indonesisch. Englisch wird auf Sulawesi kaum gesprochen. Von der Predigt verstehen wir nichts. Die Einsetzung des Bischofs und der Prälaten erkennen wir an der feierlichen Unterschrift auf Dokumenten.
Danach werden drei Klingelbeutel gereicht. In den christlichen Kirchen in Indonesien wird immer dreimal geopfert, für die eigene Gemeinde, für die Landeskirche und für die Diakonie. Welcher Beutel welcher ist, können wir nur raten. Dann erleben wir Erstaunliches. Ein Kirchengemeinderat, im Batikhemd wie alle Kirchengemeinderäte es tragen, tritt vor. Viele Gemeindeglieder opfern kein Geld, sondern spenden Sachen, erklärt er. Diese werden nun im Gottesdienst versteigert. Mehrere fein säuberlich eingepackte Kuchenstücke, Gemüse, Eier - besonders die Toraja-Kirchenleitung und wir sind gefragt beim Mitsteigern. Dann hält der Kirchengemeinderat einen Sack hoch. Wir staunen, der Sack bewegt sich. Es quiekt durch die Kirche. Ein Ferkel wurde gegeben. In kürzester Zeit ist der Sack in anderen Händen.

Die württembergische Delegation singt
Als Gruß aus Württemberg haben wir ein Lied eingeübt: "Wohl denen, die da wandeln". Es wird gut aufgenommen, dass wir vierstimmig und ohne Keyboard-Begleitung singen können. Die Grußworte nach dem Gottesdienst sind in Toraja auch nicht kürzer als bei uns.
Dann geht es schnell, das Essen wird in der Kirche auf Tischen angerichtet. Bei allen Einladungen in Kirchengemeinden und Familien wird das Essen immer als Büfett angeboten. Es stehen Schälchen mit Wasser auf dem Tisch. Das heißt, wir essen heute mit den Fingern. Wie immer gibt es Reis, dazu Gemüse und Fleisch aus dem Bambusrohr und wunderbares Obst. Süße Wassermelonen leuchten auf dem Tisch. Bananen in einer Vielfalt, wie es bei uns Apfelsorten gibt. Für die Kinder ist es ein Festtag. Sie verlieren nur langsam ihre Scheu vor den Gästen vom anderen Ende der Welt.
Viel tun die Kirchen in Indonesien für die Kinder. Bildung, sagen uns alle, Bildung ist wichtig. Die Kirchen unterhalten Kinderheime, sorgen für Unterkunft und Essen. Die Heim-Kinder besuchen staatliche Schulen. Die Jugendlichen werden begleitet, bis sie eine Arbeitsstelle haben. In Indonesien herrscht für alle Schulpflicht. Wenn die Eltern das Schulgeld nicht mehr zahlen können, versuchen sie, die Kinder in die kirchlichen Heime zu geben, damit die Ausbildung ihrer Kinder weitergehen kann.
Indonesien ist ein reiches Land. Rund ums Jahr kann angebaut und geerntet werden. Wasser ist genügend vorhanden. Das ganze Land ist grün. Wenn den Bauern ihr Land gehört, geht es ihnen gut. Wenn sie es gepachtet haben, müssen sie 50 Prozent der Ernte abgeben. Dann leiden sie Not. Denn die Äcker sind nicht groß. Indonesiens Bevölkerung beträgt 240 Millionen.
Bali ist die kleinste der Haupt-inseln. Deshalb hat die indonesische Regierung vor 40 Jahren ein Umsiedlungsprogramm durchgeführt. Balinesen wurden nach Sulawesi umgesiedelt. Schwierigkeiten, die unterschiedlichen Volksstämme zu integrieren, gibt es bis heute. Zudem haben diese Stämme unterschiedliche Religionen: Muslime, Hindus, Christen, Naturreligionen . . .
Im Gebiet der Dongala-Kirche in Zentral-Sulawesi wurden Christen aus Bali angesiedelt. Der Vorsitzende einer Kirchengemeinde erzählt uns von den Problemen. Als er nach seiner Umsiedlung seine Frau, eine Muslima, heiraten wollte, wären ihre Eltern dagegen gewesen. Was sie mit solch einem "Dahergelaufenen", der nichts habe, denn wolle. Die Frau hat ihn geheiratet, ist Christin geworden. An Weihnachten, so berichtet er, würde die muslimische Verwandtschaft in großer Zahl zu Besuch kommen. Natürlich gebe es dann Geflügel zum Festessen und kein Schweinefleisch.
Arme Gemeinden in den protestantischen Kirchen können sich keinen Pfarrer leisten. Deren Ausbildung an der Hochschule in Makassar auf Sulawesi ist Aufgabe der Kirchenleitung. Unterstützt wird sie dabei vom Evangelischen Missionswerk Südwestdeutschland (EMS). Albrecht Link, württembergischer Pfarrer, ist Lehrer an der Hochschule. Er begleitet uns diese zwei Wochen, übersetzt und gibt uns wertvolle Informationen. Mit ihm besuchen wir Projekte wie landwirtschaftliche Ausbildungsstätten und Wiederaufforstungs-Programme in Kirchengemeinden, die vom EMS unterstützt werden. Das EMS und Landesbischof July haben in Indonesien einen hervorragenden Ruf.
Die meisten Einwohner Sulawesis sind Muslime. In einer Kirchengemeinde bei Makassar soll das undichte Kirchendach renoviert und ein Anbau entstehen. Dagegen erheben Muslime Einspruch. Die Kirchengemeinde versucht nun, im interreligiösen Forum über ihr Bauvorhaben zu informieren und um Zustimmung zu werben.
Uns wird auf den Weg gegeben, gut darauf zu achten, welche Steine wir in Deutschland im Umgang mit Muslimen ins Wasser werfen. Die Wellen kämen in Indonesien an.
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Besuch beim EMS-Projekt "Wiederaufforstung" in Bali