Das Chorgestühl in der Stadtkirche Geislingen

Chor Stadtkirche Geislingen

von Hans Schaal

Die Wangenbüsten, Aufbau und Schäden

 

In der letzten Zeit konnten wiederholt Schäden, wie z.B. Risse am Chorgestühl festgestellt werden, die offensichtlich neueren Ursprungs sind. Es war daher sinnvoll, vor allem im Bereich der Prophetenbüsten und der zugehörigen Seitenwangen eine möglichst vollständige Schadensaufnahme zu machen. Außerdem sollen die wichtigsten Schadensursachen aufgezeigt werden.

 

 

Vorgeschichte

 

Die letzte umfassende Instandsetzung des Chorgestühls wurde 1879 vom damaligen Geislinger Kirchenverschönerungsverein begonnen (s. Alfred Klemm (1)). Durchgeführt hat sie der Geislinger Schnitzer Waldenmaier. Die Überarbeitung von fast allen Prophetenbüsten ist mit Sicherheit ihm zuzuschreiben. Laut Alfred Klemm wurden hierbei auch Restaurierungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert wieder rückgängig gemacht, weil sie „im Stil ihrer Zeit“ durchgeführt worden waren. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Arbeiten nicht nur sehr sachkundig sondern auch stilsicher durchgeführt wurden. Für Geislingen war es sicher ein Glücksfall, dass eben dieser Waldenmaier 1875 – also 4 Jahre früher -  das Blaubeurer Chorgestühl von Jörg Syrlin d.J. ebenfalls restauriert hatte (s. Heribert Meurer (2)). Er war also bereits „Syrlin-erfahren“. Neben den Prophetenbüsten sind auch Reparaturen am den Kleinplastiken auf den Seitenwangen (s. Abb. 11) feststellbar.
Die Restaurierung des Chorgestühls fand wohl 1884 mit der Aufstellung der fast lebensgroßen Statuen der Apostel Petrus auf der Südseite, Paulus auf der Nordseite und Johannes über dem Dreisitz ihren Abschluss. Sie sind Nachbildungen vom Sebaldusgrab von Peter Vischer aus der Sebalduskirche in Nürnberg.

Aufbau und Schäden

Zunächst sollen Aufbau und Struktur der Wangen betrachtet werden. Eine nachfolgende Bewertung der Schäden wird dadurch leichter.

An allen Prophetenbüsten ist eine vollständige Querfuge erkennbar, die mittig über beide Schultern und den Kopf verläuft. Es handelt sich hier um eine komplette Querverleimung (s. Abb 13), die wesentlich zur Ver-besserung der Formstabilität beiträgt. Bekanntlich ist das verwendete Eichenholz weniger rissanfällig wie z.B. Lindenholz, neigt jedoch sehr zu Verwerfungen oder Verformungen (s. M. Baxandall (4)).

Fehlende Stöße und Unebenheiten im Bereich der Leimfugen lassen den Schluss zu, dass diese Verleimungen offensichtlich bereits bei den Rohlingen, also vor Beginn der Schnitzarbeiten, durchgeführt wurden. Alle Leimfugen sind in gutem Zustand und manchmal, wie bei der Jesajabüste, nur schwer zu erkennen. Auch bei den Wangenbüsten des Blaubeurer Chorgestühls von Jörg Syrlin ist eine derartige Querverleimung feststellbar.

Die Technik dazu hat Jörg Syrlin wohl in der Werkstatt seines Vaters gelernt. Dort wurden die Schnitzrohlinge offensichtlich schon aus standardisierten Teilen, also z.B. Brettern und Bohlen gleicher Stärke, verleimt und für die Schnitzarbeit vorbereitet. Dieser Einsatz kleinerer Bauelemente ist mit Sicherheit einfacher in der Herstellung und wirtschaftlicher. Größere und ausgesuchte Rohlinge sind kosten- aufwendiger und ergeben wesentlich mehr Schnitzabfälle.

