Der Gottesdienst ist beständig und verändert sich doch

Alfred Birker

Alfred Birker aus Geislingen erinnert sich

 

 


Alfred Birker ist 1924 in Geislingen geboren. Dort ist er aufgewachsen, bei der Firma Hagmeyer in die Lehre gegangen, war Soldat im II. Weltkrieg und engagierte sich nach seiner Rückkehr aus dem Krieg ehrenamtlich in der Kirchengemeinde. In der Geislinger Stadtkirche wurde er getauft, konfirmiert und getraut. Sieben Dekane hat er erlebt. Ohne nachzudenken kann er die Namen aufzählen: Theophil Aichelin, Rudolf Brügel, Karl Knoch, Jakob Straub, Paul Lempp, Hermann Stahl, Gerlinde Hühn.

 

 

Seine ersten Erinnerungen an den Gottesdienst sind die Feiertage, an denen ihn seine Eltern und Großeltern in die Kirche mitgenommen haben. Er erinnert sich an die Stadtkirche als eine sehr dunkle Kirche. Beheizt wurde sie nämlich mit fünf großen Kohleöfen. Diese hatte die Mesnerin Spring donnerstags anzufeuern, damit es beim Sonntagsgottesdienst nicht zu kalt war in der Kirche. Allerdings sei bei tiefen Außentemperaturen der Rauch aus dem Kamin in die Kirche zurück gedrückt worden.

 

 

Beteiligung der Gemeinde beginnt zögernd

 

Als Kind, so erinnert sich Alfred Birker, habe er den Gottesdienst als sehr lang empfunden. Dies habe sicherlich auch damit zu tun gehabt, dass die Gemeinde passiv eingebunden war. Die einzige Aktivität der Gemeinde war der Gesang. Die Pfarrer machten die Schriftlesung, Predigt, die Abkündigung, alles.
Erst um 1950 wurde in Geislingen die Gottesdienstordnung geändert. Der Stadtkirchengemeinderat beschloss, dass der Altar nicht nur vor, sondern auch nach der Predigt benützt werden soll, und dass das Amen nicht vom Pfarrer gesprochen sondern von der Gemeinde gesungen werde. Beschlossen wurde ebenfalls, dass der Pfarrer die Hände erhebt beim Segenspenden und dass bei Taufen und Abendmahlsfeiern je zwei Kerzen auf dem Altar brennen.

 

 

Die Gottesdienste während des Dritten Reiches erlebte Alfred Birker als wenig beeinträchtig. Samstags sei meistens militärische Ausbildung gewesen und sonntags war Gottesdienst. Den Konflikt zwischen Konfirmanden-Unterricht und Hitler-Jugend focht der damalige Pfarrer an der Pauluskirche, Gerhard Renner, mit seinem Sohn, der in führender Position im Jungvolk war, aus. Allerdings, so berichten etliche Geislinger, seien diejenigen immer bekannt gewesen, die im Gottesdienst saßen um zu kontrollieren, was gepredigt werde. Nach dem Krieg fanden Gottesdienste mit den estnischen Flüchtlingen statt, die Geislingen zugewiesen worden waren. Hier gab es in der Kirchengemeinde etliche Vorbehalte, denn für die Flüchtlinge waren Wohnungen in Geislingen beschlagnahmt worden. Noch bis in die 50iger Jahren wurden in der Stadtkirche Fürbittgottesdienste für Gefangene und Vermisste des II. Weltkrieges gehalten.

 

 

An der Stadtkirche gab es vor und während des 2. Weltkrieges keine Theologinnen, aber bereits 1951 kam eine Vikarin nach Geislingen: Ruth Wöhr. Sie war eine begabte Theologin, hatte offenbar aber wenig Ausstrahlung im Umgang mit Menschen. Sie war bis 1975 in Geislingen. Auch Frauen im Kirchengemeinderat finden sich spärlich. Gertrud Gommel war in den fünfziger Jahren Kirchengemeinderätin an der Stadtkirche und erst Mitte der sechziger Jahre wurde Maria-Katharina Müller in den Kirchengemeinderat gewählt.

 

 

 

Gesangbuch von 1953

Das Gesangbuch verändert den Gottesdienst

 

1953 ist das neue Gesangbuch herausgekommen – im roten Einband. Es war im zweiten Teil speziell auf die Württembergische Landeskirche ausgerichtet. Neu war in diesem Gesangbuch, dass alle Predigttexte der sechs Perikopenreihen abgedruckt waren. Viele ältere Gemeindeglieder bedauerten allerdings, dass „Macht hoch die Tür“ nicht mehr Lied Nr. 1 im Gesangbuch war.
Im Laufe der Zeit entstanden viele neue Lieder. So kam 1971 das erste Heft „Neue Lieder“ heraus, in roter Umschlags-Gestaltung. Im Luther-Jahr 1983 wurde es mit dem lila gestalteten Heft II „Neue Lieder“ ergänzt. Wer am Sonntagmorgen die Kirche betrat, hatte oft ein ganzes Sammelsurium an Gesangbüchern und Heften zu nehmen. Denn die Änderung der Gottesdienst-Liturgie 1982 brachte noch ein grünes Heftchen „Psalmen für den Gottesdienst“ mit sich. Das gemeinsame Lesen eines Psalmes wurde in den Gottesdienst aufgenommen sowie das gesungene „Herr erbarme dich“.
In dem neuen Evangelischen Gesangbuch, eingeführt in der Württembergischen Landeskirche am 1. Advent 1996, sind die Psalmen und die neuen Lieder integriert.

