
Chorfenster der Stadtkirche
Es liegt nahe, eine Verbindung zwischen gotischer Lichtarchitektur als Summe neuer Bauerfahrungen und einer Theologie des Lichtes als Summe einer neuen Weltinterpretation zu vermuten. Das vom Licht Geformte gilt als das eigentlich Schöne. Das Licht adelt alle Materie, und auch die Architektur einer Kirche gewinnt erst aus der Kraft des Lichtes Schönheit und Weihe. Farbige Glasmalereien wollen den Menschen über das Leuchten der Dinge zum höchsten Licht leiten.
Die Geislinger Stadtkirche besaß wohl von Anfang an in allen Fenstern, sowohl im Chorraum als auch in den Seitenschiffen, farbige Glasbilder. Sie sind leider zerstört. Die letzten Reste waren 1880 noch vorhanden; an einem Fenster des nördlichen Seitenschiffes las man die Inschrift 1450 und in einem Chorfenster waren mehrere Wappendarstellungen erhalten, die in die Zeit des Chorbaues zurück reichen dürften.
Es ist kaum anzunehmen, dass die mittelalterlichen Glasfenster den Bilderstürmern zum Opfer fielen; diese hatten mehr die Skulpturen und Tafelbilder beseitigt. Eher ist an kriegerische Wirren, einen gewandelten Zeitgeschmack, Witterungseinflüsse oder den natürlichen Verfall zu denken. Als Zeichen der Überwindung des "finsteren Mittelalters" wurden hauptsächlich im Zeitalter des Barock in zahlreichen Kirchen die mittelalterlichen Glasscheiben durch farbloses Glas ersetzt, damit die volle Kraft des Lichtes den Kirchenraum überfluten sollte. Erst das 19. Jahrhundert mit seiner Begeisterung für die Kunst des Mittelalters weckte wieder den Wunsch nach farbiger Verglasung. 1879/80 erhielt auch die Stadtkirche neue Chorfenster.
Bei der Renovierung von 1975/76 beauftragte man den Glasmaler Hans Gottfried von Stockhausen mit einem neuen Bildprogramm. Der renommierte Künstler hat in zahlreichen Kirchen des In- und Auslandes gearbeitet, u. a. auch im Ulmer Münster.
In ihrer theologischen Thematik sind die Chorfenster aufeinander abgestimmt. Das linke Fenster stellt die sieben Tage der Schöpfung dar. Das Mittelfenster, in dessen Zentrum Christus steht, hat die Erlösung zum Inhalt. Das rechte Fenster zeigt die Erneuerung der Welt als das Werk des Heiligen Geistes.
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Marienfenster im Turmzimmer der Stadtkirche