Das besondere des Württembergischen Gottesdienstes

Württembergischer Predigtgottesdienst

Der Predigtgottesdienst am Sonntagmorgen ist die Gottesdienstform, an die man in der Regel denkt, wenn vom evangelischen Gottesdienst die Rede ist. Er stellt somit ein wesentliches Element evangelischer Identität dar.

Auch wenn die GottesdienstbesucherInnen am Sonntagmorgen keinen repräsentativen Querschnitt der Gemeinde abgeben, ist der Gottesdienst nach wie vor das Zentrum der Gemeinde, weil er die Menschen sammelt, die kommen, und sie nicht nach Zielgruppen auseinander sortiert. Außerdem werden im Sonntagsgottesdienst die für die Gemeinde wichtigen Feste und Ereignisse begangen. Er ist somit auch ein Ort der Selbstvergewisserung der Gemeinde.

 

 

Vertrauter Ablauf

 

Der Predigtgottesdienst hat eine einfache und vertraute Grundstruktur, so dass man als PfarrerIn nicht jeden Sonntag den Gottesdienst neu erfinden und als Gemeinde den Gottesdienst nicht jeden Sonntag neu lernen muss. Die Grundstruktur besteht aus einem Eingangsteil mit Eröffnung und Anrufung im Psalmgebet und Eingangsgebet. Es folgt die Verkündigung mit Schriftlesung und Predigt. Der Gottesdienst schließt mit Fürbitte und Segen. Die dazu passenden Lieder und Musik wechseln sich mit den Textstücken ab. Bei einem Abendmahlsgottesdienst wird die Liturgie um die dabei nötigen Stücke erweitert. Diese Grundstruktur bietet Raum für Texte und Lieder aus der Tradition genauso wie für neues Liedgut und aktuelle Verkündigungsformen. Mit dem Psalmgebet, biblischen Lesungen, einem großen Vorrat an alten Kirchenliedern und dem Glaubensbekenntnis verbindet der Predigtgottesdienst uns Heutige mit den Müttern und Vätern des Glaubens und mit unseren Wurzeln im Ersten Testament und beugt einer Geschichtsvergessenheit vor, die leicht eintritt, wenn man nur noch darauf schaut, anschlussfähig an die Gegenwart zu sein.

 

 

Raum für Gestaltung

 

Die Grundstruktur des Predigtgottesdienstes ist offen für unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten. Es können sich viele Menschen bei der Gottesdienstgestaltung einbringen, wie Konfirmanden, der Kindergarten, Kirchengemeinderäte oder ein Vorbereitungsteam. Doch das ist nicht immer möglich. Und so spricht es für den evangelischen württembergischen Predigtgottesdienst, dass er vollgültig mit einem Minimum an Kultpersonal, Technikaufwand und Medieneinsatz durchgeführt werden kann. Und er ist damit schön evangelisch. Ich will damit sagen: Die schlichteste Variante genügt vollauf! Und nichtsdestotrotz kann man es bei Gelegenheit auch so opulent und vielgestaltig haben, wie man es gerade will, kann und braucht.

 

 

Sprachfähig sein

 

Der württembergische Predigtgottesdienst steht – wie das Evangelium – quer zum Zeitgeist. Wir werden von Bildern überflutet. Der Predigtgottesdienst setzt noch immer auf das lebendige Wort, auf Bilder vom neuen Himmel und der neuen Erde, die durch die Sprache geweckt werden und sich in der Vorstellung der PredigthörerInnen neu zusammensetzen und weiter wirken. Diese Konzeption des Predigtgottesdienstes mit seiner Wortlastigkeit hält daran fest, dass es zum evangelischen Glauben gehört, sprachfähig zu sein. Selbst verantworteter Glaube fordert auch gedankliche Reflexion, nicht nur religiöse Gefühle und Erlebnisse. Und in einer Zeit, in der Radiobeiträge nicht länger als drei Minuten sein sollen, spricht es für den Predigtgottesdienst, wenn Menschen bereit sind, sich deutlich länger auf die Entfaltung einer Predigttextauslegung einzulassen. Der württembergische Gottesdienst konzentriert sich auf das Wesentliche: auf die Verkündigung des lebendigen Wortes Gottes, auf Gebet und Segen und auf das miteinander Singen und gegebenenfalls die Feier des Abendmahls. Und wie sagt der Schwabe oder die Schwäbin: „Meh braucht`s net.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Martina Rupp ist Pfarrerin in Deggingen-Bad Ditzenbach und Mitglied im Liturgieausschuss der Württembergischen Landeskirche