Pfarrkonvent in Isny

Pfarrerschaft des Kirchenbezirks Geislingen beim Pfarrkonvent 2009 in Isny

PROGRAMM

 

Montag , 12. Oktober 2009

 


Bis 11 Uhr Anreise, Zimmerbezug

12/12.30 Mittagessen

Lektüre:
Unternehmerdenkschrift: Kap. Internationale Finanzen
Anschließend:
Austausch in Kleingruppen


16.00 In stürmischem Gewässer
Internationale Finanz- und Wirtschaftskrise aus Sicht eines mittelständischen Unternehmers
Gespräch mit Gottfried Härle, UnternehmensGrün, Leutkirch

 

 

Dienstag, 13. Oktober 2009

Vergib uns unsere Schulden oder: Wirtschaften nach Gottes Gebot
Biblische Perspektiven
Vortrag, Arbeit am Text, Arbeit in Gruppen und im Plenum
Prof. Frank Crüsemann, Bielefeld


12.00 Uhr Mittagessen

13.00 bis 15.00
Spazieren gehen in der Umgebung
Stadtbesichtigung in Isny,

Besuch der Prädikantenbibliothek (fakultativ)

 

15.00
Runde II mit Prof. Frank Crüsemann

 

18.00 Abendessen

 

19.30 bis 20.30
Runde III mit Prof. Frank Crüsemann

 

Mittwoch, 14. Oktober 2009

 

9.30 Sie haben es zu tragen…
Weltwirtschaftssystem, Finanzkrise und ihre Auswirkungen auf die Armen
Pfarrer Reinhard Hauff, Zentrum für entwicklungsbezogene Bildung, Stuttgart

 

11.00 Konsequenzen für Kirche und Gemeinde
Gespräch mit Frank Crüsemann und Reinhard Hauff


15.30 Abfahrt nach Leutkirch

16.00 Wirtschaft von morgen: nachhaltig, ökologisch, fair und erfolgreich
Betriebsbesichtigung und Gespräch in der Brauerei Clemens Härle, Leutkirch

 

 

Donnerstag, 15. Oktober 2009

 

Rückblick, Vorblick, Dekanatamtliches

Planung von KTA und
Pfarrkonvente der nächsten Jahre

Abschluss-Gottesdienst

 

12.00 Mittagessen/ Abfahrt.

 

 

 

 

 

 

Tagungsstätte des Stephanuswerkes in Isny

Pfarrkonvent 2009, Plenum

Gespräch mit Gottfried Härle, Unternehmer aus Leutkirch

Gottfried Härle, Geschäftsführer der Brauerei Härle

Gottfried Härle, der Geschäftsführer der Brauerei Härle in Leutkirch, informierte über die Firmenphilosophie seiner Brauerei und das Umweltengagement:

 

"Eines steht bereits seit Jahrtausenden fest, seit Bier gebraut wird: es ist ein Produkt aus den Gaben der Natur. Und nach der Verkündung des Reinheitsgebots im Jahre 1516 gilt dies mehr  denn je.

 
Gleichzeitig wissen wir jedoch auch: unsere natürliche Umwelt wird durch menschliche Einflüsse immer mehr gefährdet. Dies gilt für die Böden, auf denen unsere Gerste und unser Weizen gedeihen genauso wie für den wertvollen Rohstoff Wasser, aus dem wir unsere Biere brauen. 

 

Deshalb haben wir – früher als viele andere – den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen zu einem unserer wichtigsten Unternehmensziele erklärt.

Aber nicht nur auf dem Papier, sondern vor allem in unserer alltäglichen Praxis. 

  • Zum Beispiel beim Einsatz von Energie: seit 01. Januar 2009 setzen wir in unserer Brauerei ausschließlich erneuerbare Energieträger ein - also Holzhackschnitzel aus unserer Region und Strom aus Wasserkraft, Wind, Biomasse und Sonne. Wir sind damit die erste Brauerei in Deutschland, die ihre Biere zu 100% klimaneutral herstellt und vertreibt.
     
  • Zum Beispiel in unserem Fuhrpark: seit April 1998 werden unsere Lastkraftwagen und unsere PKWs mit Biodiesel betankt.
     
  • Zum Beispiel beim Verbrauch von Wasser: mit Hilfe zahlreicher Investitionen ist es uns gelungen, den betrieblichen Frischwasserverbrauch auf ein Minimum zu reduzieren. 

