Was in der Vikarsausbildung
für Gottesdienste gelernt wird

© Evangelischer Kirchenbezirk Geislingen

Vikar Küttner mit seiner Ausbildungspfarrerin, Ulrike Ebisch

Intensive Tage in Birkach

Von Cornelius Küttner, Ausbildungsvikar in Geislingen-Altenstadt

 

Dass man Gottesdienste gerne feiert, musste man uns eigentlich gar nicht mehr wirklich beibringen. Aber Gottesdienste gut zu feiern, dazu gehören schon ein paar Kniffe. Lieder passend rauszusuchen, Gebete wohl zu formulieren, den Gottesdienst mit einem Spannungsbogen zu versehen (d.h., dass die Lieder, die Gebete und die Predigt etwas miteinander zu tun haben), so etwas kann man lernen. Man kann uns Vikaren auch beibringen, dass eine württembergische Liturgie ganz viel Freiraum lässt, einen Gottesdienst persönlich und herzlich zu gestalten, weil man nicht die ganze Zeit damit beschäftigt ist, die Liturgie zu singen. Das ist für mich die größte Erkenntnis meiner Vikariatszeit.

 

Ganz viel Raum nimmt bei den Ausbildungskursen das sogenannte „Feedback“ (Rückmeldung) ein. Da hält man dann beispielsweise eine Predigt vor einer Handvoll Vikarskollegen und -kolleginnen und die hören alle ganz genau zu, was man sagt und wie man das sagt. Manchmal kommt man dann zu ganz banalen Einsichten wie: „Du hast eine schöne, warme Stimme, der man gerne zuhört.“ Manchmal geht es aber auch inhaltlich heiß her oder man feilt an der „Performanz“ (Ausdruckvermögen) einer Person. Das kann dann sehr intensiv und anstrengend, aber heilsam sein.

 

Eine Puppe wird getauft

Meistens sind die Ausbildungskurse jedoch auch mit einer gehörigen Portion Spaß verbunden und das Lachen kommt keineswegs zu kurz. Dann zum Beispiel, wenn ich auf dem Kasualkurs eine Puppe gefühlte dreißigmal hintereinander taufe und mir jedes Mal wieder neu überlege, ob ich das Wasser von links oder von rechts über die Puppe schöpfe, oder wenn ich erst einen meiner Kollegen zum Traualtar führe, um mich dort mit ihm vermählen zu lassen und zwei Minuten später schon von einer Vikarskollegin zum Traualtar geführt werde, um dieses Mal ihr Ehegatte zu werden.

 

Gereift mit guter Begleitung

Wenn ich an die Gottesdienstausbildung im Vikariat denke, dann fällt mir auch auf, dass man das meiste dann doch im praktischen Vollzug in der eigenen Gemeinde lernt: das beglückende Gefühl, in einer Kirche heimisch zu werden; oder ein Abendmahl mit der Gemeinde wirklich feiern zu können und sich nicht die ganze Zeit auf die Einsetzungsworte oder den Kelch konzentrieren zu müssen; oder das Vertrauen, der Gemeinde in einer Predigt wirklich etwas sagen zu können. Darüber könnte man in den Ausbildungskursen stundenlang diskutieren und philosophieren. Lernen und erfahren wird man das als Vikar allerdings nur, wenn man Gottesdienste feiert.

 

Neben den Theoriekursen in Stuttgart-Birkach gibt es auch eine sogenannte „Praxisbegleitung“. Dazu kommt ein Ausbildungsleiter aus Stuttgart-Birkach und schaut sich gemeinsam mit den Vikarskollegen den Gottesdienst an. Anschließend gibt es wieder intensiven Austausch, diesmal mit dem Vorteil, dass es sich um eine reale Situation – sprich um einen echten Gottesdienst – handelt.

 

Einen wesentlichen Beitrag zur kontinuierlichen Weiterentwicklung leistet die Ausbildungspfarrerin oder der Ausbildungspfarrer. Am Anfang wird so ziemlich jeder Gottesdienst nachbesprochen. Predigten, Auftreten im Gottesdienst, Lieder, Gebete – alles wird analysiert und ausgewertet. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen technisch, ist es aber nicht. Man könnte die Sache vielleicht eher mit einem guten Wein in einem Holzfass vergleichen. Der Winzer entnimmt regelmäßig Proben und wertet die Ergebnisse aus. Und das Ganze mit dem Ziel, den (hoffentlich schon guten) Wein noch besser zu machen. So ungefähr lässt sich die Arbeit einer Ausbildungspfarrerin oder eines Ausbildungspfarrers beschreiben. Und wie das bei dem Wein ist, verhält es sich auch bei den Vikaren: es braucht Zeit und Pflege, um ein guter Pfarrer zu werden. Deswegen gibt es das Vikariat, gibt es die Ausbildungskurse… Vikare müssen „reifen“. Auch gute Gottesdienste und Predigten fallen nicht vom Himmel, sondern brauchen Zeit.

 

Dies war nun mal ein kleiner Einblick in das „Holzfass“ Vikariat, wo „süße“ Vikare zu „vollmundig, fruchtigen“ Pfarrern heranreifen. Und wie das beim Wein ist, wird er entnommen, wenn er genügend gereift ist und unters Volk gebracht. Das steht auch uns drei Vikaren bevor, denn unsere „Reifezeit“ ist um und wir verlassen im September den Kirchenbezirk.

 

Cornelius Küttner ist Ausbildungsvikar in Geislingen-Altenstadt.