Bezirkssynode Geislingen am 23. März 2012

Die Vorsitzenden der Bezirkssynode Geislingen, Hans-Peter Bühler und Dekanin Gerlinde Hühn

 

 

TAGESORDNUNG
für die Bezirkssynode am 23. März 2012, 17.30 Uhr, Jugendheim Geislingen

1. Kurzbericht aus der Landessynode: Landessynodale Beate Keller
2. Begrüßung von Pfarrerin Margret Ehni und Pfarrer Volker Weiß,
Projektstelle Palliativseelsorge und Krankenhausseelsorge
3. Verabschiedung von Pfarrerin Ingeborg Brüning, Steinenkirch
4. Arbeitswelt
Wirtschafts- und Sozialpfarrerin Esther Kuhn-Luz
Vorsitzende Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt
"Prekariat und Prekarität"
Die seelischen und materiellen Kosten einer flexibilisierten Arbeitswelt
Aus der Arbeit des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt
Aussprache
5. Nichtöffentlich: Wiederwahl Kirchenbezirksrechner

PAUSE

6. Pfarrplan 2018:
Zwischenstand, Bericht, Diskussion
7. Ökumenische Partnerschaften
Wie soll es nach Beendigung der Indienpartnerschaft weitergehen?
8. Bezirkskirchentag 29./30. Juni 2012
9. Entlastung Kirchenbezirksrechner 2004 – 2008
10. Nachwahl in den BA (Beschließender Ausschuss Jugendwerk)
11. Innovationsfonds des Kirchenbezirks
12. Sonstiges
Terminankündigungen
Einladungen

Mitglieder der Bezirkssynode Geislingen

Prekariat und Prekarität

Die seelischen und materiellen Kosten einer flexibilisierten Arbeitswelt

 

Wirtschafts- und Sozialpfarrerin Esther Kuhn-Luz
Vorsitzende KDA
Fachdienst der Württembergischen Landeskirche/ Evang. Akademie Bad Boll

 

Vortrag Bezirkssynode Geislingen
23. März 2012

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kollegen und Kolleginnen,

 

herzlichen Dank für die Einladung zur Bezirkssynode!

Als Wirtschafts- und Sozialpfarrerin und Vorsitzende im KDA in der Arbeitswelt freut mich das sehr, dass Sie sich als Bezirkssynode mit dem Thema Arbeitswelt beschäftigen.

Das Thema „ Arbeitswelt“ ist ja immer Thema der Synode – da geht es dann aber meistens um die Arbeitswelt Kirche und Diakonie…

 

Ich möchte Ihnen heute abend einen Einblick geben in die Arbeitswelt außerhalb der Kirche, mit der wir es als Kirche in der Begegnung mit unseren Gemeindegliedern und auch im Erleben von Familienangehörigen und FreundInnen zu tun haben.

An erster Stelle möchte ich mich bedanken – bei denjenigen, die sich dafür eingesetzt haben, dass es weiterhin 4 KDA-Stellen in der Landeskirche gibt – in jeder Prälatur eine.
Martin Schwarz ist ja „ ihr“ Wirtschafts- und Sozialpfarrer – leider ist er gerade heute verhindert, sonst hätte er hier den Vortrag gehalten;
In der Prälatur Reutlingen hat am 1. März Karl Ulrich Gscheidle angefangen und am 15. März Karin Uhlmann in der Prälatur Heilbronn. Jetzt sind wir nach 2 Jahren wieder komplett.


Ich gebe Ihnen heute einige  Ein-Blicke in die Arbeit des KDA – und habe Ihnen dazu auch Zitate von Menschen mit gebracht, denen wir in unserer Arbeit begegnen.
Zahlen gibt es heute abend von mir wenig – die kann man überall noch mal nachlesen…
Die Ein-Blicke in die Arbeit des KDA möchte ich charakterisieren mit den  beiden Stichworten
„ Prekariat und Prekarität“
Die seelischen und materiellen Kosten einer flexibilisierten Arbeitswelt

Prekäre Arbeit –  befristet und schlecht bezahlt zu arbeiten ist das eine – daraus entwickelt sich ein prekäres Leben – immer knapp an der Armutsgrenze entlang  oder drunter – und immer in der Unsicherheit der Zukunft: ob ich mal fest übernommen werde weiß ich nicht…
Prekarität bezeichnet diese >Unsicherheit – und die gibt es inzwischen nicht nur in niedrig bezahlten Jobs – sondern auch auf der Ebene der gut Bezahlten, der Gut Ausgebildeten – und ist mit eine der Ursachen für die Zunahme der psychischen Erkrankungen.

Der Soziologe Heitmeyer hat neulich das Ergebnis einer Umfrage weitergegeben: „ 90% der Deutschen sehen die Zukunft als sehr unsicher an – und leiden unter der Unsicherheit. Eine der Folgen der Unsicherheit ist die eigene Abwertung. – sich selber nur noch nach dem zu beurteilen, wie ich „ ökonomisch“ beurteilt werde: nach Leistung, Effizienz, nach Marktwert, nach Nützlichkeit… und dann macht man die eigene Anerkennung  ganz davon abhängig, ob ich diesen Ansprüchen genüge…
Dieser große Druck, diesen „ Ökonomischen Werten“ zu genügen treibt mich mir selber fern…macht mich mir selber fremd – um so wichtiger, wieder andre Werte zu entdecken:

Kollegialität, Ehrlichkeit, Einfühlungsvermögen, Wahrhaftigkeit, Nachdenklichkeit – einfach Menschlichkeit…

Um in  Krisensituatioen sich nicht auch noch selber zu entwerten ist es notwendig sich zu befragen, was die eignen Werte ausmachen.

Und um diese Fragestellung geht es in den verschiedenen Facetten der KDA-Arbeit, wenn wir bei Betriebsversammlungen, auf Seminaren, auf Kundgebungen oder Veranstaltungen/ Tagungen mit Menschen aus den verschiedenen Arbeitswelten (!) in Kontakt kommen.

In Konflikt – und betriebliche Trauersituationen ( Entlassungen, Insolvenz…) daran zu erinnern, dass  jeder Mensch immer schon anerkennt ist – noch bevor er oder sie irgendetwas leistet. Wir Christen nennen das die Ebenbildlichkeit des Menschen: der Mensch hat darin seine eigene Würde, dass er Mensch ist. Deshalb ist die Ignoranz des Menschlichen im Umgang miteinander auch so schmerzend.
Die eigene Menschlichkeit, die eigene Verletzlichkeit – die Sehnsucht nach einem menschl. Umgang miteinander, dies bei sich und bei anderen wieder zu entdecken – nur so kann es einen guten gemeinsamen Weg in dieser schwierigen Zeit geben.


Unsere Arbeit besteht darin, dass wir jeweils in der  Prälatur Kontakte aufnehmen zu Betrieben, Verbänden, auch zur Politik. Die Basis kontakte sind aber die Betriebskonktakte - da ins Gespräch kommen mit Vertretern der Geschäftsleitung und des Betriebsrates.
Unsere Intention: zu zu hören, welche Themen gerade anstehen.
Am Anfang: Skepsis…. Was will denn eine Pfarrerin im UN? Mission brauchen wir keine…
Aber wenn ich dann sage, dass ich einfach komme, um zu zu hören – weil wir uns als Kirche auch mit den Themen der Arbeitswelt beschäftigen sollen und müssen, dann kam immer die Einladung: ja, dann kommen Sie doch mal vorbei.
Aus diesen konkreten Betriebskontakten ergeben sich dann unsere Aufgaben – die sehr vielfältig sind. Da kann es zu einer Einladung zu einer Betriebsversammlung kommen – Sie als Pfarrerin könnten in der belastenden Situation des drohenden Arbeitsplatzabbaus ( LBBW) vielleicht mal was über das Thema Ängste sagen…
Dann ergibt sich da ein Anknüpfen an  den Satz Jesu – Mach, dass dieser Kelch an mir vorübergehe… und an die Frage, welche Ängste da alles eine Rolle spielen.

