© Evangelischer Kirchenbezirk Geislingen

Prädikantinnen und Prädikanten in der Christuskirche in Eybach

Prädikanten aus Geislingen und Göppingen treffen sich in Eybach

Programm Prädikantentag der Kirchenbezirke Geislingen und Göppingen

Sonntag, 28. Februar 2016, 9.00 bis 13.00 Uhr
im Gemeindezentrum Geislingen-Eybach, Sonnenstraße 3


09.00 Uhr mit dem Gottesdienst in der Christuskirche in Eybach
Liturgie: Prädikan Hans Werner Löchli, Süssen
Predigt: Prädikant Eberhard Demuth, Hattenhofen

anschließend Kaffeepause

10.30 Uhr
„Der Segen – ein Höhepunkt im Gottesdienst!?“
Gespräch mit Dekan Martin Elsässer

Informationen aus dem Landesprädikantenrat, Gabriele Weller

12.00 Uhr    Mittagessen im Sängerheim Eybach

Der Segen – ein Höhepunkt im Gottesdienst!?

© Evangelischer Kirchenbezirk Geislingen

Dekan Martin Elsässer spricht über "Segen"

Vortrag von Dekan Martin Elsässer

beim Prädikantentag 28. Februar 2016 in Eybach
                                                                 

Könnten wir uns einen Gottesdienst ohne ihn vorstellen?
Würde uns etwas fehlen, wenn nach dem Schlusslied nichts mehr käme?
Es würde uns entscheidendes fehlen, davon bin ich überzeugt: Ungesegnet wollen wir nicht
nach Hause gehen. Warum eigentlich?
Zu beobachten ist allgemein eine wachsende Segensbedürftigkeit, längst ist Segen weit über
unsere Gottesdienste hinaus ein gefragte Sache. Der Begriff „Segen“ ergibt – so habe ich vor
kurzem gelesen – allein in deutscher Sprache über 10 Millionen Einträge bei „google“.
Segen wir verlangt, gebraucht, gespendet, in Dekoration, Musik und Bild gestaltet.
Was wurde und was wird nicht alles kirchlich gesegnet: Tischtennisplatten, Motorräder,
Gebäude aller Art, nach Möglichkeit ökumenisch. Immerhin: Das Segnen von Waffen haben sich die Kirchen wenigstens in unseren Breiten abgewöhnt.
Über das Religiöse hinaus ist Segen umgangssprachlich geläufig in Wendungen wie
„Meinen Segen hast du“ oder „Da liegt aber kein Segen drauf“ oder „Das haben wir abgesegnet“.

Unterscheiden wir und konzentrieren uns auf den gottesdienstlichen und damit auch den
biblischen Segen:
Was ist dran an diesen Worten, die uns zum Abschied mit auf den Weg gegeben werden,
dieser Brücke in den Alltag, dass wir sie auf keinen Fall missen möchten, ja dass sie ein
Höhepunkt des Gottesdienstes ist.
„Manchmal“, sagte die Frau, „komme ich nur zum Gottesdienst um am Ende mit dem Segen
nach Hause gehen zu können. Wie ein warmer Mantel umhüllen und beschützen mich diese
Worte außerhalb der Kirchenmauern.“
Was geschieht, wenn wir gesegnet werden? Was tun wir, wenn wir selber den Segen sprechen?

Martin Luther hat das Segenswort aus dem 4. Buch Mose Kapitel 6 im Jahr 1526 ans Ende der Evangelischen Messe gestellt, dadurch ist es zum – könnte man sagen – grundlegenden
Segen in unseren evangelischen Gottesdiensten geworden.
Der Text in 4. Mose 6, ab Vers 22 heißt so:
„Und es sprach der HERR zu Mose: Sprich zu Aaron und seinen Nachkommen:
 So sollt ihr die Kinder Israels segnen, indem ihr zu ihnen sagt:
 Es segne dich der HERR und behüte dich.
 Es lasse leuchten der HERR SEIN Angesicht über dir und sei dir gnädig.
 Es erhebe der HERR SEIN Angesicht auf dich und setze dir Frieden.
 Und wann immer ihr MEINEN Namen auf die Kinder Israels legt, will ICH, ICH sie segnen.“
Luther hat die Schönheit und die Kraft dieser Segensworte wiederentdeckt und diesen sogenannten „aaronitischen Segen“ als Schlusswort in den Gottesdienst zurückgeholt.

