Das Leben feiern
Der Gottesdienst

© Evangelischer Kirchenbezirk Geislingen

Pfarrer Dr. Karl-Heinz Drescher-Pfeiffer

„Am Sonntag hält Pfarrer X den Gottesdienst.“ So wird es immer wieder angekündigt. Für wen ist der Gottesdienst da, für den Pfarrer, für die Ortsgemeinde, für eine bestimmte Zielgruppe? Oder ist die Frage vielleicht falsch gestellt? „Wir feiern den Gottesdienst“, so heißt es am Anfang vieler Gottesdienste. Das drückt eine andere Zielrichtung und ein anderes Verständnis aus.

Wir feiern Gottesdienste nicht nur am Sonntagvormittag und nicht nur in der Kirche, sondern auch im Grünen oder bei Festen oder Sportveranstaltungen.
Wir feiern den Gottesdienst im Namen das Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Er geht letztlich auf Gott zurück. Das gilt nicht nur für die Veranstaltung, das gilt erst recht für die innere Voraussetzung, die diese Feier hat.

Gott dient uns Menschen. Erst danach und dadurch können wir Menschen Gott dienen. Wir dienen ihm mit unserem ganzen Leben. Eine besondere Form unseres Dienstes ist die liturgische Feier Gottesdienst.

 

 

Gott dient den Menschen

Das ganze Leben eines Menschen ist Gottesdienst, eines jeden Menschen, ob er Christ ist oder nicht. Denn alles Leben hat in Gottes Willen und Gottes Wort seinen Ursprung, seinen Bestand und seine Zukunft. Es gründet darin, dass Gott sich seinen Geschöpfen zuwendet und sie liebt. Er gibt allen Grund zur Hoffnung. Eben darum hat das Leben auch darin seine Würde und seinen Wert. Das ist Gottes Dienst an seinen Geschöpfen. Darum spricht Paulus hier auch von der Barmherzigkeit Gottes. Er nennt Gottes Dienst an seiner Schöpfung Erbarmen. Gott wendet sich dem zu, der sich selber an die Stelle Gottes setzen will. Damit weigert sich der Mensch, Mensch zu sein. Er will nicht der Mensch sein, als der und wozu er geschaffen ist. Das ist Gottes Dienst an Adam, an Kain, an dem Menschen, dessen Dichten und Trachten böse ist von Jugend auf. Das ist Gottes Dienst an Israel, das von Anfang an und immer wieder den Bund mit Gott bricht. Das ist Gottes Dienst an den Leuten, die dann schließlich schreien „Kreuzige ihn!“

 

Die Größe und die Bedeutung des göttlichen Erbarmens wird deutlich auf Golgatha. Was dort geschieht, ist Gottes Dienst für uns. Darin ist unser Leben gegründet, aufgehoben und bewahrt, unangreifbar, unbezweifelbar, fraglos und also „ewig“: in der Tat Gottes Dienst, an dem nichts fehlt, der perfekt ist - „Es ist vollbracht!“

 

 

Der Mensch dient Gott

Weil Gott uns gedient hat und immer wieder dient, darum sind wir überhaupt erst in der Lage, ihm zu dienen. Unser Dienst ist Antwort, ist Echo auf Gottes Dienst an uns. Auch hier gilt: Das ganze Leben ist ein solcher Gottesdienst, gewiss recht oder schlecht – oder recht und schlecht, aber das ganze Leben. Das meint Paulus, wenn er sagt: „Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eure Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ (Römer 12, 1+2)
Mit den Leibern meint Paulus den ganzen Menschen, so wie er ist. Mit der Gestalt, die wir haben, mit unseren Worten und Taten, mit unserer Arbeit und unseren Hobbys, mit unserem Zusammenleben in der Familie, im Beruf und in unserem Wohnort, mit dem was wir uns als Leistungen zuschreiben genauso wie mit dem, was wir bitter beklagen und vermissen. Paulus meint die ganze Person, nicht nur einen Teil von uns. Das geben, was man hat. Wir können alles in der Perspektive des Glaubens an Gott sehen. Dann können wir ihm mit allem dienen. Vor allem dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott trotz und wegen unserer Anstrengung daraus etwas Gutes werden lassen kann. Wir leben das Leben, wie Gott es gemeint hat. Wir erleben als seine Gabe. Wir leben es aus, in seinen Grenzen, mit der Hingabe und der Hingebung: Gott geben und Gott lassen, was Gottes ist. Denn gerade so ist es unser Leben.

