Evangelische Kirchengemeinde Gingen an der Fils

Gingen gehört zum Distrikt Unteres Filstal.

 

Das Pfarramt in Gingen ist seit 01. Juni 2017 nicht besetzt.

Vertretung hat

Pfarrer Matthias Ebinger

Tel. (07331) 71 55 410.

 

 

Das Pfarramt ist erreichbar unter

Evangelisches Pfarramt
Pfarrstraße 8, 73333 Gingen (Fils)
Tel. (07162) 931 703
Fax: (07162) 931704
E-Mail: Pfarramt.Gingendontospamme@gowaway.elkw.de

 


Evangelisches Gemeindehaus Gingen
Pfarrstraße 10, 73333 Gingen (Fils)

 

 

Weiterführende Links
Evangelische Kirchengemeinde Gingen

 

 

Der Gottesdienst sonntags in der Johanneskirche in Gingen beginnt um 9.30 Uhr. In den Schulferien verändert sich die Anfangszeit. Bitte lesen Sie diese in der Tageszeitung nach bzw. fragen Sie beim Pfarramt Gingen, Tel. (07162) 931703, an.

Der Kirchengemeinderat

Der Kirchengemeinderat

Johanneskirche in Gingen

Der Gingener Kirchturmstreit


In den letzten Wochen und Monaten waren in der Presse, in Funk und Fernsehen immer wieder Beiträge zum „Gingener Kirchturmstreit“ zu lesen und zu hören gewesen. Nicht alles, was dabei geschrieben und gesendet wurde, wurde der Angelegenheit gerecht. Da die Zusammenhänge sehr kompliziert sind, machten sich viele Journalisten leider nicht die Mühe, sich genau zu informieren. Die Kirchengemeinde hat sich in der Vergangenheit mit eigenen Beiträgen sehr zurückgehalten, weil wir nicht zusätzlich Öl ins Feuer gießen wollten, sehen nun aber die Zeit gekommen, einmal Stellung zu beziehen und unsere Sicht der Dinge darzustellen. Wir möchten dazu einige Fragen zu beantworten, die uns in der Vergangenheit immer wieder gestellt werden.

Worum geht es überhaupt bei diesem Streit und was ist eine Ausscheidungsurkunde?

Ausscheidungsurkunde

 

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war im Ortsvermögen auch kirchliches Vermögen wie beispielsweise die Kirche und das Pfarrhaus enthalten. Durch ein königliches Gesetz von 1887 wurde bestimmt, dass die Vermögensteile aufgeteilt werden müssen und dass die Kirchengemeinden rechtlich und finanzielle selbständig werden sollten Das kirchliche und bürgerliche Vermögen wurden getrennt (Vermögensausscheidung). Wie die Trennung im Einzelnen aussah, wurde in einer sogenannten „Ausscheidungs- und Abfindungsurkunde“ geregelt, die vor Ort ausgehandelt wurde.

 

Unterschiedliche Situation in den Gemeinden

 

Da die Situation in den einzelnen Gemeinden sehr unterschiedlich war, sahen auch die Ausscheidungsurkunden sehr unterschiedlich aus. In der Regel wurde das Kirchengebäude wieder der Kirchengemeinde zugeteilt. Damit ging auch die Baulast zur Unterhaltung der Kirche auf die Kirchengemeinde über, die hierfür nach dem genannten Gesetz mit einem Baukapital ausgestattet werden musste, das in einem aufwändigen Verfahren berechnet wurde. Das Gesetz von 1887 bestimmte darüber hinaus, dass sich an der „bisher üblichen Benützung der Kirchtürme, Kirchenuhren und Kirchenglocken“ nichts ändern solle, „wogegen die bürgerliche Gemeinde verpflichtet ist, einen dem Maße dieser Benützung entsprechenden Anteil an den Kosten der Instandhaltung der bezeichneten Gegenstände zu übernehmen“.

 

Wie sah nun diese Regelung in Gingen aus?

 

In Gingen sah die Lösung im Wesentlichen so aus, dass die bürgerliche Gemeinde sich dazu verpflichtete, den Hauptteil der Turmerhaltung zu tragen, eben jene heute umstrittenen 5/6 der Kosten. An der Erhaltung der restlichen Johanneskirche, also etwa an der Unterhaltung des Kirchenschiffs und des Kircheninneren ist die bürgerliche Gemeinde nicht beteiligt. Sie ist allein Sache der Kirchengemeinde. Auch an der Unterhaltung der historischen Kirchhofmauer beteiligt sich die Gemeinde zwischenzeitlich nicht mehr.

