Pfarrkonvent 2016 Prag

© Evangelischer Kirchenbezirk Geislingen

Pfarrkonvent Geislingen in Prag

Von der böhmischen Reformation bis heute


Pfarrkonvent Geislingen 2016, 09. bis 13. Oktober 2016

Unterkunft:  Churchpension, Jungmannova 9, Praha 1 www.churchpension.cz

 

Programm

 

Sonntag, 09. Oktober 2016
Abfahr 13.30 Uhr mit dem Bus nach Prag

18.00 Uhr Abendessen

Ankunft in Prag etwa 21.30 Uhr


Montag, 10. Oktober 2016
8.00 Frühstück
Andacht, Wolfgang Krimmer
9.30 Uhr Gerhard Frey-Reininghaus: Einführung, im Hus-Haus    

15.00-16.30 im Hus Haus
Mikulas Vymetal, Flüchtlingspfarrer der Evang. Gemeinde: Flüchtlinge /Sinti + Roma   

18.00
Gemeinde Stresovice, Begegnung
Mit Imbiss

 

Dienstag, 11. Oktober 2016  

8.00 Frühstück
9.30-11.30 Frank Leßmann-Pfeiffer: Stadtführung: das  reformatorische Prag
11.30 Gottesdienst mit Abendmahl (Martin in der Mauer)   


15.00 Hus Haus: Jaroslav Spurny (Journalist Wochenzeitschrift Respekt)   

 

Mittwoch, 12.Oktober 2016

8.00 Frühstück
Andacht Claudia Dreier   

9.00 Führung Jüdisches Viertel, Museen 

16.00 Uhr  Prof. Jakub Trojan, ehemaliger Dekan der Evangelisch-theologischen Fakultät der Karls-Universtität Prat

19.00 Ständetheater – Le nozze di Figaro

 

Donnerstag, 13. Oktober 2016:

8.00 Frühstück
Andacht Dietrich Crüsemann   

9.00 Abfahrt   

11.00 Synagoge in Pilsen

15.00 Uhr Weiterfahrt    Ankunft zu Hause   


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Pfarrer Gerhard Freiy-Reinighaus

Gerhard Frey-Reininghaus, ist württembergischer Pfarrer.  Seit 1990 ist er in Prag, zunächst im postgradualen Studium an der Evang.-Theol. Fakultät der Karlsuniversität, anschließend Assistent für praktische Theologie und persönlicher Referent des Dekans von 1993 - 1996. Seit 1996 ist Gerhard Frey-Reinighaus Ökumene-Referent der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) in Tschechien. 



Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) – Ceskobratská církev evangelická

Die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) entstand 1918 durch die Vereinigung der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses und der Kirche Helvetischen Bekenntnisses. Ihre Wurzeln liegen in der böhmischen Reformation, bei der Utraquisten-Kirche (1431-1620) und der Brüderunität (1457-1620). Seit 2003 besteht ein Vertrag zwischen der EKD und der EKBB. Zur EKBB gehört auch die Deutschsprachige Evangelische Gemeinde Prag (DEGP). Zur EKBB gehören ca. 80.000 Gemeindeglieder in mehr als 250 Gemeinden.

Zur Zeit arbeiten 250 Seelsorgerinnen und Seelsorger, langfristig sollen 70 bis 100 Stellen gestrichen werden. Jede Gemeinde zahlt zu für das Pfarrersgehalt. Vom Staat kommen jährlich ca. 80 Mio Kronen für die Gehälter.

Neben der Gemeindearbeit ist die Kirche im Bereich Gefängnisseelsorge und Krankenhausseelsorge aktiv. Die Diakonie wurde im Juni 1989 gegründet. Es gibt 27 diakonische Zentren mit 15.000 Angestellten. Davon sind 5 % evangelisch. Die diakonische Arbeit umfasst Seniorenheime, Menschen mit Behinderung, Drogenarbeit, Beratungsarbeit, Kindergarten mit Kindern mit Behinderung.