Alle Geislinger Büsten haben nur eine Querverleimung in der Mitte. Die Formtrennung ist identisch mit der Hinterkante der Seitenwangen. Während die hintere Seite einteilig ist, bestehen die Seitenwangen aus bis zu drei senkrecht verleimten Teilen. Sie werden durch die eingesetzten Schriftfelder ergänzt. Das Büstenvorderteil bildet eine Einheit mit der Seitenwange und wurde aus ihr herausgearbeitet. Dafür spricht die fehlende Trennfuge am unteren Büstenende. Ein weiterer Hinweis ist eine Abplattung am linken Ringfinger der Jesajabüste die zeigt, dass das Volumen des Rohlings vom Schnitzer voll ausgenutzt wurde. Bei den wesentlich voluminöseren Ulmer Büsten, die nach neueren Forschungen von Michel Erhart stammen, kann bereits eine Mehrfachverleimung nachgewiesen werden. Eine derartige Form- oder Schichtverleimung ist bis heute ein hervorragendes Mittel zur Vermeidung von Verwerfungen und Rissen. Sie spricht für das technische Können der Syrlinwerkstatt. Ein anschauliches Beispiel für die Formstabilität der Querverleimung ist an der Micha-Büste zu sehen (s.Abb 7). Dort zieht sich ein neuer Riss, dessen Ursprung Spannungen im Seitenteil sind, hoch bis zur Schulter und endet in der Leimfuge. Die Querverleimung verhindert also ein weiteres Fortschreiten des Risses.

Es erscheint daher nur folgerichtig, dass die längsten und breitesten Risse an den Seitenwangen, also unter dem formverleimten Büstenteil zu finden sind. Die nur einfach (senkrecht!) verleimten Seitenwangen (s Abb. 14) sind offensichtlich weniger formstabil. Sie reißen zum Teil schon in den Leimfugen. Eine Reihe von Rissen setzt sich, wenn auch meist in abgeschwächter Form, von unten bis in die Büsten fort. Der größte Schaden ist bei der Michabüste (s. Abb. 6-8) feststellbar, die von unten bis zur Schulter eingerissen  ist. An einigen Stellen sind auch senkrechte Leimfugen komplett durchgerissen. Verschiedene Risse werden durch die Schriftfelder unterbrochen, deren Faserrichtung in Gegensatz zu den Seitenwangen quer verläuft.

Die meisten jetzt feststellbaren Risse sind wahrscheinlich erst nach der letzten Restaurierung durch Waldenmaier entstanden. Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass einige noch wesentlich älter sind. Dies kann durch Reparaturspuren, die offensichtlich jünger sind, erklärt werden. Es kamen neuere Risse hinzu, die augenscheinlich erst in den letzten Jahren entstanden sind. Man kann dies an der deutlich helleren Holzfärbung in den Rissen erkennen (s. Abb. 1). Weiterhin sind Schäden durch Gewalteinwirkung wie z.B. verstümmelte Nasen und Gesichter zu nennen. Sie wurden, wie schon erwähnt, durch Waldenmaier fachkundig instand gesetzt.

Im folgenden werden die Schäden, bezogen auf die einzelnen Büsten, aufgelistet. Die Ortsbezeichnung links oder rechts erfolgt immer in Blickrichtung der Büsten. Restaurierungen durch Waldenmaier werden mit    –W- gekennzeichnet.

 

Chor Südseite von West nach Ost

 

1. Jesaja:

  • Querverleimung der Büste in sehr gutem Zustand
  • Wange links angesetzt sowie unten rechts Teil eingesetzt, Verleimung in sehr gutem Zustand.
  • Nase und Zeigefinger rechte Hand angesetzt (W)
    Ausbruch rechte Schulter –neu-

 

2. David:

  • Querverleimung der Büste in sehr gutem Zustand, Keil in linker Schulter eingesetzt, wahrscheinlich alt
  • Wange mittig schräg angesetzt mit Reparaturspuren, Leichter Riss in der Leimfuge –alt-
  • Nase und Mundpartie angesetzt (W)
  • Spannungsrisse in Wange links -neu- (heller Risshintergrund)

 

 

3. Salomo: (s. Abb. 1)

  • Querverleimung der Büste in sehr gutem Zustand
  • Angesetzte Seitenwange rechts in Leimfuge komplett von oben bis unten durchgerissen, der gezackte obere Anriss weist auf große Spannungen hin. Der Riss ist neu (heller Risshintergrund).

