Schuld und Erinnerung - Richtiges Zeugnis reden

"Geschundener Kopf", Heiligenäcker Geislingen

von Martin Bauch

 

 

Wenn sich heute Neonazis mit sogenannten „Mahnwachen“ in Fußgängerzonen stellen, wie jüngst in Geislingen, und das angesichts der vielen Toten und Opferdes Nationalsozialismus, die uns aus dem Filstal bekannt sind, so müssen wir durch Erinnerung den rechtsextremen Ideologien entgegentreten.

 

Es gibt in ganz Deutschland, auch in unmittelbarer Nähe hier im Filstal, Zeugnisse, die die Verbrechen der Nazissichtbar machen und die wir nicht vergessen dürfen. Die Nazis haben in einer tödlichen Logik Menschen stigmatisiert und isoliert.

 

Neonazis wiederholen, was damals geschah: sie isolieren und werten Menschen als minderwertig ab. Mit Grauen haben wir erlebt, dass bis heute immer wieder MitbürgerInnen vonrechten Terroristen kaltblütig ermordet werden, nur weil sie einer anderen Rasse, Religion oder Nation angehören.

 

Mahnmale und Stolpersteine sind Merkzeichen der Schuld

 

Der „Geschundene Kopf“ auf dem Friedhof Heiligenäcker in Geislingen, in Süßen eine Szene auf dem Marktbrunnen,ein Mahnmal auf dem Friedhof und Stolpersteine, sind Merkzeichen, die uns mahnen, heute nicht wieder schuldig zu werden.Sie stellen eine „lokale Geographie der Schuld“ dar.
Hier im Filstal lässt sich rekonstruieren, wie Juden ins KZ deportiert wurden - aus Göppingen und Süßen. Es lässt sich nachvollziehen, wie Zwangsarbeiter lebten, arbeiteten und starben. Man kann wissen, dass jüdische Frauen hier bei uns in Geislingen im Außenlager des KZ Natzweiler im Elsass untergebracht waren. Darunter befanden sich auch Kinder von zwölf Jahren, die älter gemacht wurden, um bei der Selektion in Auschwitz als arbeitsfähig eingestuft zu werden.

Wir wissen, dass Kranke in mindestens zwei Transporten aus dem KZ-Außenlager in den Tod geschickt wurden. Zwölf Häftlinge des Geislinger KZ-Außenlagers starben, das ist bekannt.
Den Häftlingen wurden die Haare abgeschnitten, sie wurden in Häftlingskleidung gesteckt, an den Füßen trugen sie Holzpantinen. Die einfachsten Formen der Körperpflege wurden ihnen verweigert, die Verpflegung war erbärmlich.

Die Menschen wurden durch Kennzeichnung entwürdigt: Juden trugen den Judenstern, O stand für Ostarbeiter, P für Polen.So wurden sie entmenschlicht und in „Schubladen“ eingeteilt. Damit sollte es der einheimischen Bevölkerung schwerer gemacht werden, in ihnen den Nächsten zu sehen, der unsere Solidarität und unser Mitgefühl braucht.Das Naziregime hat uns gelehrt, wozu der Mensch fähig ist, wenn er im Anderen nicht mehr den Mitenschen, sondern den Untermenschen sieht.

 

Das Erinnern muss uns dazu dienen, die Demokratie zu gestalten und die Menschenwürde zu verteidigen, sonst machen wir uns erneut schuldig. Wir müssen der Opfer gedenken und Ursachen für die Verbrechen benennen. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben die Lehren aus der Geschichte gezogen und als einen alle Parteien übergreifenden Konsens im Grundgesetz festgelegt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

 

Erinnerung an das Geschehene

 

Auch Schweigen kann ein „falsches Zeugnis wider den Nächsten“ (8. Gebot) werden. Es beginnt auch heute in vielen Ländern der Welt immer wieder mit der Diffamierung von Menschen und in der Folge mit der Außerkraftsetzung von Freiheit, Grundrechten, der Würde jedes Menschen, der Rechtstaatlichkeit und der Presse- und Meinungsfreiheit. Wir verurteilen dies, wenn es um andere Länder geht, aber wir haben Berührungsängste, wenn es um die Schauplätze bei uns zuhause geht.

In den Archiven der Kommunen befinden sich Zeugnisse aus der Zeit des Dritten Reiches. Für Geislingen kann in einem Heft von „Geschichte regional“ (1982) durch die Arbeiten von Annette Schäfer (1988) und von Renate Kümmel (1993) das Geschehene nachvollzogen werden. In der offiziellen Geschichtsschreibung der Stadt Geislingen sind sie lange ausgespart worden.

Im Jahre 1995 wurde – 50 Jahre nach Kriegende und nach der Auflösung des KZ-Außenlagers – in verschiedenen Veranstaltungen und mit einem Friedensmarsch der SMVs der Geislinger Schulen diese Zeit erneut aufgearbeitet.