 

Ich beginne mit Einblicken in die prekäre Arbeit…

Anfrage der Gewerkschaften – wir brauchen auch die Unterstützung der Kirche für die Schleckerfrauen! Weil es da schon vorher Kontakte gab – zusammen mit der BS – zu MA und BR von Schlecker – konnten wir auch schnell reagieren: eine Presseerklärung, in der auf die Situation der von Kündigung bedrohten Frauen aufmerksam gemacht haben und die Gewerkschaft unterstützt haben bei der Forderung einer Transfergesellschaft, eine Fürbitte an die Gemeinden mit der Bitte an die Kollegen, innen, die schwierige Situation der Frauen  im Godi auf zu nehmen, ich wurde zu einem Interview in den swr eingeladen, KDA und BS haben in  Ehingen Infoveranstaltungen organisiert für diejenigen MA, bei denen es keinen BR gab  wir wurden zu Kundgebungen eingeladen, bei denen wir „ Trost“ zu sprechen sollten – und ganz konkret auch die Arbeit der Frauen würdigen: sie haben oft in Eigenarbeit ihre Filialen einigermaßen fit gehalten ( Putzen – von den anderen Filialen Produkte holen ) gegen massiven Widerstand BR aufgebaut…. Und sind jetzt Opfer eines verantwortungslosen Unternehmers – er hat erst Ende Jan Insolvenz angemeldet, obwohl das schon lange ersichtlich war – Ende Jan war deswegen noch mal zusätzlich belastend, weil das Insolvenzgeld immer nur für 3 Monate gezahlt wird – und der Jan ja schon fast rum war…
Bei den Kundgebungen kommt man mit den Frauen ins Gespräch – erlebt viel Wut, Frust  aber auch Angst. Arbeitslos zu werden… und dann?
Meine Güte, die Frauen aus dem Handel finden doch wieder Arbeit – überall wird doch gesucht – konnte man oft lesen. Auf einer Kundgebung für die Mitarbeitenden bei Schlecker kam ich mit zwei jungen Filialleiterinnen ins Gespräch – ihnen war klar, dass sie als unverheiratete junge Frauen nur wenig Sozialpunkte bekommen und ihnen eine Kündigung droht. Auf meinen versuchten Trost, dass sie doch sicher einen neuen Arbeitsplatz im Handel bekommen, antworteten sie: „ Eine Arbeit bekommen wir schon – aber nicht mehr unbefristet und vollzeit. Das gibt es im Einzelhandel kaum noch.“ Diese Realität wird in den Diskussionen zu wenig gesehen – die Arbeitsplätze im Einzelhandel sind in den letzten Jahren im großen Stil verändert – besser gesagt: zerstückelt worden. Wenn es jetzt heißt, dass von den 12 000 von Arbeitslosigkeit bedrohten Frauen „ nur“ 2000 davon im Minijob arbeiten ( und deshalb auch keine Chance haben, in die Transfergesellschaft aufgenommen zu werden), dann ist das ein Zeichen dafür, wie es auf dem Markt aussieht – es gibt in der Tat viele Stellenangebote im Handel – aber zu viele Minijobs ohne Sozialversicherung ( „ Arm im Alter“), sehr viel Teilzeit – gekoppelt mit „ Arbeit auf Abruf“ – die Wartezeit zuhause wird allerdings nicht bezahlt, verhindert aber eine zweite Teilzeitstelle auf zu nehmen. „ Ich habe eine kleine Wohnung, die ich abbezahlen muss – mir ist nicht klar, wie ich das mit Teilzeit schaffen soll.“

 

In diesem Gespräch wurde dann noch deutlich, dass beide junge Frauen aus Rumänien kommen-  sehr gut Deutsch sprechen – und in Rumänien studiert hatten – aber ihr Abschluss wird in Deutschland nicht anerkannt – deshalb haben sie Arbeit im Handel gesucht und gelten jetzt als gering qualifiziert…

Prekäre Arbeit – die gibt es wirklich viel: ungeschützt, befristet, unsicher – mit der Auswirkung, dass das ganze Leben prekär  - unplanbar  wird.
Das fängt bei jungen Menschen an – von Praktikum zu Praktikum – geht zu befristeten Anstellungen – „ ich bin jetzt bei der dritten Befristung – das zehrt an den Nerven!“
Bei der ersten: am Schluss – ok, ich suche mir wieder was Neues – bei der zweiten in der Mitte: ich muss wieder anfangen, mir was Neues zu suchen – und jetzt bei der dritten hat sich der Druck schon von Anfang an auf meine Seele gelegt – ich habe keine Energie mehr, mich auf neue Kollegen ein zu lassen – dieses Gefühl, ich gehöre ja doch nicht dazu….“ Erzählt eine promovierte Wissenschaftlerin… diese prekäre Arbeit mit prekärem Leben gibt es nicht nur bei gering qualifizierten…Ich lebe im System der ständigen Bewährung.

Auf einer Veranstaltung, die der KDA zusammen mit der BS gemacht hat, ging es um Leiharbeit – wir unterstützen die politische Forderung der IGM und auch von anderen politischen Gruppierungen: equal pay – equal treatment – für gleiche Arbeit muss es eine gleiche Bezahlung und eine gleiche Behandlung geben.
„ Ich habe in einer Firma gearbeitet, da hat der Stammarbeiter 2000.€ verdient und ich 800.- - für die gleiche Arbeit – das ist entwürdigend!“
Dazu hat der KDA – wie zu anderen Themen der Arbeitswelt – eine Broschüre herausgebracht – sie können sich das nachher gerne mal ansehen:
„ Leiharbeit auf dem Prüfstand“ mit dem schönen Titel „ Zeitgenosse“.
Forderungen u.a.:
Begrenzung des Anteils der Zeitarbeit auf 5 % - manche Firmen haben den Anteil von Zeitarbeit bis auf fast 50% erhöht …. Und nur noch die Hälfte der Belegschaft als Stammbelegschaft – das löst auch einen hohen Druck auf die Belegschaft aus:
Wenn ihr nicht effektiver arbeiten, dann fliegt ihr – dann holen wir uns jemand aus der Zeitarbeit.

„ In bin bei Randstad, eine gute Zeitarbeitsfirma. ( Mindestlohn, BR. Weiterbildung) – aber was mich stört, dass man nie ganz dazu gehört: die Kollegen sagen: guck, da kommt der Zeitarbeiter….Bei der Zeitarbeit stört mich, dass man immer nur Arbeit auf Zeit hat – man kann nichts planen. Wenn ich wieder einen festen Job hätte, dann würde ich auch mal Familie planen.“ Erzählt ein 24 jähriger Mann, als Zeitarbeiter Dreher im Maschinenbau.

Beim Daimler Giesserei selber gesehen:

Getrennte Sozialräume für Stammbelegschaft und Zeitarbeitende

 

Fast eine Million Menschen arbeiten in Zeitarbeit  - und das nimmt ständig zu. Allein in der Königstraße in Stuttgart gibt es ca. 20 Zeitarbeitsunternehmen…
Ok – eine flexible Wirtschaft braucht auch flexible ArbeitnehmerInnen… könnte man sagen.

Die EU hat  - übrigens sehr unterstützt von der kek  - sich für das Konzept der flexicurity eingesetzt: eine Zusammensetzung von flexibler Arbeit und sozialer Sicherheit – die Kosten der Flexiblisierung – immer wieder eine neue Arbeit aufnehmen, von Befristung zu Befristung – andere UN. Andere Abteilungen, andere Aufgaben – können nicht individualisiert werden – also – nicht der Einzelne soll darunter leiden, wenn er dann zwischen den einzelnen Jobs keine Arbeit hat, sondern dann müssen andere Konzepte entwickelt werden: wie in Dänemark: zwischen den verschiedenen Arbeiten gibt es ein hohes Arbeitslosengeld und eine verpflichtende Weiterbildung…
Der KDA wird dann eingeladen – z.B. IG M Delegiertenversammlung Sindelfingen- um unsere Position dort zu vertreten…

Wer längere Zeit arbeitslos ist wird vom Jobcenter aufgefordert, eine Arbeit bei einer Zeitarbeitsfirma auf zu nehmen – und das sind oft nicht so gute wie Randstad. Wer sich dreimal verweigert bekommt eine Leistungsreduzierung von Hartz IV – dann reicht das Geld gar nicht mehr… ( zur Zeit 371.- plus 330.- Miete plus Pauschale Heizkosten für eine Person)

Wir sind als KDA in Fachverband Arbeitslosenhilfe im DWW, weil wir in unserer Arbeit immer wieder mit Erwerbslosen zu tun haben – auch mit denen, die nach langjähriger Erwerbslosigkeit nur noch wenig Chancen haben, auf den ersten Arbeitsmarkt zu kommen.

Jedes Jahr eine Tagung mit Erwerbslosen und ihren Forderungen :
Weiter unterstützung zu bekommen, 2. Arbeitsmarkt…
Wenn man da einfach mal zuhört, in welchen Zwängen Menschen sind, die Hartz IV bekommen – da zieht die 40 jährige Tochter aus der kleinen Wohung aus – jetzt hat die ältere Mutter nach dem SGB eine zu große Wohnung – sie muss umziehen – obwohl sie seit 19 Jahren dort lebt und eine gute soziale Vernetzung hat. In Armut leben – das ist noch schlimmer, wenn es keine soziale Vernetzung gibt…

Für Umzug gibt es kein Geld – denn wer so lange in einer Wohnung lebt, der muss ja Freunde haben, die beim Umziehen helfen können…

Ich wurde bei der letzten Versammlung der LIGA Armut gefragt, ob  ich nicht als Wirtschafts- und Sozialpfarrerin was sagen könnte – zum Thema „ Respekt und Anerkennung“.

