Geologische Hinweise auf die Landschaft im Dekanat Geislingen

Von Dekanin i. R.  Gerlinde Hühn

 

Das Dekanat Geislingen liegt in einem geologisch höchst interessanten Gebiet des Geoparks Schwäbische Alb. Es ist faszinierend, sich das Entstehen der Landschaft klar zu machen.

 

Die Fläche des Dekanats Geislingen ist fast identisch mit dem Wassereinzugsgebiet der oberen Fils. Die Dörfer und Städtchen liegen entweder alle im anfangs canyonartig eingeschittenen Filstal oder an den in Richtung Filstal fließenden Nebenflüsschen und Nebenbächen oder am Albtrauf, manchmal dicht an der steilen Abbruchkante in einer Höhe von 200 Meter über dem Talgrund. Die Türkheimer Kirche zum Beispiel sieht man von unten weithin leuchten, bei Tag und bei Nacht.

 

Jurameer und Juraschichten

 

Entstanden sind die Juraschichten in einer Zeit zwischen 205 bis 150 Millionen Jahren vor heute als Ablagerung im Jurameer des Urozeans Tethys.

Die Felsen der Alb bestehen aus Massenkalk, der zum größten Teil aus Schwammriffen entstanden ist. So große Schwammriffe sind ziemlich einmalig auf der Welt. Korallen gibt es nur an wenigen Stellen auf der Alb (z. B. bei Gerstetten oder Nattheim).

Wenn man von Stuttgart her auf der Autobahn ins Geislinger Dekanat fährt, durchschneidet die Straße die drei Schichten des schwarzen, braunen und weißen Jura. Sie sind am Rande der Autobahn sichtbar gemacht durch einen vom Bewuchs frei gehaltenen Geländestreifen.

 

 
Noch im schwarzen Jura liegt Holzmaden (Dekanat Kirchheim) mit seinen bedeutenden Saurierfunden im so genannten Posidonienschiefer. Die Fils entspringt in einem tiefen Taleinschnitt hinter Wiesensteig im weißen Jura und durchfließt bald den braunen Jura, bis sie dann unterhalb von Süssen in den Schichten des schwarzen Jura weiter ihren Lauf nimmt. Begleitet wird das canyonartige Tal vom Weißen Jura, grau bis leuchtend weiß zeichnen sich die Schwammriffe im grünen Blätterdach des Waldes ab. Der bedeutendste Weißjuraaufschluss auf der Alb ist die Hausener Wand, an der der Kenner die verschiedenen Schichten von Alpha bis Delta ablesen kann, ein geologisches Fenster ersten Ranges. Von Oberböhringen aus ist die Hausener Wand zu Fuß leicht zu erreichen, von Hausen im Tal aus kann man sie ersteigen oder gar erklimmen. Von oben hat man eine atemberaubende Sicht ins Filstal und auf die gegenüber liegende Albhochfläche bei Türkheim.

 

Die Eisenbahnstrecke von Geislingen nach Ulm, die berühmte Geislinger Steige, 1850 erbaut, durchschneidet die verschiedenen Weißjuraschichten. Sie sind für die Vorbeireisenden mit ihrem Namen markiert. Weitere beeindruckende Schwammriffe sieht man am Eingang des Eybtals, wenn man von Geislingen Richtung Eybach und Steinenkirch fährt. Der Himmelsfelsen, spitze Kalknadeln, der Bismarckfelsen. Von vielen Stellen aus hat man beeindruckende Blicke ins Filstal oder ins Albvorland, so zum Beispiel vom Messelstein bei Donzdorf auf die faszinierende Kette der sogenannten Drei-Kaiser-Berge, Stuifen, Rechberg und Hohenstaufen (Dekanat Göppingen). Sie sind Zeugen dafür, dass die Alb einmal weiter nach Norden reichte.

Hausener Wand im Winter, Hausener Wand und Himmelsfelsen bei Eybach (v.l.).

