Barocke Zier aus heimischer Hand

Stadtkirche Geislingen  
Artikelserie 2005 in der Geislinger Zeitung - Folge 7

Von Karlheinz Bauer

 

Kamen im Mittelalter die künstlerischen Impulse vor allem aus der Reichsstadt Ulm, so entwickelte sich in der Zeit nach der Reformation auch in Geislingen ein Kunstschaffen, dessen hohe Qualität in der Stadtkirche Spuren hinterließ.

 

In den Kirchen des Ulmer Landes gibt es nur noch wenige künstlerische Zeugnisse aus der Zeit des Mittelalters. Der Grund liegt darin, dass Ulm bei der Einführung der Reformation anfangs eine sehr puritanische Haltung eingenommen hatte. Dies lockerte sich in der Folge, so dass die Künste im Zeitalter von Renaissance und Barock eine neue Blüte erfuhren. Auch in der Geislinger Stadtkirche gibt es viele Kunstwerke aus dem 17. und 18. Jahrhundert zu bewundern.

Kanzel der Stadtkirche Geislingen

Die Kanzel, ein Meisterwerk der Schreinerarchitektur, gehört der Spätrenaissance an. Sie entstand 1621; die Initialen DH und BH werden den Meistern Daniel und Bestle Hennenberger zugeschrieben, die einer alten Geislinger Künstlerfamilie angehörten. Aus einem Achteck entwickelt, ruht die Kanzel auf einem Pfeiler mit korinthischem Kapitell. Ihre Seiten sind klar gegliedert, sie zeigen Portalarchitekturen in feiner Holzeinlegearbeit. Die Inschrift an der Brüstung lautet: "Allein Gottes Wort gehört an diesen Ort, dass es werde gehört zum Leben dort." Der stark in die Höhe strebende Schalldeckel ist gotisch nachempfunden, während sich die lebhaften Ornamente ganz in den Formen der Renaissance halten, ja bereits einen barocken Überschwang vorwegnehmen.

Altargitter mit Engelfigur

Auch die kunstvollen Holztüren beider Kirchenportale gehören noch der späten Renaissance an. Sie wurden 1658/59 von dem Geislinger Holzschnitzer Wolfgang Hildenbrandt gefertigt.

 

An der Innenseite des Nordeinganges war bis 1856 zu lesen: "Nota. Diese zwei Kirchentüren hat Herr Paul Burgmeister, weiland Bürgermeister zu Geislingen, von seinem eigenen Geld, und zwar ohne Vorwissen seiner Hausfrau, machen lassen." An den Windfängen dieser Türen sind Teile des alten Altargitters von 1680/81 angebracht.

 

Die geschnitzte Türe zur Sakristei ist ein Werk des Barock von 1687; der Meister ist unbekannt. Die Holztüre ist in zwei Bereiche geteilt und symbolisiert das Alte und Neue Testament. Das untere Feld zeigt Mose mit den Gesetzestafeln, im oberen Feld ist Christus dargestellt mit dem Wort des Evangeliums.

Sakristeitür in der Stadtkirche (l.), Neuer Bund - Christus (m.), Alter Bund - Moses (r.)

Die Stadtkirche ist reich an Grabmälern und Epitaphien des 15. bis 18. Jahrhunderts. Sie stammen wohl vorwiegend aus Ulmer Werkstätten. Allein von Bildhauer Georg Huber finden sich in der Stadtkirche acht Denkmäler mit seinem Steinmetzzeichen.

Die Totenmale sind zum Teil Persönlichkeiten gewidmet, die in der Stadtkirche bestattet wurden: Pfarrer, Vögte, Obervögte sowie deren Angehörige. Andere, die das Gedächtnis prominenter Geislinger Bürger bewahren, wurden 1879 vom Friedhof Rorgensteig in die Stadtkirche gebracht, um sie vor der Verwitterung zu schützen.

 

Die schönsten Grabdenkmäler befinden sich im Chorraum der Kirche. Erwähnt sei nur das Totenmal des Erhard Schad von Mittelbiberach, der von 1651 bis 1681 als Obervogt in Geislingen tätig war. Das Grabmal steht an der Stelle des früheren gotischen Sakramentshäuschens; es wurde vom Ulmer Bildhauer Heinrich Hacker in hellem und schwarzem Alabaster geschaffen und trägt 16 Ahnenwappen.


Eine Besonderheit stellt der evangelische Kreuzweg dar. Er besteht aus zehn Tafelbildern, die entlang der Langhauswände aufgehängt sind. Sie stammen aus der ehemaligen Spitalkirche, die am Wilhelmsplatz stand und 1843 abgerissen wurde. Die großformatigen barocken Gemälde entstanden in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts. Bisher wurde keine Signatur entdeckt; vermutlich sind sie das Werk eines Geislinger Malers. Es handelt sich um einen Passionszyklus, der vom Letzten Abendmahl bis zur Auferstehung führt. Die biblischen Motive sind emotional stark bewegt und dramatisch inszeniert. Jedes Bild nennt den Namen seines Stifters; es waren Geislinger Bürger und viele von ihnen wohnten selbst im Spitalviertel.