 

Ob und was unsere Vorfahren genau dazu bewogen hat, diese Regelung zu treffen, können wir heute im Einzelnen nicht mehr nachvollziehen. Vermutlich haben sie die Bedeutung der Johanneskirche und speziell des Turmes für unseren Ort erkannt. Schließlich ist dies das mit Abstand älteste und kulturhistorische bedeutendste Gebäude Gingens, das zudem das Bild des gesamten Ortes prägt. Es fällt auf, dass in Gingen darauf verzichtet wurde, das oben angesprochene Baukapital zu ermitteln. Möglicherweise hatte die bürgerliche Gemeinde nicht genügend Baukapital flüssig, so dass ihr die Lösung mit einer höheren Kirchturmbeteiligung lieber war als eine Entschädigungszahlung. Außerdem stand eine Kirchenrenovierung unmittelbar bevor, die im Wesentlichen vom restlichen Stiftungsvermögen, das der Kirchengemeinde bei der Ausscheidung zugewiesen worden war, finanziert wurde. Das alles mag eine Rolle gespielt haben, aber sicher lässt sich das nicht mehr nachvollziehen. Die 5/6-Regelung war bestimmt kein Geschenk, das die bürgerliche Gemeinde der Kirchengemeinde machen wollte, denn man kann davon ausgehen, dass das Geld bei der Gemeinde schon immer knapp war und man verstand, seine Scherflein zusammenzuhalten.

 

Das heißt aber im Umkehrschluss, dass eine Änderung der Ausscheidungsurkunde ohne entsprechende Entschädigung oder Ablösung einer Enteignung der Kirchengemeinde gleichkommen würde. Das ist auch der Grund, warum die Landeskirche einer weitergehenden Änderung der rechtlichen Verhältnisse nicht zustimmen kann. Sie hat nur einer Begradigung von 83,3% auf 80% zugestimmt. Ohne die Zustimmung des Evangelischen Oberkirchenrats aber hat die Kirchengemeinde keine Handhabe, an der Ausscheidungsurkunde etwas zu ändern, selbst wenn sie dies wollte.

 

Nur in Gingen?

 

Ist nun Gingen ein Einzelfall mit dieser hohen Beteilungsverpflichtung am Kirchturm?

Es gibt über 700 Kirchtürme in Württemberg, die kommunal mitfinanziert werden, allerdings zu unterschiedlichen Teilen. In der Regel liegen diejenigen, die prozentual mitfinanziert werden, zwischen 50% und 66%, allerdings gibt es auch im Kreis Göppingen eine ganze Reihe von Kirchtürmen, die zu 75%, zu 83,3% bis hin zu 90% durch die bürgerliche Gemeinde finanziert werden.

 

Neben der prozentualen Beteiligung der Gemeinden gibt es auch die Beteiligung durch Pauschalbeträge. D.h. in der Ausscheidungsurkunde wurde ein fester jährlicher Betrag für die Kirchturmunterhaltung festgelegt. Die Gemeinden mit dieser Lösung sind heute fein heraus, denn was damals ein angemessener Betrag zur Bauunterhaltung war, ist heute nach zwei Geldentwertungen nicht mehr viel wert, denn mit 10 oder auch 100 Euro im Jahr kann man leider keinen Kirchturm mehr sanieren.

 

Der Evangelische Oberkirchenrat hat 1970 versucht, die „Ungerechtigkeit“, die durch diese geschichtlich bedingten Ungleichheiten entstanden sind, auszugleichen und hat einheitliche Prozentsätze vorgeschlagen. Damit ist er aber bei den bürgerlichen Gemeinden, die für sie günstige Verträge haben, auf wenig Gegenliebe gestoßen. Schließlich hätte dies bedeutet, dass diese dann bedeutend mehr zahlen müssten, Gemeinden wie Gingen würden dagegen besser dastehen, wenn dieser Vorschlag in Kraft getreten wäre. Kurzum die Idee war nicht zu verwirklichen und der Oberkirchenrat stellt sich nun in unserem Falle zu Recht auf den Standpunkt: Warum sollen wir die Verträge, die gut für uns sind, aus freien Stücken aufgeben, wenn die Kommunen im Gegenzug nicht bereit sind, die schlechten Verträge, die ja nur noch eine symbolische Bedeutung haben, ebenfalls anzupassen?

 

Vertragskündigung durch bürgerliche Gemeinde möglich?

