Qou Vadis Geislingen?

Vollversammlung der Geislinger Kirchengemeinderätinnen und -räte

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) scheint ganz offensichtlich
in einer Zwickmühle zu stecken: Zum einen werden der demographische
Wandel und die Mitgliederentwicklung die Evangelische Kirche in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten in besonderer Weise herausfordern. Bereits heute ist es nicht – wie allzu häufig behauptet - der vermeintlich inflationäre Austritt von Kirchenmitgliedern, welcher der Evangelischen Kirche so schmerzhaft den Mitgliederschwund vor Augen führt. Es ist die schleichende demographische Entwicklung. Umso mehr muss der Evangelischen Kirche die künftig demographisch bedingt schmaler werdende Basis der Kirchenmitglieder am Herzen liegen.

 

Zum anderen findet sich die Evangelische Kirche in einer von Individualisierung und Pluralisierung geprägten, postmodernen Gesellschaft als ein Anbieter unter Vielen auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten wieder.

Ein Ausweg aus der misslich anmutenden Situation kann eben darin bestehen, dass sich die Kirche auf die Menschen und ihre Mitglieder verstärkt zu bewegt, um diese in ihren sich ständig veränderten Lebensräumen und -welten anzutreffen und dort ansprechen zu können. Dies setzt allerdings voraus, dass die Lebensräume und -welten der Menschen in den Blick genommen werden und die Kirche weiß, wo sich die Menschen aufhalten und wie sie „ticken“.

 

Bei der Vollversammlung aller Kirchengemeinderätinnen und Kirchengemeinderäte in Geislingen im Mai 2011 sprach Daniel Hörsch, Referent beim Zentrum für Mission in der Region der EKD über die Kirche im Spannungsfeld von Mitgliederentwicklung, demographischem Wandel und Milieus.

 

 

Daniel Hörsch, Sozialwissenschaftlicher Referent beim EKD-Zentrum für Mission in der Region berichtet

Daniel Hörsch, Referent beim Zentrum für Mission in der Region der EKD

Der Referent berichtete aufgrund der soziodemographischen Ausgangslage auf der Grundlage der Daten des statistischen Landesamtes Baden-Württemberg.
Zweitens betrachte er die Situation der Evangelischen Kirche
im Allgemeinen –  bezogen auf Trends, die für die EKD wie für die
Landeskirche gelten – und im Besonderen, für die Gesamtkirchengemeinde.

Schließlich brachte er die Auswertung der Milieudaten für Geislingen – sowohl für die Gesamtkirchengemeinde als auch für den Kirchenbezirk mit, um einen Blick durch die Milieubrille zu wagen und der Frage nachzugehen, welcher Menschenschlag lebt eigentlich unter milieuspezifischen Gesichtspunkten in Geislingen.

 

Wie geht es weiter in Geislingen fragen sich die Kirchengemeinderätinnen und -räte

Grundlagen - Trends - Mileus

Zu folgenden Punkten sprach der Referent 

 

 

A. Die Ausgangslage in Geislingen a.d. Steige - der soziodemographische Blick auf Stadt und Umland
1. Der Landkreis Göppingen im Bundesvergleich
2. Die Bevölkerungsentwicklung 1990 – 2009 und die Prognose bis 2030 für Geislingen
3. Wanderungsbewegungen in Geislingen
4. Entwicklung der Geburten und Sterbefälle in Geislingen
5. Prognose der Schülerzahlen für Geislingen

B. Allgemeine Trends und Entwicklungen der Evangelischen Kirche in Deutschland
1. Religionszugehörigkeit – wo stehen wir im Konzert der Konfessionen?
2. Altersstruktur: Überalterung und „Entjüngung“: zwei Seiten der Demographischen Entwicklung
3. Kirchenaustritte
4. Gemeindegliederentwicklung
5. Geburtenentwicklung und Taufverhalten
6. Demographische Entwicklung – Kirchenaustritt – Taufunterlassung –

C. Der Blick mit der Milieubrille auf Geislingen an der Steige
1. Die Sinus-Milieus allgemein
2. Die Milieus in der Gesamtkirchengemeinde und im Kirchenbezirk

D. Anregungen für die Diskussion
1. Erwachsene, die zum Glauben finden – wieder eintreten
2. Kinder und Jugendliche: verlorene Zukunft?
3. Gottesdienst vor leeren Bänken

 

 

Der Vortrag: 

 

Quo vadis Evangelische Kirche in Geislingen? (7 mb)

Kirche im Spannungsfeld von Mitgliederentwicklung, demografischem Wandel und Milieus.