Mit der  materiellen Armut leben– einfach zu wenig Geld zu haben für die notwendigsten Dinge – v.a., wenn man Kinder hat, die wachsen und vieles für die Schule brauchen – das ist verdammt schwer – ich habe großen Respekt vor allen, die das Monat für Monat schaffen – und ich empfinde das als eine sehr große Leistung, sich so zu orientieren und informieren, dass ich weiß, wo ich günstig einkaufen kann – in Tafelläden und Sozialkaufhäusern  - wo ich rechtliche und menschliche Unterstützung bekomme – EVA – caritas- Diakonie etc….skf etc.
Aber – da fängt es ja eigentlich schon an  - wenn ich arm bin, dann kann ich da hin gehen, wo es für Arme was gibt – besser als nichts – aber damit wird die Ausgrenzung ziemlich deutlich:
 Für manche das Beste – für andere nur Reste….

„ Tafelladen  - Sozialkaufhäuser – das ist wie Armut mit Capuccino-Häufchen“

hat mir mal jemand gesagt…


Das ist schon schwer genug – oder anders gesagt: dass ist eine ziemlich große Leistung, so zu haushalten mit so wenig Geld…..

Die materielle Armut ist das eine – das andre ist genauso belastend : der Mangel an Respekt und Anerkennung. Ein Mann erzählt mir:

„ Ich wünsche mir, dass wir nicht als Sozialschmarotzer hingestellt werden“

 „ Bevor ich arbeitslos wurde, war ich angesehen – ich hatte Kollegen und Kolleginnen, einen anständigen Lohn, war im Sportverein – alles palletti.
Dann wurde der Betrieb insolvent – und nach einem Jahr kam ich in Hartz IV – nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich mal arm sein werde….
Und das Schlimste – das ist nicht die Armut – sondern wie die Menschen jetzt plötzlich anders mit mir umgehen – als hätte ich mit meiner Arbeit auch meinen Verstand verloren – als wäre Hartz IV ansteckend – als wäre ich faul.
Das tut verdammt weh…
Es ist wie eine unsichtbare Mauer, die da plötzlich da ist , die andere aufbauen… - und ich werde immer einsamer…

Früher wurde ich mit Respekt behandelt  - und jetzt so, als hätte ich was verbrochen …

Da gibt es keine Würde mehr… kein Vertrauen mehr…alles wird bestimmt von einem Misstrauen, ob man auch wirklich berechtigt ist…..
Das schüchtert ein…
Das nimmt einem immer mehr das Selbstvertrauen – Selbstbewusstsein…
Macht es immer schwerer, für die eigenen Rechte ein zu treten.

Wer längere Zeit erwerbslos ist – oder mit so einem niedrigen Lohn arbeitet, dann er oder sie Hartz IV beantragen muss, der erlebt eine Verletzung der Seele.“

KDA-Broschüre: Hartz Ökonomie
Parallelwelten der Armen

Prekäre Arbeit – prekäres Leben – 25% der Menschen mit Erwerbstätigkeit arbeitet insgesamt in einem NL – das sind weniger als 9.50….- und ist damit an einer Grenze, in der man schnell in de Armut abrutschen kann. Wenn man zur Zeit hört, dass es in den Branchen der Dienstleistung immer mehr Arbeitsplätze gibt, dann ist das oft damit verbunden, dass in den Bereichen nicht viel zu verdienen ist – Gastronomie, Pflege, Handel…
Dass verdi jetzt eine kräftige Lohnerhöhung fordert – und dabei eine Mindestlohnerhöhung von 200.- fordert – geht genau in diese Richtung: wir müssen die gute Arbeit in der Dienstleistung auch gut bezahlten – für die verantwortungsvolle Arbeit der Erzieherinnen, für die belastende Arbeit der Pflegenden, da muss der Lohn so sein, dass ich mir nicht auch noch materielle Sorgen machen muss.

Da sind wir als Arbeitgeberin Kirche natürlich auch gefordert – und sitzen manchmal zwischen den Stühlen – sozialethisch fordern wir gute Arbeitsbedingungen für Menschen in soziale Berufen und überhaupt in der DL – wenn es dann aber um die eigenen Arbeitsplätze in der Kirche, in der Gemeinde geht, dann kommt es oft zu einem Dilemma – mit der Frage, wie wir mit vorhandenen Finanzen unsere Vorbildfunktion in „ Wertschätzung für gute Arbeit“ gerecht werden können.

Die Diskussion um die Frage nach dem Dritten Weg lasse ich jetzt weg – ich möchte nur sagen, dass der KDA da in den letzten Jahren verstärkt angefragt wurde – wir waren früher ( und sind das auch noch schwerpunktsmäßig) für die Arbeitswelt außerhalb der Kirche zuständig – aber das verschränkt sich immer mehr – wir sind als >Kirche Teil der Gesellschaft und müssen uns deshalb auch intern mit den Fragen auseinander setzen , wie wir uns mit den Forderungen nach „ billig“ „ effizient“ „ schnell“ auseinander setzen – so, dass nach innen und außen spürbar wird, dass wir Kirche sind und kein Unternehmen…

Zu diesem Themenkomplex hat der KDA BUND ein Impuls-Heft herausgegeben:
Für gute und gerechte Arbeitsbedingungen in Kirche und Diakonie
 
Übrigens: der KDA als Fachdienst der württembergischen Landeskirche gehört zum Netz werk des KDA-Bund in der EKD .
Die Broschüren, die sie von uns bekommen, sind Broschüren, die mit den anderen KDAs aus anderen Landeskirchen gemeinsam erarbeitet werden.

Gleichzeitig ist der KDA ein Teil der Evang. Akademie Bad Boll – gehört zum Fachbereich
„ Wirtschaft – Globalisierung – Nachhaltigkeit“, in dem an der Akademie 4 Studienleitende arbeiten.

Ich möchte jetzt zum zweiten Schwerpunkt kommen:
Es gibt nicht nur materielle, sondern auch seelische Kosten der flexibilisierten Arbeitswelt.

 

Ich habe es mit der vielfältigen Realität verschiedener Arbeitswelten zu tun. Die Belastungen werden auf vielen Ebenen immer massiver – und immer mehr Menschen werden  psychisch krank. Zeit krankheit Burnout… Ich  bekomme mit, was es bedeutet, wenn immer stärker die Quantität in der Arbeit zählt – und nicht mehr die Qualität. Der Arbeitsdruck steigt in einer globalisierten Welt, in der die Konkurrenz um billig billig alles bestimmt – mit der Hoffnung auf immer noch höhere Gewinnen. Mit immer weniger Menschen soll immer mehr Arbeit zu schlechteren Bedingungen gemacht werden.

Das hat Auswirkungen auf die Mitarbeitenden – auf allen Ebenen – und auch auf das Arbeitsklima. Kein Wunder, dass in solchen Zeiten auch der interne Konkurrenzdruck wächst und es ungelöste Konflikte gibt; die Mobbinghotline wird verstärkt in Anspruch genommen.
Viele Mitarbeitende versuchen aber weiterhin, alles so gut und perfekt zu machen wie früher, obwohl die Arbeit schwieriger, komplexer oder einfach viel mehr geworden ist – und geraten dann nach ständiger Verausgabung  in eine Situation, in der sie so erschöpft sind, das ihnen keinerlei Energie mehr zu Verfügung steht. Man spricht inzwischen von der Zeitkrankheit
„ Burnout“ – weil das so plastisch ist.
Ausbrennen kann nur, wer schon einmal gebrannt hat… - also die in ihrer Arbeit sehr engagierten Menschen sind davon betroffen. Wenn sich Menschen so verausgabt haben, dass da kein Feuer mehr da ist – und sogar die Glut noch nach aussen gegeben wurde – dann ist nichts mehr da, mit dem das innere Feuer wieder entfacht werden kann.

