Das Geheimnis des Gottesdienstbesuches

Pfarrer Dietrich Crüsemann

Mehr als du denkst

 

Von Pfarrer Dietrich Crüsemann, Geislingen-Stadtkirche

 

 

 

Warum eigentlich in den Gottesdienst gehen? Es schläft sich doch so gut am Sonntagmorgen! So fragen es wohl Konfirmandinnen und Konfirmanden und vielleicht nicht bloß die. Manchmal erlebe ich es bei Besuchen, dass Menschen sich fast entschuldigen, dass sie selten oder kaum in den Gottesdienst gehen. Sie wollen mir damit, glaube ich, signalisieren: es liegt nicht an Ihnen, wenn wir nicht in die Kirche kommen. Und wir stehen auch trotzdem zur Kirche. Aber wir kommen nicht. Vielleicht weil im Leben gerade anderes ansteht. Vielleicht auch, weil eine Scheu besteht, die sich nicht recht auflösen lässt. Weil ich den Festanzug ja schließlich auch nicht jeden Sonntag, sondern nur an Weihnachten anziehe? Weil man die anderen dort nicht kennt? Oder weil man sie gerade kennt?

 

Hat der Gottesdienst ein Ziel?

 

Warum eigentlich in den Gottesdienst gehen? So ganz abwegig ist die Frage nicht, selbst in der Kirche nicht. Lohnt es sich eigentlich noch, Gottesdienst zu halten, wenn meist nur so wenig kommen? Lohnt es sich eigentlich noch, so viel Aufwand zu betreiben, von der Heizung über die Mesnerin bis zur Organistin? So viel Geld auszugeben?

Selbst beim Haushaltsplan der Kirche soll man seit einiger Zeit Ziele angeben. Das Wirtschaftsdenken ist auch in die Kirche eingezogen. Was nicht immer schlecht wäre. Aber welches Ziel hat ein Gottesdienst?

Für welches Ziel wollen Sie Geld aus der Firmenkasse? Dass ich Werbung mache, dass mehr Leute unsere Pizza kaufen und wir mehr Pizzas produzieren müssen. Das wäre zum Beispiel eine Begründung, wenn ich in einem Lebensmittelunternehmen tätig wäre. Und natürlich kann ich auch eine theologische Begründung geben, warum wir Gottesdienst feiern. Und ich werde auch ein paar Ziele finden, die ich mit dem Gottesdienst verbinde. Aber letztlich bleibt dabei, glaube ich, ein merkwürdiger Beigeschmack zurück. Ich glaube, das Geheimnis des Gottesdienstes besteht darin, dass es sich dem Warum und Wozu entzieht.

 

Zeit für mein Seelenheil

 

Wenn ich in den Gottesdienst gehe, steige ich aus aus der Welt, die dauernd nach warum und wozu und nach Zielen fragt. Ich begebe mich in einen Raum, den Menschen vielleicht Jahrhunderte vor mir errichtet haben, im Schweiße ihres Angesichtes, unter großen Mühen und Anstrengungen – auch wenn sie möglicherweise objektiv mehr davon gehabt hätten, ihre Kräfte anders einzusetzen.

Ich höre Lieder und Texte, die ich möglicherweise nicht ganz verstehe, die mich manchmal vielleicht auch ärgern. Aber die mich vielleicht plötzlich – und sei es nur mit einem Halbvers oder einem Wort – an etwas Wichtiges erinnern, die mir gut tun. Ich höre ein Instrument, dass ich sonst eigentlich nie hören kann. Die Königin der Instrumente, die Orgel, hat kaum Räume außerhalb der Kirche. Sie ist wunderbar unvernünftig und verschwenderisch: mit ihren Tönen, mit ihren Kosten, mit dem Aufwand, sie zu bauen.

 

Ich habe einen langen Moment Zeit für mich und meine Gedanken – und für den Grund des Seins, den wir Gott nennen. Ich tue etwas für mein Seelenheil, sagte man früher. Manche haben es wohl spöttisch oder gar verächtlich gesagt. Aber eigentlich ist es doch ein schönes Wort.

Ich sitze zusammen mit anderen, die nicht besser oder schlechter sind als ich selbst. Auch wenn es Menschen gibt, die das gelegentlich – in die eine wie in die andere Richtung – behaupten.

Ich höre einen Prediger oder eine Predigerin. Vielleicht ist er oder sie nicht mitreißend für mich. Solche Momente sind selten. Aber vielleicht können sie mir einen Gedanken mitgeben für die neue Woche, ein Satz oder nur ein Wort. Oder die Worte der Predigt sind eine Startbahn für meine eigenen Gedanken und Assoziationen.

Ich singe, zumindest werde ich eingeladen dazu. Und wenn es nicht meine Melodien sind, meist haben sie dennoch etwas. Ein Körnchen Gold lässt sich finden mit Geduld. Und man darf sogar falsch singen, ohne getadelt zu werden.

 

Nicht spektakulär, aber berührend

 

All das mag unspektakulär sein. Die Fernsehgottesdienste, die es gibt – wie schön, dass es sie gibt, gerade für Menschen, die nicht mehr aus dem Haus können! – die Fernsehgottesdienste mögen manchmal origineller sein. Kein Wunder, bei der langen und ausführlichen Vorbereitungszeit. Aber sie sind nicht „live“. Sie werden nie so berühren wie das, was tatsächlich in dem Raum passiert, in dem ich mich in diesem Moment befinde.

Nein, ein Gottesdienst entzieht sich jedem Warum. So wie sich der Segen, der

am Ende steht, jedem Warum entzieht. Darum ist es auch nicht wichtig, wie viele dabei sind und wie voll die Kirche ist. Früher, als junger Pfarrer, sagte ich, wenn jemand sich entschuldigte, dass er so selten in den Gottesdienst käme: Sie müssen sich nicht entschuldigen. Sie verpassen ja etwas – nicht ich. Das würde ich heute nicht mehr so sagen. Aber irgendwie stimmt es doch. Ein Gottesdienst entzieht sich jedem Warum. Und doch gibt er mehr, als du denkst.

 

Dietrich Crüsemann ist Pfarrer an der Geislinger Stadtkirche