Der bevorzugte Ort des Segnens ist die Situation des Abschieds, der Trennung.
Deshalb steht der Segen eben am Ende des Gottesdienstes – sozusagen als der verdichtete
Zuspruch des Evangeliums für den Alltag. Als gutes Wort, das uns leuchten soll, damit wir die
Wege finden, die wir gehen wollen, als Wort, mit dem sich Gott sozusagen hinüberziehen lässt in unsere Lebenswelten.
Abschied: Jemand gehen zu lassen, nicht mehr begleiten zu können:
Kinder aus der Geborgenheit des Elternhauses freigeben, einen Menschen loslassen, mit dem wir lange Zeit verbunden und gemeinsam unterwegs waren, der jetzt aber andere Wege geht,
Abschied nehmen am Sterbebett.
Wo es um Trennung geht, möchten wir ein gutes Wort mitgeben oder selber hören.
Da möchten wir die Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass alles gut wird, dass wir in
Verbindung bleiben, auch über räumliche Entfernung und auch über den Tod hinaus.
Mit dem Segen sprechen wir denen, die gehen, eine andere Begleitung zu:
Einen, der mitgehen kann, wo wir an unsere Grenzen stoßen. Das spiegelt sich etwa in den
Reisesegen, den Segen für den Schulanfang, den Segen zur Konfirmation oder für zwei
liebende Menschen, und auch im Sterbesegen.

Wer segnet?


Im biblischen Text ist es deutlich: Gott spricht: „Ich, ich will sie segnen.“
Nachdruck liegt darauf: Nicht die Priester also segnen, sondern Gott selber.
Die Priester (auf hebräisch Kohanim), die Nachfahren Aarons, sie sprechen im Gottesdienst den Segen, allerdings: Der Kantor spricht ihnen das Segenswort vor, sie sprechen es nur nach, damit sie nicht dem Irrtum erliegen, sie seien es, die segnen. In der jüdischen Liturgie
heißt es deshalb für die Worte der Priester: „Wir haben unsere Pflicht erfüllt, gebe Du, Gott,
jetzt deinen Segen.“
Die Christen sollen sich nicht priesterlicher aufführen als die Kohanim, es soll bei der Bitte als
Formulierung für den Segen bleiben: Segne, behüte, lasse leuchten…! nicht: segnet, behütet…
Der Segen wird als menschliche Bitte gesprochen, doch ER ,Gott, segnet, niemand anders.
Diese Begrenzung auf Gott und eben nicht auf ein menschliches Amt öffnet zugleich das
Priestertum aller Gläubigen: Christen können unabhängig vom priesterlichen Amt oder vom
Status eines Hauptamtlichen anderen den Segen zusprechen, alle sind berufen, den
Zuspruch Gottes weiterzusagen, auch im täglichen (zB beim Brot teilen).

Es folgt nun ein Durchbuchstabieren der Zusagen des Segens, von der ersten Bitte bis zum
Schalom/Frieden:

Der Herr segne und behüte
Die Bedeutung von Segnen erschließt sich gut aus der Übersetzung des lateinischen Wortes für Segen: bene-dicere = Gutes (zu)sagen (Gegenteil von Schlechtes gegen/über jem. sagen).
Wer Segen zuspricht, nimmt ernst, dass unser Leben bedroht ist, gefährdet, zerbrechlich,
dass wir angewiesen sind, dass uns jemand begleitet. Dafür stehen biblisch die Bilder
vom Hirten (Psalm 23) oder vom treuen Hüter (Psalm 23 und Psalm 121 u.a.)