In vielen Begegnungen ist das zum Thema geworden – von Seiten der AN und von Seiten der FK …
Manager ABB – Sterbezimmer Banken…

Das hat sich in den letzten Jahren als mein Schwerpunkt entwickelt, zu dem ich regelmäßig Tagungen an der Evang. Akademie Bad Boll anbiete:“ Bevor der Job krank macht – Ausstieg aus der Erschöpfungsspirale“ hieß die erste Tagung, zu der es über 100 Anmeldungen gab –
Ich werde  wieder eingeladen in die verschiedenen Betriebe – zum Vortrag über den Sinn der Arbeit und den Sinn der Unterbrechung für Leitende FK Daimler UT oder für ein Seminar mit FK beim Jobcenter, im Polizeipräsidium, in der AOK etc…  und bei Personalversammlungen von Klett-Verlag bis Landeskriminalamt…
die fünfte in der Reihe findet jetzt am 24/25. Mai statt zum Thema „ Entgrenzte Arbeit – psychische Belastungen“.

 

Entgrenzte Arbeit - Psychische Belastungen

 

Arbeiten zu jeder Zeit und an jedem Ort - moderne Kommunikationsmittel, flexible Arbeitszeitmodelle und die Auflösung starrer Organisationsstrukturen versprechen schier grenzenlose Freiheit. Zugleich nimmt  die Zahl psychisch erkrankter Mitarbeitender stetig zu. Macht entgrenzte Arbeit krank?

Moderne Arbeits- und Kommunikationsformen stellen Unternehmen, Arbeitsmarktpolitik und Einzelne vor große Herausforderungen. Die Tagung fragt nach Zusammenhängen zwischen Veränderungen in der Arbeitswelt und psychischen Belastungen. Darüber hinaus bietet sie strukturelle und individuelle Lösungsansätze.

 

Auf betrieblicher Ebene werden Gefährdungsbeurteilungen entwickelt, die die Ursachen der zunehmenden psychischen Belastungen analysieren. Regelungslücken im Arbeitsschutzgesetz werden ebenso diskutiert wie betriebliche Modelle, die psychische Stabilität der Mitarbeitenden zu fördern. Dazu gehören Regelungen zur Erreichbarkeit und Leitfäden im Umgang mit psychisch belasteten Mitarbeitenden.

 

Auf individueller Ebene kommt das Verhalten von Führungskräften in den Blick: Wie können sie sich selbst und andere "gesund" führen? Außerdem spielen die Themen Selbstverantwortung und Selbstmanagement sowie der Umgang mit den eigenen Grenzen eine Rolle. In Vorträgen und kleineren Arbeitsgruppen bekommen Sie konkrete Unterstützung für den Umgang mit psychischen Belastungen in einer immer flexibleren Arbeitswelt.

Auf diese Tagungen kommen BR,PR , FK aus der Personalabteilung, Werksärzte, FK aus Kommunen ( Bürgermeister!!!) und Mitarbeitenden aus der Kirche.

Von diesen Tagungen werde ich dann wieder eingeladen in die verschiedenen Betriebe – zum Vortrag über den Sinn der Arbeit und den Sinn der Unterbrechung für Leitende FK Daimler UT oder für ein Seminar mit FK beim Jobcenter, im Polizeipräsidium, in der AOK etc…  und bei Personalversammlungen von Klett-Verlag bis Landeskriminalamt…


Ein bisschen Hintergrund zum Thema:

„ Das sich erschöpfende Selbst auf dem Fitnessparcour des globalen Kapitalismus“ –  so prägnant hat es der Sozialwissenschaftler Heiner Keupp formuliert. Damit formuliert er  einen wichtigen Zusammenhang zwischen den Veränderungen einer globalen Wirtschaft und Konsum – und Lebenswelt – und die Schwierigkeit vieler Menschen, mit der wachsenden Vielfältigkeit von Ansprüchen und Angeboten um zu gehen.  

Das sich erschöpfende Selbst – das erschöpfte Selbst – in dieser Bezeichnung erkennen sich viele wieder : ständig über die eigene Leistungsgrenze zu arbeiten, nicht nur äußerlich von Terminen, sondern auch innerlich von einem eigenen sehr hohen Perfektionsanspruch getrieben zu sein,  den Erwartungen und Anforderungen der anderen möglichst gut zu entsprechen… keine-Zeit- zu –haben als ein prägendes Grundgefühl, das mich immer weiter treibt, in all meinen Aktivitäten – und dann mehr und mehr zu spüren, wie ich mich von mir selbst entferne… wie ich immer weniger bei mir selber zuhause bin: in meinen Räumen, aber auch in mir selber. Von Karl Valentin gibt es diesen schönen Satz: „ Heute abend will ich mich besuchen – mal sehen, ob ich zuhause bin…“

Burnout erkennen – als Führungskraft Verantwortung übernehmen.
Wir haben uns mit Gründen beschäftigt, die zum Burnout führen – und gemerkt, dass dazu immer zwei große Lebensfelder in den Blick genommen werden müssen: zum einen geht es um die veränderte Arbeitssituation ( flexibel, mobil, dezentral, befristet – das bedeutet einen massiven Abbruch der gewohnten Arbeitstradition wie  langjährige Betriebszugehörigkeit, Kinder im gleichen UN, Sicherheit des Arbeitsplatzes, garantierte Aussicht auf Arbeitsplatz durch  gute Ausbildung – das alles ist ins Wanken gekommen, es wächst die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust, vor einer unsicheren Zukunft;

Der Anteil der Zeitarbeit nimmt massiv zu mit den Begleitumständen von Unsicherheit und schlechterer Bezahlung, überhaupt ist die Spanne der Verdienst möglichkeiten sehr breit geworden  - mit ca. 8 Millionen Niedriglöhner – und Managergehälter, die  mit 500 000 - € nicht zufrieden sind…Verschiebung der Gewichte: von Produktion zur Dienstleistung; von körperlicher Belastung zur psychischen Belastung ( dazu gehört massiv ständige Erreichbarkeit, Informationsflut, Unüberschaubarkeit und Komplexität der Probleme) ,

 zum anderen geht es bei Gründen für eine Erschöpfungsdepression natürlich auch um die  eigene Prägung, es hat viel mit der eigenen  Verfassung zu tun. ( Innere Antreiber: Perfektionismus, Nettigkeitssyndrom, nicht abgeben können, zu wenig Selbstvertrauen etc).Gründe für psychische Erkrankungen: aber immerhin 25% durch Arbeitsbedingungen. ( Dr Kissler, Diseasemanagement TU München). Und das ist viel! Das muss meiner Meinung nach  mehr in den Focus!


Im Jahr 2020 sollen Depressionen weltweit und in allen Bevölkerungsschichten die zweithäufigste Krankheitsursache sein. Die deutsche Stimme der WHO, Ilona Kickbusch sagt dazu: „ Immer mehr Menschen haben mit einem immer schnelleren Wandel von Lebens- Arbeits- und Umweltbedingungen zu kämpfen. Sie können das Gleichgewicht von Belastungs- und Bewältigungspotentialien nicht mehr aufrecht erhalten und werden krank. Depression – und dazu gehört die Burnouterkrankung als Erschöpfungsdepression dazu – ist eine der entscheidenden Determinanten der Erwerbsunfähigkeit. Schon heute sind weltweit ca. 121 Millionen Menschen von Depression betroffen. Denn unser Leben gewinnt zunehmend mehr an Fahrt, sei es zwischenmenschlich, gesellschaftlich, wirtschaftlich oder im Informations – oder Freizeitbereich.“ ( Heiner Keupp, S. 3)

 

Das sind erschreckende Zahlen – noch erschreckender, dass damit Biografien verbunden sind, die es nach ihrem Zusammenbruch längst nicht alle geschafft haben, wieder in ihre Arbeit zurück zu kommen.
Dr. Geigges, Chef der Rehaklinik Glotterbad ,
„ Es gibt einen gewissen Zynismus: wir können uns freuen über den Anstieg psychisch Erkrankter – unsere Klinik ist absolut belegt – die Verwaltung freut sich – aber was bedeutet das für eine Gesellschaft, für Unternehmen, dass die Anzahl der psychisch Erkrankten massiv zu genommen hat – 80% mehr Fehltage in den letzten 10 Jahren ( Kissling) für psychische Erkrankungen– im Schnitt 33 Fehltage für psychisch Erkrankte – hohe betriebswirtschaftliche und vor allem auch hohe menschliche Kosten.“
Es gibt eine große psychosoziale Not – und die lässt sich nicht individuell und auch nicht nur medizinisch lösen. Belastungen ( s.o.)  steigen – nennen will ich noch die Angst vor Arbeitslosigkeit ( Banken, globalisierten UN ( Strukturkrise: Automobil etc…) die Angst, nicht mehr wichtig zu sein… oder ganz im Gegenteil: die Angst , den steigenden Anforderungen nicht mehr zu genügen ( auch demografischer Faktor) –
also ganz unabhängig von individuellen Belastungen steigen gesellschaftlich bedingte Belastungen – und Ressourcen fallen immer weg ( wie z.B. ein verlässliches soziales Netz, Verwurzelung in Traditionen und Glauben/ Religion, klare Zeitstruktur von geregelter Arbeit und arbeitsfreiem Wochenende, verlässliche Kollegialität und kollegialer Zusammenhalt ( gemeinsam nach Lösungen zu suchen anstatt sich auf Kosten von anderen eigene Verbesserungen erhoffen), regelmäßige Aktivitäten etc.)
  Das raubt Energie und treibt immer mehr in eine Erschöpfungsspirale:
Angst, nicht mehr zu genügen ( älteren AN)
Angst, nicht übernommen zu werden( Befristete, Auszubildende)
Angst, im Team nicht mit halten zu können ( andere Geschwindigkeit – Drogen für den Job!!!)
Angst, den Anforderung der FK nicht zu genügen – den Karrieresprung nicht zu schaffen…
Angst, übersehen zu werden
Angst, aus gegrenzt zu werden ( Sterbezimmer; nicht mehr dazu zu gehören: Mittelalter: größte Strafe: vor die Tore der Stadt geschickt zu werden…raus zu fallen v.a. aus sozialem Netzwerk und auch der Versorgung, Arbeitsmöglichkeit… etc)