 
Konsequenter als viele andere bekennen wir uns zu unserer Region – und damit zu kurzen Transportwegen: unsere gesamte Braugerste stammt ausschließlich aus Oberschwaben, und unsere Biere gibt’s nur Hier, im Allgäu und in Oberschwaben. Unsere Handelswaren beziehen wir fast ausschließlich von regionalen Lieferanten. 
Dies spart Treibstoff. Und dies erspart unserer Umwelt eine Menge an schädlichen Emissionen. 
Zugegeben: Dies alles fällt nicht schwer – und liegt eigentlich nahe - wenn man in einem solch schönen Landstrich wie dem Allgäu leben und Bier brauen darf."

 

Deutscher Solarpreis 2009 für die Brauerei Härle

 

Hohe Auszeichnung für die Brauerei Clemens Härle: Am Samstag, den 17. Oktober 2009 verlieh Dr. Hermann Scheer, Präsident von Eurosolar, den Deutschen Solarpreis 2009 an das Leutkircher Unternehmen. Die renommierte Vereinigung zur Förderung der regenerativen Energien will mit dieser Preisverleihung insbesondere die Pionierleistung der Brauerei Härle bei der Umstellung des gesamten Unternehmens auf erneuerbare Energien würdigen. 

 

Mitglied bei UnternehmensGrün

 

Gottfried Härle ist Mitglied des Zusammenschlusses UnternehmensGrün.

 

  • UnternehmensGrün ist ist ein bundesweit arbeitender politisch unabhängiger Zusammenschluss von Unternehmen, Selbständigen und leitend in der Wirtschaft Tätigen.
  • UnternehmensGrün will sich einsetzen für eine ökologische Ausrichtung und Erneuerung der Wirtschaft
  • Vorstellungen ökologischen Wirtschaftens aktiv in die politische Diskussion tragen
  • soziale Innovationen in den Unternehmen fördern, die regionale, klein- und mittelbetrieblich ausgerichtete Wirtschaftsstruktur unterstützen

Mehr Infos bei: http://www.unternehmensgruen.org

Betriebsbesichtigung der Brauerei Härle, Leutkirch

Besichtigung der Braurerei Härle

Wirtschaft in der Bibel?

Professor Dr. Frank Crüsemann

Alle reden von der Wirtschaft – und das zu Recht. Aber was sagt eigentlich die Bibel dazu? Schweigt sie, oder kann sie zu unsern komplizierten Problemen sowieso nichts sagen?

 

Die Pfarrerinnen und Pfarrer des Geislinger Kirchenbezirks gingen dieser Frage nach – und machten spannende (Wieder-)entdeckungen. Unter der kundigen Leitung des Bielefelder Alttestamentlers Professor Frank Crüsemann, der ein Spezialist für die Fragen des Rechts in der Bibel ist, gab es wichtige Erkenntnisse, die sicher keine Lösung für finanz- und wirtschaftspolitische Probleme darstellen, aber die eine biblische Perspektive anzeigen, die zu denken gibt.

 

 

Als erstes: es ist bemerkenswert, wie durch die ganze Heilige Schrift hindurch vor der Habgier gewarnt wird. Die Habgier (teils steht auch einfach Geldgier) ist für die Bibel eindeutig Götzendienst, man soll sich vor ihr hüten, und sie ruft den Zorn Gottes hervor. Vielleicht hätten manche Banker einfach die Bibel lesen sollen…

 

Hochinteressant und in unserer Tradition fast vergessen, weil wir meinen, die „Gesetze“ des Alten Testaments würden uns nichts mehr angehen,  ist das soziale Netz, das die Wirtschafts- und Sozialgesetze des 5. Buches Mose ziehen. Die Landbesitzer sollen diese Gesetze einhalten „auf dass dein Gott dich segnet in allem, was du anfasst“. Indem also die Besitzenden die Schwächsten an dem, was sie haben, teilhaben lassen, erfahren sie selbst Segen. Teilen und Abgeben setzt einen Kreislauf des Segens in Gang. Und so kennt die Bibel eine Armensteuer (Harz 4 heißt das heute), sie kennt das Recht auf eine Grundversorgung. (Die Sozialgesetze sind nachzulesen etwa in 5. Mose 14-16)

 