Die Militärseelsorge ist seit Anfang 1990. Sie war zuerst umstritten. Die Evangelische Kirche hat z. Z. 4 Pfarrer und 1 Pfarrerin, die Seelsorge in der Berufsarmee überkonfessionell leisten.

 

Im Ökumenischen Rat der Kirchen der Tschechei ist die römisch-katholische Kirche assoziertes Mitglied.  Weitere Mitglieder sind die Methodisten, die Baptisten, Pfingstler, Adventisten, Neuapostolische Kirche. Die Heilarmee wurde als Mitglied abgelehnt. Zusammengearbeitet wird bei Verhandlungen mit dem Staat, in der Medienarbeit und die Vorbereitung gemeinsamer Auftritte, etwa die "Nacht der Kirchen". Die Nacht der Kirchen wird als Magnet empfunden. Die Kirchen werden in einer anderen Dimension wahrgenommen. Jeden Sonntag wird im Fernsehen ein Gottesdienst live übertragen. Abgewechselt wird 1 x römisch-katholisch, 1 x eine andere Konfession.

 

Die Tschechei wird als atheistischer Staat betrachtet. Ein Parlamentsbeschluss ergab, dass seit 1. Oktober 2016 an 10 Feiertagen die Geschäfte nicht geöffnet sein dürfen. Über 50 % der Beerdigungen sind "stille Beerdigungen".

Das Gustav-Adolf-Werk ist ein wichtiger Partner der Evangelischen Kirche.

 

 

 

 

 

Flüchtlinge in der Tschechei

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Pfarrer Mikulas Vymetal

Mikulas Vymetal ist Pfarrer. Zu 50 % arbeitet er in der Gemeinde, mit den anderen 50 % ist er Pfarrer für Minderheiten.

Die ökonomische Lage  in Tschechien ist gut, stellt Mikulas Vymetal fest.

Postkommunistische Staaten haben andere Beziehungen zu Minderheiten als Staaten mit längerer Demokratie-Tradition.

Aufgrund der Flüchtlingspolitik haben Deutsche in der Tschechei keinen guten Ruf.

Es gibt ca. 20.000 Muslime - meist sehr säkularisiert - in der Tschechischen Republik. Viele davon studieren an der Karls-Universität. Es heiße in der Tschechei "Islam ist keine Religion sondern eine Krankheit". Hier spreche die Angst vor dem Unbekannten. Man kenne vieles nur vom Hörensagen.
13.000 Menschen flüchteten aus dem Balkan während der dortigen Kriege.

Gegendemonstrationen unter dem Motto "Hass ist keine Lösung" wurden von Roma, Muslime und evangelischen Pfarrern organisiert.

Auch Antisemitismus zeigt sich. Bücher werden hierzu angeboten. Ein gemeinsames Abendessen mit Christen, Muslimen und Juden fand statt. Junge Tschechinnen helfen Flüchtlingen auf ihrem Weg auf der Balkanroute. Bei seinem Besuch in einem Flüchtlingslager fragte Mikulas Vymetal, was die Flüchtlinge denn bräuchten. "Schuhe, Schokolade und Bücher" war die Antwort. Da wusste er, dass er vor ihnen keine Angst zu haben brauche. Das Flüchtlingslager befindet sich in einem ehemaligen Gefängnis. Ukrainische Asylsuchende unterdrückten muslimische. 

Nach dem Anschlag in Paris fanden gemeinsame Gebete von Christen, Muslimen und Juden statt. "Was theoretisch nicht möglich ist, war möglich".

Die Politiker schweigen, Extremisten reden. Dies präge auch die Haltung zur EU.

200.000 Roma leben in der Tschechei, ein Drittel davon sind arm. Roma-Aktivisten haben langjährige Erfahrung mit Hass. Ein ehemaliges KZ für Roma wird jetzt als Schweine-Großfarm genutzt. Pfarrer Vymetal spricht hier die Möglichkeit des Boykottes bestimmter Lebensmittelketten an und bittet um Unterstützung dieses Anliegens.