Das u.v.a. mehr sind Gründe, die Arbeitszeiten so aus zu dehnen, die innere Beanspruchung durch die Arbeit so aus zu dehnen, dass immer weniger Zeit für Lustvolles ( Familie, PartnerIn, FreundInnen; Chillen, Essen und Trinken, Sex…., Sport…) bleibt – ich mich selber immer weniger in entspannten anderen Bezügen und Beziehungen erfahre – sondern nur als „ Arbeitende“ – sollte es da noch eine andere Realität geben?

Einstieg in die Erschöpfungsspirale…

 

Ein Blick in die gesellschaftlichen Veränderungen


„ Die Zeit ist aus den Fugen.“ – Hamlets Diagnose, gesprochen vor 400 Jahren durch Shakespears Worte; historische Veränderung des Zeitempfindens in der Moderne bis heute massiv: Handlungsmöglichkeiten nehmen zu  - sind durch Globalisierung unendlich geworden für viele ( nicht für alle!!!) – aber es gelingt immer schwieriger, sich für eine von ihnen zu entscheiden. Der Zugewinn an Freiheitsspielräumen führt zu einer Lähmung der Handelnden ( Hartmut Rosa, Soziale Beschleunigung – die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne). „ Es ist alles möglich – aber nichts geht mehr.“ Nikolaus Luhmann.


Überhaupt – die Zeit
Es gibt immer mehr Zeitmanagementkonzepte – wie die Zeit noch besser intensiver effektiver etc genutzt werden kann – die Ökonomisierung der Zeit.
Olaf Georg Klein beschreibt in seinem Buch „ Zeit als Lebenskunst“ den Zusammenhang von Verlust der Ewigkeit und einer Kultur der Beschleunigung – wenn nach dem Tode nichts mehr kommt, dann muss die Zeit hier möglichst effektiv genutzt werden – diese Idee hatte allerdings auch schon der Pädagoge Franke im 18 Jhdt in Halle mit dem biblischen Motto: „ Kaufet die Zeit aus!“ ….“ … um dem Verdikt der protest. Ethik Genüge zu tun „ der in der Pflichterfüllung der protestantischen Ethik implizierte Zeitbegriff ist im Wesentlichen negativ bestimmt: es darf keine Zeit vergeudet werden.“ Zitiert er Enno Neumann ( Klein S. 28). Aber dazu entwickelt sich auch die Kultur: Mehrere Dinge gleichzeitig und alles schneller machen – das intensiviert das Leben und man erlebt mehr in der befristeten Zeit.

 

Das säkulare Zeitempfinden versucht versucht dagegen die verlorene Ewigkeit zu kompensieren – wer gleichzeitig telefoniert, mails bearbeitet, isst, Musik hört und dem Kollegen gleichzeitig noch ein Handzeichen gibt hat scheinbar 5 mal so viel geschafft wie wenn ich alles nacheinander mache. „ Wer dieses Ziel, 5 Dinge parallel zu tun, konsequent von der Geburt bis zum Tod durchhält 80 Jahre lang, der hätte demnach so viele Aktivitäten, Erlebnisse und Eindrücke und Prozesse untergebracht wie jemand, der 400 Jahre lang eines nach dem anderen tut. „ Zugegeben – eine theoretische Überlegung – interessant aber vom inneren Druck her – wenn das zum üblichen Umgang mit der Zeit wird… Was auf der Strecke bleibt ist die Zeit für die Muße – zum Nachdenken – für die Liebe und Freundschaft – auch für die Trauer und fürs Abschiednehmen und Neuanfangen…und eben alles, was sich nicht intensivieren lässt und was ich auch nicht neben 4 anderen Sachen machen kann.
Übrigens sind das alles Ressourcen, die ich brauche, um meinen anstrengenden Alltag aus zu halten ( Konzept: ora et labora – passiv und aktiv – Ereignis und Effektivität).

Wenn schon die „ Entgrenzung der Zeit durch Mehrfachtätigkeit“ einen scheinbaren Zeitgewinn und gleichzeitig einen immensen Druck aufbaut, dann gehört dazu auch die Entgrenzung durch Geschwindigkeit – sich Nachrichten zu zu schicken braucht nicht mehr mehrere Tage zwischen Brief schreiben – Brief wegschicken – Brief beantworten – Brief bekommen – da hatte man noch Zeit zum reflektieren : was meint der die anderen – was will ich antworten – heute ist die ganze Welt einen Mausklick entfernt – ich bekomme ganze Bücher in ein paar Sekunden zu gemailt – aber die Seele und der Verstand brauchen die gleiche Zeit wie früher, um den Inhalt zu verstehen.
Übrigens – neulich habe ich von einem Psycholgen gelesen, der auch auf die Diskrepanz zwischen immens beschleunigten technischen Kommunikationsmöglichkeiten und die Langsamkeit des menschlichen Denkens und Fühlens nach gedacht hat – und er ist auf die Idee gekommen – ein Hirnimplantat ein zu führen: „ Heutzutage ist es selbstverständlich, die Hüfte, die Niere, das Herz … aus zu tausche, wenn es nicht mehr funktioniert – wieso dann nicht das Gehirn? War um soll nicht die Technik auch dafür Lösungen finden, dass wir schneller und unverbrauchter denken können?“
In diesen Kontext gehören wie gesagt Tipps aus dem Zeitmanagement – wie z.B. der Geschäftsführer von Time/system International im Vorwort im Buch des Zeitmanagers „ Mehr Zeit für das Leben“: „ Die Zeit ist unersetzlich, sie ist unwiederbringlich verloren, wenn wir sie falsch oder gar nicht nutzen.“ ( Klein S. 30) – aber was ist falsch oder nicht genutzte Zeit?


Wie heute alles zu jederzeit an jedem Ort möglich ist kommt noch ein weiterer Druckfaktor dazu: die Versäumnisangst. „ Zur Verkürzung der zeitlichen Lebensperspektive ( als verlorengegangene Ewigkeit) kommt also eine enorme Vergrößerung der Anzahl der Möglichkeiten, über die wir gewollt oder ungewollt informiert werden. …Wir können sehen und hören, was in der nächsten Stadt, in der Region, im Staat… ja auf der ganzen Welt gerade in diesem Moment geschieht. Die Kommunikationstechnologien machen den Menschen bewusst, „ dass es andere Orte auf der Welt gibt, wo sie jetzt sein könnten – zusammen mit anderen Männern und Frauen, in spannenderen Zusammenkünften, bei anderen Ausstellungen, in sonnigeren Gegenden…“ Wenn ich hier bin verpasse ich die möglicherweise viel spannenderen und aufregenderen Gespräche oder events an anderen Orten…

„ Versäumnisangst kann also grundsätzlich verstanden werden als die permanente innere Sorge, zur falschen Zeit am falschen Ort mit den falschen Menschen unterwegs zu sein  - und das Falsche zu tun. Dass es sich dabei, eingebettet in ein technologisches und gesellschaftliches Umfeld, auch um ein psychologisches Problem handelt, wird konkret in dem Empfinden, einfach immer gestresst zu sein…einfach zu wenig Zeit zu haben für all die Möglichkeiten. „ Aber die Zeit an sich ist nicht knapp“, zitiert er Luhmann. „ Der Eindruck der Zeitknappheit entsteht erst aus der Überforderung des Erlebens durch Erwartungen. ( Nach dem Motto: das muss jetzt super gut hier werden – sonst nerve ich mich, dass ich nicht die andere Alternative gewählt habe…)