Auch soll dem andern, der als Familienmitglied verstanden wird, in der Not etwas geliehen werden ohne Zinsen – bemerkenswert, wenn man aus Ausgrabungen weiß, dass zum Teil ein Zins von 60 % üblich war – und bei Zahlungsunfähigkeit drohte sehr schnell die Schuldsklaverei der eigenen Kinder oder der gesamten Familie. Und mit andern Augen liest man dann, dass der Sklave im 7. Jahr freigelassen werden soll (die Anfänge der Befreiung von der Sklaverei!), dass die Armen an den Festen (und am Festessen) teilnehmen sollen, dass 1/3 der Staatssteuer den Armen zukommt.
Teilen bringt Segen – die Richtung, die die Bibel angibt für Sozial- und Finanzpolitik, aber auch für Entwicklungspolitik – sie ist eindeutig.

 

Professor Frank Crüsemann im Gespräch mit den Pfarrerinnen und Pfarrern

Das soziale Netz der deuteronomischen Wirtschafts- und Sozialgesetze (5. Buch Mose)

Dieses Netz wird konstituiert durch Varianten des Satzes:

 

"auf dass Adonaj, dein Gott, dich segnet in allem,
was du auch anfasst".

 

 

Rechte zum Schutz der wirtschaftlich Schwächsten (Landlosen)

 

Armensteuer 14,28 f (26,12ff)         14,29

Sklavenrecht 15,12ff (23,16f)         15,18

Grundversorgung 24,19ff (23,25f)     24,19

Partizipation 16,9ff. 13ff                 16,15

Rechte zur Verhinderung sozialen Abstiegs (und Aufstiegs)

Zinsverbot 23,20f                            23,21

Schuldenerlass 15,1ff                       15,10

Pfandrecht 24,6.10ff                        24,13

 

 

Hinweise auf einzelne Elemente und ihren inneren Zusammenhang

 

  • Kreislauf des Segens: Partizipation des Nichtlandbesitzer am Segen bringt vermehrten Segen
  • Voraussetzungen: Exodus und Landgabe; nicht selbst geschaffen, auch im Jahreskreislauf
  • Stellung der menschlichen Arbeit: notwendig, aber nicht allein entscheidend
  • Quellort des Reichtums als Quellort der Gerechtigkeit
  • Partizipation als Rechte

 Bedeutung für heutige Sozialpolitik

Sie haben es zu tragen ... Weltwirtschaftssystem, Finanzkrise und ihre Auswirkungen

Pfarrer Reinhard Hauff vom Zentrum für entwicklungsbezogene Bildung

Die Unternehmerdenkschrift „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ setzt sich kritisch mit der sich damals schon ankündigenden Finanzkrise auseinander und nimmt dabei sowohl die individuelle als auch die strukturelle Seite in Blick. Es geht nicht nur um die Gier Einzelner, sondern darum, dass die Finanzkrise eine strukturelle Folge des Finanzsystems selber ist. Für die Denkschrift sind Verantwortungsbereitschaft, Weltgestaltung, Unternehmergeist und Engagement für das Gemeinwohl als Tugenden fest in der evangelischen Tradition verankert. Sie sieht eine hohe Affinität der sozialen Marktwirtschaft zum evangelischen Glaubensverständnis. Die soziale Verantwortung als Maßstab unternehmerischen Handelns soll die Konflikte zwischen der notwendigen Gewinnorientierung der Unternehmen und der Solidarität mit den Beschäftigten, zwischen Gemeinwohl und Eigennutz zügeln. Die Denkschrift zielt auf Werte, die dafür sorgen, dass die Wirtschaft dem Leben dienen kann. Vorbild ist dabei der christliche Kaufmann.

 