 

 

 

Begegnung mit der Kirchengemeinde Stresovice

Die Gemeinde der Evangelischen Kirche der böhmischen Brüder in Prag-Střešovice
 
1922 wurde Střešovice in Prag eingemeindet, in den 20er und 30er Jahren des 20. Jhd. setzte ein enormer Bauboom, namentlich von Villen ein. Ein wichtiges Bauwerk aus dieser Zeit ist die evangelische Kirche in Prag-Střešovice, wo 1932 eine evangelische Kirchengemeinde gegründet wurde. Mitglied der Gemeinde war auch der Architekt Bohumír Kozák, der für das zu diesem Zweck bestimmte Grundstück eine Kirche mit Turm und ein sich daran anschließendes Pfarrhaus entwarf. Nach seinen Plänen entstand ein Gottesdienstraum, der an eine frühchristliche Basilika erinnert. Am 18. Mai 1939 wurde die Kirche feierlich geweiht. Heute ist dieses durch die Reinheit des funktionalistischen Stils bestechende Gebäude ein beeindruckendes Wahrzeichen des Stadtteils Prag-Střešovice am linken Moldauufer, in der Nähe der Prager Burg.


Mit 550 Gemeindegliedern ist Střešovice keine große Gemeinde, sie hatte seit 1965, als fast 2000 Glieder registriert wurden, einen spürbaren Rückgang an Mitgliedern zu verzeichnen, z. Z. kommen jedoch im Durchschnitt 119 Gottesdienstbesucher am Sonntag und am Programm für Kinder, das traditionsgemäß Sonntagsschule genannt wird, nehmen im Durchschnitt 23 Kinder teil. In der Gemeinde sind zwei Pfarrer tätig: Pavel Pokorný und Lenka Ridzoňová. Kurator: Tomáš Fendrych. Das Gemeindeleben fällt durch die Vielfalt von Aktivitäten auf, die den Rahmen des Stadtteils sprengen.

Die Diakonie ist ein Schwepunkt in der Arbeit der Kirchengemeinde. Im diakonischen Bereich sind 1000 Angestellte beschäftigt. Volunteers arbeiten in den Flüchtlingszentren. Die Geschichte der Flüchtlinge begann 1989, als 100 000 Menschen aus der Ukraine geflohen sind und 60 000 Menschen aus Vietnam.

 

 

Gespräch mit dem Journalisten Jaroslav Spurny

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Jaroslav Spurny

Jaroslav Spurny ist einer der Gründer der Wochenzeitung Respekt. In den frühen achtziger Jahren unterzeichnete er die Charta 77.

1989 war "Respekt" eher ein Info-Blatt mit dem Ziel darüber zu informieren, was wirklich passiert. Die erste Auflage hatte 1000 Exemplare und war innerhalb einer Woche vergriffen. Die Auflage steigerte sich auf 120.000 und liegt heute bei 90.000 Exemplaren.

Die drei Grundsätze für die Herausgabe von Respekt lauten "Freiheit - Gerechtigkeit - Friede".

Nach 1990 nahm der Druck und die Einschüchterung bis zur Anklage von Redakteuren durch Politiker zu. Bei Aufdeckung von Korruption wurde auf Verleumdung geklagt. 

Vor der Wende, so Spurny, war die Meinungsfreiheit und wie man Diskussionen führt im Mittelpunkt. Nach der Wende ging es um Stasi-Vergangenheit und Korruption. 45 % der gesamten tschechischen Wirtschaft war in den Händen von ehemaligen Stasi-Leuten.

Augenblicklich sieht Spurny die Politik nicht vom Nationalismus beeinflusst, sondern von der Angst, besonders die Angst vor den Deutschen. Er betont, dass latente Angst vor Flüchtlingen und Verändungen vorhanden sei, aber kein Nationalismus. Die Roma-Minderheit wird in ihrer Art des Lebens nicht akzeptiert.

Die heutigen Beziehungen der Tschechei zu Russland sind nicht gut. Die wirtschaftlichen Beziehungen in die EU betragen 80 %, nach Russland 1 %. Die Haltung zur EU entstammt noch der Zeit des Kommunismus. Die Tschechei fühle sich wie in einem Schneckenhaus, die globale Welt brauche es nicht. Die institutionellen Zusammenhänge wollen die Tschechen nicht, jedoch die wirtschaftliche Verbindung.