Thermalquellen

 

Im Gebiet des Dekanats Geislingen befinden sich zwei Thermalbäder, Bad Überkingen und Bad Ditzenbach. Bad Überkingen ist zudem bekannt durch seine Mineralwässer.

 

Das Auftreten von Mineralwasser ist ein fast normales Grundwasserphänomen. In den sandigen Schichten des Braunen Juras werden Mineralstoffe gelöst. Durch das Vorkommen von Kohlensäure (aus dem letzten Schnaufer des Schwäbischen Vulkans, s. u.) werden zusätzlich Mineralstoffe gelöst und Kohlensäure im Wasser angereichert.

 

Das mit Kohlensäure gesättigte Wasser ist auch für die Bildung zahlloser Höhlen im Dekanatsgebiet verantwortlich, zum Beispiel die Kahlensteinhöhle, die größte von etwa 50 Kleinhöhlen rund um den Kahlenstein bei Bad Überkingen. Ihr Eingang liegt nur wenige Meter unterhalb der Albkante. Weiter ist zu nennen das Mordloch bei Eybach. Das Mordloch ist 4300 m lang und gehört damit zu den längsten Höhlen der Schwäbischen Alb. Es befindet sich unterhalb der Treffelhauser/Stöttener Berghalbinsel. Es ist eine Wasserhöhle mit offenem Fließgewässer. Ebenso interessant ist die erst vor neun Jahren entdeckte Laierhöhle. Sie wurde zufällig beim Hausbau in Weiler o.H. entdeckt. Da sie nun bis in 122 m Tiefe vermessen ist, löst sie die Laichinger Tiefenhöhle in ihrem Rang als tiefste Albhöhle ab. Die meisten Höhlen sind nur mit Höhlenforschern begehbar.

 

Schwäbischer Vulkan

 

Das Vorkommen von Thermalwasser geht letztlich auf den so genannten schwäbischen Vulkan zurück. Im Tertiär (vor 64 bis 2,5 Millionen Jahren) kam es infolge der Alpenaufschiebung durch das Zusammenstoßen der afrikanischen und der europäischen Platte zu Folgewirkungen im Gebiet der schwäbischen Alb. Auf einer großen Fläche stoßen zahllose Vulkanschlote durch das Juragestein. 355 wurden nachgewiesen, einer der bedeutendsten, das Randecker Maar, liegt außerhalb des Dekanats Geislingen. Es ist über Wiesensteig leicht erreichbar. Einer der Vulkanschlote ist auch im Geislinger Gebiet nachgewiesen worden.

 

Erzgewinnung bei Geislingen

 

Am Nordhang des Marren bei Donzdorf findet sich Eisenerz. Ebenso wurde am Fuße des Tegelbergs bei Kuchen beim Eisenbahnbau 1848 ein Eisenerzflöz aufgeschlossen. 1858 begann man am gegenüberliegenen Hang einen Versuchsstollen, den Kuchstollen, voranzutreiben. Später entstand der parallel verlaufende Karlstollen in Geislingen (1922). Nachdem der Eisenerzabbau zwischenzeitllich zum Erliegen kam, wurden im Dritten Reich wegen des erhöhten Rohstoffbedarfs wieder mit dem Erzabbau begonnen. 1940 ein Rekord der Erzförderung mit 917.000 Tonnen. Bis 1963 dauerte der Bergbau im Raum Kuchen, Geislingen und Bad Überkingen. Die hohen Transportkosten ins Hüttenwerk Oberhausen im Ruhrgebiet machten den Erzabbau unrentabel.

