Das widerspenstige Evangelium

Pfarrerin Gertraude Reich-Bochtler

Die Herausforderung der Predigttexte

Von Pfarrerin i. R. Gertraude Reich-Bochtler, ehemals Kirchengemeinde Aufhausen

 

 

Noch sind sie schwarz, die beiden Kirchenbücher in meinem Regal. Einträchtig stehen sie neben den neueren bunten Bänden der allgemeinen und besonderen Gottesdienstordnungen – auch unsere Landeskirche setzt inzwischen auf ein bunteres Erscheinungsbild. Die beiden aber sind noch traditionell schwarz, mit dem goldenen Aufdruck „Predigttexte“ verziert. Sie bieten für jeden Sonn- und Feiertag des Jahres einen Text an, über den gepredigt werden soll.

 

Der erste Eindruck

 

Hier schaue ich meistens zuerst nach, welcher Text für die nächste Predigt dran sein wird. Appetitlich in Häppchen angeordnet finden sich unter dem jeweiligen Sonntag sieben Textblöcke. Auf sechs Jahre ist die Auswahl der Predigttexte angelegt, jedes Jahr eine Reihe. Derzeit sind wir in Reihe drei. Dazu gibt es noch eine spezielle Württembergische Reihe, die beliebig eingesetzt werden könnte. Das bedeutet, dass ein Predigttext alle sechs Jahre einmal drankommen sollte. Über ihn wird an diesem Sonntag EKD-weit gepredigt, denn es halten sich über 80 Prozent der Pfarrerschaft und die Prädikanten an diese Ordnung. Spannend ist es jedes Mal, was für den Sonntag vorgesehen ist. Es gibt Jahre überwiegender Zufriedenheit. Sie sind eher selten. Meistens kann ich nur tief seufzen: „Was soll ich denn daraus für meine Hörer machen!“
Perikopen nennt die Fachwelt diese Textabschnitte, die Grundlage von Predigt und Schriftlesung sind. Im Griechischen ist eine Perikope ein rundum behauenes Stück. Und so ist es auch mit den Predigttexten, sie sind mehr oder weniger sinnvoll zurecht geschnitzte Abschnitte aus den Evangelien oder den Briefen des Neuen Testaments, selten stammen sie aus dem Alten Testament. Die Perikopen bilden das Rückgrat des Gottesdienstes für den jeweiligen Sonntag, Lieder und Gebete richten sich nach ihnen. Also gilt es, sich zuerst mit dem Sonntagstext zu beschäftigen. Wohl dem, der sich hierfür Zeit nehmen kann!

Auf dem Weg zueinander

 

Denn das Wort Gottes kommt einem nicht immer freundlich entgegen und Ideen, wie man seiner Gemeinde dieses Thema ansprechend und mit guten Beispielen präsentieren könnte, sind nicht gleich da. Im Gegenteil: Das Evangelium ist ausgesprochen widerspenstig. Vorstellungen sind fremd, passen nicht zur eigenen Theologie. Martin Luther hat ehrlich zugegeben, dass er den Jakobusbrief wegen seiner Fremdheit am liebsten in den Ofen werfen würde. Mir geht es so bei den frauenfeindlichen Passagen mancher Paulusbriefe, meiner Kollegin mit den Gerichtsdrohungen des Johannes und meinem Mann mit dem Jesus, der Mut macht zur Feindesliebe und doch das Schwert zur Trennung in die Familie bringt. Jeder Kollege, den ich darauf angesprochen habe, konnte seine Lieblingsfeinde unter den Perikopen nennen: fremde Vorstellungen, sich widersprechende Aussagen, Brutalität und den strafenden Gott. Trotzdem halten sich die Meisten an die Perikopenordnung. Es wäre auch mühsam, Woche für Woche die geeignete Auswahl zu treffen. Und für die regelmäßigen Gottesdienstbesucher würde es bestimmt einseitig werden, wenn die Predigenden immer nur auf ihr Lieblingsthema zu sprechen kämen. So bilden die Texte der Perikopenreihen ab, was sich auch in der Bibel findet: Widerstand. Wir haben unsere Heilige Schrift nicht in Auszügen, die uns passen, sondern in der Gesamtheit. Eine Weisheit aus dem Fitness-Studio besagt: „Der Mensch wächst am Widerstand“. Nicht nur der Muskel wird stärker durch Widerstand. Also ist es gut, sich einige Tage mit einem widerspenstigen Text zu beschäftigen. Einmal aufmerksam gemacht, begegnen mir im Alltag immer wieder Hinweise auf das Thema, womöglich in der Schlange vor der Kasse. Und plötzlich öffnet sich etwas. Eine Kollegin erzählte einmal: „Ich habe mich sehr gegen die Vorstellung gewehrt, dass man sich fügen soll. Und dann habe ich mit geholfen, einen Holzboden zu verlegen. Wie ich da immer wieder die vorgefertigten Brettchen ineinander gesteckt habe, ist mir klar geworden, wozu sich fügen gut sein kann.“

 

Gewachsen am Widerstand

 

So gestärkt und hoffentlich mit der nötigen Einsicht versehen, mühen sich die meisten Pfarrer und Prädikanten am Samstag um griffige Formulierungen für den nächsten Tag. Es sind einige Stunden nötig, um die Sonntagspredigt zu Papier zu bringen. In meiner Gemeinde gibt es Gemeindeglieder, die sich auf den Sonntagsgottesdienst vorbereiten, indem sie den Predigttext lesen und manchmal auch die Auslegung, die im Gemeindeblatt dazu abgedruckt wird. Wenn dann jemand nach dem Gottesdienst sagt: „Daheim konnte ich gar nichts mit dem Predigttext anfangen, aber jetzt versteh ich, was gemeint ist“, dann weiß ich, dass sich der Kampf mit dem widerspenstigen Evangelium gelohnt hat. Beflügelt von dem seltenen und deshalb besonders wertvollen Lob aus schwäbischem Munde mache ich mich gleich montags an die Vorbereitung der nächsten Predigt. Und schlage das Perikopenbuch verärgert wieder zu: „Ach du liebes bisschen!“

 

 

Gertraude Reich-Bochtler war Pfarrerin in Aufhausen