 

Messe stößt auf Ablehnung

 

Von 1946 bis 1958 war Karl Knoch Dekan in Geislingen. 1957 wurden neue Formen des Abendmahles in der Stadtkirche erprobt, unter anderem die Form der Lutherischen Messe. Bis dahin wurde das Abendmahl nur an Feiertagen angeboten und erst im Anschluss an den Gottesdienst gefeiert.
Doch diese Umstellung kam für die Geislinger zu schnell. Während der Abendmahlsfeiern in Form der Messe verließen etliche Gemeindeglieder erbost die Stadtkirche, erzählt Alfred Birker. Sie seien doch nicht katholisch, war ihre Begründung. Nach Diskussionen im Kirchengemeinderat über „erbitterten Widerstand“ wurde die Gemeinde umsichtig eingeführt in die Lutherische Messe. Festgelegt wurde, das Abendmahl monatlich zu feiern.

In den 60er-Jahren wurden Kirchengemeinderäte mit der Schriftlesung und der Abkündigung betraut. Fürbittgebete übernahmen Gemeindeglieder. Am Ende des Gottesdienstes kam das von der Gemeinde gesungene „Verleih uns Frieden“ hinzu. Beschlossen wurde, an den Weihnachts-Gottesdiensten als Abschluss das Lied „O du fröhliche“ zu singen und an Ostern „Christ ist erstanden“.

 

 

Gottesdienste in verschiedenster Form
und zu unterschiedlichster Uhrzeit

 

Vor dem Krieg, so weiß Alfred Birker zu berichten, gab es in der Stadtkirche am Sonntag im Sommer einen Frühgottesdienst um 7.30 Uhr und den Hauptgottesdienst um 9.30 Uhr. Auch wurde ein Abendgottesdienst um 19.00 Uhr angeboten. Dieser wurde allerdings nicht gut angenommen.

 

Der Konfirmationsgottesdienst von Alfred Birker war am 31. März 1939. Es waren 55 Konfirmanden, die alle an diesem Sonntag konfirmiert worden sind. Das Abendmahl wurde im Konfirmationsgottesdienst gefeiert. Der Gottesdienst dauerte dadurch auch recht lange. Es sei ein etwas schwächerer Jahrgang gewesen, erzählt er. In späteren Jahren waren es wieder mehr Konfirmanden, so dass an zwei Sonntagen Konfirmation gefeiert wurde.

 

Erst 1950 beschloss der damalige Kirchengemeinderat, den Kindergottesdienst in die Stadtkirche zu verlegen. Bis dahin fand er im alten Luther-Haus statt. Zu dieser Zeit gab es einen Helferkreis mit 16 HelferInnen und die Anzahl der Kinder war zwischen 80 und 100.

 

Die ersten Familiengottesdienste waren die Kinderkirch-Weihnachtsfeiern. Erst Ende der 60er Jahren begann im Kirchengemeinderat die Diskussion, mehr Familiengottesdienste im Jahr anzubieten. Gottesdienste für andere Zielgruppen wie Jugendliche entwickelten sich erst Ende der 70er-Jahre. Und Zweitgottesdienste wie die „Spätlese“ wurden in der Stadtkirche um das Jahr 2000 gefeiert.

 

Kirchenmusik verändert sich

 

Die Kirchenmusik in der Stadtkirche hatte immer eine bedeutende Rolle. Der Kirchenchor sang regelmäßig im Gottesdienst. Leiter war bis ins Jahr 1952 Musikdirektor Gustav Schneider. Hermann Rau sein Nachfolger. Es zeigte sich hier auch eine unterschiedliche Auffassung der Weiterentwicklung in der Kirchenmusik an der Stadtkirche. Hermann Rau gründete die Kantorei, in der viele ehemalige Kirchenchormitglieder nicht mehr mitsangen. 1965 wurde Helmut Walz Bezirkskantor an der Stadtkirche und 1974 Gerhard Klumpp. 2011 übernahm Thomas Rapp die Verantwortung für die Kirchenmusik. Der Gottesdienst in der Stadtkirche endet heutzutage nach dem Orgelnachspiel. Früher, so Alfred Birker, verließ die Gemeinde die Stadtkirche während des Orgelnachspiels. Noch 1965 lehnte der Kirchengemeinderat den Antrag von Kantor Walz ab, dass die Gemeinde beim Orgelnachspiel sitzen bleiben möge.

Besondere Gottesdienste

 

 

Der Gottesdienst nach Beendigung der großen Renovierung der Stadtkirche in den Jahren 1973 bis 1976 ist Alfred Birker besonders im Gedächtnis. Der damalige Ulmer Prälat Epting hielt die Predigt. Eingeladen waren auch die ehemaligen Dekane Karl Knoch und Jakob Straub.
Eindrücklich waren auch die Friedensgebete in der Stadtkirche, die Ende der 80er-Jahre vor dem Zusammenbruch der DDR stattfanden.
Zum Gustav-Adolf-Fest 1965 und 2009 in Geislingen war in der Stadtkirche jeweils ein besonderer Festgottesdienst mit vielen Gästen aus dem Ausland.