Menschen statt Steine

Kirchenpflegerin Ulrike Glemser

Immobilienmanagement der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Geislingen/Steige

 

Bericht für die NACHRICHTEN der Kirchenpflegervereinigung, Heft 04/2007, Rubrik „Kirchengemeinden im Blickpunkt“ von Kirchenpflegerin Ulrike Glemser, Geislingen

 

 

Am  07.12.2005 fiel die Entscheidung: zwei Gemeindehäuser werden aufgeben. Im Jahr 2006 das Martin-Luther-Gemeindehaus und im Jahr 2013 eines der drei anderen Gemeindehäuser bzw. Gemeindezentren. Neben den Personal- und Sachkosteneinsparungen verringert sich die Soll-Gebäuderücklagenzuführung, denn die Rücklagen der verkauften Gebäude werden den anderen Gebäuderücklagen zugeführt. Diesen schwierigen Entscheidungen

vorausgegangen war ein rund einjähriger Beratungsprozess mit externer Moderation und Beratung durch Frank Wössner, Betriebswirt und Theologe aus Tübingen – ein kompetenter und engagierter Berater, den inzwischen auch andere Gesamtkichengemeinden hinzugezogen haben.

 

Der Geislinger Gesamtkirchengemeinderat hatte zur Klärung der folgenden Fragen eine Immobilien-AG mit Vertretern aus den Kirchengemeinderäten, der Kirchenpflegerin und einem neu gegründeten Initiativkreis eingesetzt:

 Wie viele Gebäude benötigen die evangelischen Gemeinden in Geislingen zur Aufgabenerfüllung?

 Und wie viele kann die Gesamtkirchengemeinde finanzieren? 

Ein Hauptziel des Prozesses war die Konsolidierung des „Immobilen-Haushaltes“ im Kontext der Gesamthaushaltskonsolidierung und günstigstenfalls auch die Schaffung von finanziellen Spielräumen. Ein weiteres Hauptziel war die Klärung der Frage, welcher Bedarf an Räumen/Gebäuden für die inhaltliche Arbeit auf Ebene der Kirchengemeinden und der Gesamtkirchengemeinde besteht.

 

Zunächst wurde als Ausgangsgröße das zukünftige Defizit im Rahmen der mittelfristigen Finanzplanung allein aufgrund der Erhöhung der substanzerhaltenden Gebäuderücklagenzuführungen berechnet. Anschließend wurden alle relevanten Personal- und Sachkosten der jeweiligen in Betracht kommenden Immobilen und deren Auslastungsgrade sowie mögliche Verkauferlöse ermittelt. Für die Zeit der Beratungen wurde ein Baustopp für größere Unterhaltungsmaßnamen an Gebäuden beschlossen.
 
Mit diesen Ausgangsfragen und -daten entwickelte die Immobilien-AG Handlungsoptionen in verschiedenen objektiven Szenarien (Alternativen) und legte diese dem Gesamtkirchengemeinderat zur Beschlussfassung vor. Wichtig für die Szenarien war dabei die angemessene Berücksichtigung des Zielkonflikts zwischen Wünschenswertem und Finanzierbarem. Im Rahmen der Szenarien wurde überlegt, in welchen anderen Gebäuden die Dienststellen, Gruppen, Kreise und Veranstaltungen aus den aufzugebenden Gebäuden stattfinden können. Die Beschlussfassung über die Szenarien war im Gesamtkirchengemeinderat letztendlich einvernehmlich bis auf eine Gegenstimme.

 

Dies war zu Beginn der Beratungen nicht gleich abzusehen. Begonnen hatte der Prozess eigentlich schon im Jahr 2003 nachdem feststand, dass am Martin-Luther-Haus einiges saniert werden müsste. Es diente nicht nur als Gemeindehaus und Veranstaltungsort wegen des sehr großen Saals, sondern beherbergte auch die Kirchenpflege, die Kirchenbezirkskasse, das ejw und die Diakonie-Sozialstation. Damals stand zur Debatte, das Martin-Luther-Haus zu einem kirchlichen Dienstleistungszentrum auszubauen oder es zu verkaufen. Aufgrund der hohen Investitionen und Folgekosten wurde schweren Herzens – denn die Idee eines Hauses der Kirche hatte etwas Bestechendes - vorgeschlagen, das Haus zu verkaufen. Zwischenzeitlich hatte sich ein Initiativkreis zur Erhaltung des Martin-Luther-Hauses gegründet, er sammelte 2000 Unterschriften, zT unter vagen Drohszenarien: die Türken wollen kaufen u.ä. Zwischen Gesamtkirchengemeinderat und Initiativkreis wurde intensiv diskutiert, ohne dass eine Übereinstimmung erzielt werden konnte.

 

Daraufhin beschloss der Gesamtkirchengemeinderat im Oktober 2004 den Verkaufsbeschluss um ein Jahr zurückzustellen und eine Arbeitsgruppe zur Erarbeitung eines Gesamtkonzeptes für den zukünftigen Immobilienbestand einzusetzen, die „Immobilien-AG“, zwei Vertreter des Initiativkreises wurden einbezogen, man hoffte, sie durch Argumente überzeugen zu können. Aber auch in der Arbeitsgruppe zeigte sich die Zusammenarbeit mit dem Initiativkreis schwierig. An einem Gemeindehaus, das man in seiner Jugend selbst mit aufgebaut hat, hängen viele Emotionen. Dadurch verschließt sich unter Umständen der eine oder andere logischen Argumenten, was in der Diskussion zu Schwierigkeiten führt.

 

Den Gesamtkirchengemeinderat leitete in seiner Entscheidung das Motto „Menschen statt Steine“. Die Gesamtkirchengemeinde sucht für das Martin-Luther-Haus über einen Makler Käufer. Bisher konnten noch kein Käufer gefunden werden, obwohl mehrere Interessenten auf der Bildfläche erschienen sind. Dieses Problem wird wohl viele Kirchengemeinden, die Immobilien verkaufen möchten, treffen.