 

Kann die bürgerliche Gemeinde Gingen die Ausscheidungsurkunde überhaupt kündigen?
In unseren Augen ist dies nicht möglich, da es sich bei der Ausscheidungsurkunde nicht um eine vertragliche Verpflichtung der Gemeinde Gingen, sondern um einen gesetzlichen Anspruch handelt, der auch unter den inzwischen veränderten Verfassungsverhältnissen bis heute ausdrücklich Gültigkeit hat. Das bestätigen sowohl das Grundgesetz als auch die Landesverfassung.

 

Die bürgerliche Gemeinde ist hier anderer Auffassung und hat uns mit ihrer Kündigung überrascht. Wir hatten Anfang August und noch einmal Mitte September 2004 der Gemeinde Gingen versprochen, dass wir bereit sind, mit ihr über die Ausscheidungsurkunde zu verhandeln, allerdings erst dann, wenn die Sanierungsarbeiten am Kirchturm abgeschlossen sind, da wir das eine nicht mit dem anderen verquicken wollten. Außerdem wollten wir ohne Zeitdruck die Dinge prüfen, was sich nun ja auch als aufwändiger herausstellt, als ursprünglich angenommen. Durch ihre Kündigung hat die Gemeinde Gingen allerdings Fakten geschaffen, die uns nun zwingen, rechtliche Schritte dagegen einzuleiten, zumal inzwischen einige Kosten aufgelaufen sind, die die Gemeinde Gingen einfach nicht mehr begleicht. Es ist keineswegs so, dass die Kirchengemeinde „die bürgerliche Gemeinde vor Gericht zerrt“ und damit „die Störung des örtlichen Frieden in Kauf nimmt“, wie uns in einem Radiointerview unterstellt wurde. Da eine Einigung auf anderem Wege nicht möglich war, haben wir als Kirchengemeinde gar keine andere Wahl als den Rechtsweg zu beschreiten.

Wir sehen in einer Klage auch nichts Ehrenrühriges. In unserem Rechtsstaat ist es vorgesehen, dass zwei Parteien, die sich nicht einigen können, die neutrale Instanz eines Gerichtes anrufen können, das Klarheit schafft und einen Rechtsstreit entscheidet. In unseren Augen ist dies die sauberste Art ohne persönliche Verletzungen und Animositäten zu einer Lösung zu kommen.

 

Wäre nicht eine Kirchenstiftung die Lösung des Problems?

 

Die bürgerliche Gemeinde hat angeboten, 50.000€ in eine Kirchenstiftung einzubezahlen, und fordert im Gegenzug die Reduzierung der 5/6 auf 50%. Nun ist eine Stiftung sicherlich eine gute Idee, wie wir in Zukunft die Kosten für die Unterhaltung der Johanneskirche senken könnten. Nur reichen 50.000€ bei Weitem nicht aus, den Kirchturm zu unterhalten, dazu fehlt noch eine Null. Sie reichen allenfalls, um die laufenden Kosten zu decken, aber nicht für eine Sanierung, die früher oder (hoffentlich) später wieder einmal kommen wird.

Jedoch wäre es denkbar, eine Kirchenstiftung - möglicherweise mit einer speziellen Unterstiftung Kirchturm - ins Leben zu rufen, die bis zur nächsten Sanierung so viel Mittel bereitstellen würde, dass dann die Kosten auf ein erträgliches Maß reduziert wären. Doch das hat mit der Ausscheidungsurkunde nichts zu tun. Diese Maßnahme würde unabhängig von einer Änderung der geltenden Regelungen greifen.

 

Haben sich die Lebensumstände inzwischen nicht so verändert, dass eine Anpassung der Ausscheidungsurkunde an der Zeit wäre?

 

Die allgemeinen Lebensumstände haben sich in den letzten 100 Jahren zwar stark verändert, doch gilt dies nach unserem Dafürhalten nur sehr bedingt für Bedeutung, die unser Kirchturm für die Gemeinde Gingen hat. Vielleicht hat sie sich in manchen Punkten etwas verschoben, aber einen gravierenden Bedeutungsverlust können wir nicht feststellen, im Gegenteil.