Der Weigoldsberg

Die Flussgeschichte

 

Die heutige Gestalt der Landschaft ist eine Folge der Konkurrenz zwischen Rhein und Donau. Vor 45 Millionen Jahren begann der Oberrheingraben einzusinken. Er stellt einen Teil des europäischen Riftsystems dar, dass sich vom Rhonetal über das Rheintal bis zum Oslofjord zieht. Dort bricht der europäische Kontinent auseinander, vergleichbar mit dem ostafrikanischen Grabenbruch. Der Graben hat sich teilweise bis zu 3,5 km eingesenkt, die Weißjuraschichten, die die Höhenzüge im Dekanat Geislingen bilden, liegen hier in mehreren Kilometern Tiefe. Von daher ist es erklärlich, dass das Flusssystem des Rheins eine höhere Erosionskraft ausbildete als es das Donausystem hat.

 

In rückschreitender Erosion wurde der Albtrauf heraus gebildet und immer wieder brechen Teile des Hangs ab und setzen die Hangkante zurück. Flüsse, die früher zur Donau hin flossen, wie zum Beispiel die "Filslone", wurden umgedreht und strömen nun dem Rhein zu. Die Fils macht bei Geislingen einen charakteristischen Knick nach Norden, ebenso der Neckar bei Plochingen. Plochingen liegt 200 m tiefer als Ulm an der Donau. Die europäische Wasserscheide quert die Autobahn bei Hohenstadt im Dekanat Geislingen in Höhe von etwa 800 m. Durch die rückschreitende Erosion und das Abgraben der Flusssysteme entstehen die gekappten Täler, die an der Albtraufkante die Hochebene zerschneiden und den Eindruck von Bergen hervorrufen, zum Beispiel die Verlängerung des Tales von Reichenbach (Fils) bis zum Schlater Sattel. Man kann unschwer erkennen, dass das Tal von einem größeren Fluss ausgewaschen wurde als es der kleine Bach sein kann, der jetzt dort fließt. Der Weigoldsberg zwischen Reichenbach und Hausen (Fils) ist ein alter Umlaufberg, ebenso die Hiltenburg bei Bad Ditzenbach. Durch die Auswaschung der Täler wurde die Albhochfläche canyonartig zerteilt. Wenn man auf der Höhe steht erscheint die Landschaft zunächst wie eine einzige leicht gewellte Fläche. Erst am Rande der Kante entdeckt man zur Überraschung die 200 Meter tiefen Einschnitte der Täler.

Fünftälerstadt Geislingen - Unteres Filstal (l.), Hausen im oberen Filstal (r.)

Geislingen liegt in einer so genannten Talspinne, daher der Name Fünf-Täler-Stadt, gebildet aus Filstal, Eybtal, Rohrachtal, Längental. Vor 70 Millionen Jahren begann die Auffaltung der Alpen, gleichzeitig hob sich die Schwäbische Alb. An ihrem Randgebiet kam es zu Brüchen. Gräben bildeten sich. Möglicherweise stellt die Geislinger Talspinne in solches Grabenbruchsystem dar. Bekannter ist der Hohenzoller Graben bei Hechingen. Da die Alpenauffaltung weiter geht, kommt es immer wieder zu Schollenverschiebungen und infolge dessen zu Erdbeben. Ein Erdbeben hat auch den Riss am Nordseitenschiff der Stadtkirche verursacht.

 

Auf der Hochfläche der Alb findet sich der Rest eines alten Flusssystems. Die Orte der Gesamtkirchengemeinde Stubersheimer Alb befinden sich auf einem alten Flussbett, dessen Schotter zu Nagelfluh zusammen gebacken ist. Daher findet sich dort Wasser, eine Seltenheit auf den Albhöhen. Das hat die Ansiedlung von Ortschaften an dieser Stelle erleichtert.

 

Gäste aus dem Weltall

 

Im Dekanat Heidenheim, nicht weit vom Dekanat Geislingen entfernt, findet sich ein kleiner Meteorkrater, das Steinheimer Becken, vielleicht gleichzeitig mit dem bekannten Nördlinger Rieß entstanden. Ein kleines interessantes Meteorkratermuseum führt den Besucher in diese geologische Sehenswürdigkeit ein. 


Beim Betrachten der Landschaft stellt sich Ehrfurcht vor dem Schöpfer ein.
"Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit." (Psalm 90, 2)