Für die Tschechen sei es wichtiger zu wissen, wie die deutsche Wirtschaft funktioniere als wie die tschechische Regierung funktioniert. 

Jaroslav Spurny hat die Hoffnung, dass die Zukunft Tschechiens hell ist. Junge Studierende haben Interesse für Gemeinschaft und für Europa. Einen inneren Zusammenbruch der Gesellschaft fürchtet er nicht. Allerdings sieht er die Pressefreiheit in der elektronischen Welt gefährdet: Lügen werden dort auf einfache Weise verbreitet. "Diese Art der Kommunikation müssen wir lernen, damit Pressefreiheit überlebt."

Professor Jakub Trojan

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Professor Jakub Trojan

Jakub Trojan ist Theologe und ehemaliger Dekan der Evangelisch - Theologischen Fakultät der Karls - Universität . Er ist Autor von Büchern und Artikeln zu philosophischen und theologischen Themen. Das Hauptthema seiner Arbeit sind Fragen der Anthropologie und Sozialethik , vor allem die Probleme der Macht und gesellschaftliche Verantwortung.

Von 1956 bis 1974 war er Pfarrer der Evangelischen Kirche , zuerst in Gdynia in Sumava (1956-1967) und dann in Neratovice-Libis (1967-1974).  In Libis war Jan Palach sein Gemeindeglied, den er nach seiner Selbstverbrennung auf dem Wenzelsplatz in Prag im Januar 1969 beerdigte. Es sei kein Selbstmord aus Verzweiflung gewesen, sondern eine Demonstration des Kampfes gegen Okkupationskräfte. Man müsse sich immer selbst fragen, welchen Preis man bereit sei zu zahlen für seine Überzeugung. "Du musst so leben, dass es dich etwas kostet".

1974 verfügte der Staat sein Berufsverbot als Pfarrer. 1977 war Trojan einer der ersten, der die  Charta 77 unterzeichnete. Die Stasi sagte ihm: "Wir wissen alles über Sie". Es gab keinen Protest der Kirchenleitung zu seiner Suspendierung. 

Der Grundgedanke des Sozialismus gefällt Professor Trojan - es fehle aber die Anerkennung des Christentums.

Die heutige Situation in der Tschechei beurteilt er als Christ: Das Regime ist akzeptabel, der ökumenische Geist herrscht, Christen haben Freiheit.

Trojan fordert mehr Einmischung der Kirchen in die Gesellschaft. Der christliche Glaube umarme alle Bereiche in der Welt, deshalb müsse er sich zum Ganzen äußern und den Dialog mit der ganzen Gesellschaft führen. Die Kirchen sollen aus ihrer Isoliertheit heraus gehen.

Das Reformatorische Prag

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Kirche St. Martin in der Mauer

Stadtführung mit Pfarrer Frank Leßmann-Pfeifer


St. Martin in der Mauer

Die Kirche Sankt Martin in der Mauer wurde in den Jahren 1178–1187 im romanischen Stil erbaut, wahrscheinlich an der Stelle einer früheren romanischen Kapelle. Nach der Kirche benannte man auch die Siedlung, für die die Kirche gebaut wurde: das Sankt-Martins-Viertel. Zu der Kirche gehörten zudem ein Friedhof und eine Schule.

In den Jahren 1249–1253 wurde die neue Stadtmauer errichtet, die diese Pfarrgemeinde in zwei Teile trennte – ein Teil lag nun innerhalb und einer außerhalb der Stadtmauer. Die Kirche wurde anschließend im gotischen Stil so umgebaut, dass ein Teil des Mauerwerks direkt an die Stadtmauer anschloss, und so nannte man die Kirche fortan „Sankt Martin in der Mauer“.

Während der Regierungszeit Kaiser Karls IV. wurde die Kirche noch einmal umgestaltet und dabei das Gewölbe erhöht (der Boden war damals zweieinhalb Meter tiefer als heute!).