Bei einem Betriebskontakt entwickelte sich dann dabei die Idee eines Seminars für Führungskräfte, wie ich das nun einige Male mit MA  der Allianz Leben durchgeführt habe – in Kloster Kirchberg zum Thema: „ In stressigen Zeiten entspannt und gelassen arbeiten“ – ein verheißungsvoller Titel – klar, dass sich da FK angemeldet haben…
Die spannende Beobachtung: die Offenheit für ich sage jetzt mal spirituelle Themen.
Drei Tage in einem anderen Kontext – mit der Möglichkeit, an den Gebetszeiten teil zu nehmen ( das ist so fremd, das es schon wieder zur Attraktion wird…) – und sich Zeit nehmen können zur Auseinandersetzung mit sich selber ( Themen: Lebensräume – welche davon gibt es – wie sind die bewohnt – gibt es Räume, die nicht von Arbeit – Leistung – Stress etc belegt sind – kann ich die Türen schließen von meinen Arbeitsraum …/ Umgang mit inneren Spielräumen ( mich selber anders erleben als nur geprägt durch die Leistung, die ich bringe)/ Vom gnädigen/ungnädigen Umgang mit mir selber ( Thema der inneren Antreiber, der Perfektion), Frage, wo ich verwurzelt bin – und wie das mit meiner Zeit aussieht – kein Zeitmanagement, sondern mir wieder bewusst werden, was mir wirklich wichtig ist – wofür ich auf jeden Fall Zeit haben will – und das dann auch konkret in den Kalender ein planen.

Wir – eine Kollegin für die körperliche Entspannung – haben immer sehr gute Rückmeldung bekommen – die Möglichkeit, sich mal wieder mit sich zu beschäftigen, sich als Mensch zu erleben, bei dem auch andere Dimensionen als Arbeit und Freizeit eine Rolle spielen…
Das Thema „ Sonntag“ spielte wieder eine Rolle:
Habe mir den Sonntag zurück erobert…

KDA-Broschüre: Sonntag!!!

 

Veranstaltung: Sonntage und Feiertage – heilsame Unterbrechungen oder unprododuktive Zeiten?

 

Das Seminar lief bei der Allianz im Zusammenhang mit Burnout-Prophylaxe – da bin ich jetzt bei unserem ersten Stichwort: Prekarität – die Verunsicherung, die seelischen Kosten einer flexiblen Arbeitswelt.
Allianz hat – wie sehr viele UN  und wie ja wir als Kirche auch – in den letzten Jahren sehr viel an Umstrukturierung, Veränderung erlebt – Standorte, Abteilungen wurden geschlossen, die Arbeit wurde zentralisiert, die einzelnen Mitarbeiter haben weniger Kundenkontakt, alles ist „ effektiver“ gemacht worden – günstiger und schneller – Allianz hat ja auch gute Gewinne gemacht – was technisch alles möglich war hatte hohe menschliche Kosten.

 „ Ich bin ein Burnoutbetroffener“ fing Herr K. , Abteilungsleiter der Allianz an – „ ich arbeite seit zwei Jahren wieder in voller Verantwortung für 300 MA– aber ich weiß, dass meine Gefährdung bleibt – wie bei einem trockenen Alkoholiker.“.“ Ich muss meine Grenzen akzeptieren – und muss mir das Gespür für meine Belastbarkeitsgrenzen erhalten – was heute möglich ist – mal 8 Stunden, mal 12, mal nur 6 Stunden … Vor allem habe ich gelernt, mir mitten in der Arbeit kurze Auszeiten zu gönnen – einfache Unterbrechungen, mal mit Muskelentspannung, mal mit einem kleinen Gespräch, mal mit frischer Luft…
Ich habe jahrelang eine klare Konditionierung gehabt: du bist stark, du bist gut drauf, das schaffst du  – nichts war mir zu viel – aber dann kam der Konzernumbau – viele Arbeitsplätze wurden abgebaut – und meine Aufgabe hieß: Köln – mein eigener Standort mit mehreren 1000 MA -  ist abzu wicklen – HH ist auf zu bauen. Das war nicht nur eine riesige strategische Aufgabe – das war vor allem eine enorm psychische Belastung… - da hat meine Konditionierung als „ Held“ nicht mehr geholfen – mit zu bekommen, wie jahrzehntelang engagierte MA plötzlich „ abgebaut“ wurden – ihre Arbeit nichts mehr galt – sie einfach wie Spielfiguren hin und hergeschoben wurden…ich habe mich für meine Leute engagiert – habe unseren Standort Köln so stark wie möglich gemacht mit immer besser Leistung. Köln wurde gerettet – und dabei habe ich mich selbst aber verloren…Zusammenbruch – von einem Tag auf den anderen… nichts ging mehr – Diagnose: Erschöpfungsdepression--- Ich ? Depressiv?
Ich habe doch keinen an der Klatsche!!! Widerstand, eigene psychische Erkrankung ein zu gestehen… - aber dann: Panikattacken – Suizidgefahr- kein Empfinden mehr für Freude – jeder Kontakt wurde zur Qual – Alltägliches ( telefonieren, essen machen, Türe öffnen, Formular aus zu füllen) wurde unmöglich…

 

Absoluter Rückzug … wichtige Erfahrungen in der Klinik – ganz viel Zeit … ganz langsam eine andere Aufmerksamkeit zu bekommen – der Seele einen Raum geben: überhaupt zu spüren, dass die Seele eigene Bedürfnisse hat… wenn alles zusammenbricht: was macht eigentlich mein Leben aus? Angefangen, über den Sinn des Lebens nach zu denken – das Leben ist nichts selbstverständliches, sondern ein Geschenk – Spiritualität spielt plötzlich eine Rolle - Eine ganz tiefe Dankbarkeit zu spüren : ich lebe… ich höre die Vögel… ich rieche Blumen….ich genieße Zeit mit Menschen, die ich mag…
Ein Jahr lang, bis er wieder 100% gearbeitet hat – und er schweigt nicht, sondern engagiert sich im eigenen Unternehmen für ein Gesundheitsmanagement, dass psychische Gefährdungen mit im Blick hat, baut ein Netzwerk in seiner Stadt auf – psychisch Erkrankte brauchen im UN einen Ansprechpartner – brauchen Netzwerke, um über ihre Belastungen, ihre Erfahrungen reden zu können – und um auch gesellschaftliche Zusammenhänge, wirtschaftliche Veränderungen, veränderte Werte ( schneller, besser, weiter…tüchtiger….) – möglichst viel in möglichst kurzer Zeit, die Qualität ist dann zweitrangig…)…


Wir haben jetzt nicht die Zeit, das zu vertiefen – spannend ist aber, dass wir als KDA mit diesen themen auch sehr gefragt werden in kirchlichen Zusammenhängen – von KTA – über Vikarsausbildung bis hin zu MAV.

Ich habe Ihnen Ein-Blicke gegeben in die Arbeit des KDA unter den Stichworten
„ Prekariat und Prekarität“

 

Viele andere Themen des KDA sind jetzt nicht benannt worden:
Fragen der Ethik in der Finanzwirtschaft – wer regiert das Geld?
Veranstaltung dazu am 19.Oktober in Stuttgart

Themen der Nachhaltigkeit – das ist ein Schwerpunkt in der Arbeit von Pfarrer Martin Schwarz – und wenn sie Ihn in die Bezirkssynode einladen, dann wird er Ihnen darüber einiges erzählen können – genauso wie über die Veränderungen der Arbeitswelt durch den demografischen Wandel – die Kirche im Dorf…
Die Frage, welche regionalen Strukturen der Arbeit aufgebaut und unterstützt werden müssen und welche neue Rolle Genossenschaften und eine Gemeinwohlökonomie spielt, in der es einen Gleichklang gibt von Ökonomie – Soziales und Ökologie – also in der das Gemeinwohl im Blick ist…. Auch das sind Themen des KDA.

In diesem Zusammenhang:
Einladung an die Pfarrer und Pfarrerinnen und andere Interessierte, das mal am Bsp der regionalen Wirtschaft in Bregenz wahr zu nehmen.


