War ein so renommierter Baumeister im Spiel, sucht man nach Parallelen zwischen der Geislinger Stadtkirche und dem Ulmer Münster. Zunächst seien die trennenden Kriterien genannt. Bei der Stadtkirche ist keine westliche Schaufassade ausgebildet, auch weist der Turm keinen quadratischen, sondern einen rechteckigen Grundriss auf. Es fehlt die Bauplastik, das äußere und innere Strebewerk sowie im Langhaus ein Gewölbe aus Stein (das vorhandene ist eine spätere Zutat aus Holz). Außerdem fehlt es dem Raum an Licht. Die Gründe sind lokal bedingt. Sie liegen im begrenzten Baugrund, am bodenständigen porösen Tuffstein und in den gegenüber Ulm doch provinziellen Verhältnissen.
Viel deutlicher fallen an der Stadtkirche die Merkmale ins Auge, die mit dem Ulmer Münsterbau übereinstimmen. Ein 63 m hoher Westturm dominiert das Stadtbild. Im Grund- und Aufriss präsentiert sich die Kirche als Basilika mit hohem Mittelschiff und niedrigen Seitenschiffen. Die Seitenschiffe schließen nach Osten gerade ab, führen also nicht in Nebenchöre. Ein Querschiff fehlt. Dafür ist der Chorraum sehr lang gezogen und bot Platz für liturgischen Aufwand und ein ausladendes Chorgestühl. Die Scheitelhöhe des Chores liegt niedriger als die des Langhauses. Der Turm öffnet sich ins Mittelschiff. Jeden Besucher überrascht die große Weite des Innenraumes; ein auffallender Breitenzug schafft ein großzügiges Raumbild.
Die Geislinger Stadtkirche darf als das Werk der Ulmer Münsterbauhütte und insbesondere des Münsterbaumeisters Hans Kun angesprochen werden. Viele, teils bestechende Übereinstimmungen machen sie zu einer Modellarchitektur des Ulmer Münsterbaues. Die Geheimnisse einer Bauhütte beruhten auf der Beherrschung der Geometrie. In den Proportionen ihres Grund- und Aufrisses ist die Stadtkirche mit Hilfe einer sehr reifen Quadratur bemessen. Für den Meister war allein das Quadrat und seine geometrischen Ableitungen maßgebend. Man war davon überzeugt, dass der Schöpfung Gottes, dem Kosmos, mathematische Regeln zu Grunde liegen. Ein formdurchdachtes Ambiente schuf im Zusammenstimmen aller Teile nach Maß und Zahl ästhetischen Wohlklang und ein Abbild des himmlischen Jerusalems.