Seelsorge

Pfarrerin Susanne Jutz

Pfarrerin Susanne Jutz


Der christliche Glaube will im Alltag gelebt sein
 
Um den Glauben miteinander oder allein leben zu können, braucht es verschiedene Angebote in der Kirchengemeinde oder im Kirchenbezirk. Die Seelsorge ist dazu eine Grundlage.
 
   
"Willst du gesund werden?"

Wir haben’s versucht, im Spiel in einer Gruppe:
Wenn einer da liegt und keine Motivation hat
auf die Beine zu kommen,
schafft es kein Mensch, auch nicht zu zweit,
ihn aufzurichten.
Wir haben’s noch einmal versucht,
haben den, der da lag, angeschaut,
haben gefragt: ""Willst du?".
Dann haben wir erst einmal, im Liegen,
seine Füße berührt
und aufgestellt.
Dass er ein Gefühl dafür bekommt,
wie es ist, Boden unter den Füßen zu haben.
Wenn da mit einem Mal etwas in Bewegung kommt,
wenn der Blick des Menschen am Boden sich sichtbar konzentriert
und er langsam sich aufzurichten beginnt,
erleben diejenigen, die daran (mit-)arbeiten,
geradezu eine Erlösung.
Jesus war auf dem Weg gewesen hinauf nach Jerusalem
zu einem Fest der Juden.
So wird erzählt im Johannesevangelium, Kapitel 5, ab Vers 1.
Hinauf! Ein Fest!
Aber, wir kennen das,
in der Hochstimmung vor einem Fest
meldet sich oft das Leid zu Wort.
Da war auf dem Weg ein Teich,
der heißt auf hebräisch Bethesda.
Dort sind fünf Hallen.
In diesen lagen viele Krank, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.
Es war aber dort ein Mensch,
der lag achtunddreißig Jahre krank.
Als Jesus den liegen sah
und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte,
spricht er zu ihm:
Willst du gesund werden?
Wenden wir uns
dem Thema "Seelsorge" zu.
Dafür ist interessant zu sehen,
was zwischen Jesus und dem Kranken vor sich geht.
Körperlich gearbeitet mit diesem Menschen
hat Jesus nicht in dem Sinn,
wie ich es eingangs von unserem "Spiel" berichtet habe.
Aber Sehen und Vernehmen sind für ihn wichtig.
Und eine entscheidende Frage:
"Willst du gesund werden?"
Und wiederum sehen und vernehmen,
was der Kranke zu sagen hat:
"Herr, ich habe keinen Menschen,
der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt".
Jesus hat diesen Menschen nicht angefasst
und mit körperlichem Einsatz hochgezogen.
Aber eine Kraftanstrengung war es sicherlich doch.
In Jesus lebte eine besondere Kraft.
Was aber ist unsere Kraft, mit der wir anderen helfen können?
Ich habe gelernt, dass Jesus-Worte dazu helfen.
Nicht dass wir dem Gegenüber diese Worte sagen müssen!
Das wäre oftmals zu unvermittelt.
Vielmehr dass wir ein Jesus-Wort
eine Zeitlang in uns tragen,
in uns bewegen,
mit ihm uns selber nachspüren,
mit ihm uns sehen und vernehmen,
die Kraft dieses Wortes in uns aufgehen lassen,
wirken lassen.
Und mit diesem Wort in uns
den anderen wahrnehmen, vernehmen.
Zum Beispiel dieses: "Hebe deine Matte auf und geh umher".
Da geht es auch um unsere Festlegungen, unsere Prägungen,
auf dass wir damit umgehen lernen.
Das geht die Seelsorgerin, den Seelsorger an
und das Gegenüber, das Hilfe braucht, entsprechend.
 
Pfarrerin Susanne Jutz


Stern im Krankenhaus
 
 
Wir haben den 6. Januar. Seit 8 Tagen liege ich nun schon im Krankenhaus.
Am Fenster klebt ein reizender Scherenschnitt mit Kindern, die Schlittschuh  laufen. Der Bobbel auf der Mütze eines der Kinder sieht aus wie ein Stern. Passt zu heute, dieser Stern im Fensterbild.
 
Züge rauschen vorbei. Auf den Gängen rollen Betten, Putzwagen, Medizinwagen und  Essenswagen. Ich kann sie meistens am Geräusch unterscheiden. Und die Frauen auf den Gängen lassen sich durch das Hämmern der Absätze in zwei Gruppen einteilen. Die lauten Absätze gehören meistens zu den Besucherinnen. Die leiseren Sohlen dagegen zu den Frauen, die im Krankenhaus arbeiten.
 
Mein Mann hat ein Büchlein vorbeigebracht – Titel: „Ich bin so froh, dass es dich gibt.“. Vor mir steht ein Blumenstrauß der Kinder. Zwei fast neongelbe Chrysanthemen leuchten wie Sterne. Passt zu heute.
 
Lang ist die Zeit hier - aber nicht langweilig. Immer wieder leuchtet etwas auf. Da sind meine Lieben, da sind die Menschen in der Gemeinde, im Dekanat, im Kollegium, die sich kümmern. Da sind die Grüße, die mich erreichen. Da sind die Schwestern, Ärzte, Putzfrauen, die Leute in der Küche und den Laboren und den anderen Arbeitsstellen.
 
Auch Querverbindungen leuchten auf und freuen mich. Da ist der Arzt, der im Kirchenbezirk mitarbeitet, die Schwester, die aus Steinenkirch kommt und die andere, deren Vater wir schon vor dreißig Jahren kannten. Da ist eine weitere Schwester, die meinen Mann kennt. Da ist die Exkonfirmandin, die ein Praktikum im Krankenhaus macht. Immer wieder gibt es so ein freundliches Aufleuchten. Und mein Krankenhauskollege lässt sich von mir erzählen und das tut mit gut. Lang ist die Zeit hier – aber nicht langweilig. Immer wieder sehe ich etwas aufleuchten, wie so einen Stern.
 
Ich schaue auf die Uhr. In Böhmenkirch feiern sie gleich Frühstücksgottesdienst. Ich bin in Gedanken dabei. Ich nehme die Bibel und lese und bete. Es tut mir gut, es aus der Bibel zum hunderttausendsten Mal entgegenzunehmen, dass ich geliebt bin und es schon immer war. Der Stern schlechthin ist einfach ER, ER, von dem die Bibel erzählt. Aber es ist schon erstaunlich, wo dieser Stern überall aufleuchtet. Er leuchtet bis hinein in liebevolle Gesten zum Beispiel von Menschen, die Fensterbilder fürs Krankenhaus gestalten.
 
Ingeborg Brüning, Pfarrerin in Steinenkirch