Kleine Kirche im katholischen Umfeld

Professor Paolo Ricca

Professor Dr. Paolo Ricca, Jahrgang 1936, ist emeritierter Professor für Kirchengeschichte und Praktische Theologie der Waldenserfakultät in Rom. Bei seinem Besuch in Geislingen konnten Dekanin Gerlinde Hühn und Anita Gröh, Geschäftsführerin im Dekanatsbüro in Geislingen, folgendes Interview mit ihm führen und ihn zur Situation der evangelischen Waldenserkirche in Italien und zur Ökumene befragen.

Frage: Professor Dr. Ricca:  Gibt es gute Gründe evangelisch zu sein?
Ricca: Es gibt gute Gründe, Christ zu sein. Evangelisch zu sein ist nichts anderes, als eine besondere Art Christ zu sein.
Warum ist jemand Christ? Es hängt nicht von uns ab, Christ zu sein. Die Entscheidung fällt zuerst bei Jesus. Nicht wir haben ihn gewählt, sondern er uns. Der gute Grund, Christ zu sein, liegt außerhalb unserer Entscheidung.
Christ sein ist eine besondere Art und Weise des Menschseins. Luther sagte: Ein Christ ist ein Mensch, der nicht mehr in sich selbst und für sich selbst lebt, sondern in Christus durch den Glauben und durch die Liebe.
Ein Leben, das im Glauben und in der Liebe gelebt wird, wird vermutlich ein gutes Leben sein, indem es zum Segen wird für die anderen Menschen und für die Umgebung. Andere Menschen werden sagen: „Wie froh war ich, einem solchen Menschen begegnet zu sein.“

 

Frage: Wie ist es, evangelisch zu sein in einem katholischen Umfeld wie in Italien?
Ricca: Evangelisch im konfessionellen Sinne ist die schlichteste Gestalt des Christentums. Schlicht heißt, auf das Wesentliche im Christentum konzentriert.
Wesentlich ist Jesus, in ihm finden wir nicht nur die ganze Offenbarung Gottes, sondern auch die Erschließung dessen, was wir sind und wozu wir berufen sind. Heute ist Schlichtheit wichtig. Im Katholizismus gibt es vielerlei, was nicht wesentlich ist für den Glauben nicht wesentlich ist: Marienverehrung, Heilige, Hierarchie.
Die evangelische Kirche hat eine Gestalt von Kirche zustande gebracht, die der grundsätzlichen geschwisterlichen Struktur der christlichen Gemeinde Rechnung trägt. Die katholische und die orthodoxe Kirche haben eine hierarchische Struktur. Dies entspricht nicht der evangeliumsgemäßen Form der Liebe, wie sich die Gemeinde Jesu im und aus dem NT entwickelt hat. Die Gestalt der Gemeinschaft, wie sie Jesus um sich geschart hatte, ist grundsätzlich eine geschwisterliche Gemeinde, in ihr sind alle Brüder und Schwestern.

 

Frage: Wie ist man evangelisch?
Ricca: Evangelisch ist nicht ein Titel, sondern eine Berufung. Man soll sein ganzes Leben als Berufung verstehen und versuchen, sie umzusetzen. Allerdings ist das Risiko der Freiheit für evangelische Christen hoch. Freiheit und Verantwortung zusammen zu halten ist schwer, und es macht Angst, wirklich frei zu sein. Im Katholizismus ist Gehorsam das Hauptanliegen.

 

Frage: Wie ist die Situation einer Minderheits-Kirche wie sie die Waldenserkirche ist in Italien?
Ricca: In Italien ist das Papsttum zuhause. Die Macht der katholischen Kirche ist spürbar. Allerdings hat sich die Situation der Minderheits-Kirchen in Italien verändert. Die Gesellschaft ist pluralistischer, niemand fragt nach der Zahl der Mitglieder, sondern danach, was man zu sagen oder beizutragen hat. Die Sache zählt. Die Säkularisierung hat die Situation der Minderheiten gegenüber früher verbessert.
Selbst die katholische Kirche bezeichnet sich mittlerweile als Minderheit. Der Mailänder Kardinal Martini meint, nur 9 bis 10 % der Katholiken in Italien seien streng gläubig, und höchstens 25 bis 30 %, fühlen sich zur katholischen Kirche zugehörig. Politisch und diplomatisch ist die katholische Kirche allerdings noch eine Macht.

 

Frage: Warum hat Papst Benedikt der XVI. den Protestanten abgesprochen, Kirche zu sein?
Ricca: Mit dieser Erklärung des Papstes sollten wir dasselbe tun wie einst Luther mit der Bannbulle: sie verbrennen. Gott wird sagen, ob die evangelische Kirche eine Kirche ist, das heißt, ob wir mit unserem Leben ausfüllen, was Kirche bedeutet. Mich hat immer beeindruckt, dass im NT Jesus die Jünger als „kleingläubig“ bezeichnet hat. Mit Kleinglauben kann man nicht Kirche sein. Wir sollten das sehr ernst nehmen. Gott entscheidet, wer Kirche ist oder nicht.

