Wie es zum evangelischen Gottesdienst kam

Das Ulmische Kirchengesangbuch von 1792


Verändertes theologisches Verständnis

 

 

Die wachsende Kritik am Zustand des spätmittelalterlichen Katholizismus hatte die Reformation ausgelöst. Martin Luther lehrte, dass der Mensch vor Gott gerechtfertigt wird allein durch den Glauben und nicht durch fromme Werke. Nun war aber die gesamte katholische Frömmigkeit wie auch die Praxis der Kirche darauf ausgerichtet, dass der Mensch durch sittliche und religiöse Anstrengungen selbst an seinem Heil mitwirkte. Eine Kritik an dieser zentralen kirchlichen Lehrmeinung musste deshalb zwangsläufig zu fundamentalen Veränderungen im gesamten Leben der kirchlichen Gemeinden führen. Auch die Gottesdienstpraxis war davon betroffen.

 

Die bedeutendste Änderung war für die Kirchengemeinden die Abschaffung der Messe. Die Reformatoren sahen in der Messe, speziell im Gedanken des Messopfers, menschliches Beiwerk. Nach reformatorischem Verständnis hatte durch den Opfertod Jesu Christi jeglicher Opfergedanke seine Berechtigung verloren. Eine weitere fundamentale Änderung war die Einführung des evangelischen Abendmahls in „beiderlei Gestalt“ (Brot und Wein).
 
Wie schon vor der Reformation nahm der Gottesdienst auch weiterhin im kirchlichen Leben der Gemeinden einen breiten Raum ein. Er sollte aber nun in deutscher Sprache gehalten sein, blieb doch die lateinisch gesprochene oder gesungene Messe dem einfachen Gläubigen unverständlich. Im Zentrum des Gottesdienstes sollte die Predigt stehen; schrieb doch der Apostel Paulus: „So kommt der Glaube aus der Predigt“ (Röm. 10, 17). Auch die Ulmer Reformation, die das Kirchenwesen im Bezirk Geislingen veränderte, war von der Überzeugung getragen, dass die rechte evangelische Predigt den Glauben weckt und zur Verwirklichung des christlichen Lebens führt.


Ulmer Kirchenordnung von 1531

 

Die erste Ulmer Kirchenordnung nach der Reformation von 1531 hatte eine Fülle von Gottesdiensten an Sonn- und Werktagen vorgesehen. An den Sonntagen fanden jetzt zwei Predigtgottesdienste statt, am Vormittag der Hauptgottesdienst, am Nachmittag ein weiterer mit Predigt über den Katechismus. Anschließend wurden die Kinder abgefragt. Das Abhören des Katechismus wurde später auch auf die erwachsene Jugend ausgedehnt.

An Wochentagen gab es tägliche Gottesdienste, für Donnerstag war zusätzlich eine Predigt vorgeschrieben. Sonst sollte gepredigt werden, wenn es dem Volk nützlich und von der Zeit her möglich sei. Die täglichen Gottesdienste hatte es schon vor der Reformation gegeben; diese Praxis entsprach der Gewohnheit der Gläubigen. Die Zahl der Abendmahlsfeiern wurde dagegen jetzt auf die kirchlichen Hauptfeste begrenzt.

Neu eingeführt wurde in die Gottesdienste der Gemeindegesang mit deutschen Texten. Das deutsche Kirchenlied war nun ein wesentlicher Bestandteil des evangelischen Gottesdienstes. Vor der Reformation hatte die Gemeinde beim Gottesdienst nur eine passive Rolle gespielt; es war üblich gewesen, dass die gregorianischen Gesänge in lateinischer Sprache durch die Kleriker selbst gesungen wurden.

 

Ulmer Kirchenordnung von 1747

 

Im Jahr 1747 erließ der Ulmer Rat eine neue Kirchenordnung. An der Vielzahl gottesdienstlicher Angebote änderte sich wenig. Immer noch fünf Gottesdienste fanden in jeder Woche statt. Am Sonntag versammelte sich die Gemeinde vormittags zum Hauptgottesdienst, bei dem über die Evangelien gepredigt wurde. Für den Nachmittag war ein weiterer Gottesdienst mit Predigt über den Katechismus Luthers angesetzt. Dabei mussten die Kinder und Jugendlichen den Katechismus aufsagen. Dienstags war das ganze Jahr über um 12 Uhr Betstunde. Dabei sollte das Alte Testament Kapitel für Kapitel vorgelesen werden. Den Donnerstag beging man in der Zeit von Michaelis (29. September) bis Viti (Vitus, 15. Juni) als Bettag; die Gemeinde traf sich morgens um 8 Uhr zur Predigt über neutestamentliche Bücher, ausgenommen die Evangelien. Am Samstag fand man sich schließlich zur Vesper zusammen, die ursprünglich abends stattfand und später auf 12 Uhr verlegt wurde.

