Sahay heißt Hilfe

Die Referentin, Regina Komanapalli


Von CLAUDIA BURST, Geislinger Zeitung

 


Spannender Vortrag von Regina Komanapalli beim Bezirksfrauennachmittag in Kuchen


„Frauen in Indien“ und das Hilfsprojekt „Sahay“ standen im Zentrum des Bezirksfrauennachmittags. 110 Frauen genossen Gespräche, Kuchen und den Blick über den Tellerrand.

 

Zum 55. Bezirksfrauentag hatten die fleißigen Organisatorinnen vom BAF (Bezirksarbeitskreis Frauen) geladen und 110 Besucherinnen aus dem gesamten evangelischen Kirchenbezirk Geislingen waren der Einladung in die Bahnhofsturnhalle Kuchen gefolgt.

 

Im Mittelpunkt des gemütlichen Nachmittags mit Kaffee, Kuchen, Geplauder und Singen stand der Vortrag von Regina Komanapalli. Die Steinenkircherin lebte 15 Jahre lang in Indien, bevor sie vor 15 Jahren ins Schwäbische zurückkehrte.
Deshalb weiß sie, von was sie redet, wenn sie über die Stellung der Frau in Indien referiert. Eine Stellung, die – in jeder der vier Hindu-Kasten als auch bei den Unberührbaren – eine niedrige ist. Immer unter der des Mannes.

 

Regina Komanapalli konnte ihre Zuhörerinnen trotz anfänglicher technischer Probleme mit dem Beamer fesseln, als sie die Lebensumstände der Frauen, vor allem in den ländlichen Gebieten, schilderte. Von kilometerlangen Barfußmärschen, um Wasser oder Holz zu schleppen. Von Ungeziefer, Steinchen oder Würmern im Reis. Aber vor allem von deren Rechtlosigkeit. Ihre Pflicht bestehe darin, Söhne zu gebären, erzählte die Referentin. Diese Kinder würden behandelt wie kleine Heilige, während Mädchen nur Armut bedeuteten. Eltern von Mädchen müssten bei Heirat eine Mitgift zahlen, die häufig mehrere Jahresgehälter umfasse und immer wieder ganze Familien in den Ruin treibe.
Gängige Praxis, so die Indien-Expertin, sei daher die Abtreibung von Mädchen. Bei Armen würden Mädchen oft nach der Geburt getötet. Mit der Folge, dass es schon heute bedeutend mehr Inder als Inderinnen gebe …

 

„Im Hinduismus gibt es keine Barmherzigkeit“, machte Regina Komanapalli deutlich, in dieser Religion sei es einfach „Karma“, was passiere. Also selbst verschuldet in einem früheren Leben.

 

Gerade deswegen sei das Christentum in Indien wichtig. Das Evangelium lehre die Frauen, dass jeder Mensch wertvoll ist. „Mutter Theresa hat hier geholfen, den Menschen die Augen zu öffnen“, erzählte die Referentin.

 

Auch Regina Komanapalli fühlte sich 2007 von Gott berufen, wieder nach Indien zurückzukehren, um Frauen zu helfen. Zuerst ohne genaue Vorstellung, wie sie das umsetzen sollte, gehorchte sie dieser Eingebung. Und begegnete Witwen – die in der indischen Gesellschaft damit ihre Würde genauso verloren hatten wie das Recht zu arbeiten. Oder Frauen, die ihr Mann verlassen hatte, weil sie nur Töchter gebar. „Sahay heißt Hilfe“ erklärte die 54-Jährige. Genau dies setzt sie nun seit drei Jahren unter diesem Namen konkret um. Sie ermöglicht zehn Frauen in Andhra Pradesh, für ihren Lebensunterhalt selbst aufzukommen, indem sie nähen: moderne Lederhandtaschen, Geldbörsen, Schals. Die Schwäbin sorgte während vier Monaten in Indien für die gesamte Logistik, (Material, Löhne, Qualitätskontrolle) und kümmert sich hier um den Absatz der Ware. Alles ehrenamtlich. Der Erlös durch den Verkauf der Waren kommt in vollem Umfang der Hilfe für die indischen Frauen zu.

 

Dass ihre lebendige Präsentation beim Bezirksfrauennachmittag auf große Zustimmung stieß, zeigte zum einen der begeisterte Applaus, zum anderen der Zuspruch auf die indischen Lederprodukte im Anschluss.

 

Nachgefragt:

 

Wegen der brutalen Vergewaltigung einer Studentin steht Indien seit einiger Zeit in allen Schlagzeilen. Wir haben bei Regina Komanapalli nachgefragt.

 

Kommen Vergewaltigungen in Indien tatsächlich häufig vor?
Ja, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen sind dort gang und gäbe. Vor allem Frauen in niederen Kasten und Unberührbare gelten als Freiwild.

 

Warum tun Polizei oder die Regierung nichts dagegen?
Weil das fast durchweg Männer sind. Durch die indische Mentalität und seit Jahrhunderten verankerte Denkweise sind Männer überzeugt, sie könnten machen, was sie wollen.

Ich befürchte sogar, dass das eher noch schlimmer wird in der Zukunft, weil es inzwischen einfach zu viele Männer im Vergleich zu Frauen gibt.

 

Hat das zur Folge, dass Mädchen in Indien nicht alleine aus dem Haus dürfen?
Eine Frau allein erweckt für den Inder den Anschein, dass sie zu haben ist. Deswegen vermeiden die meisten Frauen es, alleine unterwegs zu sein. Aber im Fall der Studentin war sie ja in Begleitung unterwegs und es passierte trotzdem.
Ich bin so froh über das Echo in der Weltpresse auf diesen Fall. Damit werden der Welt die Augen geöffnet und die Regierung muss endlich handeln.

 

Wehren sich die Frauen in Indien nicht gegen ihren Status und die Ungerechtigkeit?
Für die Frauen im ländlichen Bereich ist ihr Schicksal „Karma“, gegen das sie machtlos zu sein glauben. In Großstädten gibt es schon zahlreiche Frauen-Protestbewegungen, aber bis jetzt fanden diese in der Männergesellschaft kein Gehör. Auch ein Grund, warum ich mich über das öffentliche Interesse freue.

Referentin Regina Komanapalli passt der BAF-Mitarbeiterin Michaela Schweikert einen Original-indischen Sari an

Verabschiedung von ausgeschiedenen BAF-Frauen und Glückwünsche für die neu- bzw. wiedergewählten Frauen in den BAF durch Pfarrerin Martina Rupp