 

Die Pfarrer der Martinskirche schlossen sich sehr früh der Reformbewegung an, die zur tschechischen Reformation führte – Pfarrer Václav aus Jičin, genannt Rohle, sagte privat über die Ablässe „des gnädigen Sommers“ 1393, es handele sich nicht um Ablässe, sondern um Wahnvorstellungen. Das war zu Zeiten, als sich selbst der junge Jan Hus noch Ablässe kaufte.

Der berühmteste Moment in der Geschichte der Kirche Sankt Martin in der Mauer kam kurz danach: Im Herbst 1414 wurde hier in Prag nach einigen hundert Jahren wieder das Abendmahl in beiderlei Gestalt gefeiert – mit Brot und Wein für alle Teilnehmer. Unter dem Einfluss des bedeutenden hussitischen Theologen Jakoubek aus Silberstadt feierte es der örtliche Priester Jan aus Graz.

 

Jan Hus, der sich für das Abendmahl in beiderlei Gestalt für diejenigen Laien einsetzte, die einen tiefen geistlichen Bezug dazu hätten, äußerte sich dazu aus dem Gefängnis in Konstanz gegenüber Jakoubek aus Silberstadt folgendermaßen: „Lieber Jakub, habe damit keine Eile, wenn es Gott gibt und ich zurückkehre, möchte ich dir dabei gerne helfen“. Die Kirche Sankt Martin in der Mauer bildete damals neben der Bethlehemskapelle und der Kirche der Heiligen Adalbert und Michael eine Säule der Prager Reformation. Dank großzügiger Stifter erlebte die Kapelle kurz darauf eine neue Blüte – im Jahr 1488 ließ der Eigentümer des Nachbarhauses (Platejzhaus), Herr Holeš von Květnice, die Seitenschiffe im spätgotischem Stil errichten. Im Gegenzug dazu durfte er einen Gang bauen, der von seinem Haus direkt in die Kirche führte – die Spuren dieses „Lufteingangs“ kann man noch heute von außen an der östlichen Seite der Kirche sehen. Eine weitere Stifterin war Dorota Vančurová, eine Bürgerin aus Louny und Cousine des berühmten Dalibor von Kozojedy, die der Kirche im Jahre 1498 fünf Beutel Meißener Groschen für den Abendmahlwein spendete.

Teynkirche

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Teynkirche



Die Kirche der Jungfrau Maria vor dem Teyn – kurz nur Teynkirche genannt, steht gegenüber dem Altstädter Rathaus auf dem Altstädter Ring in Prag

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Die heutige Kirche steht auf der Stelle einer romanischen Kapelle aus dem 12. Jahrhundert. Gebaut wurde sie von der Mitte des 14. bis Anfang des 16. Jahrhunderts. Der Name der Kirche stammt von Týn (Teyn), was ein Handelshof in der unmittelbarer Nähe von der Kirche war.

Erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurden die zwei Türme Adam (80 Meter hoch) und Eva fertiggestellt. Touristen können heute die Außengalerien nutzen, mit denen die Türme umgeben sind.

Im 15. Jahrhundert war die Kirche ein Zentrum der hussitischen Bewegung.
Nach den Hussitenkriegen sollte das Dach der Kirche fertig gemacht, aber die Holzbalken wurden als Galgen für 53 radikale Hussiten verwendet. Das Dach konnte also erst später fertiggestellt.

Kreuze am Altstädter Ring

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Kreuze am Altstädter Ring in Prag


Vor 380 Jahren wurden die Anführer des Ständeaufstandes gegen die katholischen Habsburger hingerichtet. 27 Adelige, Herren und Bürger, Tschechen und Deutsche, Protestanten und ein Katholik ließen damals ihr Leben. Bestraft wurden sie dafür, dass sie sich einem Aufstand gegen den rechtmässigen Habsburger Kaiser angeschlossen hatten, der einen religiösen Hintergrund hatte, denn der Kaiser hatte zuvor versucht, die seit Mitte des 15. Jahrhunderts in den Böhmischen Ländern geltende Religionsfreiheit einzuschränken.