 

KZ-Außenlager in der Heidenheimer Straße in Geislingen, Luftaufnahme von 1945

Zur Erinnerung: über 2000 Zwangsarbeiter bzw. Kriegsgefangenen aus 19 Nationen waren 1943 in mindestens zehn Lagern in Geislingen untergebracht, eine Zahl, die 10% der Einwohnerschaft entsprach. Es ist bekannt, dass mindestens 24 polnische und 41 russische Menschen in dieser Zeit begraben wurden. Von ihren Gräbern gibt es keine Spur. Wir wissen von zwölf verstorbenen sowjetischen Kindern, von einem französischen und einem jugoslawischen Kind. Wir wissen von zwölf toten jüdischen Frauen aus dem KZ-Außenlager und es ist bekannt dass kranke jüdische Frauen aus diesem Lager in den Tod geschickt wurden.

 

Am 28. Juli 1944 trafen die ersten etwa 700 jüdischen Frauen aus Ungarn ein, die bei der Selektion in Auschwitz als „arbeitsfähig“ eingestuft worden waren. Sie mussten zerlumpt, abgemagert und kahlgeschoren vom Bahnhof ins KZ-Außenlager in der Heidenheimer Straße/Robert-Bosch-Straße laufen, später sind sie täglich zur Arbeit durch die Straßen Geislingens zur WMF geleitet worden.

Im Oktober 1944 trafen sechs „politische“ und zehn „asoziale“ Häftlinge aus Ravensbrück ein. Am 29. November ein weiterer Transport mit 130 Häftlingen, am 28. März 1945 ein letzter mit etwa 230 Frauen. In der Zeit vom 1. Dezember 1944 bis 4. April 1945 wurden acht Tote außerhalb der Friedhofsmauer verscharrt, nähere Personalien sind nicht bekannt. Auf Wunsch der Israelitischen Kultusvereinigung Stuttgart wurden sie am 22. Juni 1946 ausgegraben und auf den Jüdischen Friedhof in Göppingen überführt. Wir vermuten auch, dass diese Liste nicht vollständig ist.

 

Der totale Krieg ab 1943 verlangte die totale Kriegswirtschaft und das Mitwirken aller Industriebereiche. Die Facharbeiter, die an der Front waren, wurden ersetzt durch Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge, die zu bedingungslosem Arbeitseinsatz gezwungen wurden.

 

Als die Front näher kam, wenige Tage bevor sie hätten befreit werden können, wurde von der Firmenleitung der WMF kein Wert mehr auf der Beschäftigung der Insassen des KZ-Außenlagers gelegt, sie waren überflüssig, ja bedrohlich, man wollte sie loswerden. Deshalb wurden sie zur Vernichtung freigegeben und sollten nach Dachau geschickt werden. Der Transport wurde zum Glück vor Allach, einem Außenlager von Dachau, von den Alliierten gestoppt, und die Häftlinge wurden befreit.

 

Mahnmal im Alltag

Martin Bauch, Oberbürgermeister a.D., Süssen

 

Es stünde der Kirche und der Kommune gut an, an einem zentralen Ort, an dem man auch im Alltag vorbeikommt, auf diese Opfer hinzuweisen. Die eindrucksvolle Skulptur „Geschundener Kopf“ gehört nicht auf den FriedhofHeiligenäcker, denn dort ist sie kein Stolperstein im Alltag als Mahnung. Außerdem wurde den Toten damals ein Platz auf dem Friedhof verweigert.
Eigentlich gehörte die Skulptur vor die WMF, in die Fußgängerzone, auf einen Schulhof oder den Kirchplatz. Nur wenn die Liste der Opfer uns erschüttert, wenn wir ihnen als Menschen begegnen, wird sie uns anhalten, richtiges Zeugnis zu reden.

Als Christen müssen wir immer beherzigen, dass die Würde des Menschen darin begründet ist, dass Gott „den Menschen nach seinem Bilde“ (1. Mose 1) schuf, und dass damit allen Menschen die gleiche Würde zusteht. In Bezug auf alle Menschen gilt: „Du sollst nicht töten“ (5. Gebot). Töten beginnt mit sozialer Ausgrenzung, Diffamierung und Stigmatisierung und entfaltet dadurch seine Logik

 

Wir haben aufmerksam zu bleiben.


Martin Bauch
Oberbürgermeister a.D.

Quellen: Materialien zu den Veranstaltungen 1983 in Süßen und 1995 in Geislingen.

 

Die Stuttgarter Schulderklärung


Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland begrüßt bei seiner Sitzung am 18. und 19. Oktober 1945 in Stuttgart Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen.


Wir sind für diesen Besuch um so dankbarer, als wir uns mit unserem Volk nicht nur in einer großen Gemeinschaft der Leiden wissen, sondern auch in einer Solidarität der Schuld.

Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Länder und Völker gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus:

Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

 

 

Stuttgart, den 19. Oktober 1945

 

Landesbischof D. Wurm
Landesbischof D. Meiser
Bischof D. Dr. Dibelius
Superintendent Hahn
Pastor Asmussen D. D.
Pastor Niemöller D. D.
Landesoberkirchenrat Dr. Lilje
Superintendent Held
Pastor Lic. Niesel
Dr. Dr. Heinemann