 

4. Jona:

  • Querverleimung der Büste in sehr gutem Zustand.
  • Wange rechts angesetzt, Verleimung in sehr gutem Zustand

 

5. Maleachi:

  • Querverleimung der Büste in sehr gutem Zustand, Keil in rechte Schulter eingesetzt, wahrscheinlich alt
  • Nase und Mundpartie sowie Teil am Hinterkopf angesetzt (W)
  • Seitenwange rechts angesetzt, Leimfuge in sehr gutem Zustand
  • Riss am Hinterkopf bis zur Schulter -alt-

 

6. Daniel: (s. Abb. 2)

  • Querverleimung der Büste in sehr gutem Zustand.
  • Seitenwange dreiteilig, Leimfuge links ist komplett von oben bis unten durchgerissen –alt-
  • Nase und Mundpartie sowie Kopfteile rechts mit Hutkrempe eingesetzt (W)
  • Riss rechte Schulter hinten mit Reparaturspuren, wahrscheinlich alt
  • Wurmbefall linke Schulter unten


Chor Nordseite von Ost nach West

 


7. Ezechiel: (s. Abb. 3)

  • Querverleimung der Büste in gutem Zustand
  • Der Kopf ist komplett eingesetzt (W)
  • Seitenwange rechts angesetzt. Sie ist in der Leimfuge von der Hand bis nach unten komplett durchgerissen. Der Riss (0,5 -4 mm!) ist wahrscheinlich neu (heller Risshintergrund)
  • Riss rechte Schulter hinten –alt-
  • Einsatz in Seitenwange mittig unten

 

 

8. Baruch: (s. Abb. 4)

  • Querverleimung der Büste in gutem Zustand
  • Seitenwange rechts angesetzt, Leimfuge in sehr gutem Zustand
  • Gesichtspartie mit Nase, Wange und Mund komplett eingesetzt (W)
  • Riss in Seitenwange links mit Reparaturspuren, wohl alt, Vergrößerung (4-6mm) –neu-

 

 

9. Jeremias: (s. Abb. 5)

  • Querverleimung der Büste in gutem Zustand
  • Gesichtspartie mit Nase, Wange und Mund eingesetzt (W)
  • Ausbesserungen am Kopf rechts und im Brustbereich, wahrscheinlich (W)
  • Riss von linker Schulter bis zur Wange nach unten –alt-

 

10. Micha: (s. Abb. 6-8)

  • Querverleimung der Büste in gutem Zustand
  • Gesichtspartie sowie Kopfteil und Hutkrempe links eingesetzt (W)
  • Wange und Schulter links von oben bis unten komplett durchgerissen. Trotz älteren Reparaturspuren ist die Rissvergrößerung bis 6mm neu (heller Risshintergrund)

 

 

11. Hosea:

  • Querverleimung der Büste in gutem Zustand
  • Seitenwange rechts angesetzt, Leimfuge in sehr gutem Zustand
  • Gesichtspartie mit Nase, Wange und Mund eingesetzt (W)
  • Wange von links unten bis zur Schulter neu eingerissen, ältere Reparaturspuren erkennbar

 

 

12. Sacharia: (s. Abb. 9/10)

  • Querverleimung der Büste in sehr gutem Zustand
  • Seitenwange rechts angesetzt, Leimfuge in gutem Zustand
  • Mehrere Risse an der linken Hand –alt-
  • Riss von Wange bis zur linken Hand mit Ausbruch am Zeigefinger    -neu- (heller Risshintergrund)
  • Nase und Mundpartie eingesetzt (W)

Schadensursachen

Die Hauptschadensursache an Holzbildwerken in Kirchen ist eine zu niedrige Luftfeuchtigkeit vor allem während der Heizperiode in den Wintermonaten. Die ohnehin schon niedrige Luftfeuchtigkeit in der kälteren Jahreszeit wird noch durch die Heizung verstärkt. Die erwärmte, trockene Luft lässt die Holzbildwerke austrocknen, was zu Materialschwund und Rissen führt.


Bei den Restaurierungsarbeiten in der Michaelskirche in Schwäbisch Hall wurden Schäden an Holzbildwerken vor allem auf die dort installierte Warmluftheizung zurückgeführt (s. Jochen Ansel (3)).