Pfarrer Reinhard Hauff vom Zentrum für entwicklungsbezogene Bildung in Stuttgart (im Rahmen des kirchlichen Dienstes für Mission und Ökumene) erläuterte die Entwicklung und die Folgen der Globalisierung. Neu an der gegenwärtigen Situation ist für ihn nur die Heftigkeit der Folgen, die Folgen und der Zustand selber nicht. Die Kolonialisierung im 19.Jahrhundert zerstörte über Jahrhunderte gut funktionierende kulturelle und wirtschaftliche Systeme in Afrika und Lateinamerika. Im 19.Jahrhundert wurde eine internationale Arbeitsteilung eingeführt, wonach die Länder des Südens als Rohstofflieferanten und als Märkte für Fertigprodukte eingestuft wurden. Es entstanden in Europa und Nordamerika Kartelle, z.B. 1860 das Elektrokartell, das die Produktionslinien und die Absatzmärkte weltweit untereinander aufteilte und noch heute existiert. Im 2.Weltkrieg entstand in den Schwellenländern (z.B. Brasilien) eine Produktion von Industriegütern, die zu Wohlstand für die dortige Mittelschicht führte. Nach dem 2.Weltkrieg zerstörten vor allem die USA durch legale (Dumpingpreise) oder illegale Methoden (Ermordung von Unternehmern) die Industrie in den Schwellenländern. Nach dem 2.Weltkrieg führten die UNO und die damit zusammenhängenden Organisationen (die Weltbank, der internationale Währungsfonds, das Welthandelsabkommen GATT, die Welthandelsorganisation WTO, die UNCTAD) eine Politik, die die Macht der USA stärkten und die Entwicklungsländer beeinträchtigten, z.B. wurden Kredite der Weltbank gekoppelt mit innenpolitischen Strukturmaßnahmen. Der Abbau von Zöllen oder der Verkauf staatlicher Firmen, z.B. Erdölproduktion, stärkte allenfalls die nationalen Eliten, meist aber ausländische Konzerne. In Burkina Faso, einem der ärmsten Länder der Erde, muss als Gegenleistung für einen Kredit Baumwolle angebaut werden. Deren Ertrag geht komplett ins Ausland, der Bevölkerung steht kaum mehr Wasser zur Verfügung, und die Böden sind nach kurzer Zeit über Jahrzehnte total versalzt.


Zunehmend wurde der Dollar zur Leitwährung, so dass viele Rohstoffe auch in Dollar bezahlt werden müssen. Kurz nachdem Saddam Hussein das irakische Öl nicht mehr in Dollar bezahlt haben wollte, wurde er von den USA entmachtet.
Die Finanzkrise wurde erst dadurch möglich, dass der Geldhandel durch die Verbriefung massiv ausgeweitet wurde. Heute beziehen sich nur 5 % der weltweit kursierenden Geldmenge auf reale Kaufvorgänge, 95 % sind Spekulationsgelder.

Die Folgen der Globalisierung und der Finanzkrise treffen besonders die Ärmsten. Z.B. sind 50 % des Ackerlandes in Madagaskar in der Hand von ausländischen Investoren. Die dort lebenden Kleinbauern hatten keine Eigentumstitel, so dass sie kalt enteignet wurden. Die ausländischen Investoren bauen dort Bio-Diesel an, das nimmt Nahrungsmittel, beeinträchtigt die Natur und vertreibt die Kleinbauern.

 

Über die Produktionsmethoden in China etwa oder über den Versuch, den westlichen Lebensstandard zu erreichen, können wir uns erst wirklich dann aufregen, wenn wir bereit sind, für uns selber ernsthafte Konsequenzen zu ziehen. Das bedeutet, dass die reichen Länder durch Selbstbeschränkung dafür sorgen, dass die ärmeren Länder mitkommen können. Dazu gehört, dass wir uns der Entwicklungen, aber auch unserer Möglichkeiten bewusst werden. Der Kapitalismus wird auch 2 Grad Erderwärmung überleben, viele Inseln im Pazifik nicht. Deshalb wird es eine Änderung nur dann geben, wenn die Zivilgesellschaft sich eigenständig und nachhaltig in die Meinungsbildung und die politischen Entscheidungen einbringt. Der Erfolg der Weltklimakonferenz in Kopenhagen im Dezember wird sicher erheblich an der Einflussnahme der Zivilgesellschaft hängen. Es gibt viele Ansätze, z.B. fairen Handel, ökologische Produzenten, Verkaufsgenossenschaften, ökologische Maßnahmen wie den grünen Gockel (EMAS-Zertifizierung), das Energiemanagement und Solardächer. Die sind Ansatzpunkte für weitergehende Überlegungen und Maßnahmen, und sie lassen sich zusammen führen.

 

Wichtig ist zu klären, was wir im Blick auf die Bewahrung der Schöpfung wollen und wie wir das umsetzen können. Da plädierte Hauff dafür, die evangelische und die katholische Kirche, Diakonie und Caritas zusammen zu sehen. Das sind zusammen 1,3 Millionen Beschäftigte. Wenn alle sich der Erhaltung der Schöpfung verpflichtet sehen, ist damit sehr viel zu erreichen. Das ökologische Handeln ist als geistliches Handeln zu verstehen.