 

 

Der Gottesdienst als liturgische Handlung

Gott dient uns Menschen. Darum können wir ihm dienen. Davon lebt auch eine besondere Form des Dienstes, der Gottesdienst als eine liturgische Handlung, als eine wichtige kirchliche Feier am Sonntagvormittag.

Im Gottesdienst wird die Geschichte von Gottes Zuwendung an seine Menschen nacherzählt. Er wird für seine Taten gelobt, für seine Fähigkeiten gerühmt. Wir können nur staunen, was er alles geschaffen hat. Wir hören Geschichten der Befreiung und Heilung, Erzählungen und Träume von der Würde des Menschen. Wir bringen unser Leben in seiner ganzen Fülle ein, wir bringen es in Beziehung mit Gottes Tun. Darum loben wir Gott mit unseren Liedern, trösten uns mit den Psalmen, lernen durch die Propheten Hoffnungen zu beschreiben. Der ganze Gottesdienst mit seinen Liedern, Gebeten und Gesten lebt daraus, dass Gott uns dient. Die Formen wollen uns diesen Inhalt deutlich machen.

 

 

Der Segen des Fremden

Viele Menschen fühlen sich in der Kirche nicht zu Hause. Ihnen sind viele Gottesdienste fremd. Es ist wichtig, und es kann gelingen, „dem Volk aufs Maul zu schauen“ - wie sich Martin Luther ausdrückte. Das zeigen auch die vielen Gottesdienstbeispiele in unserer Kirchenbezirkszeitung.

Von der Sache her ist eine gewisse Fremdheit aber notwendig. Fremd sind uns

im Grunde genommen weite Teile der Bibel selber. Jesus sagt: „Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf.“ (Matthäus 11, 5+6) Das ist leider nicht unsere Realität, insofern ist dieser Satz nicht von dieser Welt.

Wenn ich nur da zu Hause bin, wo meine Lieder gesungen werden, meine Sprache gesprochen wird, meine Lieblingstexte zitiert werden, dann wird das auf Dauer ziemlich langweilig. Wenn wir im Gottesdienst nur das sagen wollen, was wir für uns sagen können, dann drohen eine starke Isolierung und eine magersüchtige Redlichkeit.

Die Kirche ist mehr als die Summe des guten Willens und der Reinheit der Menschen, die zu ihr gehören. Die Kirche ist der Ort, an dem Menschen seit fast 2000 Jahren ihre Gebete sprechen, ihre Lieder singen, an dem sie Hoffnungen lernten und die Geschichten von Gottes Zuneigung zu uns hörten. Die Gebete, Lieder und Gesten sind besser, als die Kirche jetzt ist. Denn die Menschen vor uns drückten damit ihren Glauben aus. Sie wuschen sie mit ihren Tränen und Hoffnungen. Ein Psalm ist wie ein abgegriffener Stein. Er ging durch viele Hände und wurde schön durch die Wärme der Geschwister. Wir brauchen nicht an der eigenen Dürftigkeit verhungern. In solch „fremde“ Sprache können wir hinein schlüpfen, gerade auch wenn uns die Worte fehlen oder wenn unserer Überzeugungen bescheidener sind. Mit einer fremden Sprache müssen wir uns nicht vollständig identifizieren. Wir müssen nicht alles Brot selber backen, von dem wir leben.

 

Die Bewährungsprobe für unseren Glauben ist nicht die Feier am Sonntagmorgen. Ob wir glauben oder nicht, ob unser Glaube lebendig ist zeigt sich in unserem Alltag. Dann ist unser ganzes Leben ein Gottesdienst.

 

Dr. Karl-Heinz Drescher-Pfeiffer 

Pfarrer in Bad Überkingen