Der Aufstand hatte am 23. Mai 1618 mit dem berühmten Prager Fenstersturz begonnen und mit der für Tschechen noch heute ein nationales Trauma darstellenden Schlacht am Weissen Berg im November 1620 geendet.

In jener Schlacht vor den Toren Prags hatte das Heer der katholischen Habsburger die protestantischen Stände vernichtend geschlagen. Was folgte war eine unbarmherzige Verfolgung aller Aufständischen, ungeachtet ihrer gesellschaftlichen Stellung oder Nationalität. Kaiser Ferdinand II. nutzte seinen militärischen Sieg, um seine Stellung in den aufständischen Böhmischen Ländern zu stärken, den protestantischen Glauben zurückzudrängen und die Macht der Stände ein für alle mal zu brechen.

Alle Personen, die irgendwie an dem Ständeaufstand beteiligt gewesen waren, wurden bestraft. Am schlimmsten traf es dabei drei Herren, sieben Ritter und 17 Bürger, die in den frühen Morgenstunden des 21. Junis 1621 auf dem Altstädter Ring hingerichtet wurden. Bei der Hinrichtung wurde die Etike gewahrt: zuerst waren die Herren dran, dann die Ritter und schliesslich die Bürger. Vier Stunden lang soll die blutige Tortur gedauert haben, vier Schwerter soll der Henker Jan Mydlar dabei stumpf geschlagen haben.

Bethlehem-Kapelle

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Bethlehem-Kapelle Prag


1402 wurde der Magister Jan Hus zum Prediger an der Bethlehemskapelle berufen. Mit seinen mitreißenden Predigten in der Muttersprache der tschechischen Bevölkerung Prags erreichte er die Massen. Bis zu 3000 Menschen sollen seinen Predigten in der Bethlehemskapelle gefolgt sein.

Jan Hus, von der Theologie John Wyclifs beeinflusst, kritisierte die Missstände in der Kirche seiner Zeit. Am 9. März 1410 erließ Papst Alexander V. eine Bulle gegen Hus. Aber der predigte trotz Predigtverbots unter großer Zustimmung der Prager weiter an der Bethlehemskapelle. Als die Stadt Prag wenig später wegen Jan Hus mit dem Interdikt belegt wurde, wuchs der Druck auf ihn. 1412 musste er die Stadt verlassen. Damit ist die Zeit, in der die Bethlehemskapelle eine gewisse Rolle in der (Kirchen-) Politik des gesamten christlichen Abendlandes spielte, zu Ende.

 

Doch auch nach der Verbrennung von Hus auf dem Konzil zu Konstanz (6. Juli 1415) blieb die Bethlehemskapelle unter seinem Nachfolger Jakobellus von Mies (1414–1429) ein Zentrum der reformatorischen Bestrebungen in Böhmen und ein Platz der hussitischen Predigt. Dass der Ruhm der Kapelle als protestantische Predigtstätte selbst nach mehr als hundert Jahren nicht verblichen war, zeigt die Tatsache, dass Thomas Müntzer bei einem Aufenthalt in Prag am 23. Juni 1521 hier predigte, allerdings nicht in Tschechisch, sondern in Latein.

 

Wiederum ein Jahrhundert später wird nach dem Majestätsbrief Rudolfs II. mit Bruder Cyrus, der am 4. Dezember 1609 in sein Amt eingeführt wird, zum ersten Mal ein Mitglied der Böhmischen Brüder Prediger an der Bethlehemskapelle.

Das jüdische Viertel in Prag

Kaum eine andere Stadt kann sich mit einem so gut erhaltenen jüdischen Viertel rühmen wie Prag. Sechs Synagogen, das jüdische Rathaus, der geheimnisvolle Friedhof. Architektur, Traditionen und Gebräuche bringen das Leben und Schicksal der Prager Juden näher.

Das jüdische Viertel heißt Josefov, benannt nach Kaiser Josef II., dessen Reformen die Lebensbedingungen für die Juden verbesserten. Der Stadtteil beinhaltet die Überreste des früheren Prager Ghettos zwischen Altstadtplatz und dem Fluss Vltava. Zwei Figuren sind Synonyme dieses Stadtteils: Franz Kafka (1883 – 1924) und der mystische Humunculus Golem, der von Jehuda ben Bezalel, auch Rabbi Löw genannt, erschaffen wurde. 

