Religionsunterricht in der Diaspora – eine Donzdorfer Perspektive

Pfarrerin Viola Schenk

von Pfarrerin Viola Schenk

Evangelischer Religionsunterricht in der Schule –

eine Selbstverständlichkeit?

Nein, keinesfalls - auch wenn selbst die allgemeine Schulpflicht ein „Kind“ der Reformation bzw. der davon angestoßenen Fragen ist: Gerade uns Evangelischen ist deswegen der Religionsunterricht (wie überhaupt Bildung) sehr wichtig. Hier in Württemberg können wir uns Schule ohne RU kaum vorstellen. Dabei war im „Kernland“ der Reformation, im östlichen Mitteldeutschland, 40 Jahre lang kein Religionsunterricht (RU) an der Schule möglich! Als die DDR dann Geschichte war, war man sich keinesfalls schnell einig, ob und wie in der Schule RU vorkommen sollte. Bei unseren Nachbarn in der Schweiz findet der RU je nach Kanton als Schulfach, als freiwilliges Angebot in der Schule oder als Projektunterricht außerschulisch statt. Und die italienischen Evangelischen sind sogar stolz darauf, dass in ihren kirchlichen Schulen kein RU erteilt wird und möchten generell, dass religiöse Inhalte auch in den öffentlichen Schulen außen vor bleiben: Ihr Wunsch wäre ein streng laizistisches Schulsystem wie beispielsweise in Frankreich. RU in der Schule muss also nicht zwangsläufig sein, und wie damit umgegangen wird, ergibt sich aus der politischen, kulturellen und religiösen Situation und Geschichte eines Landes.

Wie Religionsunterricht…
…bei uns aussieht? In Baden-Württemberg liegen ja evangelische und katholische Gebiete nebeneinander; hier im Dekanat Geislingen bildete die Fils jahrhundertelang nicht nur eine politische, sondern auch eine Konfessionsgrenze. Noch vor 50 Jahren war eine Heirat „übern den Jordan“ fast ein Ding der Unmöglichkeit; die „Wiaschdgleibige“(Evangelische) akzeptierte man gerademal als Schloßgespenst (ja, der Winzinger Holzbrockeler ist Lutheraner, und Huidädää damit ein eigentlich evangelischer Fasnetsruf!), und die Großsüßener waren auch nicht gerade zimperlich mit Söhnen oder Töchtern, die um der Liebe willen der reinen Lehre samt Gustav-Adolf-Verein in den Rücken fielen.
Das hat sich in den vergangenen 60 Jahren Gott sei Dank deutlich zum Guten verändert – aber noch immer ist die Mehrheit der Christen im Filstal evangelisch, während hinter dem bereits katholisch geprägten Kleinsüßen katholisches Gebiet beginnt. Wir Donzdorfer Evangelischen (und dazu zählen neben den Gemeindegliedern in den Donzdorfer Ortsteilen auch die, die in Lauterstein, also Weißenstein oder Nenningen, wohnen) sind eine Minderheit, und unsere Kirchengemeinde muss als Diasporagemeinde ein sehr großes Gebiet abdecken - nur relativ wenige Kinder und Jugendlicher könnten Gemeindeangebote in Donzdorf nutzen, ohne gebracht und abgeholt zu werden. Das schränkt auch die Möglichkeiten Jugendlicher zur Mitarbeit ein. Momentan ist das verlässlichste und regelmäßigste evangelische Angebot, der Ort, an dem alle evangelischen Kinder und Jugendlichen erreicht werden, neben dem Konfi-Unterricht der RU: In den größeren Schulen in Religionsklassen entsprechend der Klassenstufe, in den kleineren Grundschulen in altersgemischten Gruppen. Gerade in Winzingen und Reichenbach u. R. ist das die einzige ständige evangelische Präsenz im Ort! Um noch Zahlen zu nennen: In Reichenbach werden 11 Kinder (Klasse 1,2,3+4) unterrichtet, in Winzingen 13 (Klasse 1,2+4). In Donzdorf sind es in der Grundschule eine kleine Gruppe größere Gruppen in Klasse 2+4 und eine sehr kleine Gruppe in Klasse 3.

Warum es wichtig ist…
… dass es bei uns evangelischen RU gibt? Für eine gute Ökumene sind verschiedene Faktoren nötig und dazu leistet der RU einen großen Beitrag: Kinder erfahren etwas darüber, in welche Tradition hinein sie als Christen, und speziell evangelische Christen, getauft wurden (oder werden). Gegenüber der katholischen Mehrheit kann eine Identität wachsen, die sich nicht nur negativ als „Nicht-Katholisch“ definiert, sondern sich positiv als „Evangelisch“ erfährt. Idealerweise wächst mit dieser Identität auch eine Sprachfähigkeit, das Eigene – auch in seiner persönlichen Ausprägung! – zu beschreiben, so dass Kommunikation untereinander und zu anders Glaubenden möglich wird. Wer sich nämlich über seine eigene religiöse Identität Gedanken machen und sich verständigen kann, der hat damit auch das Handwerkszeug, anderen verstehend zu zuhören. Wer ein gesundes Selbstbewusstsein hat, kann auch andere stehen lassen. Neben diesen „inneren Raum“ schafft der RU an der Schule auch den „äußeren“ Raum für dieses Gespräch, weil die Verschiedenheit (und zum Teil überhaupt die Existenz!) der anderen sichtbar wird. Also: Katholische Kinder realisieren, dass es auch Evangelische gibt – weil es den RU gibt. Und evangelische Kinder merken, ich bin evangelisch, das ist auch etwas! Beide Seiten lernen Toleranz - dass nämlich nicht immer alles gleich sein muss, und man trotzdem miteinander unterwegs sein kann, weil das wesentliche uns verbindet.

Ich wünsche mir für unseren Evangelischen Religionsunterricht,…
dass trotzdem weitergehen kann, was gewachsen ist. Wir haben Kinder und Jugendliche, die gern in den RU gehen. Wir haben ein gutes, ja, ein sehr gutes Verhältnis mit den Kolleginnen und Kollegen und den Schulleitungen. Die Schulen stehen Schulgottesdiensten sehr offen gegenüber, und ökumenische Gottesdienste sind die Regel und werden gemeinsam geplant und gestaltet. Unser Donzdorfer Kirchengemeinderat ist an der RU-Situation interessiert, was v.a. mir als Pfarrerin gut tut, weil ich sehe, dass diese Arbeit gewürdigt wird. Ich würde mir persönlich noch mehr Bezug der RU zur Gemeinde wünschen. Und ich würde mir wünschen, dass nicht nur unsere Gemeinde und unser außerordentlich engagierter Schuldekan, sondern auch die Kirchenleitung die Bedeutung des RU, gerade in der Diasporasituation, erkennt und praktisch würdigt.

 

Viola Schenk ist Pfarrerin in Donzdorf