KDA-Fortbildungsreise für Pfarrerinnen und Pfarrer aus Baden und Württemberg
09.-12. Juli 2012, Dornbirn
Regional nachhaltig wirtschaften
Modelle und Initiativen am Beispiel Vorarlberg in Österreich
Die Region Vorarlberg in Österreich zeigt beispielhafte Initiativen zu regionalem, nachhaltigem Wirtschaften sowie zukunftsfähiger Architektur, Mobilität und Daseinsvorsorge angesichts des demographischen Wandels und endlicher Ressourcen. Die Tagung bietet mit Vorträgen und Exkursionen Impulse für Kirchengemeinden, ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen und das regionale Gemeinwesen mitzugestalten. Auf dem Programm stehen unter anderem:
Besuch in der Gemeinde Langenegg, Siegerin des „Europäischen Dorferneuerungspreises 2011“ - Besichtigung des „Werkraum Bregenzerwald“ in Schwarzenberg, der Plattform für das „Neue Handwerk“ in Verbindung traditioneller Technik und modernem Design - Gespräch mit Dr. Manfred Hellrigl, Leiter des Büros für Zukunftsfragen der Vorarlberger Landesregierung und Initiator international beachteter  Bürgerbeteiligungsmodelle -
Begegnung mit Pfarrerinnen und Pfarrern der Region Vorarlberg in Österreich.

Anmeldungen sind noch bis Ende April möglich. Anmeldung für Pfarrerinnen und Pfarrer über den Dienstweg (bitte Kursnummer 11.3 angeben).
Anmeldeformular unter www.bildungsportal-kirche.de/pfarrdienst

 

 

Esther Kuhn-Luz, Sozial- und Wirtschaftspfarrerin

Zum Schluss zurück zum Anfang:

Ein Banker hat mir neulich erzählt, dass er sich oft sehr hilflos gefühlt hat in seiner Arbeit. „ Ich wusste oft selber nicht, welche Konsequenzen welcher Derivaten- oder Kredithandel hatte – aber wer konnte das schon zugeben? Es wurde nach Abschlüssen gefragt! Zeit zum Nachdenken oder geschweige denn zum kritischen Nachfragen gab es nicht.“ Diese Atemlosigkeit, das ständige Getriebensein auch das ist ein Grund für die derzeitige Krise.
Man könnte auch sagen: die Erfahrung, nicht mehr verwurzelt zu sein, keinen Halt, aber auch keine ethische Orientierung mehr zu haben. Kein Gespür mehr dafür, was denn gut, was schlecht ist, was der Gemeinschaft nutzt, was ihr schadet.


Ich habe einen Text gefunden von Simone Weil, der mich sehr fasziniert.
Sie hat ihn in den 40ern Jahren geschrieben, als sie die bedrückende Situation in französischen Fabriken mit bekommen hat.

„Die Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft.
Wer entwurzelt ist, der entwurzelt.
Wer verwurzelt ist, der verwurzelt.
Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meistverkannte Bedürfnis der menschlichen Seele.“

Deswegen brauchen wir eine Vision – in der die Zeit zum Arbeiten begrenzt wird – die Zeit zum Leben vergrößert wird – sagen wir einen 6 Stundentag für jeden, oder mehr sabbaticals… so dass es für mehr Menschen Arbeit gibt – und mehr Leben neben der Arbeit – für die Familie und Freundschaft, für Hobbies und fürs Gebet, fürs politische und soziale Engagement.
Die Krise bietet uns die Chance, insgesamt darüber nach zu denken, wie wir unser Leben und unsere Arbeit eigentlich gestalten wollen – damit wir nicht nur als Getriebene arbeiten, sondern kreativ und verantwortungsvoll die Zukunft gestalten– die gemeinsame und die eigene – und wieder den Mut, den inneren Freiraum zu bekommen, uns der wichtigen Frage zu stellen: was gibt meinem Leben und meiner Arbeit eigentlich Sinn? Und wie können wir die Arbeit so strukturieren, dass möglichst viele eine gute Arbeit haben?
Biblisch gesehen ist eine Vision so etwas wie eine Hoffnungskraft, die über den heutigen Tag hinausschaut – verbunden mit einer Sehnsucht nach erfülltem Leben und guter Arbeit. Die nach Chancen sucht, wo andere nur Sackgassen sehen, die neue Wege entdeckt – und dazu einlädt, diese Wege aus zu probieren – die sich von inneren Denkbarrieren befreit und nach einer gemeinsamen Zukunft sucht – das gilt ja auch für uns als Kirche – nicht nur für die LBBW, bei der ich das gesagt habe.

Dazu wünsche ich Ihnen für die kommende Zeit Hoffungskraft und Ausdauer, gegenseitige Akzeptanz der guten Ideen und Beharrlichkeit – einfach einen längeren Atem, um für möglichst viele Menschen gute Arbeit zu ermöglichen – und für sich selber eine gute Verwurzelung zu finden – auch außerhalb der Arbeit.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Wirtschafts- und Sozialpfarrerin Esther Kuhn-Luz

 

Kontakt:

Esther.kuhn-luzdontospamme@gowaway.ev-akademie-boll.de

 

Protokoll der Bezirkssynode am 23. März 2012

Verabschiedung von Pfarrerin Ingeborg Brüning, Steinenkirch, in den Ruhestand


Beginn:  17:30 Uhr, Ende:  20:55 Uhr

Anwesenheit: 

Normalzahl: 68
Anwesend: 51 

Protokoll:  Dr. Karl-Heinz Drescher-Pfeiffer

 

1. Begrüßung
Der Vorsitzende, Herr Bühler, begrüßte die Synode, insbesondere Frau Dekanin Hühn, Herrn Schuldekan Geiger, die Landessynodalen Frau Gröh und Frau Keller, Herrn Dr. Gölz als Stellvertreter des Oberbürgermeisters Amann, Herrn Bezirkskan-tor Rapp, die Vertreter der Bezirkswerke und der Mitarbeitervertretung, Frau Burst von der Geislinger Zeitung und die Hauptreferentin des Abends,  Frau Pfarrerin Est-her Kuhn-Luz.

Entschuldigt hatten sich:

Herr Landrat Wolf, der Landessynodale Herr Beck sowie Frau Herter-Hoffmann und Herr Schmid von der kirchlichen Verwaltungsstelle Göppingen.

Herr Bühler teilte eine Änderung der Tagesordnung mit. Da Pfarrerin Margret Ehni und Pfarrer Volker Weiß verhindert waren, entfiel die Begrüßung der beiden, die sich die Krankenhauspfarrstelle und die Projektstelle Palliativseelsorge teilen. Zur Investitur am 15.4. 9.30 Uhr wurde herzlich in die Stadtkirche Geislingen eingeladen. 

Der TOP 12 Sonstiges wurde unterteilt in 1.Bekanntgaben, 2.Terminangaben und 3. Einladungen.

 

Bis zum 16. März 2012 gingen keine weiteren Anträge zur Tagesordnung ein.

 

ANDACHT
Herr Pfarrer Gerd-Ulrich Wanzeck hielt die Andacht zum Wochenspruch.

 

 

2. Kurzbericht aus der Landessynode:
Landessynodale Keller sprach über die Themen Notfallseelsorge, Weiterarbeit an den Klimaschutzbeschlüssen, Jahr des Gottesdienstes und europaweite Begeg-nungstagung von Synodalen.
Sie wies auf die Notwendigkeit einer einheitlichen Ordnung in der Notfallseelsorge hin. Wichtig sind die Kasualvertretungen in dieser Zeit, des weiteren dass der Sonn-tag während der Bereitschaft predigtfrei ist, dass die Notfallseelsorger nur ein kleines Bezirksamt haben sollten und dass die Notfallseelsorge auch beim Pfarrplan berücksichtig werden soll.
Das Energiemanagement soll bis 2013 flächendeckend umgesetzt sein. Es gibt jetzt schon 10 % Einsparung.

Beim Jahr des Gottesdienstes geht es nicht darum, viele neue Aufgaben anzugehen. Vielmehr sollen die bisherigen Gottesdienste ansprechender gefeiert werden. 

Im Januar 2012 fand die erste gemeinsame europaweite Begegnungstagung der Synoden in Bad Boll statt. Dies ist eine Chance, in Zeiten der Krise innerhalb Europas zusammen zu arbeiten und Europa mitzugestalten.
Die Landessynode hat vier Jugendsynodale zugewählt.
Sie bedankt sich abschließend für das Interesse an der Arbeit der Landessynode.

 

3. Begrüßung der neuen Pfarrer in der Krankenhaus- und Palliativ-Seelsorge
Vertagt

 

4. Verabschiedung von Pfarrerin Ingeborg Brüning, Steinenkirch
Frau Dekanin Hühn verabschiedete Pfarrerin Ingeborg Brüning in den Ruhestand und bedankte sich für ihre engagierte Gemeindearbeit.

 

 

5. Arbeitswelt
Wirtschafts- und Sozialpfarrerin Esther Kuhn-Luz, Vorsitzende Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt, hielt einen Vortrag zum Thema:
"Prekariat und Prekarität"

Die seelischen und materiellen Kosten einer flexibilisierten Arbeitswelt
Aus der Arbeit des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt
Der Text des Referats ist auf auf der Internetseite des Kirchenbezirks, www.Kirchenbezirk-Geislingen.de beim Bericht über diese Frühjahrs-Bezirkssynode eingestellt.