Er lasse sein Angesicht leuchten
Was für ein menschliches Bild von Gott: Ein offenes, zugewandtes, hell leuchtendes Gesicht.
Ein Gesicht, das mich entfeindet, entkrampft, in eine gelöste, ja heitere Stimmung versetzen
kann, das ein Einverständnis, ein „Ja“ zu mir ausdrückt.
Einen Moment innehalten: Wir denken an die Gesichter, die über unserem Leben schon geleuchtet haben, an die glänzenden Augen, in denen ich mich spiegeln konnte, Menschen,
von denen ich mich geachtet wusste.



Gott sieht mich ausgesprochen gern an, kann sich nicht satt sehen an mir: Das trifft mich da, wo ich mich selber infrage stelle.

Er sei gnädig
Im freundlich zugewandten Gesicht von Menschen begegnet mir das leuchtende Angesicht
Gottes, der mich ermutigt zu Vertrauen und Offenheit. Das ist Gnade, das Adjektiv „gnädig“
wird fast nur von Gott ausgesagt in der Bibel. Wer sich selber durchs Leben schlagen will, wer auf sein Geld und seinen Einfluss setzt, für den ist die Gnade des Herrn unattraktiv.
In einer Weltordnung, die sich an Leistung und Erfolg orientiert, ist Gnade ein Sonderfall –
der Sonderfall Gottes: Das ist die Überwindung der universalen Konkurrenzordnung. Gnade gilt den Schutzbedürftigen.

Er erhebe sein Angesicht
Das erhobene Angesicht: Ausdruck der Zuwendung, der Nähe, des Interesses am Gegenüber,
er hat ein Auge auf mich. Eine feste Beziehung ist damit gegeben, unser menschliches Leben
ist mit Gott verbunden.
Gottes erhobenes Angesicht bestimmt unser Leben zum Frieden.

Er gebe/setze Frieden
Das erste und das letzte Wort des Segens gehören zusammen: Segen und Frieden.
Das ist das Ziel, der Höhepunkt vom Segnen, vom Gutes zusagen: Schalom, wirklicher Frieden. Das bedeutet: Alle sollen genug haben. Schalom gibt es nicht für sich allein, nicht für
Eine/n allein, es ist nur als ein soziales Geschehen, ein Heilsein aller zu erreichen, in einer
umfassenden Friedensordnung.
Die, denen Gottes Segen zugesprochen wird, sollen Frieden finden, nicht nur den inneren, den eigenen mit Gott, sondern gerade einen Frieden im weltweiten menschlichen Zusammenleben, in der Gemeinschaft aller Geschöpfe, einen Frieden, der mit Händen zu greifen ist. Deshalb gehört der Segen zurecht an das Ende des Gottesdienstes, an die Rückkehr in den Alltag der Welt.

In der biblischen Überlieferung des 4. Mose heißt es noch: „Wann immer ihr meinen Namen auf die Kinder Israels legt, will ich sie segnen“.
Dazu haben die Priester folgende Geste gemacht: abgespreizter Daumen und je zwei Finger der Hand zusammen: dreigliedrige Fingerhaltung, sie steht für den hebräischen Buchstaben
Schin, Abkürzung für Name Gottes (Schem).

In wessen Namen ich gesegnet bin, daran entscheidet sich, zu wem ich gehöre.
Das Auflegen des Namens ist noch eine Bedeutungsseite von Segnen:
Im deutschen Wort „segnen“ ist wörtlich dem lateinischen Wort „signare“ entlehnt.
„Der Segen“, so formuliert die Theologieprofessorin Magdalene Frettlöh aus Bern,
„ist gleichsam die Signatur Gottes in unserem Leben.“
Segen ist damit auch ein Herausrufen: „Geh Abraham, geh für dich.“ (1. Mose 12) oder
„Ich bin der Herr, der ich dich herausgeführt habe aus der Knechtschaft.“ (2. Mose 20), das
gilt für das biblische Volk Israel.
Segen ist immer ein Herausrufen aus Gewalt, aus einengenden Verhältnissen (Exodus).
Biblisch gesehen: Wer aus Gott gesegnet wird, wird gemeinsam mit Israel gesegnet, mit seinem Weg mit Gott, nicht ohne oder anstelle oder auf Kosten Israels.


