Engel

© Evangelischer Kirchenbezirk Geislingen

Pfarrer Volker Weiß



„Das ist mein kleiner Engel“, sagte eine Patientin und zeigte auf die Fotografie ihrer Enkelin. Wenn das Mädchen sie besuche, schnuckle die Kleine ganz dicht an sie heran und flüstere ihr ins Ohr: „Ich hab dich so lieb.“ Das tue ihr so gut, gerade als sie einige Rückschläge zu verkraften hatte. Doch jetzt erhole sie sich langsam. Sie hoffe, dass sie bald entlassen werde. 

 

„Hört der Engel helle Lieder….“ – Auch in der Advents- und Weihnachtszeit haben Engel Konjunktur.  Himmlische Gestalten zieren die Schaufenster und Weihnachtsmärkte. Flinke Hände von Kindern und Erwachsenen haben die geflügelten Wesen kunstfertig aus Papier, Ton, Keramik oder Zinn gefertigt. Engel bevölkern in vielerlei Gestalt die Schaufenster und Auslagen.  Der Boom schreckt nicht einmal davor zurück, die Engel auf Aschenbechern anzubringen. Obwohl im Alltag primär die Tatsachen zählen, scheint die Adventszeit nicht ohne Engel auszukommen. Auch nicht dieses Jahr.

 

Ängste vor der Zukunft machen bei dem einen oder anderen die Runde: die Sorge, den Belastungen am Arbeitsplatz in der schnelllebigen Zeit nicht gewachsen zu sein, die Furcht vor Krankheit und Schicksalsschlägen, Unsicherheit in der Politik. Der Ton in der Gesellschaft wird rauer. Wer die Augen vor der Realität nicht verschließt, kommt nicht umhin festzustellen: Die Welt ist nicht in Ordnung - das beunruhigt. Sie hat Engel bitter nötig: allerdings nicht als verkitschte Gestalten, sondern als hilfreichen Beistand. Engel sind mehr als nur "Jahresendflügelfiguren".


So sollten sie nach DDR-Ideologie genannt werden. Engel haben immer auch eine spirituelle und religiöse Dimension. Die lateinische Bezeichnung für Engel >angelus< heißt ins Deutsche übersetzt: Bote Gottes. Engel erinnern nicht nur an unbeschwerte Kindheitstage, sondern sind Vermittler: Boten göttlicher und friedensstiftender Wirklichkeit. Sie stehen für die Erfahrung von Licht gegenüber der Finsternis. Engel sind Lichtgestalten. Es ist kein Zufall, dass das gesamte Geschehen von der Ankündigung der Geburt Jesu bis zur Flucht nach Ägypten von Engeln begleitet wird.  Die zentrale Botschaft der Boten einer unsichtbaren göttlichen Wirklichkeit heißt: „Fürchte Dich nicht.“ (Lk. 1,30)

 

Sie sind auch heute am Werk tief im Innern unserer Seele z.B. in Träumen und sie sind aktiv in zwischenmenschlichen Beziehungen. Ein Patient sagte zu einer Krankenschwester, die ihn behutsam pflegte: „Sie sind ein Engel.“ Manchmal haben Engel auch im Krankenhaus Konjunktur. Engel können auch Männer und Frauen ohne Flügel sein, selbst Kinder. Sie haben keine Schwerter, noch weiße Gewänder, die Engel. Doch Kranken bringen sie Trost, die Engel. Hungrigen ein Brot, die Engel. 

Vielleicht geben sie auch dir die Hand, oder wohnen neben dir, Wand an Wand, die Engel. Und rufen dir zu: „Fürchte dich nicht“, die Engel. Es müssen nicht Frauen und Männer mit Flügeln sein, die Engel.

Ihnen eine gesegnete Adventszeit.

 

Pfarrer Volker Weiß

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