 

Der alte Jüdische Friedhof wurde  im 15. Jahrhundert angelegt. Im 18. Jahrhundert fand hier die letzte Bestattung statt. Die vielen vielen Grabsteine stehen eng beieinander und sind heute noch gut erhalten.

Aus Platzmangel wurden die Toten in bis zu 12 Lagen übereinander bestattet. Geschätzte 100.000 Menschen sind hier begraben. Noch heute entspricht der Friedhof nahezu seiner mittelalterlichen Größe. Über 12.000 Grabsteine finden sich hier dicht beieinander.

Jüdisches Leben in Pilsen

Im Jahr 1854 wohnten in Pilsen 41 jüdische Familien. Die jüdische Gemeinde in Pilsen war so reich, dass sie sich den Bau einer Synagoge leisten konnte. Der Bau der alten Synagoge in Smetanovy sady fing im Jahr 1856 an und schon im Jahr 1859 wurde sie eröffnet, Gottesdienste wurden hier bis 1892 gehalten.

 

Im Jahr 1888 begann die jüdische Gemeinde von Pilsen mit dem Bau der bereits fünften Synagoge im heutigen Sady Pětatřicátníků.


Im Jahr 1938 lebten in Pilsen 3200 Juden von den gesamt 125000 Einwohnern. Im Januar 1942 gingen in drei grossen Transporten 3000 Juden aus Pilsen und Umgebung nach Terezín und in weitere Konzetrationslager.


Die jüdische Gemeinde wurde im Mai 1945 wieder errichtet. Mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung hat sich nach Februar 1948 entschlossen nach Amerika und im Jahr 1949 in den neugegründeten Staat Israel zu flüchten. Eine weitere Emigrationswelle kam dann nach dem Jahr 1968.


Trotz historischer Ereignisse hat heutige jüdische Gemeinde 20 - 25 aktive Mitglieder und 70 weitere Bürger von Pilsen sind jüdischer Abstammung. Die jüdische Gemeinde verfügt einen kleinen Gebetsraum, wo an Feiertagen Gottesdienste gehalten werden. Die Gemeinde ist nicht gross genug, um eigene Rabiner zu unterstützen. Gottesdienste werden vom Hazan gehalten, welcher jede Woche aus Prag kommt.


Grosse Synagoge in Pilsen

Die Synagoge in Pilsen ist die zweitgrösste Synagoge in Europa und die drittgrösste auf der Welt. Die Synagoge gehört zu den jüdischen Weltdenkmälern und wird als "Grosse Synagoge in Pilsen" bezeichnet.

Die Synagoge wurde im Jahr 1888 gegründet und ursprünglich sollte sie in gotischem Stil nach Vorschlag des Wiener Architekten Fleischer gebaut werden. Dieser Vorschlag wurde aber von dem Stadtrat abgelehnt, da die Türme der Synagoge zu hoch und sehr ähnlich dem Baustil der katholischen Kirche des Heiligen Bartholomeus waren.

Ein neuer Bauplan kam dann im Jahr 1890 von Emanuel Klotzer. Das Fundament der Synagoge blieb erhalten, aber der Baustil hat sich ganz verändert. Die Türme wurden um 20 m niedriger, der Bau wurde dann im neuromanischen Stil, die Seitengängen im Neurenaissancestil vorgeschlagen. Mit dem Bau wurde dann im Jahr 1891 vom Pilsener Architekt Rudolf Štecher begonnen. Die Feierliche Einweihung fand dann am 2. September 1892 statt.

Am Anfang und am Ende des zweiten Weltkrieges wurde die Synagoge schwer beschädigt, nach dem Jahr 1948 diente sie sogar als Lagerhaus. Der letzte Gottesdienst fand im Jahr 1973 statt. Die Bemühungen um die Wiedererneuerung der Synagoge brachten nach der kostenreichen Renovierung die Wiedereröffnung 1998.