 

 

Der sonntägliche Hauptgottesdienst lief nach folgender Ordnung ab:

 

Zusammenläuten
Gemeindelied „Komm, heiliger Geist, Herre Gott“
Predigt
Schuldbekenntnis der Gemeinde und Absolution
Abkündigungen
Kirchengebet und Vaterunser (als stilles Gebet)
Gemeindelied
Kollektengebet
Segen
Abendmahl (sofern es gefeiert wurde).

 

Die Predigt durfte nicht mehr als eine Stunde dauern. Ihre zeitliche Dauer wurde in der Regel auf einer Sanduhr abgelesen. Der Besuch des Gottesdienstes war für jedes Mitglied der Gemeinde Pflicht. Der Staat sorgte für die Einhaltung. Dazu waren Kirchenaufseher bestellt, die kontrollierten, ob jemand fehlte. Versäumnisse wurden vom Amtmann, in württembergischer Zeit (seit 1810) vom Kirchenkonvent bestraft.

 

 

Nach der Reformation wurde die Zahl der Abendmahlsfeiern auf vier (oder fünf) im Jahr verringert: (Palmsonntag), Ostern, Pfingsten, Michaelis, Weihnachten. Wer am Abendmahl teilnehmen wollte, musste sich dazu vorher beim Pfarrer anmelden; dies geschah meist im Anschluss an einen Gottesdienst in der Kirche oder in der Sakristei. Die Namen wurden in besondere Kommunikantenregister eingetragen. Diese Register sind in den Pfarrarchiven meist noch bis heute erhalten. Sie bilden eine wertvolle geschichtliche Quelle, weil sie den jeweiligen Bevölkerungsstand eines Gemeinwesens überliefern, zumal sich damals kein Gemeindemitglied vom Empfang des Abendmahles ausschloss. Die Anmeldung zum Abendmahl war in den Dörfern des Geislinger Bezirks teils noch in den 1950er Jahren üblich.

 

Württembergische Kirchenordnungen

Das Württembergische Gesangbuch von 1810

 

 

Die Reichsstadt Ulm verlor als Folge der staatlichen Neugliederung im Zeitalter Napoleons ihre Selbständigkeit; das Ulmer Land wurde 1810 in das Königreich Württemberg eingegliedert. Was die Gottesdienste betraf, so fand eine Angleichung an die württembergische Tradition statt. Nun galten im Ablauf der Woche veränderte Gottesdienstfolgen: Am Sonntag fand am Vormittag der Predigtgottesdienst statt, am Nachmittag die Katechisation. Mittwochs traf man sich zur Betstunde und Verlesung eines Psalmes, freitags wieder zur Katechisation. Wenn am folgenden Sonntag Abendmahl stattfand, war am Samstag Vorbereitungspredigt und Beichte.

 

 

Im Herzogtum Württemberg hatte sich in den Jahrzehnten nach der Reformation eine Mittelstellung herausgebildet, die als „oberdeutsche“ Version zwischen Wittenberg und Zürich, zwischen Lutheranern und Reformierten stand. Die württembergische Kirche erhielt zwar lutherisches Gepräge, ihr Predigtgottesdienst hatte aber die Form der deutschen (lutherischen) Messe ganz aufgegeben. Dennoch wäre es zu einfach, würde man sagen, lutherische Lehre und reformierten Gottesdienst hätte man bloß miteinander verbunden.

Der reine Wortgottesdienst, wie er in Württemberg üblich geworden war, ging letztlich zurück auf die spätmittelalterliche Form des Prädikaturgottesdienstes. Der Predigt, der die Perikopen zugrunde lagen, ging ein kurzes Gebet mit stillem Vaterunser voran. An die Predigt schloss sich das allgemeine Fürbittegebet an mit lautem Vaterunser. Dem folgte der Friedensgruß oder Segen, wobei sich beim Segen die aaronitische Form (4. Mose 6, 24-26) durchgesetzt hat. Das sind alles Stücke, die bis heute die württembergische Predigt umrahmen.

Der Gottesdienst der württembergischen Kirche nach der „Kleinen Kirchenordnung“ von 1553, die in die „Große Kirchenordnung“ von 1559 übergegangen war, bewahrte trotz geringer Wandlungen die einfachen Formen, in denen er schon 1536 unmittelbar nach der Reformation eingerichtet worden war, bis heute. Zur Abfolge des gesprochenen Wortes trat natürlich das Singen der Gemeinde, wobei es auch in Württemberg zum „Markenzeichen“ der Evangelischen gehörte, dass viel gesungen wurde; man sang vor allem viele Liedstrophen. Dabei spielten die evangelischen Choräle nicht allein in der Kirche, sondern auch in Schule und Haus eine bedeutende Rolle. Im Religionsunterricht legte man früher immer größten Wert darauf, dass schon die Kinder die Strophen der Gesangbuchlieder auswendig aufsagen konnten. Wie viele Menschen haben diese Texte ein Leben lang in Freud und Leid begleitet!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Karlheinz Bauer, Stadtoberarchivrat i.R.,

war Leiter des Geislinger Kulturamtes