 

 

In der Aussprache wurden folgende Fragen angesprochen:
• Über die Möglichkeit sowie die Vor- und Nachteilung einer Transfergesellschaft für die Frauen, die bei Schlecker entlassen werden, wurde informiert.
• Im Landkreis gibt es bisher keine verbilligte Beförderungsmöglichkeit für erwach-sene „Hartz IV“ –Empfänger.
• In Kirche und Diakonie gibt es leider auch viele gerichtliche Auseinandersetzun-gen wegen der Gestaltung der Tarifverträge, Ausgliederungen und Leiharbeit als Dauerbeschäftigung.
• Die Politik schützt bei drohender Arbeitslosigkeit mehr die Männer als die Frauen, die Arbeit der Frauen wird von vielen noch immer nur als Zuverdienst angesehen.
• Im Blick auf die schlechte Bezahlung im Pflegesektor wurde nach den gesell-schaftlichen Werten gefragt, die das Auto und die damit zusammenhängende Arbeit deutlich höher bewerten als die Pflege eines Menschen.
• Zum Schluss wies Frau Kuhn-Luz darauf hin, dass der heutige Tag der equal pay day ist, an dem auf die nach wie vor ungleiche Bezahlung gleicher Arbeit für Männer und Frauen hingewiesen wird. 

 

 

6. Nichtöffentlich: Wiederwahl Kirchenbezirksrechner
Der Bezirksrechner, Klaus Machacek, war in der Bezirkssynode am 01. 05. 2004 für die Dauer von 8 Jahren gewählt worden. Da seine Wahlperiode am 30.4.2012 aus-läuft, wurde seine erneute Wiederwahl für die Zeit vom 01. 05.2012 bis 30. 04. 2020 einstimmig per Akklamation beschlossen.

 

 

7. Pfarrplan 2018:
Zwischenstand, Bericht, Diskussion

Frau Dekanin Hühn berichtete über die Arbeit des Pfarrplanausschusses und wies auf den Stand der Beratungen hin. Die Gemeinden haben bis zu den Sommer-ferien(nächste Ausschuss-Sitzung: am 16. Juli 2012 ab 18.00 Uhr) Zeit, Stellung zu nehmen und begründete Alternativvorschläge zu machen. Teil der Vorschläge ist auch, dass Gemeindeberatungen angeraten werden (die Kosten werden vom Inno-vationsfonds übernommen!).

Um die Sommerferien herum wird es einen Brief der Dekanin an die Gemeinden geben, mit dem neuen Protokoll, in das die Änderungen eingearbeitet sein werden.

 

Der aktuelle Stand sieht wie folgt aus.

  • In Altenstadt wird die 50 % Stelle von Süd gestrichen.
  • Die Fusion von Pauluskirche und Stadtkirche ist nicht gelungen. Paulus wird auf 50% reduziert und ein Teil der Gemeindeglieder vom Pfarramt II der Stadtkirche mitversorgt.
  • Die Hochschulseelsorge kommt zu Eybach.
  • Im unteren Filstal wird es eine gemeinsame Pfarrstelle für Donzdorf und Süßen geben, bisher vorgesehen sind 75% Süßen und 25% Donzdorf.
  • Im oberen Filstal haben sich die 75% Stellen als nicht auf normalem Wege  besetzbar erwiesen. Deshalb sollen 100% Stellen geschaffen und die Pfarrstelle in Auen-dorf auf 25% reduziert werden. Dabei bleiben 25% übrig, das wäre ein Polster für die nächste Runde des Pfarrplans.

 

In der Diskussion wies Pfarrerin Kluger auf die Problematik der Hochschulseelsorge hin, die Frage des Aufbaus persönlicher Beziehungen und der Zuneigung zu dieser Arbeit. Sie problematisierte die Sinnhaftigkeit der Zuordnung nach Eybach.

Da sich die Paulusgemeinde im Pfarrplanausschuss nicht gut vertreten fühle, beantragte sie die Zuwahl eines Delegierten der Paulusgemeinde.
Frau Dekanin Hühn schlug vor, dass für Pfarrerin Ebisch für die Zeit ihrer Abwesenheit eine Vertretung benannt werden könne.

Auf Vorschlag von Herrn Distel wurde bei drei Gegenstimmen und elf Enthaltungen beschlossen, dass der Distrikt Geislingen eine Vertretung benennt.

Herr Distel verglich die Gemeinden Donzdorf und Stubersheimer Alb im Blick auf die Gemeindegliederzahlen (Donzdorf hat doppelt so viele Gemeindeglieder und 1,5 Pfarrstellen) und die Strukturen. Er hielt Kürzungen auch für die Stubersheimer Alb für nötig. Frau Hühn wies noch einmal auf die besondere Situation der Stubersheimer Alb hin ( 5 Einzelgemeinden mit 5 Gottesdienststellen) und mahnte aber für die nächste Runde 2024 Kürzungen auf der Alb an.

 

 

 

Dr. Elfriede Nusser-Rothermundt, Vorsitzende des Indien-Ausschusses

8. Ökumenische Partnerschaften
Wie soll es nach Beendigung der Indienpartnerschaft weitergehen?
Länger wurde diskutiert, ob die einseitige Kündigung einer dreiseitigen Partnerschaft möglich ist und ob die Partnerschaft nicht nach dem Ausscheiden des jetzigen Bischofs sich beleben ließe. Kontakte auf privater Ebene wirkten sich nicht belebend auf die Partnerschaft aus.

Herr Bühler beendete die Diskussion mit der Erklärung, dass die Rechtmäßigkeit der ausgesprochenen Kündigung mit dem OKR abgeklärt werden solle und ggf. eine rechtliche Auskunft zur Durchführung einer rechtlich einwandfreien Kündigung eingeholt würde. Die Frage der Verwendung der Gelder, die für die Partnerschaft im Haushalt eingestellt sind, blieb offen.

 

9. Bezirkskirchentag 29./30. Juni 2012
Frau Hühn wies auf die Vorbereitungen hin und lud herzlich zur Werbung und zur Beteiligung ein.

 

 

Klaus Machacek, Kirchenbezirksrechner

10. Entlastung Kirchenbezirksrechner 2004 – 2008
Das Rechnungsprüfamt teilte das Ergebnis des Schlussberichts zur Prüfung der Jahresrechnungen 2004 bis 2008 mit und empfahl die Entlastung des Bezirksrechners.
Die Entlastung wurde einstimmig vom Gremium ausgesprochen.

 

11. Nachwahl in den BA (Beschließender Ausschuss Jugendwerk)
Für die zwei ausgeschiedenen Mitglieder wurden einstimmig jeweils Frau Kirsten Rothfuß aus Gingen und Frau Heike Schenkel aus Wiesensteig gewählt.

 

12. Innovationsfonds des Kirchenbezirks
Herr Bühler berichtete, dass 2011 keine Anträge gestellt wurden und deshalb keine Sitzung durchgeführt wurde. Da inzwischen jedoch eilbedürftige Vorschläge vorlie-gen, wird es u. U. baldmöglichst eine Sitzung geben.

 

13. Sonstiges

1. Bekanntgaben
• Herr Bühler gab bekannt, dass der OKR mit Schreiben vom 21.2.2012 die geän-derte Satzung des Diakonievereins genehmigt hat. Er bat darum, Mitglied zu werden bzw. Mitglieder zu werben.
• Herr Bühler teilte mit, dass die Angehörigen von Frau Buchsteiner der Synode für ihr Beileid danke, das ihnen bezeugt wurde.
• Herr Wanzeck teilte mit, dass der Oberkirchenrat der Gemeinde Donzdorf unter-sagt habe, Mitglied in der ökumenischen Energiegenossenschaft zu werden. Die Gemeinde wolle dagegen klagen, und er bat um inhaltliche Unterstützung zur Darstellung, dass die Energiegenossenschaft im kirchlichen Interesse arbei-tet.

 

2. Terminankündigungen und Einladungen
Es wurde auf verschiedene Veranstaltungen im Laufe dieses Jahres einladend hin-gewiesen und um rege Teilnahme geworben.

 

Ende der Bezirkssynode
Um 20.55 Uhr dankte Herr Bühler den Synodalen und Helfern, insbesondere der Hausmeisterin. Er schloss die Sitzung mit dem Segen.

Hansjörg Frank (links) aus der Gesamtkirchengemeinde Stubersheimer Alb und Erich Distel (rechts), Kirchengemeinde Donzdorf, äußern sich zum Pfarrplan