Neben der notwendigen Instandsetzung wurden von der dortigen Kirchengemeinde in Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt folgende „begleitende Maßnahmen“ erarbeitet, abgestimmt und durchgeführt:

  • Eine Befeuchtung der Luft in den Austrittsschächten soll ein Absinken der relativen Luftfeuchtigkeit unter den für Holzobjekte kritischen Wert von 50% verhindern.
  • Eine maximale Raumtemperatur von 15°C soll auch bei Konzertveranstaltungen nicht überschritten werden.

Eine derartige Befeuchtung der ausströmenden Heizluft ist auch in  die Heizung der Stadtkirche eingebaut. Messungen von Luftfeuchtigkeit und Temperatur, die von Januar bis April 2005 in der Stadtkirche durchgeführt wurden, ergaben jedoch Werte die zum Teil deutlich schlechter als die bereits genannten Grenzwerte waren. So wurden Luftfeuchtigkeiten bis 32% in Verbindung mit Temperaturen bis zu 18°C gemessen (s. Abb. 12). Das bedeutet, dass die Befeuchtungsanlage in den letzten Jahren nicht ausreichend oder gar nicht funktionierte. Damit lassen sich auch Risse, wie z. B. an der Salomo-Büste (s. Abb. 1), die zweifellos neueren Datums sind, erklären.

Zur Beseitigung dieser Schadensursache und zur Vermeidung weiterer Schäden sind folgende Maßnahmen notwendig:

  • Die Befeuchtungsanlage muss noch vor Beginn der Heizperiode in ihrer Funktion überprüft und gegebenenfalls repariert werden.
  • Zusätzlich sollte die Dimensionierung der Befeuchtungsanlage vor allem im Hinblick auf eine eventuell notwendige Vergrößerung überprüft werden.
  • Eine Begrenzung der maximalen Raumtemperatur auf 15°C im Winter sollte mit allen Verantwortlichen diskutiert und gegebenenfalls beschlossen werden.

Die vorliegende Schadensuntersuchung wurde ausschließlich am Chorgestühl durchgeführt. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass alle Holzbildwerke in der Stadtkirche einschließlich der Orgel gefährdet sind. Sie können alle durch die vorgeschlagenen Maßnahmen geschützt werden. Eine weitere Ausbreitung der Schäden sollte in jedem Fall verhindert werden. Die daraus folgende Restaurierung wäre sehr teuer und im Moment, vor allem mit Blick auf die zweite Stufe der Außenrenovierung, sicher nicht machbar.

Nach der Auflistung und Bewertung der Schäden wurde zusätzlich eine Vermessung der größten Risse durchgeführt. Sie erfolgte detailliert an den Wangenbüsten der Propheten Ezechiel und Micha (s. Ulrich Kottmann(5)). Mit dieser Messbasis können Veränderungen an der Rissbreite nach der nächsten Heizperiode exakt nachgewiesen werden.

Quellenverzeichnis

 

1. Alfred Klemm: „Die Stadtkirche zu Geislingen“
Geschichte und Beschreibungen derselben Geislingen 1879 (Seite 28)


2. Heribert Meurer: Das Chorgestühl von Jörg Syrlin d.J. aus
„Kloster Blaubeuren, der Chor und sein Hochaltar“ (Seite 116)
Publikation anlässlich der Erhart / Syrlin Ausstellung, Ulm 2002


3. Jochen Ansel: Konzept zur Instandsetzung der Ausstattung und begleitender Maßnahmen (Seiten 21-23) aus
„Die Restaurierungsarbeiten in der Michaelskirche Schwäbisch Hall“
Ulrich Gräf / Jochen Ansel / Hans Werner Hönes Schwäbisch Hall September 2000.


4. Michael Baxandall: „Die Kunst der Bildschnitzer“ (Seite 46).


5. Ulrich Kottmann: Skizzen der vermessenen Wangenbüsten der Propheten Ezechiel (s. Abb. 15, 16) und Micha (s. Abb. 17, 18) vom Chorgestühl von Jörg Syrlin d. J. aus der Stadtkirche in Geislingen.