 

Stichworte aus dem Vortrag:

 

Die Kirche ist ein Anbieter unter vielen im pluralen religiösen Markt. Deshalb ist es wichtig, die Menschen und ihre Lebensräume wahrzunehmen.

 

 

Bevölkerungszahl 

Der Landkreis Göppingen hat einen Kindermangel. Seit Jahrzehnten ist ein kontinuierlicher Geburtenrückgang feststellen. Die Geburtenrate bei 1,31 bis 1,4 Kindern pro Frau. Um den Bevölkerungsstand von heute zu halten, wären 2,1 Kinder pro Frau nötig.

 

Geislingen an der Steige gleicht sich hinsichtlich der Bevölkerung dem Niveau von vor 20 Jahren an und hat in den zurückliegenden zehn Jahren einen kontinuierlichen Rückgang zu verzeichnen. Und auch der Blick in die Glaskugel der amtlichen Prognose bis 2030 verheißt keine wirkliche Besserung, sondern offenbart einen Rückgang der Bevölkerung um 6,4% oder in absoluten Zahlen ausgedrückt: um 1734 Einwohner. Zunehmend wird die Geislinger Bevölkerung in den kommenden Jahrzehnten älter werden.
 


Durch den soziodemographischen Blick auf Stadt und Umland dürfte eines deutlich geworden sein: Der demografische Wandel ist kein plötzlich auftretendes Ereignis, kein spektakulärer „Paukenschlag“. Die demografischen Veränderungen vollziehen sich ganz im Gegenteil als eine Art „Revolution auf leisen Sohlen“. Zugleich schreitet der demografische Veränderungsprozess jedoch stetig voran: Das „Uhrwerk Demografie“ tickt also ohne Unterlass – auch für Kirche.

 

Fakt ist:
 Seit Ende der 60er Jahre ist die Mitgliederzahl in beiden Kirchen
rückläufig.
 Der jährliche Rückgang liegt in der evang. Kirche bei ca. 1 Prozent,
in der röm.-kath. Kirche bislang etwas geringer.
 Der Block der Konfessionslosen ist heute der mit dem meisten Zulauf!

 

 

Der Blick auf die Gegenüberstellung, wie viele Evangelische – demographisch bedingt – verstorben sind und wie viele ausgetreten sind, macht eines deutlich:
es ist nicht – wie allzu häufig behauptet der inflationäre Austritt von Mitgliedern, der uns als Evangelische Kirche so schmerzhaft den Mitgliederschwund vor Augen führt. Es ist die schleichende demographische Entwicklung!

In Zahlen ausgedrückt für den Zeitraum 1999 bis 2008:
13,1% der Kirchenmitglieder sind verstorben und 5,9% der Kirchenmitglieder
sind ausgetreten: das entspricht ganz grob einem Verhältnis von etwa 2:1. Auch das sollte uns zu denken geben!

 

Gemeindegliederentwicklung 

Werfen wir nun aber einen Blick auf die Gemeindegliederentwicklung im Geislinger Bezirk und in der Gesamtkirchengemeinde für die Jahre 1980 bis 2010, so zeigt sich folgendes Bild:

Ihr Bezirk wie auch die Gesamtkirchengemeinde hat eine signifikante Abnahme
an Mitgliedern zu verzeichnen: seit 1980 im Kirchenbezirk um rund 15%, in der
Gesamtkirchengemeinde gar um mehr als das Doppelte, nämlich um rund 36%!

 

Wobei dazu gesagt werden muss, dass wenn man die landeskirchliche Annahme von 1% Rückgang an Mitgliedern pro Jahr zugrunde legt, die Gesamtkirchengemeinde auf 30 Jahre gesehen in etwa im Landeskirchentrend liegt, wohingegen der Kirchenbezirk insgesamt deutlich darunter!

 

Sicher hilft auch ein Blick auf die einzelnen Pfarrbezirke und Kirchengemeinden
der Gesamtkirchengemeinde, deshalb auch die entsprechende Darstellung, mit zwei Bemerkungen i.S. von Auffälligkeiten versehen:

1.) Die innerstädtischen Pfarrbezirke weisen allesamt eine kontinuierliche
Abnahme der Mitglieder auf, wohingegen

2.) Die Pfarrbezirke/Kirchengemeinde im innerstädtischen Umland –
Eybach, Stötten und Weiler - eher konstant sind und sogar einen
leichten Aufwärtstrend zu verzeichnen haben.
Die Vermutung der Dekanin, dass die Kernstadt insbesondere vom
soziodemographischen Aderlass betroffen ist, scheint sich also statistisch
zu bestätigen.