Sicher werden die Glocken nicht mehr als Alarm im Brandfall geläutet und sie haben auch zusammen mit der Turmuhr das Monopol für die Zeitansage verloren. Und doch werden sie nach wie vor von der Bevölkerung bewusst wahrgenommen und gerne angenommen. Das zeigten uns die vielfältigen Reaktionen der Bevölkerung als während der Umbauzeit Glocken und Uhr abgeschaltet waren: „Es fehlt einfach etwas, wenn die Glocken nicht mehr läuten.“ „Ich schaue immer noch automatisch zum Kirchturm, wenn ich wissen will, wie viel Uhr es ist, und bin ganz enttäuscht, wenn ich dort nur ein Gerüst sehe!“ „Wenn es morgens um 6 Uhr läutet, weiß ich: Jetzt ist es Zeit zum Aufstehen.“

 

Umgekehrt ist es so, dass die Glocken – abgesehen vom Gottesdienstläuten – ihre religiöse Bedeutung weitgehend verloren haben. Welche Familie versammelt sich heute noch zum Morgen-, Mittags- oder Abendgebet, wenn die Glocken läuten? Hier ist ein klarer Bedeutungsverlust der Glocken für die Kirchengemeinde wahrzunehmen. Und die Uhren haben noch nie eine gottesdienstliche Funktion gehabt wie auch der Kirchturm selbst keine liturgische Bedeutung hat. Wir brauchen einen Gottesdienstraum, aber keinen Kirchturm zum Gottesdienst feiern.

 

Wenn für die bürgerliche Gemeinde überhaupt ein Bedeutungsverlust des Kirchturms angenommen werden kann, so muss dieser für die Evangelische Kirchengemeinde in noch viel größerem Maße behauptet werden. Vor 100 Jahren war die Johanneskirche das einzige Gebäude der Kirchengemeinde. Hier spielte sich das ganze Gemeindeleben ab. Heute dient dieses Gebäude nur noch zur Feier des Gottesdienstes. Alles andere hat sich ins Gemeindehaus verlagert.

 

Kirchturm Wahrzeichen der Gemeinde

 

Was die Gemeinde Gingen anbelangt, so ist der Kirchturm nach wie vor das Wahrzeichen des Ortes und 1922 – also erst nach der Ausscheidungsurkunde! – Bestandteil des Gingener Wappens geworden. Er prägt das Ortsbild wie kein zweites Gebäude und hat für die ganze Gemeinde eine identitätsstiftende Funktion. Es sind beileibe nicht nur die evangelischen Gemeindeglieder, die nach einem Urlaub oder nach einem Ausflug von Süßen her kommend sagen: „Jetzt sehen wir unseren Kirchturm, jetzt sind wir wieder daheim!“ Der Turm der Johanneskirche bedeutet für viele Gingener ein Stück Heimat und Geborgenheit und ist ein Symbol für Beständigkeit in einer immer schneller den Veränderungen unterworfenen Welt. Er ist ein Stück unserer Ortsgeschichte und verbindet uns mit unseren Vorfahren. Er ist das Kulturgut unseres Ortes schlechthin. Und daran hat sich in den letzten 100 Jahren nichts geändert.

 

Tatsache ist, dass die Erhaltung eines Gebäudes wie der Johanneskirche immense Summen verschlingt, was für eine relativ kleine Gemeinde wie Gingen immer mehr zu einer Herausforderung wird. Wir sind ständig irgendwo am Renovieren unserer Kirche. Gegenwärtig muss das Fresko gesichert werden, im Kirchendach regnet es bei starken Stürmen schon wieder herein, so dass auch hier Umbaumaßnahmen anstehen. Wir wissen nicht, wie lange wir uns als Kirchengemeinde, die nur einen verhältnismäßig kleinen Haushalt zur Verfügung hat, den „Luxus“ noch leisten können, so ein aufwändiges Gotteshaus zu unterhalten. Viele Kirchen müssen aus diesem Grund landauf, landab schon verkauft oder gar abgerissen werden, wie etwa in Ulm oder nun in Göppingen. Und die Zahl wird in den nächsten Jahren sicher noch drastisch steigen.

 

Erhalt der Johanneskirche Aufgabe für alle

 

Wir sind der Meinung: Die Erhaltung der Johanneskirche kann nicht allein Sache der Evangelischen Kirchengemeinde sein, sondern ist eine Aufgabe der ganzen Gemeinde. Sie wird entweder gemeinsam gelingen oder gar nicht. Das wussten auch unsere Väter und Mütter, darum haben sie die Kosten für die Kirche aufgeteilt: Das Schiff trägt die Kirchengemeinde, den Turm im Wesentlichen die bürgerliche Gemeinde. Es wäre schade, wenn sich hier eine der beiden Parteien aus der Verantwortung stehlen würde. Es wäre schade um unsere schöne Johanneskirche.

 

Pfarrer Matthias Krauter

 

Mehr Infos zu den Regelungen zwischen Kirche und Staat

 

Johanneskirche in Gingen