 

Frage: Warum hat Ihrer Einschätzung nach der Papst diese Erklärung abgegeben?
Ricca: In der katholischen Kirche wächst an der Basis die Überzeugung, dass die Protestanten Kirche sind. Gegen diese Überzeugung will der Papst ankämpfen. Viele Katholiken in Italien sind über die Erklärung des Papstes betrübt. Sie riefen bei mir an oder schickten bedauernde E-Mails. Ich denke, der Papst wollte damit ein klares Wort gegen diese wachsende Überzeugung innerhalb der katholischen Kirche sagen.

 

Frage: Welche Rolle haben die Protestanten in der EU? Wie sieht die Waldenser-Kirche dies?
Ricca: Für die Waldenser ist es gut, dass Europa wichtiger wird und einheitlicher denkt. Dadurch ist auch in Italien der Protestantismus kein Fremdkörper mehr. Die katholische Auffassung über die Waldenser war Jahrhunderte lang die einer „importierten Ware“. Das ist jedoch völlig falsch. Die Waldenser gibt es seit Anfang des 13. Jahrhunderts in Italien, als es „Italien“ noch gar nicht gab. Je mehr die Italiener Europäer werden, desto weniger fremd wird der Protestantismus für sie.
Allerdings wird über die Medien ein anderes Bild vermittelt: Päpste, Kardinäle werden bevorzugt befragt und zunehmend als Sprecher der Christenheit betrachtet. Das halte ich für problematisch.

 

Frage: Wie groß ist die Waldenserkirche in Italien?
Ricca: Die Waldenserkirche hat etwa 20.000 Mitglieder. Durch die zurückgehende Geburtenrate wird die Zahl kleiner. Bei der Verteilung des „8‰“ (Ottopermille, siehe Kasten), der Steuer für kirchliche oder soziale Aufgaben in Italien, entscheiden sich mehr als 200.000 Steuerzahler dafür, die Waldenserkirche zu unterstützen, das sind zehn mal mehr als die Waldenserkirche Steuerpflichtige hat.
Die Lutherische Kirche in Italien hat rund 5000 bis 6000 Mitglieder. Sie beginnt jetzt allmählich damit, ihre Gottesdienste auch ab und zu in italienischer Sprache zu halten, denn die jungen Gemeindeglieder sprechen nicht mehr Deutsch. Aber es wird noch zwei bis drei Generationen dauern, bis die Lutherische Kirche Italiens eine italienische Kirche sein wird.

 

Frage: Gibt es in Italien ökumenische Gottesdienste?
Ricca: Ökumenische Gottesdienste finden nur in der „Gebetswoche für die Einheit der Christen“ statt. Bei gesellschaftlichen Anlässen ist in der Regel die einzig eingeladene Kirche die katholische. Sie ist so viel größer als die anderen Kirchen, dass unter kirchlicher Präsenz immer nur die der katholischen Kirche verstanden wird.

Ottopermille = 8 pro Mille = 8‰

Mit „8‰“bezeichnet man die so genannte Kultussteuer, die jeder Steuerzahler in Italien entrichten muss. Er kann dabei auf seiner Steuererklärung ankreuzen, welcher Institution er sein Geld zufließen lassen will: dem Staat, der Katholischen Kirche, denn Waldensern, der Lutheranern, der jüdischen Glaubensgemeinde u.v.a.

Innerhalb der Waldenserkirche hatte es lang anhaltende Diskussionen darüber gegeben, ob man aus theologischen Gründen überhaupt die Gelder des Ottopermille annehmen dürfe. Die Synode hat sich endlich dafür entschieden, allerdings werden die Einnahmen nur für diakonische und kulturelle Zwecke verwendet, nicht aber für die Kernaufgabe der Kirche, die Verkündigung des Evangeliums und auch nicht für die Pfarrerbesoldung.

 

Da nur ein Bruchteil der Italiener überhaupt bei der Rubrik Ottopermille ankreuzt, werden die restlichen Einnahmen im Verhältnis der übrigen Ankreuzungen verteilt.

Bisher hat die Waldenserkirche dieses zusätzliche Geld nicht angenommen. Es setzt sich aber immer mehr die Auffassung durch, dass es besser sei, das Geld für Diakonie und kirchliche Entwicklungshilfe zu verwenden, als es dem Staat für Irakeinsätze zu überlassen.

 

Die Waldenserkirche ist die einzige Institution, die über die Verwendung der Ottopermille-Gelder völlig transparent berichtet. Dazu lässt sie einmal im Jahr in einer großen Tageszeitung die Bilanz veröffentlichen. Das trägt sehr zu ihrer Glaubwürdigkeit bei.