Geburtenentwicklung und Taufverhalten
Wir können seit Jahrzehnten einen kontinuierlichen Geburtenrückgang
feststellen, wie wir vorhin bereits mit Blick auf den Landkreis und die
Stadt Geislingen gesehen haben. Einher mit dem Geburtenrückgang
geht ein kontinuierlicher Rückgang der Taufen – was naheliegend ist.
Beunruhigend ist bei der Betrachtung der Graphik viel eher, dass die
Taufquote – also der Prozentsatz der Kinder aus evangelischen Haushalten
– kontinuierlich rückläufig ist. Das heißt: nicht mehr alle von
evangelischen Eltern ins Leben gesetzte Kinder werden getauft!
Wir sehen einen Geburtenrückgang für Geislingen und eine einigermaßen konstante Taufquote bezogen auf die ev. Taufen.
Diese liegt bei guten 33%, d.h. 1/3 der in Geislingen geborenen Kinder
werden evangelisch getauft. Angesichts eines Geburtenrückgangs
um 37% ist das ein positives Ausrufezeichen!

 

Mileus

 

Bohren wir nun die Milieudaten noch ein wenig auf und betrachten uns die Milieuverteilung für die einzelnen Pfarrbezirke bzw. Kirchengemeinden und dies jeweils im Vergleich zum Kirchenbezirk, so sind folgende Auffälligkeiten festzuhalten:


1.) In Geislingen-Altenstadt „rockt“ die Zukunft mit den höchsten Werten an Konsummaterialisten, Hedonisten und Experimentalisten.

2.) In Weiler liegt die Vergangenheit „begraben“ mit den höchsten Werten an Etablierten, Konservativen und Traditionsverwurzelten.


3.) Paulus liegt im guten oberen Mittelfeld mit jeweils zweithöchsten Werten bei den Konsummaterialisten und Konservativen sowie guten Werten für die Etablierten.


4.) Die Stadtkirche fällt durch unterdurchschnittliche Werte bei allen Milieus auf.

 

Zunächst der Blick auf die unterschiedlichen Idealbilder von Kirche:

Wenn wir uns die Milieu-Daten für Ihre Gesamtkirchengemeinde vor Augen führen und vor allem die Werte, die positiv nach oben abweichen, so ist es vor allem ein Mix aus Extremen v.a. mit Blick auf Altenstadt und Weiler:

- In Weiler finden wir: Volkskirchlich (Traditionsverwurzelte), Kirche
als Fundament für Kultur, Moral und Werte sowie (Konservative),
Kirche als Fundus von Hochkultur und professionellem Unternehmen
(Etablierte)

- In Altenstadt finden wir: Kirche als sozial-caritativer Rettungsanker,
als Hilfe für existentielle Lösungen und als Zugang zu exotischen
Grenz- und Sinnerfahrung. 

 

 

In Gruppen werden einzelne Punkte besprochen

Nach der Information wurden in drei Gruppen folgende Themen diskutiert:

 

- Glaubenskurse

- Kinder und Jugendliche

- Gottesdienste

 

 

 

Zu Glaubenskursen:

 

Zu beachten ist, dass

  • verschiedene Zielgruppen angesprochen werden sollten
  • unterschiedliche theologische Niveaus angeboten werden
  • verschiedenartige Glaubensbiografien beachtet werden (wie der Glaube im Lebenslauf enstanden ist, bzw. verankert ist)

Zu Kindern und Jugendlichen:

  • traditionelle Jugendarbeit ist wichtig, wird aber weniger
  • andere Wege beschreiten - etwa die Kooperation mit z. B. der Lindenschule. Dies funktioniert aber nur ein Stück weit
  • Den Idealzustand, ganz viele Kinder unter ein Dach zu bekommen, erreichen wir nicht

Zu Gottesdiensten:

 

  • wir bieten sehr viel an
  • die verschiedenartigen Gebäude prägen den Gottesdienststil
  • die Leitungsgremien sollten bedenken: Jeder Mensch ist milieugebunden. Die Gemeinden insgesamt müssen offener gegenüber anderen Milieus werden und: Andere dürfen anders sein.

Dekanin Hühn bedankt sich bei dem Rerenten, Daniel Hörsch