Wir verfügen nicht über den Segen, wir haben seine Wirkung nicht im Griff:
Für uns gilt kein magisches Verständnis des Segens, aus dem sich das Leben der Gesegneten
nur zum Guten wendet oder dass sie gesündere, erfolgreichere, bessere, wohlhabendere
Menschen seien. Segen ist nicht verfügbar, Gesegnete sind keine Premiummenschen.
Das Subjekt des Segens ist allein Gott selber.
Sein Segenszuspruch steht für das Mitgehen, das Dasein in allen Situationen, es ist seine
Auszeichnung gerade für schwierige Wege, für verschlungene Pfade, für Rückschläge, für
Wege, die unter Umständen erst über lange Umwege zu Freiheit und Frieden führen, sei es
durch Leiden und Sterben (Geschichte Jesu).

Gott steht durch seinen Segen bei uns im Wort


Wo immer wir einander den aaronitischen Segen zusprechen, will Gott ihn so ankommen lassen bei den Gesegneten, dass sie selbst zum Segen werden. Er will auf unsere Mitarbeit
nicht verzichten, wir gestalten seine Segensgeschichte mit und beziehen andere mit ein.
Das ist die kritische Kraft des Segens, die die Welt verändert und nicht herrschende Zustände absegnet.

Segensgeschichten der Bibel

Abraham, Ruth und Noemi

Jakob und Esau: Wie es geht, wenn einer seinen Bruder um den Segen betrügt und einer zu spät kommt für den Segen, der dann nicht mehr für ihn da ist, und wie das beide ein Leben
lang beschäftigt, der nächtliche Kampf Jakobs mit Gott um den Segen.
Bileam in 4. Mose 22-24: Der Seher Bileam soll im Auftrag des Moabiterkönigs Balak die
eingewanderten Israeliten verfluchen, Gott aber veranlasst Bileam sie zu segnen.
Kindersegnung Jesu im Markus 10 oder Matthäus 19

Praxis im Gottesdienst

Der aaronitische Segen ist die Standardform im Gottesdienst, er kann mit Kreuzzeichen
gesprochen werden, muss aber nicht (Kreuzzeichen geht nur zum Abschluss, nicht zum
Verlauf des gesprochenen Segens).
Wir verwenden nach Luther die plurale Formulierung „euch“: damit ist der gemeinschaftliche Sinn des Segens deutlich.
Der trinitarische Segen (…der Vater, der Sohn und der Heilige Geist) verträgt sich besser mit
dem Kreuzzeichen, ist stärker ökumenisch orientiert (zB auch in kath. Gottesdienst).
Der Segen braucht eher kurze und konzentrierte Formulierung, stellt noch einmal eine
besondere Verbindung auch zwischen Gemeinde und Liturg/in dar.

Vertiefung von Martin Luther her:
Die Bitte um Gottes Segen dient auch der Entmachtung lebensbedrohlicher und zerstörerischer Mächte (Morgensegen: „… dass der böse Feind keine Macht an mir finde“)
Segen ist sinnenfällig, zB für das tägliche Brot

Vertiefung von Dietrich Bonhoeffer her:

Doppelter Charakter des Segens: Zuspruch und Anspruch Gottes, Bejahung und Beauf-tragung, polit. Dimension: Segen zielt auf Befreiung , will Kontrastverhalten zum Gewohnten. Segen ist Gottes Möglichkeit die Welt zu retten, braucht aber menschl. Mitwirken.